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Die Kosmographie der Inder nach den Quellen dargestellt c6.s1: 1. Das Verhältnis der drei indischen Systeme zu einander

Die Kosmographie der Inder nach den Quellen dargestellt c6.s1

Language
German

Contents

1. Das Verhältnis der drei indischen Systeme zu einander

c6.s1.1

Allen alten Völkern mit ihren primitiven naturwissenschaftlichen Erkenntnissen musste sich das Weltbild ursprünglich in den Grundzügen ganz gleich darstellen. Sie konnten sich die Erde eben nur als eine vom Ozean umflossene nach den vier Himmelsrichtungen orientierte Scheibe vorstellen, die von der Himmelshalbkugel überdacht ist. Aus der Umdrehung, Aufgang und Untergang der verschiedenen Himmelskörper konnten sie als Komplement zu jener lichten oberen Welthälfte eine untere ihrer Forschung scheinbar unzugängliche und deshalb dunkle und geheimnisvolle Halbkugel erschliessen. So musste logisch der primitive kosmographische Grundriss aller antiken Völker aussehen. Schildern uns nun einzelne Berichte das Weltall in einer Form, die diesem kurz skizzierten Grundriss nicht entspricht, so sind wir berechtigt, hier den Einfluss einer falsch geleiteten Spekulation zu sehen. Die Spuren des alten natürlichen Bildes werden sich aber bei näherem Zusehen auch hier immer noch aus dem Rankenwerk, mit dem diese Spekulation dasselbe durch- und überwuchert hat, erkennen lassen.

c6.s1.2

Die Beobachtung des Himmels musste nun weiterhin lehren, dass sich die Gestirne um eine gemeinsame Weltachse bewegen, die den alten Kulturvölkern je nach ihrer geographischen Lage mehr oder weniger nach Norden geneigt erschien. Da sie von falschen Voraussetzungen ausgingen, das Weltall ihnen als gäozentrisch galt, so war es ein logisches Postulat, dass sie die Weltachse als senkrecht im All stehend betrachten und die Erde infolgedessen als von Süden nach Norden gewölbt ansehen mussten. Ihre Wohnsitze mussten sie folglich als an der Südseite dieser Erdwölbung gelegen annehmen, um sich die Neigung der durch den Nordpol gehenden Weltachse erklären zu können. Der Theorie, dass die Erde eine Halbkugel oder doch wenigstens nach Norden hin gewölbt sei, widersprach die augenscheinlich flache Erdscheibe, aber immerhin blieb die Idee des im Zentrum, d. i. im Norden derselben in der Richtung der Weltachse aufstrebenden Weltberges, der gewissermassen das Rückgrat des Weltalls bildet und von den Himmelskörpern in engeren oder weiteren Kreisbahnen umwandert wird. Diese Idee findet sich in fast allen Kosmographien der Antike, wenn auch bei einigen dieselbe mangels hinreichender Überlieferung oder eingehender Durchforschung der Literatur nach dieser Richtung hin heute noch nicht ganz klar zu erkennen ist. Hiermit soll aber nicht gesagt sein, dass sich die Idee des Weltberges bei allen höherstehenden Völkern des Altertums notwendig von selbst entwickeln musste, vielmehr ist es durchaus möglich, dass sie nur von einem kulturell hochstehenden realenkenden und mit der Welt- und Himmelsbetrachtung besonders vertrauten Volke entwickelt und von diesem weitergegeben worden ist.

c6.s1.3

Noch ein Gedanke mag hier zur Orientierung ausgeführt werden. Alle antiken Kulturen werden beherrscht von der Idee der Drei- und besonders der Siebenzahl. Der Ursprung für die grosse Bedeutung dieser beiden Zahlen im Altertum und später, teilweise ja noch bis in die allerjüngste Zeit hinein, wird doch wohl ein astraler gewesen sein, trotz aller berechtigten und unberechtigten Einwände, die man gegen diese Theorie erhoben hat. Sonne, Mond und Sternhimmel wurden in drei verschiedene übereinander liegende Macht- und Bewegungsordnungen hineinverlegt, und die chronologisch spätere Entdeckung der fünf Planeten der Alten führte mit Sonne und Mond zusammen die Siebenzahl zu ihrer eminenten Bedeutung. Konnten auf dem Gebiete der Kosmographie diese Erkenntnisse, trotzdem sie an objektiv unrichtige Voraussetzungen anknüpften, doch immerhin im Sinne der mathematischen Geographie noch als relativ richtige angesehen werden, so wurden doch von der Spekulation falsche Folgerungen angeschlossen. Es entstand die Theorie der Drei- und dann von der Siebenzahl der Himmelssphären mit all ihren Konsequenzen und ihrem Beiwerk. Diese Theorie findet man nun bei den meisten antiken Völkern in dieser oder jener Form wieder. Weil diese Theorie eine so spezielle war und dieselbe doch eine immerhin tiefere Kenntnis der Astronomie voraussetzte, so konnte sie nur von einem Kulturzentrum ausgehen, das sich mit der Erforschung des Himmels besonders befasste. Von diesem aus verbreitete sie sich über die Erde, und jedes Volk, das dieselbe aufnahm, arbeitete sie in seiner Weise in sein ursprünglich einfach-primitives Weltbild hinein. Und tatsächlich bestätigen bei näherem Zusehen die alten Kosmographien durch gemeinsame Züge die Richtigkeit der Voraussetzung, dass dieselbe in ihrer Urform nur einmal aufgestellt worden ist. Auch für die drei kosmographischen Systeme der Inder wird die hier anschliessende Untersuchung die Richtigkeit in der dieser Voraussetzung aufgestellten Grundsätze erweisen können.

c6.s1.4

Es wurde vorhin als Voraussetzung angenommen, dass jedes antike Volk bei dem Aufbau seines kosmographischen Systems von dem natürlich dem Auge sich darbietenden Weltbilde, der Kugelform des Weltalls, ausgehen musste. Selbst die ältesten Nachrichten der über die äussere Gestalt desselben entsprechen nun vollständig dieser Voraussetzung. Zwar ist die Sprache der vedischen Literatur noch etwas unbeholfen, die Nachrichten selbst sind ziemlich spärlich, die Texte äussern sich fast nur in Vergleichen — man kann ja bei dem Mangel präziserer Begriffe auch nichts Besseres erwarten —, aber immerhin ist die Schilderung so anschaulich, dass wir uns über die ältesten indischen Vorstellungen von der Form des Kosmos Rechenschaft geben können. Rgv. X. 89. 4 werden Himmel und Erde verglichen mit den Rädern an den beiden Enden einer Achse ¹) und Rgv. II. 12. 3 (Atharvav. XX. 34. 3) mit

c6.s1.5

¹ S. 6.

c6.s1.6

1) S. 6.

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zwei Steinen, zwischen denen Indra das Feuer erzeugte¹). Rgv. II. 27. 15 werden sie die „beiden Hälften“ (ubhāv árdhau) genannt ²), und Śatapathabr. VIII. 7. 3. 19 heisst es: „Die natürlich durchbohrten [Ziegel] sind diese Welten, und diese Welten sind Ruheplatz [Erde] und Be-wegungsplatz [Himmel]“ ³). Deutlicher sprechen die folgenden Stellen. Rgv. X. 44. 8 und Athar-vav. XX. 94. 8 wird das Weltall mit „zwei Schalen“ (dhiṣáṇe) ⁴) und Rgv. III. 55. 20 mit „zwei Becken“ (camvà) verglichen, die mit ihren Öffnungen gegeneinander gelegt sind ⁵). In diesen letzten Vergleichen muss wohl die Erdfläche als in der Berührungsebene dieser beiden Scha-len oder Becken gelegen vorgestellt werden, und die beiden Schalen selbst sollen die halb-kugelförmigen Wölbungen der Ober- und Unterwelt darstellen. Halb wird dieser Vergleich nur ausgeführt Atharvav. X. 8. 9, wo der Himmel „eine Schale mit umgekehrter Mündung“ ⁶) genannt wird. Dem Sinne nach das Gleiche wird auch an der Stelle Śatapathabr. VII. 5. 1. 2 gesagt ⁷). Hiernach soll die Welt einer Schildkröte gleichen, die obere gewölbte Schale der-selben soll den Himmel und die untere flache die Erde darstellen. Von einer sich unter der Erde fortsetzenden Wölbung der Weltkugel, die die beiden vorhin genannten Stellen andeuten, wird hier nicht gesprochen, es heisst nur, dass die Erdscheibe mit dem sie überdachenden Himmelsgewölbe einer Schildkröte gleiche oder mit anderen Worten, dass die äussere Form des sichtbaren Weltalls eine etwas abgeplattete Halbkugel darstelle. Von der Eiform des Weltalls handelt die Stelle Chāndogya-Up. III. 19. 1. Hier wird die Welt mit zwei Eier-schalen verglichen, die eine aus Silber soll die Erde und die andere aus Gold den Himmel darstellen ⁸). Eine ähnliche Vorstellung liegt der Stelle Bṛhadāraṇyaka-Up. III. 3. 2 zu Grunde. Diese wenigen Stellen beweisen schon, dass die Inder der vedischen Periode bereits von der natürlichen Kugelform des Weltalls ausgingen und diese auch ihren kosmographischen An-schauungen zu Grunde legten.

