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Die Kosmographie der Inder nach den Quellen dargestellt c7.s2.t50: 5. Kapitel. Die Kosmographie nach den mittelalterlichen astronomischen Lehrbüchern

Die Kosmographie der Inder nach den Quellen dargestellt c7.s2.t50

Language
German

5. Kapitel. Die Kosmographie nach den mittelalterlichen astronomischen Lehrbüchern

c7.s2.t50.2

(Varāha Mihira: Pañcasiddhāntika ed. by G. Thibaut. Benares 1889, 13. 1 ff., 15. 3 ff., Bhāskara: Siddhāntaśiromaṇi ed. by L. Wilkinson, Calcutta 1842 S. 15—21; Sūryasiddhānta ed. by F. E. Hall, Calcutta 1859 [Bibl. Ind.], transl. by Whitney in: Journal of the American Oriental Society Vol. VI [1860], Cap. XII. 29 ff.)

c7.s2.t50.3

Die Welt oder das Brahma-Ei ist ein gewaltiger kugelförmiger Hohlraum mit einem Umfange von 18 712 080 864 000 000 Yojana, in dessen Zentrum die Erdkugel (bhūgola) sich befindet, die aus den fünf groben Elementen besteht. Sie wird rings von der Sternensphäre umgeben. Die Erdachse fällt mit der Weltachse, die senkrecht im Raume steht, zusammen.

c7.s2.t50.4

Der Umfang der Erde beträgt 3200 Yojana; es entsprechen mithin 8 8/9 Yojana einem Grad und 800 Yojana einem Erdquadranten.

c7.s2.t50.5

In der Mitte der Erdkugel liegen sieben Höhlen (Pātāla), die die Wohnungen der Nāga und Asura bilden, Sinnengenüsse mannigfacher Art bieten und durch die Edelsteine in den Schlangenhauben der Nāga erhellt werden; ferner liegen auch hier die Höllenregionen (naraka).

c7.s2.t50.6

Am Nordpol der Erdkugel, der zugleich auch der höchste Punkt derselben bildet, liegt der mythische Weltberg Meru, der sich nach dem Sūryasiddhānta durch die Erdkugel hindurch nach unten fortsetzt, oben von den Göttern und unten von den Dämonen als deren Antipoden bewohnt wird. Nach dem Siddhāntaśiromaṇi liegt dem Meru gegenüber der Vaḍavānala (das Höllenfeuer).

c7.s2.t50.7

Die obere Erdhälfte. Die obere Hälfte der Erdkugel nimmt der Jambūdvīpa ein, dessen Umfang also zugleich den Erdäquator bildet. Auf diesem liegen an den vier Hauptpunkten der Windrose die vier berühmten Städte Yamakoṭi im Osten, Laṅkā im Süden, Romaka oder Romapattana im Westen und Siddha oder Siddhapura im Norden, Punkte, die also untereinander und von den beiden Polen der Erdachse, dem Meru oben und unten resp. dem Vaḍavānala um ein Viertel des Erdumfanges entfernt sind. Nur Bhāskara’s Siddhāntaśiromaṇi gibt eine nähere Beschreibung der Erdkugel, die in mancher Beziehung die Kosmographie der Purāṇa in wenig veränderter Form darbietet. Diesem Texte ist folgende kurze Schilderung entnommen.

c7.s2.t50.8

Die untere Erdhälfte. Da der Jambūdvīpa die ganze obere Hälfte der Erdkugel einnimmt, verbleibt für die in den Purāṇa genannten sieben Ring-Meere und sechs Ring-Kontinente zusammen nur die untere Hälfte derselben. In der Reihenfolge von oben nach unten sind die Namen dieser Kontinente und Meere folgende:

c7.s2.t50.9

| Kontinente | Meere |
| Jambūdvīpa | Lavaṇa oder Kṣāra |
| Śāka | Dugdhasindhu |
| Śalmala | Dadhi |
| Kuśa | Ghṛta |
| Krauñca | Ikṣurasa |
| Gomeda | Madya |
| Puṣkara | Svādūdaka |

