Die Kosmographie der Inder nach den Quellen dargestellt c6.s1.27
Die Kosmographie der Inder nach den Quellen dargestellt c6.s1.27
- Language
- German
c6.s1.27
Ganz anders ist die Form, die die jainistische Spekulation dem Weltall zuschreibt. Nach der übereinstimmenden Lehre aller einschlägigen Jaina-Werke soll dasselbe einem Menschen gleichen, in dessen Hüftgegend die Erde mit ihren Kontinenten und Meeren liegt, dessen Oberkörper die verschiedenen Stockwerke des Himmels umfasst und dessen Unterkörper, bis zu den Füssen mit einem weitem Gewande bekleidet, die Unterweltsräume darstellt, die bei zunehmender Tiefe in horizontaler Richtung an Ausdehnung zunehmen sollen ⁴). Oder man vergleicht das Weltgebäude mit einer gewaltigen Spindel, die auf der Hälfte einer zweiten grösseren Spindel ruht, oder mit drei verschieden grossen Schalen. Zwei gleichgrosse, mit ihren Öffnungen gegen einander gelegt, stellen die Oberwelt dar, und die Berührungsfläche der umgekehrten dritten Schale, die ersteren an Umfang und Höhe übertrifft und die Unterwelt vorstellen soll, veranschaulicht die Lage des Erdkreises im Weltall ⁵). Dieses sonderlich geformte Weltgebäude hat von der Basis bis zur Spitze eine Höhe von 14 Rajju ⁶). Die Erde liegt in einer Höhe von 7 Rajju von der Basis aus, also genau in der Mitte des Weltgebäudes. Länge und Breite desselben beträgt an der Basis 7 Rajju, in der Erdgegend 1 Rajju, in der Mitte der Oberwelt, also an der Stelle, wo sich nach unseren oben angeführten Vergleichen die beiden oberen Schalen mit ihren Öffnungen berühren oder die Mitte der oberen Spindel liegt, 5 Rajju und an der Spitze wieder 1 Rajju ⁷). Ab- und Zunahme ist aber keine stetige, sondern nur eine stufenweise, in Höhe von Rajju zu Rajju. Von dieser Anschauung der Śvetāmbara weichen die Digambara insofern ab, als sie eine stetige Ab- und Zunahme nur für die Richtung von Osten nach Westen lehren, dagegen soll für die Richtung von Norden nach Süden die Breite stetig 7 Rajju betragen ⁸). Dass diese Lehre von der äusseren Gestalt des Weltgebäudes nicht auf natürlicher Anschauung beruhen kann, sondern nur das Produkt einer phantastischen Spekulation ist, ist evident. Um aber zeigen, dass das System des Jainismus, das, wie schon oben bemerkt, so mancherlei Spuren seiner einzelnen Entwicklungsphasen bewahrt hat, auch noch solche einer ursprünglichen Vorstellung von der Kugel enthält, müssen wir weiter zurückgreifen und hier näher auf die Lehre von der inneren Struktur des Weltalls eingehen.