Die Kosmographie der Inder nach den Quellen dargestellt c7.s2.t40: A. Die Pātāla
Die Kosmographie der Inder nach den Quellen dargestellt c7.s2.t40
- Language
- German
A. Die Pātāla
c7.s2.t40.1
(Agnip.: 120. 1 ff., Bhāgavatap. V. 24. 7 ff., Bhavisyap.: I. 126. 14. 15 (I) II. 2. 16 ff. (II), Brahmāṇḍap. Pū. Bhā: 20. 10 ff., Brahmap.: 21. 1 ff., Devībhāgavatap. VIII. 18. 15 ff., Garuḍap.: 57. 1 ff., Kūrmap.: 44., Liṅgap.: 45. 9 ff., Śivap. Dharmas. 31. 11 ff., Vāyup. 50. 9 ff., Viṣṇup. II. 5. 2 ff., Skandap., Sahyādrikhaṇḍa Adh. 4., Yogasiddhāntac. S. 126, Vyāsabhāṣya zum Yogasūtra S. 149, Aruṇa-upaniṣad in: Ind. Stud. 2 S. 178).
c7.s2.t40.2
Das Weltei wird durch die Erde mit ihren Kontinenten und Meeren in zwei Teile geteilt. In dem unteren Teile befinden sich zunächst die sieben Pātāla. Das Wort Pātāla steht wahrscheinlich im Zusammenhang mit Pāta, „Sturz, Fall“ (s. P. W.) und bezeichnet die sieben unterirdischen Welträume, die mit märchenhafter Pracht ausgestattet und von Dämonen bewohnt sein sollen. Diese unterirdischen Welträume werden als ein Etagenbau mit sieben Stockwerken vorgestellt, die durch 1000 Yojana dicke Böden (bhūmi) voneinander getrennt sind.
c7.s2.t40.3
Die Höhe eines zugehörigen Hohlraums beträgt 9000 Yojana, die Gesamthöhe dieser Unterwelten also 70 000 Yojana. Die einzelnen Böden sind von verschiedener Farbe resp. aus verschiedenen Metallen.
c7.s2.t40.4
Die Angaben der Texte über die Namen variieren, die über die Farben der Böden stimmen aber fast durchweg überein. Das Bhāgavatap. und Devībhāgavatap., die Aruṇopaniṣad und das Vyāsabhāṣya haben keine Farbenangaben.
c7.s2.t40.5
| Agnip., Garuḍap., Śivap., Viṣṇup. | | Brahmāṇḍap.¹), Vāyup. | |
| Namen | Farben | Namen | Farben |
| Atala (Śivap.: Su⁰) | kṛṣṇa (schwarz) | Atala (Brahm.: Tatvala) | kṛṣṇa (schwarz) |
| Vitala | śukla (weiss) | Sutala | pāṇḍu (weiss) |
| Nitala | aruṇa (rötlich) | Vitala (Brahm.: Talātala) | rakta (rot) (Brahm.: Ni- |
| Gabhastimat | pīta (gelb) | Gabhastala (Brahm.: Atala) | pīta (gelb) [lamṛttika) |
| Mahā(tala) | śarkara (kieselig) | Mahātala (Brahm.: Tala) | śarkara (kieselig) |
| Sutala | śaila (steinern) | Śritala (Brahm.: Rasātala) | śilamaya (steinern) ²) |
| Pātāla (Śivap.: Rasātala) | kāñcana (golden) | Pātāla | sauvarṇa (golden) |
c7.s2.t40.6
¹ Das Brahmāṇḍap. stimmt in der Aufzählung kaum mit dem Vāyup. überein; die nähere Schilderung der Pātāla ist in beiden aber fast wörtlich übereinstimmend. Man kann deshalb die abweichenden Namen des Brahmāṇḍap. als schlechte Lesarten annehmen. Darum erwähne ich dieselben weiter unten nicht mehr.
c7.s2.t40.7
² śilā bedeutet nach Garbe: Die indischen Mineralien, Leipzig 1882 S. 44, „roter Arsenik“.