c6.s1.8

¹ S. 6.

c6.s1.9

² S. 6.

c6.s1.10

³ S. 6.

c6.s1.11

⁴ S. 6.

c6.s1.12

⁵ S. 6.

c6.s1.13

⁶ S. 37.

c6.s1.14

⁷ S. 6.

c6.s1.15

⁸ S. 7.

c6.s1.16

Die Kugelform als beherrschendes Element des brāhmanischen Weltbildes in jüngerer Zeit. Deutlicher wie die Literatur der älteren Zeit äussern sich die Berichte der jüngeren Epoche der brāhmaṇischen Kosmographie in der epischen und didaktischen Literatur Indiens über die Kugelform des Weltalls. Nach diesen wird der unendliche Raum mit unzähligen von einander abgeschlossenen Weltbäuden angefüllt. Diese Welten heissen Brahma-Eier (brahmāṇḍa) ⁹) und haben, wie ja schon der Name selbst sagt, die Form eines Eies, wenn man nicht etwa annehmen will, dass das Wort „aṇḍa“ mangels eines geeigneteren und prä-ziseren Ausdruckes einfach die Kugelform bezeichnen sollte. In der Mitte soll die Erde mit ihren Kontinenten und Meeren liegen, darüber das Himmelsgebäude mit seinen verschiedenen Stockwerken, und die untere Hälfte des Welteies sollen die Unterweltsräume (Pātāla und Höllen) einnehmen. Der Horizontal-Durchmesser eines solchen Welteies mit der dasselbe umgebenden Eischale soll 50 Koṭi (=500 000 000) Yojana betragen ¹⁰). Ein solches Weltall bildet den eigentlichen Weltkern, der im Sinne der Sāṅkhya-Philosophie zwiebelförmig von den Schichten der groben Elemente (mahābhūta), nämlich dickem Wasser, dickem Feuer, dicker Luft und dem Äther, dann weiterhin von den feineren Schichten des Bhūtādi (d. i. Ahaṃkāra, Bewusstsein) und Mahān (d. i. Buddhi, Intellekt) umgeben wird, also von Schichten, die sich in dieser Reihenfolge vollkommen umschliessen, und deren Durchmesser nach aussenhin um das je Zehnfache zunimmt¹¹).

c6.s1.17

⁹ S. 55.

c6.s1.18

¹⁰ S. 121.

c6.s1.19

¹¹ S. 55.

c6.s1.20

Die jüngste Epoche der brāhmaṇischen Kosmographie, niedergelegt in den astrono-mischen Lehrbüchern des Mittelalters ¹²), die ja bekanntlich vollkommen unter dem Einflusse der hochentwickelten griechischen Astronomie verfasst wurden, beschreibt uns die Erde als eine Kugel (gola) mit einem Durchmesser von 3 200 Yojana. Um dieselbe schliesst sich der kugelförmige Weltraum, in dem die Planeten und Sterne diese umkreisen. Ein solches Weltall wird mit dem historischen Namen eines Brahma-Eies benannt und hat einen Durchmesser von 18 712 080 864 000 000 Yojana. ¹)

c6.s1.21

¹² S. 173 ff.

c6.s1.22

¹ S. 173.

c6.s1.23

Zeigt uns das brāhmaṇische Weltbild in jeder seiner Entwicklungsphasen die natürliche Kugelform als die beherrschende Grundidee, so lässt das kosmographische System des Buddhismus und besonders das des Jainismus diese nicht sofort erkennen.

c6.s1.24

Der Buddhismus lehrt genau wie der jüngere Brāhmaṇismus die Unendlichkeit des Raumes ²), den unzählige selbständige Weltgebäude anfüllen sollen. Mit ihren Aussenwänden berühren sich diese Welten und lassen in Gruppen von drei und drei einen Zwischenraum frei, dessen Schnittfläche ein aus drei Bogen gebildetes Dreieck darstellt. Die Horizontalschnittfläche eines Westalls, das von einer gewaltigen Felsenringe, dem sogenannten Cakravāla-Felsen umschlossen wird, ist eine Kreisfläche mit einem Durchmesser von 1 203 450 und einem Umfang von 3 610 350 Yojana ³). Ist nun auch in horizontaler Beziehung die Kreisform das grundlegende Prinzip, so schweigen doch die sehr lückenhaften kosmographischen Angaben, die uns der Pali-Kanon und die buddhistischen Sanskrittexte für die ältesten Zeiten des Buddhismus bieten, über die Form des Vertikalschnittes eines Weltgebäudes, sodass wir also nicht genau darüber unterrichtet sind, in welcher Form der Buddhismus sich ein Weltgebäude vorgestellt hat.

c6.s1.25

² S. 180.

c6.s1.26

³ S. 189.

c6.s1.27

Ganz anders ist die Form, die die jainistische Spekulation dem Weltall zuschreibt. Nach der übereinstimmenden Lehre aller einschlägigen Jaina-Werke soll dasselbe einem Menschen gleichen, in dessen Hüftgegend die Erde mit ihren Kontinenten und Meeren liegt, dessen Oberkörper die verschiedenen Stockwerke des Himmels umfasst und dessen Unterkörper, bis zu den Füssen mit einem weitem Gewande bekleidet, die Unterweltsräume darstellt, die bei zunehmender Tiefe in horizontaler Richtung an Ausdehnung zunehmen sollen ⁴). Oder man vergleicht das Weltgebäude mit einer gewaltigen Spindel, die auf der Hälfte einer zweiten grösseren Spindel ruht, oder mit drei verschieden grossen Schalen. Zwei gleichgrosse, mit ihren Öffnungen gegen einander gelegt, stellen die Oberwelt dar, und die Berührungsfläche der umgekehrten dritten Schale, die ersteren an Umfang und Höhe übertrifft und die Unterwelt vorstellen soll, veranschaulicht die Lage des Erdkreises im Weltall ⁵). Dieses sonderlich geformte Weltgebäude hat von der Basis bis zur Spitze eine Höhe von 14 Rajju ⁶). Die Erde liegt in einer Höhe von 7 Rajju von der Basis aus, also genau in der Mitte des Weltgebäudes. Länge und Breite desselben beträgt an der Basis 7 Rajju, in der Erdgegend 1 Rajju, in der Mitte der Oberwelt, also an der Stelle, wo sich nach unseren oben angeführten Vergleichen die beiden oberen Schalen mit ihren Öffnungen berühren oder die Mitte der oberen Spindel liegt, 5 Rajju und an der Spitze wieder 1 Rajju ⁷). Ab- und Zunahme ist aber keine stetige, sondern nur eine stufenweise, in Höhe von Rajju zu Rajju. Von dieser Anschauung der Śvetāmbara weichen die Digambara insofern ab, als sie eine stetige Ab- und Zunahme nur für die Richtung von Osten nach Westen lehren, dagegen soll für die Richtung von Norden nach Süden die Breite stetig 7 Rajju betragen ⁸). Dass diese Lehre von der äusseren Gestalt des Weltgebäudes nicht auf natürlicher Anschauung beruhen kann, sondern nur das Produkt einer phantastischen Spekulation ist, ist evident. Um aber zeigen, dass das System des Jainismus, das, wie schon oben bemerkt, so mancherlei Spuren seiner einzelnen Entwicklungsphasen bewahrt hat, auch noch solche einer ursprünglichen Vorstellung von der Kugel enthält, müssen wir weiter zurückgreifen und hier näher auf die Lehre von der inneren Struktur des Weltalls eingehen.

