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Indische Palaographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c4.s3: § 4. Der Ursprung des Brāhma-Alphabets

Indische Paläographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c4.s3

Language
German

Contents

§ 4. Der Ursprung des Brāhma-Alphabets

c4.s3.1

Cunningham's Ansicht, die früher von bedeutenden Forschern geteilt wurde, setzt den einstigen Gebrauch einer indischen Bilder- oder Hieroglyphenschrift voraus, von der bis jetzt keine Spur nachzuweisen ist. Dagegen weist die linksläufige Legende der Eran-Münze sowie die in den A. Ed. seltenere, in Bhaṭṭiprolu häufigere, scheinbare Umdrehung einzelner Zeichen auf den Punkt hin, in welchem sich die übrigen Erklärungsversuche begegnen, — nämlich darauf, dass semitische Zeichen die Vorbilder der Brāhma-Buchstaben sind.

c4.s3.2

Unter den Erklärungsversuchen dieser Art steht J. Halévy's an und für sich bedenkliche Theorie mit den oben besprochenen litterarischen und paläographischen Zeugnissen im Widerspruch, welche keinen Zweifel darüber lassen, dass die Brāhmī mehrere Jahrhunderte vor dem Anfange der Maurya-Periode allgemein gebraucht wurde und eine lange Geschichte gehabt hatte, sowie mit der Thatsache, dass unter den mit Inschriften versehenen Münzen eine grössere Anzahl älter als die Maurya-Periode ist. Schwieriger ist es, zwischen Weber's Ableitung aus dem ältesten nordsemitischen Alphabet und Deecke-Taylor's Ableitung aus einer alten südsemitischen Schrift die Wahl zu treffen. Weder die eine noch die andere kann als *a priori* unmöglich abgelehnt werden, da die Resultate der neueren Forschungen auch für das sabäische Alphabet ein sehr hohes Alter wahrscheinlich machen⁸ und darauf hindeuten, dass es nicht bloss älter ist als die ältesten indischen Inschriften, sondern auch zu einer Zeit existirte, aus der keine Zeugnisse über den Gebrauch der Schrift in Indien vorhanden sind. Nach diesen Ergebnissen stellt sich die Frage jedoch etwas anders als früher. Es handelt sich nicht mehr darum, ob die Brāhmī aus einem unbekannten Vorläufer des sabäischen Alphabetes abzuleiten ist, sondern um die directe Ableitung der indischen Zeichen aus den sabäischen Buchstaben. Bei allen Ableitungsversuchen sind besonders drei Grundsätze im Auge zu behalten, ohne welche eine befriedigende Lösung der Aufgabe nicht möglich ist.

c4.s3.3

1) Die Vergleichung der abzuleitenden Buchstaben muss von den ältesten Formen ausgehen und die Originale, von denen die Ableitung gemacht wird, müssen ein und derselben Periode der Schriftentwicklung angehören.

c4.s3.4

2) Die Vergleichung darf nur solche unregelmässige Verwendungen von Zeichen für andere Lautwerte voraussetzen, für die sich in anderen sichern Fällen der Entlehnung von Alphabeten Analogien nachweisen lassen.

c4.s3.5

3) Bei grösseren Abweichungen der abgeleiteten Formen von den Originalen müssen die Grundsätze nachgewiesen werden, nach denen die Verwandlungen gemacht sind.

c4.s3.6

Wendet man diese Grundsätze auf die Ableitung der Brāhmī aus semitischen Zeichen an, so passt das sabäische Alphabet, sowie seine vielleicht etwas altertümlichere Abart, das lihyanische oder thamudäische⁹, trotz der unleugbaren Ähnlichkeit im Ductus und in zwei oder drei Buchstaben durchaus nicht. Die in den Arbeiten DEECKE'S und TAYLOR'S vorgeschlagenen Ableitungen entsprechen den unerlässlichen Bedingungen nicht und es dürfte überhaupt nicht möglich sein, selbst wenn alle unrichtigen Gleichsetzungen beseitigt und überall die ältesten indischen Zeichen zur Vergleichung verwendet werden, befriedigende Resultate zu gewinnen. In mehreren Fällen, wie bei *A*—*Aleph*, *ga*—*Gimel*, *ja*--*Zain*, *tha*—*Teth*, *pa*—*Phe*, *kha*--*Qoph*, *Ra*—*Resch*, würde es nötig sein, anzunehmen, dass auf indischem Boden Rückbildungen aus den sabäischen Formen in ältere nordsemitische stattgefunden hätten, während es bei anderen nicht gelingen würde, zwischen den sehr verschiedenen Formen der indischen und sabäischen Zeichen eine Verbindung herzustellen. Dagegen fallen diese Schwierigkeiten bei der directen Ableitung der Brāhmī aus dem ältesten nordsemitischen Alphabete weg. Die wenigen unhaltbaren Gleichsetzungen, welche der frühere Versuch enthält, lassen sich mit Hülfe von neu aufgefundenen Formen beseitigen und es ist nicht schwierig, die Principien zu erkennen, nach denen die semitischen Zeichen in indische verwandelt sind.