c7.s2.t40.8
| Bhaviṣyap. (II), Brahmṇap., Kūrmap., Liṅgap. |
| Namen | Farben |
| Tala (Brahmap.: Atala) | sitetara (schwarz) (Brahmap.: kṛṣṇa) |
| Vitala (Liṅgap.: Atala) | sita (weiss) (Brahmap.: śukla) |
| Nitala (Liṅgap.: Vitala) | vidrumaprabha (korallenfarben) (Brah- |
| Sutala | pīta (gelb) [map.: aruṇa) |
| Talātala | śārkara (kieselig) |
| Rasātala | śaila (steinern) |
| Mahātala (Brahmap.: Pātāla) | hema (golden) (Brahmap.: kāñcana) |
c7.s2.t40.9
| Bhaviṣyap. (I) | Bhāgavatap., Devībhāgavatap., Skandap.³), Yogas. | Vyāsabhāṣya | Aruṇopaniṣad |
| Tala | Atala | Pātāla | Tala |
| Sutala | Vitala | Talātala | Pātāla |
| Pātāla | Sutala | Vitala | Nitala |
c7.s2.t40.10
³ s. Aufrecht: Catalogus cod. Sanscrit. Bibl. Bodleianae. Oxonii 1864. S. 74a.
c7.s2.t40.11
| Bhaviṣyap. (I.) | Bhāgavatap., Devībhāgavatap., Skandap., Yoyas. | Vyāsabhāṣya | Aruṇopaniṣad |
| Talātala | Talātala | Sutala | Vitala |
| Ātala | Mahātala | Atala | Sutala |
| Vitala | Rasātala | Rasātala | Rasātala |
| Rasātala | Pātāla | Mahātala | Mahātala |
c7.s2.t40.12
Nach Rāmāyaṇa I. 39. 21 und Mahābhārata V. 3602 ist Rasātala die unterste Abteilung.
c7.s2.t40.13
Das Agni-, Brahma-, Garuḍa-, Śiva- und Viṣṇup. geben nur eine allgemeine Beschreibung der Pātāla. In ihnen liegen wundervolle Paläste, die von Dānava, Daitya, Yakṣa und Nāga bewohnt werden. Nārada, der diese unterirdischen Räume einmal besucht hatte, gab in der Versammlung der Götter eine Schilderung derselben und sagte, dass die Paläste hier prächtiger seien wie im Himmel, dass sie Ergötzen erzeugten und glänzende Edelsteine und die Schmucksachen der Nāga enthielten. Hier dienen Götter- und Dānava-Mädchen dem Sinnengenuss. Die Sonnenstrahlen erzeugen hier Licht, aber keine Hitze, und die Mondstrahlen leuchten, ohne Kälte zu erzeugen. Liebliche Wälder, Flüsse, Seen mit Lotusgruppen, das Singen der Kokila und anderer Vögel, reizende Kleider mit Schmucksachen, duftende Salben, die Töne der verschiedenen Musikinstrumente, (vīṇā, veṇu, mṛdaṅga u. a.) bereiten den Bewohnern dieser Räume Genuss, und selbst ein Erlöster würde hier noch Freude empfinden.
c7.s2.t40.14
Das Bhaviṣya-, Kūrma-, Liṅga- und Vāyup. sind in der Schilderung der einzelnen Etagen vielfach übereinstimmend, doch ist die des Brahmāṇḍa- und Vāyup. die vollständigste.
c7.s2.t40.15
In dem ersten Tala (Boden), wie das Brahmāṇḍa- und Vāyup. diese unterirdischen Etagen nennen, in Tala resp. Atala (Vāyup.) ist der Palast des Asura-Fürsten Namuci und der des Mahānāda, die Stadt des Śaṅkukarṇa und der Palast des Kabandha, die Stadt des Niṣkulāda, voll von frohen Menschen, und die Wohnung des furchtbaren Rākṣasa Śūladanta. Hier liegen ferner die Städte des Lohitākṣa, Kaliṅga, Śvāpada, des Fürsten Dhanamjaya, des Nāga Kāliya und des Kauśika (Vāyup.: Kalasa). Ausserdem sind hier noch Tausende von Städten der Nāga, Dānava und Rākṣasa.