c6.s1.28

⁴ S. 210.

c6.s1.29

⁵ S. 209 f.

c6.s1.30

⁶ S. 210 f.

c6.s1.31

⁷ S. 210.

c6.s1.32

⁸ S. 211.

c6.s1.33

Die Erde, die nach Länge und Breite nur 1 Rajju misst, soll aus unzähligen Ringkontinenten und Ring-Ozeanen bestehen. Der Zentral-Kontinent Jambūdvīpa mit seinem Durchmesser von 100 000 Yojana gilt hinsichtlich der Ausdehnung als Einheit für die ihn abwechselnd umlagernden Ozeane und Kontinente, deren Breite vom Zentrum aus in geometrischer Progression zunimmt ¹). Die „Menschenwelt“, der Manusyaloka, umfasst nur die beiden innersten Kontinente Jambūdvīpa und Dhātakīkhanda und die innere Hälfte des dritten, Puṣkaradvīpa, sowie die sie trennenden Ringmeere Lāvaṇoda und Kāloda mit ihren Inseln ²). Ein gewaltiges unübersteigbares Ringgebirge auf dem letztgenannten Kontinente, das Mānuṣottara-Gebirge, trennt diesen Teil der Erde von der Aussenwelt ab ³). Innerhalb dieses abgeschlossenen Raumes gedeiht nur das Leben, bestehen nur die Existenzbedingungen für die Menschen-, Tier- und Pflanzenwelt und wandern die Gestirne ihre Bahnen ⁴). Ausserhalb desselben gibt es kein Leben, stehen die Sonnen, Monde und Sterne, deren Anzahl von Kontinent zu Ozean und wieder von Ozean zu Kontinent im Verhältnis zu ihrer Ausdehnung proportionell zunimmt, ewig an derselben Stelle und herrscht trotz der phantastischen Ausstattung der dort liegenden Länder, zu denen nur die Bewohner der Himmelsregionen oder die dunklen dämonenartigen Gottheiten der Unterweltsräume Zutritt haben, eine ewig-tote Starre ⁵). Dieser Manusyaloka, der eine Ausdehnung von 4 500 000 Yojana hat ⁶), und der Jambūdvīpa mit seinem Durchmesser von 100 000 Yojana bilden hinsichtlich dieser Masse wieder eine gewisse Richtlinie für andere kosmische Zentralräume, deren Natur und Lage ausführlicher beschrieben werden soll. Kommt nun die Idee, dass die bewohnte Welt sich aus den genannten 3 Kontinenten und 2 oder 3 Ringmeeren zusammensetzt, eine gewisse, wenn auch nur imaginäre Berechtigung — über dieselbe soll später gesprochen werden ⁷) — zu, trotzdem sie auf falschen naturwissenschaftlichen Voraussetzungen fusst, so ist die Annahme von all jenen zahllosen nicht belebten Kontinenten und Meeren — für eine Reihe werden uns in den Texten nur die Namen berichtet — nur ein Produkt einer ins Groteske gehenden phantastischen Spekulation, für deren Wirksamkeit uns die jetzt zu erörternde Lehre über den Aufbau der Himmels- und Unterweltsräume entsprechende Gegenstücke liefert. Da aber nun die Spekulation immer erst später an eine ältere realere oder doch irgendwie begründete Vorstellung herantritt und diese mit ihren Ideen umspinnt, so dass der ursprüngliche Kern auf den ersten Blick kaum mehr zu erkennen ist, so darf auch jene Vorstellung von der Zusammensetzung der Menschenwelt gewiss als das Primäre gelten gegenüber der Idee von den zahllosen unbelebten Kontinenten, die die Spekulation erst später als das Sekundäre angebaut hat.

c6.s1.34

¹ Die Mittelwelt und ihre primären und sekundären Bestandteile nach der jainistischen Spekulation.

c6.s1.35

² Die Oberwelt und ihre primären und sekundären Bestandteile nach der jainistischen Spekulation.

c6.s1.36

¹ S. 213.

c6.s1.37

² S. 214–252.

c6.s1.38

³ S. 251 f.

c6.s1.39

⁴ S. 283.

c6.s1.40

⁵ S. 252 ff., 283 f.

c6.s1.41

⁶ S. 213, 292 f.

c6.s1.42

⁷ S. 22* f.

c6.s1.43

Wir wenden uns jetzt zur Betrachtung der Oberwelt. Der spindelförmige Bau derselben umfasst 10 resp. bei den Digambara 11 verschiedene Himmelsphären ⁸), die sich auf die 7 Rajju Höhe so verteilen, dass Saudharma und Īśāna die 1. Rajju, Sanatkumāra und Mahendra die 2. Rajju, Brahmaloka, Lāntaka die 3. Rajju, Śukra, Sahasrāra die 4. Rajju, Ānata und Prāṇata, Āraṇa und Acyuta die 5. Rajju, Adho-, Madhya- und Ūrdhva-Graiveyaka die 6. Rajju und Pañcānuttara die 7. Rajju einnehmen ¹). Diese Himmelssphären werden einerseits, wie ja schon die Aufzählung andeutet, zum Teil resp. bei den Digambara sämtlich in südliche und nördliche Hälften eingeteilt, von denen wieder jede als selbständige abgeschlossene Himmelsregion gilt ²), anderseits zerfallen sie insgesamt in 62 resp. nach der Lehre der Digambara in 63 verschiedene Etagen, deren Verteilung auf die einzelnen Himmelsphären von den beiden Jaina-Sekten verschieden angegeben wird ³). Jede Himmelsetage hat nun wieder eine ganze Anzahl mannigfach-geformter Wohnungen, Vimāna genannt, die im Raume so gruppiert sind, dass in der Mitte ein kreisrunder Indraka- oder Zentral-Vimāna liegt, von dem nach den vier Himmelsrichtungen Reihen von sogenannten Āvalikāpratiṣṭha- oder Pāṅkeya- oder Śreṇībaddha-Vimāna, d. h. Reihen-Vimāna strahlenförmig auslaufen ⁴). Die unterste Etage enthält nach jeder Hauptrichtung 62 Reihen-Vimāna, jede nächst höhere je eine weniger, bis endlich in der 62. Etage nach jeder Hauptrichtung nur mehr ein Reihen-Vimāna vorhanden ist ⁵). Die Zwischenräume zwischen den einzelnen Reihen werden von Puṣpavakīrṇa- oder Puṣpapakīrṇaka- oder einfach Prakīrṇaka-Vimāna, d. h. Füll-Vimāna eingenommen ⁶). Der Zentral-Vimāna der untersten Etage hat einen Durchmesser von 4 500 000 Yojana, liegt also der „Menschenwelt“ genau kongruent ⁷), und der Durchmesser des höchsten Zentral-Vimāna beträgt 100 000 Yojana ⁸), entspricht also hinsichtlich Grösse und Lage genau dem Jambūdvīpa. Der Breitenunterschied von 4 400 000 Yojana verteilt sich nun auf die dazwischen liegenden übrigen Zentral-Vimāna in Form einer arithmetischen Progression. Die Reihe der Zentral-Vimāna gleicht also einem über die „Menschenwelt“ gestülpten Trichter. Für alle übrigen Vimāna geben die Jaina-Schriften Grössenangaben nicht an, sondern sie teilen dieselben nur ein in Vimāna mit messbarer und unmessbarer Ausdehnung ⁹). Bedenkt man nun, dass die Zahl der Reihen- und Füll-Vimāna nach der Spitze zu von Etage zu Etage stetig abnimmt ¹⁰), so erscheint diese Einteilung auf den ersten Blick als ein Notbehelf der Spekulation, um der Idee der phantastisch grossen Rajju-Räume gerecht werden zu können. Fügt man dem dann noch bei, dass die horizontale Ausdehnung der einzelnen Himmelsetagen in der unteren Hälfte des spindelförmigen Himmelsraumes von 1 bis 5 Rajju zunehmen und in der oberen Hälfte wieder gleichmässig abnehmen soll, anderseits sich die Masse der Zentral-Vimāna diesen Grössenverhältnissen nicht anpassen, sondern von der Basis bis zur Spitze gleichmässig abnehmen, so ist die Schlussfolgerung berechtigt, dass auch hier wieder die Spekulation eine ursprünglich einfachere und natürlichere Vorstellung mit ihrem Beiwerk umwoben hat und so der zentrale Himmelstrichter, wenn ich mich so ausdrücken darf, das spekulative Ergebnis einer Umbildung der primären Vorstellung von der natürlichen Himmelskuppel darstellt.