c4.s3.7

Eine Betrachtung des alten indischen Alphabets in Tafel II zeigt folgende Eigentümlichkeiten:

c4.s3.8

1) Die Buchstaben sind so gerade wie möglich gestellt und mit wenigen Ausnahmen, bei *tha*, *ṭa* und *ba*, die nicht ganz constant sind, auf eine Grösse gebracht.

c4.s3.9

2) Die Mehrzahl besteht aus Verticallinien mit Anhängseln meist am Fusse, mitunter am Kopfe und am Fusse, oder selten in der Mitte; es findet sich aber kein Fall, in dem ein Anhängsel am Kopfe allein erscheint.

c4.s3.10

3) Am oberen Ende der Buchstaben erscheinen meist Verticalstriche, weniger häufig kurze Horizontalstriche, noch seltener Curven oder die Spitzen von nach unten offenen Winkeln, ganz ausnahmsweise, in *ma* und einer Form von *jha*, zwei nach oben gerichtete Linien. In keinem Falle zeigt der Kopf mehrere Winkel neben einander, Dreiecke oder Rundformen, von denen ein verticaler oder schräger Strich herabhängt.

c4.s3.11

Die Ursachen dieser characteristischen Merkmale der Brāhmī sind ein gewisser pedantischer Formalismus, wie er sich auch in anderen indischen Schöpfungen zeigt, ein Streben nach der Ausbildung von Zeichen, die sich für regelmässige Zeilen eignen, und eine Abneigung gegen Buchstaben, deren oberes Ende schwerer und breiter als das untere ist. Die letztere Eigentümlichkeit wird wahrscheinlich teils dadurch veranlasst sein, dass die Inder schon früh die Buchstaben von einer imaginären oder wirklich eingezeichneten Oberlinie herabhängen liessen¹⁰, und teils durch die Einführung der Vocalzeichen, die zum grössten Teile horizontal an die Spitze der Consonanten gesetzt werden.

c4.s3.12

Für eine solche Schrift waren natürlich Zeichen mit einfachen Verticallinien oder mit kurzen Horizontalstrichen am Kopfe die tauglichsten. Infolge dieser Neigungen und Abneigungen der Inder mussten die oft breiten oder vielwinkligen Köpfe der semitischen Zeichen beseitigt werden, was teils durch Umstürzung oder Seitwärtslegung der alten Buchstaben, teils durch Öffnung der geschlossenen Köpfe derselben bewerkstelligt wurde. Sodann wurden durch die Änderung in der Richtung der Schrift seitliche Umdrehungen notwendig.

c4.s3.13

Die Einzelheiten der Ableitung, für welche, ausser bei den sofort in die Augen springenden Ähnlichkeiten von *A*, *ga*, *dha*, *ha*, *va*, *ja*, *tha*, *la*, *E*, *pa*, *kha*, *ra*, *śa* und *ta* mit den semitischen Zeichen, nur ein grösserer oder geringerer Grad von Wahrscheinlichkeit in Anspruch genommen werden kann, veranschaulicht die nachstehende, von Mr. S. Pepper in Wien gezeichnete Eindruckstafel. Ihre Col. I—II mit den archaischen phönicischen Zeichen und denen der Mesainschrift sind Ph. Berger's Histoire de l'Écriture dans l'Antiquité, p. 185, 202 entnommen, während Col. III mit Ausnahme des *Taw* von Sindschirli, Nr. 22, C. IIIb, aus Euting's Tabula Scripturae Aramaicae, von 1892, und Col. IV—VI mit Ausnahme der durch Sternchen als hypothetisch bezeichneten Formen aus Tafel II dieses Grundrisses entlehnt sind. Über die einzelnen Zeichen sind folgende Bemerkungen hinzuzufügen.

c4.s3.14.1

A. Entlehnte Buchstaben. — Nr. 1, *A*, C. V. = *Aleph*, C. I—II (Weber zweifelnd), mit Versetzung des Verticalstriches an die Spitze des Winkels und Umdrehung des Zeichens, das auf dem Patna-Siegel, s. o. § 3 und T. II, 1, I, noch seine ursprüngliche Stellung hat. — Nr. 2, *ba*, C. V, a—c = *Beth*, C. I—II (WEBER), mit Öffnung des Kopfes, wodurch zunächst ein Z, wie das hypothetische in C. IV, dann der Rhombus, C. Va, und endlich das Quadrat oder Oblong, C. V, b—c, entstand. — Nr. 3, *ga*, C. V = *Gimel*, C. I—II (WEBER). — Nr. 4, *dha*, C. V, a—b = *Daleth*, C. I—II (WEBER), mit Rundung des Rückens (wofür die halbeckigen Formen, T. II, 26, XIX, XXIII und vielleicht die dreieckigen, T. III, 24, VII—XIII zeugen), mit oder ohne seitliche Drehung. Die nicht genaue lautliche Entsprechung dürfte durch eine lange Verwendung des Zeichens für *da* und *dha* zu erklären sein. — Nr. 5, *ha* = *He* (WEBER zweifelnd), indem wahrscheinlich die Siddapur-Form, C. V, a, durch Umstürzung und seitliche Drehung aus dem *He* in C. III, a (Mina des Salmanassar † 725 a. Chr.) abgeleitet ist. Das näherliegende *He* des 6. Jahrhunderts kann nicht als Prototyp, sondern nur als analoge semitische Weiterbildung angesehen werden, weil es in die Zeit fällt, als die Inder die Schrift schon besassen und weil viele Buchstaben des semitischen Alphabetes des 6.