c7.s2.t50.10

Geographische Einteilung des Jambūdvīpa. Jambūdvīpa wird durch sechs parallele Gebirgsstreifen (varṣaparvata) in sieben Zonen (varṣa) eingeteilt. Ähnlich wie nach der Schilderung der Purāṇa zerfällt der mittelste über den höchsten Punkt der Erde laufende Landstreifen durch zwei die angrenzenden Gebirge verbindende parallele Gebirgszüge in drei Teile. Die Namen der Länder und Gebirge sind in der Reihenfolge von Süden nach Norden folgende:

c7.s2.t50.11

| Länder | Gebirge |
| Bhārata | Himagiri |
| Kinnara | Hemakūṭa |
| Harivarṣa | Niṣadha |
| Bhadrāśva (Osten) | |
| Ilavṛta (Mitte) | |
| Ketumāla (Westen) | Nīla |
| Ramyaka | Śveta (Śukla) |
| Hiraṇmaya | Śṛṅgavat |
| Kuru | |

c7.s2.t50.12

Mit Ausnahme geringfügiger Varianten in der Benennung unterscheidet sich diese Einteilung des Jambūdvīpa von der der Purāṇa nur dadurch, dass die Landstreifen und Gebirge hier keine ebenen, sondern sphärische Figuren bilden.

c7.s2.t50.13

Der Meru, in der Mitte des Jambūdvīpa am Nordpol der Erde gelegen, besteht aus Gold und Edelsteinen und ist die Wohnung der Götter. Er hat drei Spitzen, auf denen die Städte des Viṣṇu (Murāri), Brahma und Śiva (Purāri) gelegen sind. Unterhalb derselben liegen die acht Städte der in den Purāṇa genannten Welthüter. Den Meru stützen an den vier Kardinalpunkten vier gewaltige Felsen: Mandara, Sugandha, Vipula und Snpārśva, auf denen die vier Weltbäume Kadamba, Jambū, Vaṭa und Pippala stehen. Wie in den Purāṇa wird der Name des Kontinents vom Jambū-Baum abgeleitet und dieselbe Angabe über den Jambū-Fluss und das Jāmbūnada-Gold gemacht. Ferner liegen auf den vier Seitengebirgen des Meru die vier Haine Caitraratha, Nandana, Dhṛti und Vaibhrāja und die vier Seen Aruṇoda, Mānasa, Mahāhrada und Śvetoda.

c7.s2.t50.14

Die Gaṅgā, die aus dem Fuss des Viṣṇu entspringt, teilt sich auf dem Meru in vier Teile und stürzt auf die Seitengebirge desselben hinab. Der östliche Strom Sītā fliesst nach Bhadrāśva, die Alakanandā nach Bhārata, Cakṣu nach Ketumāla und die Bhadrā nach Norden zu den Kuru.

c7.s2.t50.15

Bhārata zerfällt in die neun Teile (khaṇḍa): Aindra, Kaseruśakala, Tāmraparṇa, Gabhastimat, Kumārika, Nāga, Sāmya, Vāruṇa und Gāndharva. Die Einteilung in Kasten existiert nur in Kumārika, in den übrigen Teilen wohnen nur Śūdra (antyajajanāni). Die sieben Hauptgebirge Bhārata’s sind: Śakti, Malaya, Rkṣa, Pāriyātra, Sahya und Vindhya.