c6.s1.44

⁸ S. 291 f.

c6.s1.45

¹ S. 211.

c6.s1.46

² S. 291 f.

c6.s1.47

³ S. 292.

c6.s1.48

⁴ S. 294 ff.

c6.s1.49

⁵ S. 295.

c6.s1.50

⁶ S. 296 ff.

c6.s1.51

⁷ S. 292.

c6.s1.52

⁸ S. 293.

c6.s1.53

⁹ S. 297.

c6.s1.54

¹⁰ S. 296 f.

c6.s1.55

Das genaue Gegenstück hierzu bieten uns die Unterweltsräume. Die 7 Rajju Höhe derselben verteilen sich auf die 7 Höllenregionen so, dass auf jede Rajju je eine Region entfällt ¹¹). Die Höllenregionen selbst zerfallen nun wieder in Etagen. Die Höllenregion Ratnaprabhā hat 13 Etagen, die nächste, Śarkarāprabhā nur 11, jede nächst-tiefere je 2 weniger, bis endlich die unterste, Tamastamahprabhā nur mehr einer Etage besteht ¹²). Die Gesamtsumme sämtlicher Etagen beträgt demnach 49. Jede Höllenetage ent-

c6.s1.56

¹¹ S. 210.

c6.s1.57

¹² S. 316 f.

c6.s1.58

Die Unterwelt und ihre primären und sekundären Bestandteile nach der jainistischen Spekulation.

c6.s1.59

hält wieder eine Anzahl verschiedengestaltiger Abteilungen, die sich auf den Raum so verteilen, dass in die Mitte eine kreisrunde Indraka- oder Zentral-Hölle liegt, von der nach den Haupt- und Nebenrichtungen der Windrose Āvalikāpraviṣṭa- oder Śreṇībaddha-, d. i. Reihen-Höllen strahlenförmig auslaufen ¹. Die oberste Etage hat nun nach jeder Hauptrichtung je 49 und nach jeder Nebenrichtung je 48 Reihen-Höllen, jede nächsttiefere nach jeder Richtung je eine weniger, bis endlich die unterste, 49. Etage nach den Hauptrichtungen nur mehr je eine Reihen-Hölle enthält ². Die Zwischenräume zwischen diesen Reihen nehmen die sogenannten Prakīrṇaka- oder Füll-Höllen ein, deren Anzahl nach der Tiefe zu proportionell abnimmt ³. Die Zentral-Hölle der obersten Etage hat einen Durchmesser von 4 500 000 Yojana, deckt sich also hinsichtlich Lage und Ausdehnung wiederum genau mit der Menschen-Welt und dem Zentral-Vimāna der untersten Himmelsetage ⁴. Die unterste Zentral-Hölle hat einen Durchmesser von nur 100 000 Yojana, entspricht also genau dem Jambūdvīpa und dem Zentral-Vimāna der obersten Himmelsetage ⁵. Die Differenz von 4 400 000 Yojana verteilt sich auf die übrigen Etagen wiederum in der Weise, dass die Durchmesser der Zentral-Höllen nach der Tiefe zu von Etage zu Etage in der Form einer arithmetischen Progression stetig abnehmen ⁶. Diese Reihe der 49 Zentral-Höllen bildet hinsichtlich ihrer äusseren Gestalt einen Trichter, der dem vorhin näher beschriebenen die Erde überdachenden Trichter der Zentral-Vimāna genau entspricht. Die Zentral-Höllen passen sich also hinsichtlich ihrer horizontalen Ausdehnung den Höllenetagen nicht an, genau so wie es bei den Himmelsetagen der Fall ist, sondern nehmen stetig ab. Desgleichen verringert sich, wie schon erwähnt, die Anzahl der Reihen- und Füll-Höllen nach unten ständig ⁷. Da aber einerseits die Höllenregionen nach der Tiefe zu von Rajju zu Rajju in Länge und Breite je um 1 Rajju zunehmen sollen, bis endlich die unterste Region nach jeder dieser Richtungen je 7 Rajju misst, so hat die Spekulation, um dieser Idee einigermassen gerecht zu werden, zum Hilfsmittel der Höllen mit messbarer und unmessbarer Ausdehnung gegriffen ⁸, ähnlich wie wir es bei den Himmelsregionen gesehen haben. Auch hier erscheint also der zentrale Höllentrichter, der dem in Form ähnlichen Himmelsbau entspricht, als das Primäre, das die von der Spekulation verzerrte Vorstellung von der unteren, die Himmelskuppel ergänzenden Welthalbkugel enthält, während das übrige sekundäres Beiwerk ist. Primär ist also das Scharfumrissene, sekundär, was unbestimmte und farblose Formen zeigt.

c6.s1.60

¹ S. 319.

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² S. 319.

c6.s1.62

³ S. 319.

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⁴ S. 318.

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⁵ S. 318, 293.

c6.s1.65

⁶ S. 318.

c6.s1.66

⁷ S. 319.

c6.s1.67

⁸ S. 320.

c6.s1.68

Die Form des Welt- Aus dem Vorstehenden haben wir ersehen, dass das sonderbar geformte Weltgebäude alls nach den pri- der Jaina noch deutliche Züge eines früheren einfacheren und natürlichen Weltbildes enthält. mären Bestandteilen der jainisti- Was wir aus dem Rankenwerk der Spekulation bisher entwirrt haben, ist aber noch nicht schen Spekulation. die Urform, von der die Jaina bei dem Ausbau ihres Systems einst ausgingen, sondern zeigt uns noch ein Phantasiebild, an dem jene bereits neue Ideen ein- und angebaut hatten, über die weiter unten die Rede sein wird ⁹. Die Linien, die wir in dem Grundriss des jainischen Weltgebäudes soeben etwas schärfer ausgezogen, ergeben aber immerhin eine Figur, die an die vorhin erwähnten vedischen Vergleiche des Kosmos mit den beiden Schalen oder Becken lebhaft erinnert ¹⁰. Zwar erscheint diese Figur noch verzerrt, gleicht sie doch zwei langezogenen gleichgrossen Trichtern oder zwei abgestumpften Kegeln, die mit ihren Grundflächen gegen einander gelegt sind, und doch werden wir sie im Geiste wesentlich zusammensinken und der ursprünglichen Normalform, der Kugelgestalt, sich mehr angleichen sehen, wenn wir der Spekulation etwas weiter nachgehen und einige weitere Angaben über die Raumverhältnisse bei den einzelnen Etagen der Himmels- und Höllenregionen den phantastischen Rajju-Massen gegenüberstellen.

c6.s1.69

⁹ S. 19* ff.

c6.s1.70

¹⁰ S. 4*.

