Indische Palaographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c4.s3.41
Indische Paläographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c4.s3.41
- Language
- German
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§ 5. Die Zeit und die Art der Entlehnung des semitischen Alphabetes¹. — Nach dem Obigen stimmt die grosse Mehrzahl der Brāhma-Buchstaben mit den ältesten Typen der nordsemitischen Zeichen, die sich in den archaischen phönicischen Inschriften und auf Mesa's Steine, ca. 890 a. Chr., finden. Zwei dagegen, *ha* und *ta*, sind aus mesopotamischen Formen des *He* und *Taw* abgeleitet, welche der Mitte des 8. Jahrh. a. Chr. angehören, und zwei, *sa-ṣa* und *śa*, sind aramäischen Zeichen des 6. Jahrh. ähnlich. Da die litterarischen und epigraphischen Zeugnisse keinen Zweifel darüber lassen, dass die Inder zwischen 600—500 a. Chr. schon die Schrift besassen, und da die übrigen Zeichen des aramäischen Alphabetes dieser Periode so weit entwickelt sind, dass sie nicht als die Originale der Brāhma-Buchstaben angesehen werden können, so sind die anscheinend modernen Formen des *sa-ṣa* und *śa* als Folgen einer der aramäischen analogen Entwicklung auf indischem Boden anzusehen. Diese Annahme bleibt natürlich nur so lange haltbar, als nicht neue epigraphische Funde die beiden aramäischen Formen als älter erweisen, was nach den in Sindschirli gemachten Erfahrungen nicht unmöglich ist. Vor der Hand aber müssen sie bei der Bestimmung des *terminus a quo* für die Importation der semitischen Zeichen nach Indien ausser Acht gelassen werden, und dieser liegt zwischen ca. 890 und ca. 750 a. Chr., vielleicht etwas mehr gegen die untere als gegen die obere Grenze oder etwa um 800 a. Chr.
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Verschiedene Umstände machen es aber wahrscheinlich, dass dieser *terminus a quo* auch die Zeit der wirklichen Einführung gewesen ist. Da das *ha* und *ta* der Brāhmī auf Formen des *He* und *Taw* zurückgeht, die sich nicht in den phönicischen Inschriften, sondern nur in Mesopotamien finden, so liegt es nahe, zu vermuten, dass die Einführung der semitischen Schrift von dort aus erfolgte². Hiemit stimmt, dass Nachrichten in alten indischen Werken die Existenz der Schiffahrt auf dem indischen Oceane für eine sehr frühe Periode und das Vorkommen von Handelsreisen indischer Kaufleute für eine zwar spätere, aber immer noch recht alte, Zeit bezeugen. Das bekannte Bāveru-Jātaka³ spricht von Exportgeschäften der Inder nach Babylon. Mehrere andere Jātaka, z. B. Nr. 463, welche Seereisen beschreiben, nennen die alten Häfen des westlichen Indien Bharukaccha-Broach und Sūrpāraka-Sūpārā, die den Inschriften zufolge in den ersten Jahrh. p. Chr., wie auch noch später, den Seehandel nach den Ufern des persischen Meerbusens vermittelten, und deuten damit an, dass dieser Handel schon Jahrhunderte früher bestand. Zwei der ältesten Dharmasūtra treten gleichfalls für die Existenz des Seehandels im alten Indien und speciell im Westen ein. Baudhāyana II, 2, 2 verbietet den Brahmanen unter Androhung einer schweren Busse Seereisen zu unternehmen, giebt aber I, 2, 4 zu, dass die »Nördlichen« in dieser Beziehung häufig fehlten.
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Wie die anderen, in derselben Stelle aufgezählten, Übertretungen der »Nördlichen«, der Handel mit Wolle und Tieren mit zwei Reihen von Zähnen, d. h. Pferden, Mauleseln u. s. w., zeigen, sind die Bewohner des westlichen und nordwestlichen Indien mit diesem Ausdrucke gemeint. Es folgt natürlich, dass ihre Seereisen nach dem westlichen Asien gingen. Derselbe Autor I, 18, 14, und der noch ältere Gautama 10, 33, erwähnen die Zölle, welche Rheder den Königen zu zahlen hatten⁴. Nach meinen Schätzungen des Alters der Materialien, welche den Jātaka zu Grunde liegen⁵, und des der Dharmasūtra, sehe ich diese Angaben als beweiskräftig für das 6.—8. Jahrh. a. Chr. an. Aus noch früherer Zeit stammt die bekannte mythische Erzählung im Ṛgveda vom Schiffbruche des Bhujyu »im Oceane, wo kein Halt, keine Stütze für Hand oder Fuss ist«, und von seiner Rettung durch die »hundertrudrige« Galeere der Aśvinen⁶. Die Scene der Handlung muss natürlich im indischen Oceane liegen, und die Mythe deutet jedenfalls darauf, dass die Schiffahrt in diesem Meere in der ältesten vedischen Zeit vorkam. Fügt man hinzu, dass in den Brāhmaṇa semitische Legenden, wie die von der Sintflut und Manu's Rettung durch den Rat eines wunderbaren Fisches vorkommen⁷, so sind Anhaltspunkte genug vorhanden, die die Importation des semitischen Alphabetes, ebenso wie anderer technischer Kenntnisse und Künste, z. B.
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des Ziegelbrennens, das für die ältesten Altäre der Brahmanen wichtig ist, durch indische Kaufleute aus Mesopotamien nicht unwahrscheinlich oder wenigstens denkbar erscheinen lassen.