c7.s2.t50.16

In gewaltigen Kreisbahnen, die nach aussen hin immer grösser werden, bewegen sich die Planeten und Sterne um die Erde. Der Mond ist der nächste Planet, und seine Kreisbahn hat eine Länge von 324000 Yojana. Dann folgt der Merkur mit einer Bahn von 1043209 Yojana Länge. Die Bahn der Venus beträgt 2664637 Yojana. Die Sonne durchläuft eine Bahn von 4331500 Yojana, der Mars eine solche von 8146909 Yojana, der Jupiter eine von 51375764 Yojana, und endlich misst die Bahn des Saturn 127668255 Yojana. Der Kreis der Gestirne, der an den beiden Polarsterne, die genau über dem Meru im Norden und Süden (eigentlich oben und unten) im Himmelsraum stehen, befestigt ist, bewegt sich in einer Kreisbahn, die das Sechzigfache der Sonnenbahn beträgt, also eine Länge von 259890012 Yojana hat, über allen Planeten rund um die Erde. Den im Anfang angegebenen Umfang des Weltalls oder Brahma-Eies erhält man, wenn man die Kreisbahn des Mondes mit der Anzahl der festgestellten Umläufe des Mondes innerhalb eines Kalpa multipliziert. Soweit reichen die Strahlen der Sonne¹).

c7.s2.t50.17

¹ Sūryasiddhānta XII. 80 f.

c7.s2.t50.18

Den Durchmesser der Bahn eines Planeten erhält man, wenn man die Kreisbahn desselben mit dem Erddurchmesser multipliziert und dieses Produkt durch den Erdumfang dividiert, und den Abstand desselben von der Erde, wenn dieses Ergebnis um den Erddurchmesser vermindert und die Differenz halbiert. Die Kreisbahn des Planeten erhält man, wenn man den Umfang des Brahma-Eies durch die Zahl seiner Umläufe innerhalb eines Kalpa dividiert. Dividiert man nun weiterhin diese Zahl durch die Anzahl der irdischen Tage, so ist das Resultat die tägliche Ostwärtsbewegung des Planeten. Wenn man dann die Anzahl der Yojana der täglichen Bewegung des Planeten mit der Kreisbahn des Mondes multipliziert und dieses Produkt durch die eigene Kreisbahn des Planeten dividiert, so ist der fünfzehnte Teil des Resultates seine tägliche Bewegung in Minuten²).

c7.s2.t50.19

² Sūryasiddhānta XII. 82 ff.

c7.s2.t50.20

Die Bewegung der Himmelskörper im allgemeinen. Die Himmelskörper bewegen sich um die Erde herum; der Einwurf, dass sich die Erde bewege und nicht die Sphäre, sucht man durch die Scheingründe zu entkräften, dass dann die Vögel nicht wieder zu ihren Nestern zurückkehren könnten und die Flaggen usw. infolge der beständigen Rotation der Erde stets nach Westen zeigen müssten. Die Schnelligkeit der Bewegung ist bei allen Planeten die gleiche, und daher kommt es, dass ein Planet mit einer kleinen Bahn (z. B. der Mond) diese in viel kürzerer Zeit durchläuft wie ein Planet mit einer grossen Bahn (z. B. der Saturn). Die Bewegung der Himmelskörper geschieht durch die pravaha-Winde, die dieselben ewig vorwärtstreiben.

c7.s2.t50.21

Die Orientierung der Himmelskörper im Weltraume mit Rücksicht auf verschiedene Erdorte Die Bewohner der Stadt Laṅkā oder anderer auf dem Äquator liegender Orte sehen die Polarsterne im Norden und Süden am Horizont; diese Städte haben also keine Polhöhe (akṣomati) und Breite (nirakṣa). Für diese bewegt sich die Sphäre über ihren Köpfen weg, stets in westlicher Richtung. Für die Götter, die am Nordpol auf dem Meru wohnen, bewegt sich die Sphäre stets nach rechts und für die Asura, ihre Antipoden am Südpol, stets nach links. Geht nun jemand vom Äquator nach dem Meru, so tritt für ihn ständig eine Senkung des Gestirnkreises und eine Steigung des Nordpoles ein, bewegt er sich in der umgekehrten Richtung, so kann er das Gegenteil beobachten, nämlich eine Steigung des Sternkreises und eine Senkung des Nordpoles.