c6.s1.71.1

Wie schon gesagt, umfassen die Himmels- und Höllenregionen je 7 Rajju Höhe. Diesen ungeheuren Massen entsprechen aber nicht die Höhenangaben für die einzelnen Himmels- und Höllenräume. Nach der Lehre der Śvetāmbara beträgt die Dicke der Böden bei den einzelnen Himmelsetagen von unten nach oben von Rajju zu Rajju 2700 bis 2100 Yojana ¹). Von Rajju zu Rajju nimmt also die Bodenstärke nach obenhin um je 100 Yojana ab, während umgekehrt die Höhe der Vimāna entsprechend um je 100 Yojana zunimmt. Nach den Digambara nimmt bei den 11 Himmelsregionen die Höhe der Vimāna von unten nach oben ab in Form einer arithmetischen Progression, deren Anfangsglied 1121 und deren Differenz 99 Yojana beträgt ²). Das Endglied, die Höhe der Vimāna in Anuttara, beträgt demnach nur 131 Yojana. Ähnlich verhält es sich mit den Höllenregionen. Nach den Angaben der Jaina-Schriften haben die eigentlichen Höllenregionen folgende Höhenmasse: Ratnaprabhā ist 180 000 Yojana hoch, Śarkarāprabhā 132 000 (Digambara: 32 000), Vālukāprabhā 128 000 (Digambara 28 000), Paṅkaprabhā 120 000 (Digambara: 24 000), Dhūmaprabhā 118 000 (Digambara: 20 000), Tamaḥprabhā 116 000 (Digambara: 16 000) und Tamastamaḥprabhā 108 000 (Digambara 8 000) Yojana ³). Die Höhe der Zwischenräume der einzelnen Etagen beträgt nach den Śvetāmbara — die Anschauungen der Digambara sind stark abweichend — bei allen Höllenregionen gleichmässig 3 000 Yojana ⁴).

c6.s1.71.2

Die Summe der Zwischenräume für die 13 Etagen von Ratnaprabhā beträgt also demnach 39 000 Yojana, bei allen tieferen Höllenregionen der Anzahl ihrer Etagen entsprechend weniger. Die Differenz dieser Summen von den oben angeführten Zahlen — bei Ratnaprabhā beträgt dieselbe 141 000 Yojana ⁵) — verteilen sich nun auf die Aussenböden und Zwischenschichten in den einzelnen Etagen. Da die Dicke der Aussenböden bei den 6 oberen Höllenregionen uur je 1 000 Yojana beträgt ⁶), so entfallen die übrigen Yojana auf die Zwischenschichten — bei der untersten Höllenregion, die nur eine Etage hat, auf die Aussenböden —, deren Dicke je nach der Anzahl der Etagen zwischen 9 700 und 52 500 Yojana schwankt ⁷). Da aber diese verhältnismässig kleinen Zahlen nicht den unendlich grossen Rajju-Räumen entsprechen, hat die Spekulation wiederum zu einem Hilfsmittel gegriffen. Sie hat die einzelnen Höllen- und Himmelsregionen durch Schichten von immenser Höhe von einander getrennt. Jede Höllenregion ruht auf einer 20 000 Yojana dicken Schicht zähen Wassers und diese wieder auf Schichten von zähem Winde, dünnem Winde und dem Luftraum, von denen jede, nach den Digambara, unendlich viele Yojana hoch sein soll ⁸). Bei den Himmelsregionen darf man nach den nicht ganz vollständigen Angaben etwas Ähnliches voraussetzen.

c6.s1.71.3

Es wird berichtet, dass die Himmelsregionen Saudharma und Īśāna zähes Wasser, Sanatkumāra und Mābendra zähen Wind, Brahmaloka ebenfalls zähen Wind (Digambara zähes Wasser und zähen Wind), Lāntaka bis Sahasrāra zähes Wasser und zähen Wind und die über diese hinaus den Luftraum als Grundlage haben sollen ⁹). Auch für diesen Schichten muss wohl eine imaginäre Höhe von unzählbar vielen Yojana angenommen werden, sollen die bescheidenen Dimensionen der Himmelregionen mit den immensen Rajju-Räumen irgendwie in Einklang gebracht werden. Da nun die mitgeteilten Grössenangaben der einzelnen Himmels- und Höllenregionen innerhalb natürlicher Grenzen bleiben, während anderseits die Dimensionen der sie trennenden Schichten der Elementarstoffe ins Masslose gehen, so dürfen jene, wenn auch nicht als ursprünglichen Bestandteil, so doch als älteres Element des jainistischen Weldbildes betrachtet werden, während diese als jüngeres Produkt der Spekulation die ältere natürlichere Form desselben entstellen. Die Einschiebung dieser Trennungsschichten musste die ursprünglich vorgestellte Halbkugelform von Ober- und Unterwelt zerstören und in die abnorme Trichterform verzerren. Mögen nun die Fugen dieses Spekulationsbaues möglichst verdeckt sein, immerhin lässt sich noch erkennen, dass die natürliche Kugelform ursprünglich auch einmal das beherrschende Moment der jainistischen Kosmographie gewesen ist.

c6.s1.72

¹ Das Verhältnis der einzelnen Teile des Weltalls zu d. Rajju-Grössen und die hieraus zu entnehmenden Schlüsse auf die ursprüngliche Vorstellung von der Kugelgestalt d. Weltalls im System der Jaina.

c6.s1.73

¹ S. 299.

c6.s1.74

² S. 299.

c6.s1.75

³ S. 316.

c6.s1.76

⁴ S. 317.

c6.s1.77

⁵ S. 317.

c6.s1.78

⁶ S. 317.

c6.s1.79

⁷ S. 317.

c6.s1.80

⁸ S. 212, 316.

c6.s1.81

⁹ S. 298.

c6.s1.82

Die Kugelform die Unsere Ausführungen berechtigen also zu dem Schlusse, dass die Kugelform von alters her beherrschende die beherrschende Grundidee der kosmographischen Systeme Indiens war und sich als solche Grundidee der kosmographischen sogar aus dem phantastischen Gebäude der jainistischen Spekulation einigermassen noch Systeme Indiens. herausfinden lässt. Es war nun nicht etwa unser Zweck, durch dieselben zu beweisen, dass die Inder beim Aufbau ihrer Systeme auch wirklich von der Kugelgestalt des Weltalls als der Urform ausgegangen sind; denn die Tatsache, dass sie dieses unbedingt tun mussten, ist, wie man nach einigem Nachdenken zugeben muss, an sich absolut indiskutabel, sondern es gilt hier nur, die gemeinsame Grundform aus jenen selbst herauszuschälen und die einzelnen Entwicklungsphasen, das stufenweise An- und Einbauen neuer Ideen, die diese Systeme, jedes in seiner Art, verändert haben, klarzulegen.

c6.s1.83

Zweck der Abhand- Nachdem jetzt nachgewiesen worden ist, dass die Vorstellung von der Kugelform des lung, d. Anschauung Weltalls von den ältesten Zeiten an die indische Kosmographie als Grundidee beherrscht hat, über die Hauptteile ist die nächste Aufgabe unserer Untersuchung, die Anschauungen über die Hauptteile des ursprünglichsten u. Kosmos in ihrer ursprünglichsten und einfachsten Form aus den uns überkommenen Nachrichten einfachsten Form zu eruieren. Folgen wir hierbei der Einteilung des Weltalls, die uns vom natürlich-primitiven zu eruieren. Standpunkte aus gegeben ist, so wird sich unsere Untersuchung zunächst dem Menschen bestbekannten Teile desselben, der Mittelwelt, zuwenden, um sich erst dann mit den Ideen über die minderrealen Reiche von Ober- und Unterwelt zu beschäftigen.