c4.s3.14.2

Jahrhunderts, wie *Aleph*, *Daleth*, *Cheth*, *Theth*, *Wāw*, *Qoph*, so weit entwickelt sind, dass sie nicht die Prototypen der auf ältere Formen weisenden indischen Zeichen sein können. — Nr. 6, *va*, C. V, a—b = *Wāw*, C. II (WEBER zweifelnd) mit Umstürzung und Verschluss der Öffnung unten. — Nr 7, *ja* = *Zain*, C. I—II (WEBER); mit Verschiebung der beiden Barren entstand die Form der Drāviḍī, C. V, a, durch den Versuch, das Zeichen in einem Zuge zu machen, die der nördlichen Brāhmī, C. V, b, mit der Schleife, welche letztere infolge des Gebrauches der Tinte in einen Punkt verwandelt wurde, C. V, c, und durch den Versuch, mit zwei Ansätzen der Feder auszukommen, das in Girnar gewöhnliche *ja*, C. V, d. — Nr. 8, *gha*, C. V, a–b = *Cheth*, C. I–II (TAYLOR) mit Seitwärtslegung des semitischen Zeichens, C. IV (wozu die oft stark nach links geneigte Stellung desselben Anlass gab) und Verwandlung des oberen Deckstriches in einen Verticalstrich. — Nr. 9, *tha*, C. V = *Theth*, C. I (WEBER) mit Verwandlung des Kreuzes in einen Punkt wie in der assyrischen Form, C. III. — Nr. 10, *ya* = *Yod* (WEBER) mit Seitwärtslegung von C. I—II, etwa wie in C. III, Verlängerung des Mittelstriches und Aufwärtsdrehung des rechten Seitenstriches, woraus zunächst die Form von C. V, a und weiter die cursiven *ya* in C. V, b—c entstanden. — Nr. 11, *ka*, C. V, a = *Kaph*, mit Verwandlung des ursprünglichen oberen Schenkels des Winkels einer Form, wie die von C.

c4.s3.14.3

II, in die Spitze des Verticalstriches und nachfolgender Geradestellung des Buchstabens. — Nr. 12, *la* = *Lamed*, C. I—II (WEBER) ohne seitliche Drehung in dem durch eine Barre rechts differenzierten (s. u. B, 4, c) *ḷ* der Drāviḍī, C. VI, ohne Drehung und mit Begrenzungsstrich an der Curve rechts in der Eran-Form, C. IV, mit Drehung in der Form der A. Ed., C. V, a, und mit Drehung und Schweif oben rechts in dem *l* der Drāviḍī, C. V, b. — Nr. 13, *ma* = *Mem* (WEBER), unmittelbar aus C. II abgeleitet mit Verwandlung des gekrümmten Seitenstriches in eine Schleife, wie in der hypothetischen Form in C. IV (analog, EUTING, TSA, C. 58, a) und Aufsetzung des Winkels auf die Schleife, C. V, a (analog, EUTING, TSA, C. 59, c), woraus cursiv die Rundform in C. V, b später entwickelt wurde. — Nr. 14, *na*, C. V = *Nun* (TAYLOR) C. I—II mit Umstürzung, C. IV, und seitlicher Drehung, sowie Verwandlung des Hakens an der Seite in einen geraden Strich am Fusse des Verticals, wofür das *ṅa*, C. VI, a, zeugt, das aus dem hypothetischen Zeichen in C. IV durch die differenzirende Barre oben (s. u. B. 4, d) und Regularisirung des Hakens gebildet ist. — Nr. 15, *sa*—*ṣa* = *Samech* (WEBER zweifelnd), indem auf indischem Boden ein aus C. I, b mit Rundung des Kopfes gebildetes Zeichen, wie das hypothetische in C. IV, umgestürzt wurde und so das *ṣ* der Drāviḍī, C. V, entstand, das zuerst für *sa* und *ṣa* gebraucht wurde.

c4.s3.14.4

Dieses Zeichen wurde in der südlichen Brāhmī durch Versetzung des Querstriches an die Aussenseite der Curve in *sa* (C. VI, a Eran-Form ohne seitliche Drehung, C. VI, b südliche Brāhma-Form mit Drehung) und durch Versetzung des Querstriches in das Innere der Curve in *ṣa* (C. VI, c) geteilt, wozu die etymologische Verwandtschaft von Sanskrit *sa* und *ṣa* den Anstoss gab. In der Drāviḍī wurde nur das neue *s*, C. VI, b, aufgenommen, das alte Zeichen aber für *ṣ* bewahrt. Die nördliche Brāhmī entwickelte das *sa* mit der Curve, C. VI, d, und hieraus ein neues *ṣa*, C. VI, e. Eine unmittelbare Ableitung des *ṣ* der Drāviḍī aus dem aramäischen *Samech* des 6. Jahrhunderts ist teils aus den oben unter Nr. 5 angegebenen Gründen, teils wegen des Fehlens des Querstriches durch den Vertical nicht thunlich — Nr. 16, *E* = *'Ain*, C. I—II (Weber), gar nicht oder wenig verändert in den Kālsi-Formen, C. IV und C. V, b, sowie in der Form von Sānci und Hathīgumphā, C. V, a, dann dreieckig gemacht, C. V, c—e, um die Ähnlichkeit mit *tha* und *dha* zu vermeiden. — Nr. 17, *pa*, C. V = *Phe*, C. I—II (Weber), mit Umstürzung, ohne seitliche Drehung in der Eran-Form, C. IV, und mit Drehung in dem gewöhnlichen *pa* der A. Ed., C. V. — Nr. 18, *ca* = *Tsade*, C. I—II, mit Wendung des letzten Hakenstriches nach links gegen den Verticalstrich und Umstürzung, wie in der hypothetischen Form von C. IV, woraus mit seitlicher Drehung die eckigen oder runden Formen der Brāhmī, C.