c7.s2.t40.16
In dem zweiten Tala (Brahmāṇḍa- und Vāyup.: Sutala, Bhaviṣya- und Kūrmap.: Vitala, Liṅgap.: Atala) liegt die Stadt des Rākṣasa Mahājambha (Liṅgap.: Mahākumbha) und die des Prathama (Vāyup. Bibl. Ind.: Pramatha), die Paläste des Hayagrīva, Kṛṣṇa, Nikumbha, die Städte des Śaṅkhākhyeya (Brahmāṇḍap.: Śaṅkhākhya), Gomukha, Nīla, Megha, Krathana (Brahmāṇḍap.: Kathana), Kukupāda (Var.: Kurupāda), Mahoṣṇīṣa, Kambala (Liṅgap.: Kambalāśva), des Nāga Aśvatara, Kadruputra und Takṣaka. Ausserdem sind hier wie im ersten Tala Tausende von Städten der Nāga, Dānava und Rākṣasa.
c7.s2.t40.17
In dem dritten Tala (Bhaviṣya- und Kūrmap.: Nitala, Liṅga- und Vāyup.: Vitala) liegen die Städte des Prahlāda (Liṅgap., Vāyup.: Prahrāda), Anuhlāda (Brahmāṇḍap.: Anuhrāda und Agnimukha), Tāraka (Kūrma- und Liṅgap.: Tārakāgni), Triśiras und Śiśumāra (das Brahmāṇḍap. fügt noch hinzu: die Städte des Tripura und des Daitya Jana), der Palast des Rākṣasa Cyavana, die Städte des Rākṣasa-Fürsten Kumbhila, des Khara, Virādha, Krūra, Ulkāmukha, des Nāga Hemaka, des Pāṇḍuraka, Maṇimantra, (Brahmāṇḍap.: Maṇināga) und die Paläste des Kapila, des Schlangenfürsten Nanda (Brahmāṇḍap.: Nandaka) und des Viśāla (Brahmāṇḍap.: Viśālākṣa).
c7.s2.t40.18
In dem vierten Tala (Sutala resp. Vāyup.: Gabhastala) liegen die Städte des Daitya-Fürsten Kālanemi, Gajakarṇa, Kuñjara, der Rākṣasa-Fürsten Sumāli, die Wohnung des Weltherrschers Muñja, die des Vṛkavaktra, die viele Tausende von Yojana gross und mit vielen Vögeln angefüllt ist, und die Stadt des Vainateya (Brahmāṇḍap.: ºtaya).
c7.s2.t40.19
In dem fünften Tala (Talātala resp. Vāyup.: Mahātala) liegen die Stadt des Daitya-Fürsten Virocana, die Wohnungen des Vaidūrya (Brahmāṇḍap.: Vaidyuta), Agnijihva und Hiraṇyākṣa, die Städte der Rākṣasa Vidyujihva, Mahāmegha, des Karmāra (Brahmāṇḍap.: Kirmīra), Svastika und Jaya.
c7.s2.t40.20
In dem sechsten Tala (Rasātala resp. Vāyup.: Śrītala) liegen die Städte des Daitya-Fürsten Kesarin, des Muparvan (Vāyup.: Suº), Suloman (Vāyup.: Puº), Mahīṣa, des Rākṣasa-Fürsten Utkrośa. Hier wohnen auch Śataśīrṣin, der Sohn der Surasā und der Schlangenfürst Vāsuki, der Sohn des Kaśyapa. Das Kūrmapurāṇa erwähnt ausser den Namen Virocana, Hiraṇyākṣa noch Tāraka (Liṅgap.: Naraka).
c7.s2.t40.21
In dem siebten untersten Tala (Mahātala resp. Brahmāṇḍa- und Vāyup.: Pātāla) liegt die Stadt des Bali (Vali), voll von Männern und Frauen, von Asura und Giftschlangen, den Feinden der Götter. Hier ist auch die grosse Stadt des Daitya Mucukunda. Dieser Tala ist voll von vielen berühmten Städten der Daitya, Nāga, Dānava und Rākṣasa.
c7.s2.t40.22
Beschreibung der Pātāla nach dem Bhāgavata- und Devībhāgavata-purāṇa und der Yogasiddhāntacandrikā. Etwas abweichend ist die Schilderung des Bhāgavata- und Devībhāgavata- und der Yogasiddhāntacandrikā. In Atala residiert der Asura Bala, ein Sohn des Maya. Dieser besitzt die 96 Zauberkräfte, die noch heute die Magier besitzen. Wenn er gähnt, gehen aus seinem Munde drei Scharen von Frauen hervor, die ehebrecherischen, die liebesüchtigen und die ausschweifenden. Diese erhöhen die Kräfte des Menschen, der in ihre unterirdische Wohnung eingetreten ist, vermittelst des Hāṭaka-Giftes und überschütten ihn dann mit ihren Liebesbezeugungen. Hat jemand dieses Gift genossen, so glaubt er in seiner Verblendung die Kräfte von zehntausend grossen Elefanten zu besitzen und hält sich für Īśvara.