c6.s1.84

Die Erde als eine In unseren Eingangsbemerkungen¹) ist die These aufgestellt worden, dass man sich einheitliche vom ursprünglich die Erde als eine vom Ozean rings umflossene Scheibe vorstellen musste. Diese Ozean umflossene These gilt auch für das Indien der ältesten Kulturepoche, wie eine Reihe von Stellen aus Scheibe vorgestellt. der vedischen Literatur noch deutlich erkennen lassen. Rgv. X. 58.3 wird die Erde „viereckig“ (cáturbhṛṣṭi genannt²). Wenn diese Stelle auch kaum eine viereckige Form der Erdscheibe lehren will, wie es etwa im ältesten chinesischen Weltbild der Fall ist³), sondern eher wohl nur die Möglichkeit andeuten soll, sich auf ihr nach den vier Himmelsrichtungen zu orientieren, so geht aus derselben doch so viel hervor, dass man sich die Erde als eine zusammenhängende Fläche vorstellte. Śatapathabr. VI. 7. 1. 26 und VII. 1. 1. 37 wird die Erde als eine „runde Scheibe“ (parimaṇḍala bezeichnet⁴) und Śatapathabr. VI. 1. 1. 13 und Aitareyabr. VIII. 25. 1 wird gesagt, dass der Ozean die Erde rings umgebe⁵). Śatapathabr. VII. 4. 1. 9

c6.s1.85

1) S. 2*. 2) S. 9. 3) S. Ed. Erkes: Das Weltbild des Huai-nan-tze in: Ostasiatische Zeitschrift Jg. 5 S 27. 4) S. 9. 5) S, 9.

c6.s1.86

wird ausgeführt, dass die Erde der Rücken der Wasser sei und der schwellende Ozean die Erde rings umströme¹), XII. 9. 2. s lehrt, dass die irdische Welt (d. i. die Erde) höher sei als das Wasser²), und die Stellen II. 1. 1. s und VII. 4. 1. s des gleichen Textes vergleichen die Erde mit einem Lotusblatt, das auf dem Wasser ausgebreitet liegt³). Śatapathabr. VII. 1. 1. 13 heisst es: „Mit dem Ozean umgibt er dieselbe (d. i. die irdische Welt) nach allen Seiten, weil der Ozean diese Welt nach allen Seiten umströmt; nach rechts (oder Süden) gewendet [stellt er die Steine auf], weil der Ozean diese Welt nach Süden hin umströmt⁴)“; und in ähnlichem Sinne äussert sich im gleichen Texte die Stelle IX. 1. 2. 8: „Von allen Seiten [besprengt er den Altar], weil der Ozean diese Welten von allen Seiten umströmt, nach rechts (oder nach Süden), weil der Ozean diese Welt nach Süden hin umströmt⁵).“ Diese ursprüngliche und einfache Vorstellung von Erde und Ozean hat sich in dem jüngeren weiter ausgebauten brāhmanischen und dem jainistischen System erhalten in dem kreisrunden Zentral-Kontinent Jambūdvīpa, der rings von dem den Menschen bekannten Salzozean, dem Lavaṇoda, umströmt wird⁶). Die weiteren Ring-Kontinente und Ring-Meere in diesen Systemen⁷) sind nur Zutaten der Spekulation unter dem Einflusse einer bestimmten Idee, über die weiter unten gehandelt werden soll⁸).

c6.s1.87

¹ S. 9.

c6.s1.88

² S. 9.

c6.s1.89

³ S. 9.

c6.s1.90

⁴ S. 15.

c6.s1.91

⁵ S. 15.

c6.s1.92

⁶ S. 110 ff., 242 ff.

c6.s1.93

⁷ S. 112 ff., 249 ff.

c6.s1.94

⁸ S. 19* ff.

c6.s1.95

Nur das buddhistische Weltbild der historischen Zeit scheint auf den ersten Blick eine abweichende Auffassung zu enthalten, die mit der eben skizzierten ursprünglichen Vorstellung von der Erde unvereinbar ist. Nach seiner Beschreibung liegt in der Mitte der zentrale Weltberg Meru, umgeben von sieben grossen durch Ringmeere getrennten goldenen Gebirgsringen, deren Höhe und Entfernung von einander nach innen hin in geometrischer Progression zunimmt. Diesen entsprechend verhält es sich dann auch mit der Tiefe und Breite der sie trennenden Ringmeere⁹). Den äussersten siebenten Gebirgsring umströmt der grosse den Menschen bekannte Ozean, in dem nach den Hauptrichtungen der Windrose einsam die vier von kleineren Inseln umgebenen Welteilande liegen sollen¹⁰). Diese Auffassung von der Erde ist nun keine natürlich gegebene, sondern sie dokumentiert sich auf den ersten Blick als ein Produkt der Spekulation. Auch das buddhistische System musste ursprünglich einmal von der Urform des Erdbildes, der zusammenhängenden Erdscheibe, ausgehen. Schon die Namen der vier Welteilande — im Osten liegt Pūrvavideha, im Süden Jambūdvīpa, im Westen Aparagodāna oder Aparagodānīya und im Norden Uttarakuru¹¹) — erinnern an Teile des einheitlichen brāhmanischen und jainistischen Erdbildes und weisen hierdurch schon darauf hin, dass sie ursprünglich einmal als eine zusammenhängende einheitliche Fläche vorgestellt und nur durch den Eintritt der Idee von den sieben Gebirgsringen und Ringmeeren auseinandergerissen wurden. Die Idee dieser Gebirgsringe und Ringmeere ist aber eine relativ junge, und der buddhistische Pāli-Kanon mit Ausnahme der jüngeren Jātaka und Pāli-Kommentare enthält noch keinerlei Angaben über dieselben, auch da nicht, wo man solche unbedingt erwarten sollte¹²), bietet aber anderseits einige Stellen, die noch deutlich die ältere Auffassung von der einheitlichen Erdscheibe erkennen lassen. So wird Aṅguttara-Nikāya 4. S. 89 und übereinstimmend Sutta-Nipāta S. 102 f. von einem Cakravartin gesprochen, der die vom Ozean umgebene Erde beherrscht¹³), Aṅguttara-Nikāya 4. S. 90 heisst es, dass dieser Cakravartin mit Gerechtigkeit in diesem Erdkreise (pathavīmaṇḍala) die Herrschaft ausgeübt habe¹⁴). Dīgha-Nikāya 2. S. 174 und 3. S. 60 wird von der Erde gesagt, dass sie vom Ozean umgeben sei¹⁵).

c6.s1.96

⁹ S. 185 ff.

c6.s1.97

¹⁰ S. 188 f.

c6.s1.98

¹¹ S. 183, 188.

c6.s1.99

¹² S. 185 f.

c6.s1.100

¹³ S. 181.

c6.s1.101

¹⁴ S. 181.

c6.s1.102

¹⁵ S. 181.

c6.s1.103

Samyutta-Nikāya 1. S. 101 heisst es von den Kṣatriya, dass sie den grossen Erdkreis (pathavīmaṇḍalam) besiegt hätten¹) und die Stelle 1. S. 192 des gleichen Textes berichtet, dass ein Cakravartin so von seinen Ministern umgeben sei, wie der Ozean die Erde vollständig umgebe ²). Am deutlichsten ist in dieser Hinsicht nun wohl eine interessante Stelle im Aṅguttara-Nikāya 3. S. 240. Dieselbe lautet: „Als der Tathāgata . . . vor der Erleuchtung das Wissen noch nicht erlangt hatte, war die grosse Erde sein Lager, der Bergkönig Himavat sein Kopfkissen, in’s östliche Meer war die linke Hand getaucht, in’s westliche Meer war die rechte Hand getaucht und in’s südliche Meer waren seine beiden Füsse getaucht, dem Tathāgata . . . erschien dies als erster grosser Traum ³).“ Diesem Satze liegt nun die Vorstellung zu Grunde, dass die einheitliche Erdscheibe von dem Ozeane, den man sich nach den Hauptrichtungen der Windrose hin in vier grosse Meere eingeteilt denkt, umströmt wird, und es ist unmöglich, denselben etwa im Sinne der vorhin kurz skizzierten jüngeren buddhistischen Auffassung von der Erde mit ihren Gebirgsringen, Ringmeeren und Welteilanden zu deuten. Die Vorstellung von der Einteilung des einen Ozeanes in vier Meere läuft von der Einteilung der Erdscheibe in vier Quadranten parallel und findet auch in der vedischen Literatur wiederholt Erwähnung ⁴). Die weiteren Textstellen, denen diese Vorstellung zu Grunde liegt, werden aber weiter unten bei der näheren Erörterung dieses Punktes angegeben werden, trotzdem sie doch auch hier für die Auffassung von einer einheitlichen Erdscheibe gewissermassen in Betracht kommen ⁵).