c4.s3.14.5

V, a—b, und die geschwänzte der Drāviḍī, C. V, c, entstanden. — Nr. 19, *kha* = *Qoph*, C. I—II, mit Umstürzung und mit Anfügung einer Curve am oberen Ende des Verticalstriches, C. V, a, zur Unterscheidung von *va*. Beim Gebrauche von Tinte wurde der Kreis am Ende des Verticalstriches in einen Punkt, C. V, b, verwandelt. — Nr. 20, *ra* = *Resch* (Weber). Der Kopf des semitischen Zeichens, C. I—II, wurde geöffnet und der Verticalstrich an die Basis des ursprünglichen Dreiecks gehängt, wodurch die Formen in C. V, a—b, entstanden und weiterhin die ornamentalen mit Fortsetzung der winkligen Züge, C. V, c—d. — Nr. 21, *śa* = *Schin* (Weber), mit Zusammenschiebung der beiden neben einander stehenden Winkel von C. I—II und Umstürzung des so gebildeten Zeichens, C. V, a—c. Das anscheinend näherliegende aramäische Zeichen des 6. Jahrh. a. Chr. in C. III ist aus den unter Nr. 5 angegebenen Gründen nicht als Prototyp, sondern als analoge semitische Bildung zu betrachten, und es ist zu beachten, dass ähnliche unabhängige Umbildungen von *Schin* mit Doppelwinkel auch sonst unabhängig bei den Phöniciern und Äthiopen zu verschiedenen Zeiten gemacht sind. — Nr. 22, *ta* = *Taw* (Weber), aus einer Form, wie die von Sendschirli, C. III, b, oder die assyrische aus der Regierungszeit Salmanassar’s, C. III, a, ohne seitliche Drehung in C. V, a, oder mit Drehung in C. V, b. Hieraus ist das *ta* von C. V, c stilisirt.

c4.s3.16

B. Abgeleitete Consonanten und Initialvocale. — Die abgeleiteten, von den Indern selbst erfundenen Zeichen sind durch folgende Veränderungen der entlehnten Buchstaben gewonnen.

c4.s3.17

1) Eines der Elemente eines entlehnten Buchstaben wird verschoben: a) in *sa* und *ṣa*, wo der Querstrich des ältesten Zeichens, s. o. A, Nr. 15, umgestellt ist, b) in *da*, welches aus *dha* (Weber) durch Teilung des Verticalstriches und Verschiebung der beiden Stücke an die Enden der Curve gebildet wurde, wodurch das *da* des Patna-Siegels (s. o. § 3) und der Drāviḍī in Nr. 4, C. VI, a, dann mit seitlicher Drehung die Formen der Brāhmī von Nr. 4, C. VI, b und (mit eckiger Bildung) von Nr. 4, C. VI, f entstanden.

c4.s3.18

2) Ein entlehnter oder abgeleiteter Buchstabe wird verstümmelt, um ein Zeichen von ähnlichem Werte zu gewinnen: a) Aus *da*, Nr. 4, C. VI, a wird durch die Entfernung des unteren Endes das halbrunde *ḍa* der Kālsī-Version und der späteren südlichen Inschriften, C. VI, c, gebildet, ebenso aus dem nicht seitlich umgedrehten eckigen *da*, C. VI, g, das gewöhnliche eckige *ḍa*, C. VI, h, der A. Ed. (WEBER). b) Aus *tha*, Nr. 9, C. V wird *ṭha*, C. VI, a, durch Entfernung des Punktes im Centrum abgeleitet, und aus dem letzteren *ṭa*, C. VI, b, durch Halbīrung. Die Bildung des *ṭa* durch halbirtes *ṭha* wird dadurch veranlasst sein, dass die Aspiration häufig durch eine Curve ausgedrückt wird (s. u. 5). Das runde *ṭha* wurde deshalb als das Produkt eines unaspirirten Buchstabens und einer Aspirationscurve aufgefasst (WEBER). c) Aus dem dreieckigen *E*, Nr. 16, C. V, c—e, wurde das aus drei Punkten bestehende *I*, C. VI, B, a—c, gebildet, indem die Gestalt des älteren Zeichens durch die Punkte leicht angedeutet wurde (PRINSEP), wozu der Umstand beitrug, dass grammatisch *e* der Guṇavocal von *i* ist und deshalb eine leichtere Form des *E* zur Bezeichnung von *I* passend erschien. d) Durch Halbīrung des unteren Teiles von *va*, Nr. 6, C. V, b, wurde mit Regularisirung des am Fusse übrig bleibenden Striches das Zeichen für *U*, C. VI, a gewonnen, wozu die grammatische Thatsache, dass *u* in schwachen Formen häufig für *va* eintritt (*samprasāraṇa*), den Anstoss gab. e) Falls der später (Tafel IV, 38, VI) oft erscheinende kleine Kreis die ursprüngliche Form des Anusvāra, Nr. 13, C. VI, a—b, und der Punkt ein cursives Substitut dafür ist, so darf das Zeichen vielleicht als ein verstümmeltes kleines *ma*, C. V, a, angesehen werden, dessen oberer Winkel weggelassen ist. Ähnlich werden vocallose Consonanten während der ersten Jahrh. p. Chr. häufig durch kleine oben verstümmelte Zeichen ausgedrückt (s. Tafel III, 41, VIII), und es ist zu beachten, dass auch der Anusvāra der Kharoṣṭhī aus *ma* abgeleitet ist, s. § 9, B. 4.