c7.s2.t40.23
In Vitāla wohnt, begleitet von der Schar der Bhūta, Hara mit dem Beinamen Hāṭakeśvara, in der Gestalt des Bhava, mit der Bhavānī vereint, um die Schöpfung des Prajāpati zu beglücken. Von der fruchtbaren Energie der beiden Gottheiten hervorgebracht, geht aus ihm der hervorragendste der Flüsse, Hāṭakī hervor. Durch den Wind angefacht, trinkt das Feuer das Wasser. Der Auswurf des Gottes ist das Gold, Hāṭaka genannt, mit dem sich die Männer und Frauen in den Palästen der Asura-Fürsten schmücken.
c7.s2.t40.24
In Sutala herrscht Bali, der Sohn des Virocana, den einst Viṣṇu als der zwerghafte Brāhmaṇe Vāmana aus den drei von ihm beschlagnahmten Welten vertrieb, um den Mahendra zu befriedigen. Aus Mitleid setzte der Erhabene ihn in diese Gegend wieder ein, wo er ein dem Indra und den übrigen Göttern unbekanntes Glück geniesst und durch Pflichterfüllung den Erhabenen verehrt. Seine Macht ist das Werk der Māyā, deren Wirkung es ist, den Menschen die Erinnerung an ihren Geist zu rauben.
c7.s2.t40.25
In Talātala fand der Fürst der Dānava Maya, der König von Tripura, seine Zuflucht, als er seine drei Städte von dem Erhabenen, der die Herrschaft über die Dreiwelt zu erhalten wünschte, verbrannt sah. Hier wohnt der Herr der Magier ohne Furcht vor dem Sudarśana (d. i. Viṣṇu's Diskus).
c7.s2.t40.26
In Mahātala wohnt die Schar der vielköpfigen Schlangen, der Söhne der Kadrū, mit Namen Krodhavaśa. Die vornehmsten unter ihnen sind Kuhaka, Takṣaka, Kālīya, Suveṇa usw. Sie leben inmitten ihrer Frauen, Kinder, Freunde und ihres Hausstandes, beständig in Furcht vor dem König der Vögel, dem Reittier des Viṣṇu (d. i. der Garuḍa), bisweilen aber ohne Besorgnis.
c7.s2.t40.27
In Rasātala wohnen die Daitya, Dānava und Paṇi mit Namen Nivātakavaca, Kāleya und Hiraṇyapuravāsin, die Feinde der Götter, die durch ihre Geburt grosse Kraft und Macht besitzen, denen aber der Glanz Hari’s den Stolz geraubt hat. Sie fürchten sich vor Indra bei dem Bellen der Saramā, der Botenhündin desselben, das den Mantra ähnlich ist.
c7.s2.t40.28
In Pātāla wohnen die Fürsten der Schlangenwelt, Śaṅkha, Kulika, Mahāśaṅkha, Śveta, Dhanamjaya, Dhṛtarāṣṭra, Śaṅkhacūḍa, Kambala, Aśvatara, Devadatta und andere, deren Führer Vāsuki ist, alle voll von gewaltigem Zorn. Die grossen leuchtenden Edelsteine in den Hauben dieser Schlangen, die 5, 7, 10, 100 oder gar 1000 Köpfe haben, zerstreuen durch ihren Glanz die Finsternis, die die Regionen dieser unterirdischen Sphäre erfüllt.
c7.s2.t40.29
Die Pātāla spielen sonst in manchen mythologischen Erzählungen der brāhmaṇischen Literatur eine grosse Rolle, deren Ausführung jedoch über den Rahmen dieser Ausführungen hinausgeht.
c7.s2.t40.30
Aus dem Gesagten ergibt sich also, dass die Pātāla keine Höllenregionen sind, wie Thibaut S. 21 seiner „Astronomie“ (Grundriss der indoarischen Philologie und Altertumskunde) bemerkt, sondern die Unterweltsräume der Märchenliteratur repräsentieren.
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