c6.s1.104

¹ S. 181.

c6.s1.105

² S. 181.

c6.s1.106

³ S. 182.

c6.s1.107

⁴ S. 10 f., 16f.

c6.s1.108

⁵ S. 17* ff.

c6.s1.109

Der Himmel nach den Anschauungen der ältesten Zeit. Es ist bereits ausgeführt worden, dass man sich ursprünglich den Himmel dem natürlichen Augenschein entsprechend als eine Halbkugel vorstellte, die die Mittelwelt, Erde und Ozean, in weitem Bogen überdacht, und dass man eine komplementäre untere Halbkugel erschloss, die die dunkelen Unterweltsräume enthalten und zu der lichten Oberwelt in Gegensatz stehen soll ⁶). Die Stellen der vedischen Literatur, die sich mit der wirklichen Beschreibung der Himmelswelt befassen, also für die Erkenntnis der ältesten Vorstellungen über dieselbe von besonderem Werte sind, sind nicht sehr zahlreich und recht lückenhaft, aber diejenigen, die auf die Unterwelt Bezug haben, sind noch seltener und dürftiger, so dass wir in diesen beiden jenseitigen Regionen für die älteste Zeit noch weniger scharf umrissene Linien vorfinden, als es im Bereiche der Mittelwelt der Fall war, und sich die Beschreibung auch nur in wenigen und allgemeinen Formen halten kann ⁷).

c6.s1.110

⁶ S. 2*.

c6.s1.111

⁷ S. 37.

c6.s1.112

Der Himmel gilt als gewaltig und gross, als der Ort der Sicherheit; er ist die Welt, in der die Sonne scheint und von Indra die lichtvollen Himmelsräume eingerichtet sind und fest an ihrem Platze stehen ⁸). Das sichtbare Firmament (divó nāka) wird anscheinend als das feste Gewölbe betrachtet, das dem oberen die ganze Welt umflutenden himmlischen Ozean ⁹) als Boden diente und nach den vier Kardinalpunkten vier Ströme ¹⁰) zur Erde entsendet, eine Idee, die im Gaṅgā-Mythus ¹¹) vielleicht ihre letzte Form gefunden hat. Über die Entfernung des Himmels von der Erde handeln einige nicht ganz klare Stellen, in denen die Zahl „Tausend“ eine Rolle spielt ¹²), und endlich sprechen noch ein paar andere von einem Zugang, durch den die Götter oder jene, die den Himmel ersteigen, denselben betreten können ¹³). Das Leben im Himmel ist dem irdischen ähnlich. Seine Freuden sind rein sinnlicher Natur. Schmauss, Madhu- und Soma-Trank, Befriedigung der Sinnenlust, nie erlöschendes natürlich gedachtes Licht und endloses freies Leben in strotzender Gesundheit gehören zu den Lebensgütern der ihn bewohnenden Götter und den Belohnungen, die die Schuldlosen, die tapferen Helden, die frommen Opferer und Asketen hier finden sollten ¹), Anschauungen, die sich bis in die späteste Zeit erhalten haben und von einer schematisierenden Spekulation in den jüngeren Werken des Buddhismus ²) und Jainismus ³) nur noch schärfer präzisiert und schematisiert worden sind.

c6.s1.113

⁸ S. 37.

c6.s1.114

⁹ S. 39.

c6.s1.115

¹⁰ S. 39 f.

c6.s1.116

¹¹ S. 109 f.

c6.s1.117

¹² S. 37 f.

c6.s1.118

¹³ S. 38.

c6.s1.119

¹ S. 43 ff.

c6.s1.120

² S. 190 ff.

c6.s1.121

³ S. 291 ff.

c6.s1.122

Ist das Gesagte im grossen und ganzen alles, was uns die vedische Literatur über die Himmelswelt und ihr Aussehen zu erzählen weiss, so sind ihre Berichte über die Unterwelt noch um einiges dürftiger. Der grösste Teil der hier in Frage kommenden Stellen spielt nur auf einen mythischen urzeitlichen Kampf an, der von den Göttern, den Bewohnern der lichten Himmelsregionen, und ihren Gegnern, dem finstern Dämonengeschlecht der Asura, ausgefochten wurde ⁴), und ein paar andere Stellen besagen nur, dass die Götter der lichten Welthälfte als Sieger hervorgingen und die besiegten Asura zu dem untersten Dunkel oder zum Süden, jener Region, die zur Region der Götter, dem Norden, im Gegensatz steht, verbannt wurden ⁵), wodurch wohl erklärt werden soll, dass die Unterwelt der Wohn- und Machtbereich dieser zu den oberweltlichen Göttern in dualistischem Gegensatz stehenden Götterklasse wurde. Und wie ein naiver Glaube die lichten Himmelsräume mit ihren sinnlichen Freuden als endgültige Bestimmungsräume für jene annahm, die er im diesseitigen Leben als Gute und Fromme betrachtet hatte, so bestimmte er den Abgrund oder die schwarze oder tiefste Finsternis ⁶) der Unterwelt als den Strafort für den persönlichen Feind, in dem ein Volk auf primitiver Kulturstufe in seiner egoistischen Art ja stets den Bösen sieht. Wenn die Stellen der vedischen Literatur, die vom Schicksal des Übeltäters im Jenseits reden, verhältnismässig so nichtssagend und einsilbig sind, dass man lange die Existenz der Höllenidee für diese Zeit in Abrede stellte ⁷), so muss man doch logischer Weise die Wurzeln dieser Vorstellung, die in der Folge eine so gewaltige Rolle gespielt hat, bereits in jenem Zeitraume suchen, in der auch die korrespondierende Vorstellung von einem himmlischen Elysium entstanden ist.

c6.s1.123

⁴ S. 45 ff.

c6.s1.124

⁵ S. 47.

c6.s1.125

⁶ S. 49 ff.

c6.s1.126

⁷ S. 49.

c6.s1.127

Ein Punkt muss hier aber noch unter Bezugnahme auf die jüngeren Fassungen etwas schärfer präzisiert werden. Die Religionen und besonders die Kosmographien des Altertums sind alle dualistisch orientiert, und das war natürlich auch in Indien der Fall. Besonders scharf findet man dieses in unseren drei kosmographischen Systemen in ihrer jüngeren Fassung ausgesprochen. Ober- und Unterwelt mit ihren Etagen und Abteilungen stehen sich hier als zwei von einander unabhängige gegensätzliche Welthälften gegenüber. Bei diesem kosmographischen Dualismus der jüngeren Zeit können wir nun zwei Momente feststellen, das theistische und das moralische Moment. Bei dem jüngeren brāhmaṇischen System wiegt das theistische Moment insofern vor, als die Himmelswelten einerseits und die Pātāla anderseits ⁸), also die Reiche der hellen und finsteren Gottheiten, einander gegenüber stehen, während im Buddhismus und Jainismus das moralische Moment vorherrscht; denn in diesen beiden Systemen werden Himmels- und Höllenregionen gegensätzlich gegenübergestellt als zeitweilige Bestimmungsorte für die durch ihr gutes oder schlechtes Karman moralisch qualifizierten im Saṃsāra weilenden Seelen. Die Gegensätze dieser beiden Welthälften als Reiche ober- und unterirdischer Gottheiten sind hier aber nicht ganz ausgeschaltet, jedoch so stark in den Hintergrund gerückt, dass sie teilweise nicht vollkommen motiviert erscheinen ¹) und wie Rudimente aus einer vergangenen Entwicklungsphase anmuten. Das theistische Moment spielt in dem kosmographischen Dualismus dieser beiden Systeme also sozusagen keine Rolle. Anderseits lehrt das brāhmaṇische System aber auch das Vorhandensein von Höllen, zeigt hierdurch also auch den Einfluss des moralischen Momentes; diese stehen aber nicht wie die Pātāla im Gegensatz zu den Himmelsregionen, vielmehr wird ihre Lage im Kosmos nicht scharf fixiert ²), und hinsichtlich ihrer Anzahl herrschen in den Texten solche Differenzen, dass sie fast als ein sekundäres Element dieses Systems erscheinen ³). Hieraus ergibt sich nun, dass das theistische Moment im kosmographischen Dualismus das ältere und ursprünglichere und das moralische Moment erst später eingedrungen und zur Herrschaft gelangt ist, mit anderen Worten, dass Ober- und Unterwelt ursprünglich nur als die gegensätzlichen Reiche der hellen und dunklen Götter galten und dann erst später bei steigendem Kulturniveau auch als die jenseitigen Bestimmungsorte für Gute und Böse angesehen wurden.