c4.s3.19

3) Kurze Horizontalstriche, ursprünglich links angefügt, dienen zur Bildung der langen Vocale *Ā*, Nr. 1, C. VI, und *Ū*, Nr. 6, C. VI, d, aus den Initialzeichen für *A* und *U*. Bei *Ī*, Nr. 16, C. VI, B, g, tritt, wegen der Figur des kurzen *I*, statt des Striches ein vierter Punkt hinzu.

c4.s3.20

4) Kurze Horizontalstriche (ursprünglich rechts angefügt) dienen zur Bezeichnung einer Änderung der Qualität des Lautwertes: a) bei *O*, Nr. 6, C. VI, f—g, aus *U*, C. VI, a, weil grammatisch *o* der Guṇavocal von *u* ist; b) bei *AI*, Nr. 16, C. VI A, b) aus *E*, da grammatisch *ai* der Vṛiddhivocal von *e* ist; c) bei dem *ḻ* der Drāviḍī, Nr. 12, C. VI, aus der ursprünglichen Form des *la* (Lamed) C. I—II, wobei die Barre rechts erscheint, weil der Buchstabe nicht umgedreht ist, d) bei *ṅa*, Nr. 14, C. VI, a, aus dem ursprünglichen, umgestürzten *Nun*, C. IV, wobei die Barre wegen der Umdrehung des Zeichens links erscheint, vgl. oben A, Nr. 14, e) bei *ña*, Nr. 14, C. VI, c, aus *na*, C. V, mit Verschiebung des unteren Horizontalstriches und ohne Umdrehung des Zeichens, f) bei *ṇa*, C. VI, b, aus *na* mit Verlegung der Barre über den Verticalstrich. Bei der Bildung der letzteren beiden Zeichen hat das Bestreben, Collisionen mit *nā*, *ne* und *O* zu vermeiden, wahrscheinlich mit eingewirkt.

c4.s3.21

5) Die Aspiration wird durch eine Curve ausgedrückt, im *gh* der Drāviḍī, Nr. 3, C. VI, das aus *g* gebildet ist, des *ḍha*, Nr. 4, C. VI, d aus *ḍa*, C. VI, c, des *pha*, Nr. 17, C. VI, aus *pa*, C. V, und des *cha*, Nr. 18, C. VI, a in welchem letzteren die Curve an beiden Enden mit dem Verticalstriche verbunden und später cursiv das Zeichen in C. VI, b entwickelt ist.

c4.s3.22

Seltener erscheint statt der Curve ein Haken, bei dessen Antritt das ursprüngliche Zeichen verstümmelt wird. So ist *bha*, Nr. 2, C. VI, aus *ba* mit Verlust der Basis, und *jha*, Nr. 7, C. VI, aus dem *drāviḍa* *j*, C. V, a, mit Verlust der beiden Barren gebildet. Sowohl der Haken als die Curve sind als cursive Vertreter von *ha* zu betrachten, das im tibetischen Alphabet¹ wieder zur Bildung von *gha*, *bha* u. s. w. verwendet wird.

c4.s3.23

6) Das *ḷa* der Brāhmī, Nr. 4, C. VI, e, ist durch Anfügung eines kleinen Halbkreises, wofür in Sānci auch ein offener Winkel erscheint (Taf. II, 41, XVII), aus dem halbrunden *ḍa*, C. VI, c, abgeleitet, ohne Zweifel mit Rücksicht auf den häufigen Wechsel von *ḍa* und *ḷa* im vedischen und classischen Sanskrit, sowie in den Prakritdialecten.

c4.s3.24

C. Mittlere Vocale und Vocallosigkeit. — 1) Das System der gewöhnlichen Brāhmī. In Übereinstimmung mit den Ausdrücken der, auf das gesprochene Wort allein Rücksicht nehmenden ¹² Phonetiker und Grammatiker, die *kakāra*, *gakāra* u. s. w. für *k*-Laut, *g*-Laut gebrauchen, inhärirt kurzes *a* in allen Consonanten, und infolge der Inhärenz wird langes *ā* durch den Strich bezeichnet, welcher *Ā* von *A* differenzirt.

