Indische Palaographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c4.s3.43
Indische Paläographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c4.s3.43
- Language
- German
c4.s3.43
Trotzdem ist die älteste uns bekannte Form der Brāhmī ohne Zweifel ein von gelehrten Brahmanen für das Sanskrit ausgearbeitetes Alphabet. Dies wird teils durch das Alphabet der Steinmetzen in Mahābodhi-Gayā bewiesen, welches Zeichen für die Sanskritlaute *AI*, *AU* enthielt und nach phonetischen Principien geordnet war, und teils durch die Rücksicht auf die Phonetik und Grammatik, die bei der Bildung der abgeleiteten Zeichen und des Vocalsystems deutlich erkennbar ist. In letzterer Hinsicht sind von Bedeutung, 1) die Ausbildung von fünf Nasalen, sowie eines allgemeinen Zeichens für die Nasalirung der Vocale, aus zwei semitischen Zeichen und die Erfindung der zwei Spiranten *ha* und *aḥ*, sowie der, nur für die Phonetik und Grammatik erforderlichen, sonst in alten Alphabeten unbekannten, Zeichen für lange Vocale, 2) die Ableitung der phonetisch sehr verschiedenen, aber etymologisch verwandten Zischlaute *śa* und *ṣa* aus einem Zeichen (*Samech*), 3) die Bezeichnung des *U* durch ein halbes *va* (*samprasāraṇa*), 4) die Ableitung des *O* (*guṇa*) aus *U* durch Zusatz, des *I* durch Vereinfachung des Zeichens für den Guṇavocal *E*, und die Verbindung des *ḷa* mit *ḍa*, vgl. *īḷe* für *īḍe*, 5) die Inhärenz des mittleren *a*, die Bezeichnung des mittleren *a* durch die Differenz zwischen *A* und *Ā*, die Bezeichnung der übrigen mittleren Vocale durch Verbindungen der Initialzeichen oder von Modificationen derselben mit den Consonanten, sowie der Vocallosigkeit im Innern der Wörter durch Verschlingung der Consonantenzeichen, die den grammatischen Ausdruck *saṃyuktākṣara* zu illustriren scheint. Alles dieses ist so gelehrt und künstlich, dass es nur von Brahmanen, nicht von Kaufleuten oder Schreibern erfunden sein kann. Die Thatsache, dass die Vāṇiā und Rechnungsführer noch vor kurzem in ihrer Correspondenz und ihren Geschäftsbüchern die Vocale auszulassen pflegten, erlaubt sogar den Rückschluss, dass ein von Geschäftsleuten ausgebildetes, indisches Alphabet schwerlich mittlere Vocale besitzen würde. Für die Richtigkeit dieses Schlusses ist es gleichgültig, ob die defecte Schreibweise ein Rest aus der ältesten Zeit oder, wie auch möglich, durch die Einführung des arabischen Alphabetes im Mittelalter veranlasst ist.