c6.s1.128

⁸ S. 143 ff.

c6.s1.129

¹ S. 187, 198 f.. 262 ff.

c6.s1.130

² S. 121, 147, 169.

c6.s1.131

³ S. 147 ff.

c6.s1.132

Aus dem bisher Gesagten lässt sich das unseren drei kosmographischen Systemen zu Grunde liegende gemeinsame Urbild etwa folgendermassen kurz skizzieren. Das beherrschende Element desselben ist die Kugelform, und dieses lässt sich selbst noch aus den jüngeren von der Spekulation stark verunstalteten Phasen des Weltbildes deutlich erkennen. Die Erde gilt als eine einheitliche Scheibe, die vom Weltozeane rings umflossen wird. Über beiden wölbt sich die lichte Halbkugel des Himmels, die nach unten hin von einer dunkeln komplementären Halbkugel ergänzt werden soll. Beide gelten zuerst als Reiche gegensätzlicher Götterklassen, werden dann aber auch als die jenseitigen Bestimmungsorte für Gute und Böse angenommen.

c6.s1.133

Unsere Untersuchung hat sich jetzt weiterhin mit den Ideen zu beschäftigen, die dieses theoretisch erschlossene ursprünglich einfache und natürliche indische Weltbild so erweitert und verändert haben, wie es uns in seinen historischen Formen vorliegt. Es lässt sich zur Zeit nun noch nicht feststellen, ob sich in der Praxis eine Idee gegenüber einer andern chronologisch früher oder später durchgesetzt und das Weltbild beeinflusst hat. Zur Beantwortung dieser Frage reichen die uns überkommenen Nachrichten besonders die der älteren Zeit nicht immer aus; denn es werden in den Texten meist fast nur die fertigen Systeme gelehrt oder doch irgendwie vorausgesetzt; sodann fehlen uns die Zwischenglieder, die literarischen Niederschläge der einzelnen Entwicklungsphasen unserer Systeme, fast vollständig; und endlich wird man die einzelnen Ideen hinsichtlich ihres historischen Auftretens auch nicht immer chronologisch scharf gegeneinander abgrenzen dürfen, sondern muss es wohl der vergleichenden Kosmographie der Völker überlassen, in dieser Hinsicht orientierende Richtlinien aufzustellen. Infolgedessen kann es sich hier also auch nur darum handeln, die diesbezüglichen charakteristischen Hauptideen mehr in ihrer logischen Reihenfolge abzuhandeln, ohne auf die eventuelle Chronologie ihres Auftretens besondere Rücksicht zu nehmen.

c6.s1.134

Die erste wesentliche Erweiterung und Veränderung des ursprünglichen Erdbildes erfolgte durch die Einführung der Idee des zentralen Erde beherrschenden Weltberges. Wie schon in unseren Eingangsbemerkungen dargelegt wurde, muss die Entstehung dieser Idee auf eine gewisse astronomische Orientierung des Weltalls zurückgeführt werden, die den Polarstern als den Zentralangelpunkt des Weltalls betrachtete und die Verbindung desselben mit dem Mittelpunkte der Erdscheibe als die senkrecht stehende Weltachse annahm ¹), die die Himmelskörper in engeren oder weiteren Kreisbahnen umwandern sollen. Logisch hätte diese Orientierung nun eigentlich zu der Vorstellung führen müssen, dass die Erde nach Norden hin gewölbt sei, und dann wären, wie schon bemerkt, an dem Südrande dieser Wölbung die Wohnsitze der Beobachter zu suchen gewesen, um die grössere oder geringere Neigung des Poles nach dem nördlichen Horizonte hin erklären zu können, jedoch führte der Augenschein der flachen Erdscheibe jedenfalls zu der phantastischen Idee dieses gewaltigen Zentralgebirges. Die Annahme liegt nun nahe, dass man bei der Schöpfung dieser Idee zuerst von einem wirklich vorhandenen nördlich gelegenen durch seine Masse besonders auffallenden Gebirge ausging, wie es z. B. für die Griechen der Olymp ²) und für die Inder der Himālaya war, und tatsächlich scheint es so, als ob uns der buddhistische Pāli-Kanon an einer Stelle noch eine Reminiszenz aus dieser Zeit herübergerettet habe. Die Stelle, die sich Aṅguttara-Nikāya 3 S. 240 ³) vorfindet, ist bereits oben mitgeteilt worden, als davon die Rede war, dass die Erde ursprünglich als eine einheitlich zusammenhängende Scheibe vorgestellt wurde. Erweckt dieselbe in ihrer einfachen und klaren Fassung nun schon unbedingt den Eindruck, dass ihr die Vorstellung von einer einheitlichen Erdscheibe mit dem Himavat als Mittelstück zu Grunde liegt, so erhält diese Annahme gewissermassen eine Bestätigung durch die Tatsache, dass sie sich sozusagen wörtlich in dem jüngeren Mahāvastu 2 S. 136 f. wiederfindet, nur mit dem Unterschiede, dass der Himavat hier durch den mythischen Weltberg „Sumeru“ ersetzt worden ist ⁴). Diese auffallende Textvariante führt nun zu der Annahme, dass der Verfasser oder Kompilator des Mahāvastu unsere Stelle genau in demselben Sinne aufgefasst, den Himavat aber mit Absicht durch den „Sumeru“ ersetzt hat, um hierdurch den veränderten kosmographischen Anschauungen seiner Zeit Rechnung zu tragen. In allen drei kosmographischen Systemen ist dieser mythische Weltberg bekannt unter dem Namen „Meru“ ⁵).

c6.s1.135

¹ S. 128 ff.

c6.s1.136

² S. z. B. Ilias VIII. 12 ff.

c6.s1.137

³ S. 182.

c6.s1.138

⁴ S. 182.

c6.s1.139

⁵ S. 93 ff., 182 ff., 229 ff.

c6.s1.140.1

Bezüglich der Haupteigenschaften des Meru stimmen die drei Systeme im grossen und ganzen überein. In allen gilt er als das höchste Gebirge, das sich in der Mitte der Erdscheibe erhebt und gewissermassen das ganze Weltall beherrscht. Genau über demselben — nur die Jaina weichen hierin ab ⁶) — steht der Polarstern, und die Himmelskörper umwandeln ihn in engeren und weiteren Kreisbahnen ⁷). Brāhmaṇismus und Buddhismus geben als die Höhe des Teiles, der über den Erdboden hinausragt, übereinstimmend die durch sieben teilbare Zahl 84 000 Yojana an ⁸), und selbst der Jainismus, der für seinen Zentral- oder Haupt-Meru in Jambūdvīpa, soweit er über den Erdboden emporragt, vielleicht aus einem anderen Grunde die durch drei teilbare Zahl 99 000 Yojana annimmt ⁹), stimmt dennoch hinsichtlich der vier sekundären Meru's, die je auf der Ost- und Westhälfte der beiden Ringkontinente Dhātakīkhaṇḍa und Puṣkarārdha liegen sollen ¹⁰), mit der erstgenannten Zahl ebenfalls überein. Anderseits geben Brāhmaṇismus und Jainismus wiederum für die Gesamtlängen der ober- und unterirdischen Teile des Meru — nach dem Brāhmaṇismus hat der unterirdische Teil desselben eine Höhe von 16 000 ¹¹), nach dem Jainismus nur eine solche von 1000 Yojana ¹²) — übereinstimmend die Zahl 100 000 Yojana an, während nach der Lehre des Buddhismus der unterirdische Teil des Meru hinsichtlich seiner Form und seinen Dimensionen genau dem oberirdischen entsprechen soll ¹).

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