c4.s3.25

¹² M.M. HASL, 505 ff.

c4.s3.26

Die übrigen mittleren Vocale sind die über oder unter die Consonanten gesetzten Initialzeichen oder cursive Veränderungen derselben. Unverändert und dem *O* gleich ist das mittlere *o* in *ko*, Nr. 6, C. VI, h—i, bei dem, nach Abtrennung des dolchförmigen *k* unter der zweiten Barre, die in C. VI, f—g gegebenen Zeichen wieder hervortreten, vgl. *go* in *mago*, Girnar Ed. I, Z. 11, wo ein initiales *O* über *ga* gesetzt ist. In Jaugada, wo nur das *O* von C. VI, f. vorkommt, hat das *o* stets die entsprechende Form von C. VI, h. In Girnar kommen beide Formen des *o* vor, trotzdem dass *O* nur die Form von C. VI, g hat. Gleichfalls unverändert und dem *U* gleich ist das *u* in *dhu*, Nr. 6, C. VI, b, von Kālsi; häufiger erscheint cursiv entweder nur der Horizontalstrich des *U*, wie in *dhu*, C. VI, c, oder der Verticalstrich, Taf. II, 13, III *cu*, 26, II, *dhu*. Mittleres *ū* wird gewöhnlich cursiv durch die zwei Horizontalstriche des *Ū* ausgedrückt, vgl. indess § 16. C. 5. In den Inschriften des spitzwinkligen und des archaischen südlichen Typus ¹³ erscheint jedoch mitunter wieder das *Ū* der betreffenden Periode. Um mittleres *i* auszudrücken, werden die ursprünglich übergesetzten drei Punkte des *I* (*ki*, Nr. 16, C. VI, B, d) cursiv durch Striche in einen Winkel umgestaltet (*ki*, C. VI, B, e) und das *ī* ist hieraus durch Zusatz eines die Länge bezeichnenden Striches entwickelt (*kī*, C. VI, B, f). Das initiale *E* wird in Verbindung mit Consonanten cursiv zunächst in einen Winkel, (s. Taf. II, 11, III, *ge*), dann in einen geraden Strich (*ke*, Nr. 16, C. VI, A, a) verwandelt. Analog der Gestalt des *AI*, C. VI, A, b, welche aus *E* plus Horizontalstrich besteht, erscheinen in Verbindung mit Consonanten z. B. in *thai*, Nr. 16, C. VI, A, c, zwei Horizontalstriche.

c4.s3.27

¹³ S. u. § 24, B. 13; T. IV, 30, XII, XIV; T. VII, 30, XII, XX--XXI.

c4.s3.28

Vocallosigkeit wird durch eine Verschlingung der Zeichen für die unmittelbar auf einander folgenden Consonanten ausgedrückt, wobei der zweite häufig verstümmelt wird, s. u. § 16 f, 2. Dies scheint eine praktische Folgerung aus und Illustration zu dem Ausdrucke *saṃyuktākṣara* »verbundene oder Ligatur-Silbe« zu sein, der bei den Phonetikern und Grammatikern zur Bezeichnung einer, mit mehr als einem Consonanten anlautenden, Silbe verwendet wird.

c4.s3.29

2. Das System der Drāviḍī. — Die Bezeichnung der Vocale in den Inschriften von Bhaṭṭiprolu differirt von der gewöhnlichen dadurch, dass mittleres *a* durch das Zeichen der Brāhmī für *ā*, und *ā* durch einen Horizontalstrich und einen von diesem herabhängenden Verticalstrich ausgedrückt wird. Somit haben die Consonanten kein inhärirendes *a*. Das System ist ohne Zweifel secundär, und erfunden, um die Bildung von Ligaturen zu vermeiden.

c4.s3.30

¹ BIS III, 51—78.

c4.s3.31

² R. N. CUST, Ling. and Or. Essays, 2nd Ser., 27—52.

c4.s3.32

³ CII, I, 52 ff.

c4.s3.33

⁴ ZDMG 10, 389 ff., Ind. Skizzen, 225 ff.

c4.s3.34

⁵ ZDMG 31, 598 ff.

c4.s3.35

⁶ The Alphabet, 2, 314 ff.

c4.s3.36

⁷ JA 1885, 268 ff.

c4.s3.37

⁸ D. H. MÜLLER und MORDTMANN, Sab. Denkmäler (aus DWA, Phil. Hist. Cl. 31), p. 108 f.

c4.s3.38

⁹ D. H. MÜLLER, Denkmäler aus Arabien (DWA, Phil. Hist. Cl. 37), p. 15 ff.

c4.s3.39

¹⁰ Vgl. BERUNI, India I, 172.

c4.s3.40

¹¹ AR 2, Taf. zu p. 400.

