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Die Kosmographie der Inder nach den Quellen dargestellt c6.s1.134

Die Kosmographie der Inder nach den Quellen dargestellt c6.s1.134

Language
German

c6.s1.134

Die erste wesentliche Erweiterung und Veränderung des ursprünglichen Erdbildes erfolgte durch die Einführung der Idee des zentralen Erde beherrschenden Weltberges. Wie schon in unseren Eingangsbemerkungen dargelegt wurde, muss die Entstehung dieser Idee auf eine gewisse astronomische Orientierung des Weltalls zurückgeführt werden, die den Polarstern als den Zentralangelpunkt des Weltalls betrachtete und die Verbindung desselben mit dem Mittelpunkte der Erdscheibe als die senkrecht stehende Weltachse annahm ¹), die die Himmelskörper in engeren oder weiteren Kreisbahnen umwandern sollen. Logisch hätte diese Orientierung nun eigentlich zu der Vorstellung führen müssen, dass die Erde nach Norden hin gewölbt sei, und dann wären, wie schon bemerkt, an dem Südrande dieser Wölbung die Wohnsitze der Beobachter zu suchen gewesen, um die grössere oder geringere Neigung des Poles nach dem nördlichen Horizonte hin erklären zu können, jedoch führte der Augenschein der flachen Erdscheibe jedenfalls zu der phantastischen Idee dieses gewaltigen Zentralgebirges. Die Annahme liegt nun nahe, dass man bei der Schöpfung dieser Idee zuerst von einem wirklich vorhandenen nördlich gelegenen durch seine Masse besonders auffallenden Gebirge ausging, wie es z. B. für die Griechen der Olymp ²) und für die Inder der Himālaya war, und tatsächlich scheint es so, als ob uns der buddhistische Pāli-Kanon an einer Stelle noch eine Reminiszenz aus dieser Zeit herübergerettet habe. Die Stelle, die sich Aṅguttara-Nikāya 3 S. 240 ³) vorfindet, ist bereits oben mitgeteilt worden, als davon die Rede war, dass die Erde ursprünglich als eine einheitlich zusammenhängende Scheibe vorgestellt wurde. Erweckt dieselbe in ihrer einfachen und klaren Fassung nun schon unbedingt den Eindruck, dass ihr die Vorstellung von einer einheitlichen Erdscheibe mit dem Himavat als Mittelstück zu Grunde liegt, so erhält diese Annahme gewissermassen eine Bestätigung durch die Tatsache, dass sie sich sozusagen wörtlich in dem jüngeren Mahāvastu 2 S. 136 f. wiederfindet, nur mit dem Unterschiede, dass der Himavat hier durch den mythischen Weltberg „Sumeru“ ersetzt worden ist ⁴). Diese auffallende Textvariante führt nun zu der Annahme, dass der Verfasser oder Kompilator des Mahāvastu unsere Stelle genau in demselben Sinne aufgefasst, den Himavat aber mit Absicht durch den „Sumeru“ ersetzt hat, um hierdurch den veränderten kosmographischen Anschauungen seiner Zeit Rechnung zu tragen. In allen drei kosmographischen Systemen ist dieser mythische Weltberg bekannt unter dem Namen „Meru“ ⁵).

Cites (2)