c4.s3.41.1

§ 5. Die Zeit und die Art der Entlehnung des semitischen Alphabetes¹. — Nach dem Obigen stimmt die grosse Mehrzahl der Brāhma-Buchstaben mit den ältesten Typen der nordsemitischen Zeichen, die sich in den archaischen phönicischen Inschriften und auf Mesa's Steine, ca. 890 a. Chr., finden. Zwei dagegen, *ha* und *ta*, sind aus mesopotamischen Formen des *He* und *Taw* abgeleitet, welche der Mitte des 8. Jahrh. a. Chr. angehören, und zwei, *sa-ṣa* und *śa*, sind aramäischen Zeichen des 6. Jahrh. ähnlich. Da die litterarischen und epigraphischen Zeugnisse keinen Zweifel darüber lassen, dass die Inder zwischen 600—500 a. Chr. schon die Schrift besassen, und da die übrigen Zeichen des aramäischen Alphabetes dieser Periode so weit entwickelt sind, dass sie nicht als die Originale der Brāhma-Buchstaben angesehen werden können, so sind die anscheinend modernen Formen des *sa-ṣa* und *śa* als Folgen einer der aramäischen analogen Entwicklung auf indischem Boden anzusehen. Diese Annahme bleibt natürlich nur so lange haltbar, als nicht neue epigraphische Funde die beiden aramäischen Formen als älter erweisen, was nach den in Sindschirli gemachten Erfahrungen nicht unmöglich ist. Vor der Hand aber müssen sie bei der Bestimmung des *terminus a quo* für die Importation der semitischen Zeichen nach Indien ausser Acht gelassen werden, und dieser liegt zwischen ca. 890 und ca. 750 a. Chr., vielleicht etwas mehr gegen die untere als gegen die obere Grenze oder etwa um 800 a. Chr.

c4.s3.41.2

Verschiedene Umstände machen es aber wahrscheinlich, dass dieser *terminus a quo* auch die Zeit der wirklichen Einführung gewesen ist. Da das *ha* und *ta* der Brāhmī auf Formen des *He* und *Taw* zurückgeht, die sich nicht in den phönicischen Inschriften, sondern nur in Mesopotamien finden, so liegt es nahe, zu vermuten, dass die Einführung der semitischen Schrift von dort aus erfolgte². Hiemit stimmt, dass Nachrichten in alten indischen Werken die Existenz der Schiffahrt auf dem indischen Oceane für eine sehr frühe Periode und das Vorkommen von Handelsreisen indischer Kaufleute für eine zwar spätere, aber immer noch recht alte, Zeit bezeugen. Das bekannte Bāveru-Jātaka³ spricht von Exportgeschäften der Inder nach Babylon. Mehrere andere Jātaka, z. B. Nr. 463, welche Seereisen beschreiben, nennen die alten Häfen des westlichen Indien Bharukaccha-Broach und Sūrpāraka-Sūpārā, die den Inschriften zufolge in den ersten Jahrh. p. Chr., wie auch noch später, den Seehandel nach den Ufern des persischen Meerbusens vermittelten, und deuten damit an, dass dieser Handel schon Jahrhunderte früher bestand. Zwei der ältesten Dharmasūtra treten gleichfalls für die Existenz des Seehandels im alten Indien und speciell im Westen ein. Baudhāyana II, 2, 2 verbietet den Brahmanen unter Androhung einer schweren Busse Seereisen zu unternehmen, giebt aber I, 2, 4 zu, dass die »Nördlichen« in dieser Beziehung häufig fehlten.

c4.s3.41.3

Wie die anderen, in derselben Stelle aufgezählten, Übertretungen der »Nördlichen«, der Handel mit Wolle und Tieren mit zwei Reihen von Zähnen, d. h. Pferden, Mauleseln u. s. w., zeigen, sind die Bewohner des westlichen und nordwestlichen Indien mit diesem Ausdrucke gemeint. Es folgt natürlich, dass ihre Seereisen nach dem westlichen Asien gingen. Derselbe Autor I, 18, 14, und der noch ältere Gautama 10, 33, erwähnen die Zölle, welche Rheder den Königen zu zahlen hatten⁴. Nach meinen Schätzungen des Alters der Materialien, welche den Jātaka zu Grunde liegen⁵, und des der Dharmasūtra, sehe ich diese Angaben als beweiskräftig für das 6.—8. Jahrh. a. Chr. an. Aus noch früherer Zeit stammt die bekannte mythische Erzählung im Ṛgveda vom Schiffbruche des Bhujyu »im Oceane, wo kein Halt, keine Stütze für Hand oder Fuss ist«, und von seiner Rettung durch die »hundertrudrige« Galeere der Aśvinen⁶. Die Scene der Handlung muss natürlich im indischen Oceane liegen, und die Mythe deutet jedenfalls darauf, dass die Schiffahrt in diesem Meere in der ältesten vedischen Zeit vorkam. Fügt man hinzu, dass in den Brāhmaṇa semitische Legenden, wie die von der Sintflut und Manu's Rettung durch den Rat eines wunderbaren Fisches vorkommen⁷, so sind Anhaltspunkte genug vorhanden, die die Importation des semitischen Alphabetes, ebenso wie anderer technischer Kenntnisse und Künste, z. B.

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des Ziegelbrennens, das für die ältesten Altäre der Brahmanen wichtig ist, durch indische Kaufleute aus Mesopotamien nicht unwahrscheinlich oder wenigstens denkbar erscheinen lassen.

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Auf jeden Fall ist die Entlehnung der semitischen Charactere den indischen Kaufleuten zuzuschreiben⁸, da diese am meisten mit Fremden in Berührung kamen und eines Mittels zur Notirung ihrer geschäftlichen Transactionen am dringendsten bedurften. Die Brahmanen brauchten die Schrift weniger dringend, da sie, wie Stellen des Ṛgveda beweisen⁹, in sehr alter Zeit ein System der mündlichen Überlieferung ihrer litterarischen Schätze besassen.

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Trotzdem ist die älteste uns bekannte Form der Brāhmī ohne Zweifel ein von gelehrten Brahmanen für das Sanskrit ausgearbeitetes Alphabet. Dies wird teils durch das Alphabet der Steinmetzen in Mahābodhi-Gayā bewiesen, welches Zeichen für die Sanskritlaute *AI*, *AU* enthielt und nach phonetischen Principien geordnet war, und teils durch die Rücksicht auf die Phonetik und Grammatik, die bei der Bildung der abgeleiteten Zeichen und des Vocalsystems deutlich erkennbar ist. In letzterer Hinsicht sind von Bedeutung, 1) die Ausbildung von fünf Nasalen, sowie eines allgemeinen Zeichens für die Nasalirung der Vocale, aus zwei semitischen Zeichen und die Erfindung der zwei Spiranten *ha* und *aḥ*, sowie der, nur für die Phonetik und Grammatik erforderlichen, sonst in alten Alphabeten unbekannten, Zeichen für lange Vocale, 2) die Ableitung der phonetisch sehr verschiedenen, aber etymologisch verwandten Zischlaute *śa* und *ṣa* aus einem Zeichen (*Samech*), 3) die Bezeichnung des *U* durch ein halbes *va* (*samprasāraṇa*), 4) die Ableitung des *O* (*guṇa*) aus *U* durch Zusatz, des *I* durch Vereinfachung des Zeichens für den Guṇavocal *E*, und die Verbindung des *ḷa* mit *ḍa*, vgl. *īḷe* für *īḍe*, 5) die Inhärenz des mittleren *a*, die Bezeichnung des mittleren *a* durch die Differenz zwischen *A* und *Ā*, die Bezeichnung der übrigen mittleren Vocale durch Verbindungen der Initialzeichen oder von Modificationen derselben mit den Consonanten, sowie der Vocallosigkeit im Innern der Wörter durch Verschlingung der Consonantenzeichen, die den grammatischen Ausdruck *saṃyuktākṣara* zu illustriren scheint. Alles dieses ist so gelehrt und künstlich, dass es nur von Brahmanen, nicht von Kaufleuten oder Schreibern erfunden sein kann. Die Thatsache, dass die Vāṇiā und Rechnungsführer noch vor kurzem in ihrer Correspondenz und ihren Geschäftsbüchern die Vocale auszulassen pflegten, erlaubt sogar den Rückschluss, dass ein von Geschäftsleuten ausgebildetes, indisches Alphabet schwerlich mittlere Vocale besitzen würde. Für die Richtigkeit dieses Schlusses ist es gleichgültig, ob die defecte Schreibweise ein Rest aus der ältesten Zeit oder, wie auch möglich, durch die Einführung des arabischen Alphabetes im Mittelalter veranlasst ist.

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Es versteht sich von selbst, dass zwischen der ersten Einführung der semitischen Zeichen durch die Kaufleute, ihrer Übernahme durch die Brahmanen, die schwerlich sofort erfolgt sein wird, und der Ausbildung der 46 Grundzeichen der Brāhmī, sowie des Systems von mittleren Vocalen und Ligaturen, welche nach den obigen Ausführungen um 500 a. Chr., ja vielleicht früher vollendet war, eine geraume Zeit verflossen sein wird, und diese Umstände lassen den *terminus a quo* ca. 800 a. Chr. als den wahrscheinlichen Zeitpunkt der wirklichen Einführung erscheinen. Dieser Ansatz ist natürlich nur ein provisorischer. Es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, dass derselbe durch neue epigraphische Entdeckungen in Indien oder in der Heimat der Semiten verändert wird. Eine solche Verschiebung würde aber nach oben hin gehen, und es ist nicht ausgeschlossen, dass, wenn die Ausgrabungen systematisch weiter betrieben werden, das 10. Jahrh. a. Chr. oder eine noch frühere Zeit sich als die der Entlehnung der semitischen Zeichen erweist.

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¹ B.IS III, 79—87.

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² Die Einführung der semitischen Buchstaben aus Phönicien vermutet BENFEY, Indien 254; WEBER, Ind. Skizzen 137, schwankt zwischen Phönicien und Babylonien.

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³ Nr. 339, FAUSBÖLL, 3, 126.

c4.s3.48

⁴ SBE 2, 228; 14, 146, 200, 217, vgl. MANU 8, 157; 3, 166.

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⁵ B.IS III, 15 ff.

c4.s3.50

⁶ R.V. 1, 116, 5, vgl. OLDENBERG, Vedische Religion, 214.

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⁷ OLDENBERG, op. cit., 276.

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⁸ Vgl. WESTERGAARD, Zwei Abhandlungen, 37 f.

c4.s3.53

⁹ R.V. 7, 103, 5, vgl. M.M. HASL., 506.

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