c7.s2.t50.22

Die tägliche Bewegung der Sonne um die Erde. Das Hauptinteresse beanspruchen Sonne und Mond. In 60 nāḍī (24 h.) bewegt sich die Sonne einmal um die Erde. Wenn sie den Bewohnern Bhadrāśva's über dem Kopfe steht, geht sie in Bhārata auf; zu gleicher Zeit ist in Ketumāla Mitternacht und in Kuru Sonnenuntergang. In der gleichen Weise werden bei verschobener Sonnenstellung in den übrigen Klimata die einzelnen Tageszeiten hervorgerufen.

c7.s2.t50.23

Die jährliche Bewegung der Sonne um die Erde. Steht die Sonne nun über dem Äquator, so dass die auf ihm liegenden Gegenstände keinen Schatten werfen, so ist die Zeit des Äquinoktiums; die Sonne erscheint sowohl den Göttern als auch den Dämonen am Horizont. Tritt sie nun in das Sternbild Aries, so wendet sie sich nach Norden; für die Bewohner der nördlichen Hemisphäre nimmt alsdann der Tag zu und die Nacht ab, in der südlichen herrschen die umgekehrten Lichtverhältnisse. Von jetzt an geht am Nordpol die Sonne nicht mehr unter, und die erste Hälfte des Göttertages, der ein halbes Jahr währt, hat begonnen, während in der Hemisphäre der Dämonen die Sonne nicht mehr aufgeht und damit die erste Hälfte der Nacht der Dämonen, die die gleiche Dauer hat, eingetreten ist. Die Bewegung der Sonne nach Norden dauert an, solange sich die Sonne durch die drei Sternbilder Aries, Taurus und Gemini bewegt. Während dieser Zeit sehen die Bewohner des Meru im Norden sie stets über dem Horizont, und sie steigt für dieselben immer höher, bis sie am Ende von Gemini eine Höhe von 24° über demselben erreicht hat. Zur gleichen Zeit sehen die Bewohner von Avanti die Sonne genau über ihrem Kopfe stehen, und die Sonnenstrahlen werfen hier und in den Orten gleicher Breite keinen Schatten mehr. Avanti liegt nämlich 213 1/3 Yojana nördlich vom Äquator. Da bei dem Erdumfang von 3200 Yojana 8 8/9 Yojana einen Grad ausmachen, so liegt folglich Avanti 24° nördlich vom Äquator, und dieser Stadt also der nördliche Wendekreis. In der gleichen Weise wie die Sonne nun nach Norden geht, muss sich ihr Lichtfeld — sie scheint ja nur stets eine Erdhälfte — ebenfalls nach Norden verschieben, und dieses muss deshalb, wenn sie im nördlichen Wendekreise steht, auch ebensoviel im Norden über den Meru hinausragen, wie es im Süden vom Pol zurückgetreten ist. Hat die Sonne nun das Ende von Gemini erreicht, so wendet sie sich beim Eintritt in das Sternbild Cancer wieder um und beginnt den Lauf nach Süden. In der nördlichen Hemisphäre nimmt nun der Tag wieder ab und die Nacht um das gleiche Stück wieder zu, bis die Sonne wieder über dem Äquator steht und Tag- und Nachtgleiche eingetreten ist. Während dieser Rückbewegung hat für die Bewohner des Meru die Sonnenhöhe täglich abgenommen, bis sie am Tage des Äquinoctiums nunmehr am Horizont erscheint, aber auch den Asura am Südpol wieder sichtbar wird. Mit diesem Tage beginnt die Nacht der Götter und der Tag der Dämonen. Die Sonne bewegt sich nun nach Süden bis zum 24. Breitegrad, genau der Nordbewegung entsprechend, und auch ihr Lichtfeld schiebt sich in der gleichen Weise im Norden vom Meru zurück und tritt um das gleiche Stück über den Südpol hinaus. Steht die Sonne im Sternbild Caper, so hat sie den 24. Breitegrad südlich vom Äquator erreicht, und für die nördliche Hemisphäre ist das Wintersolstiz eingetreten. Es ist Mitternacht für die Götter und Mittag für die Asura. Mit diesem Tage beginnt die Sonne wieder nach Norden zu wandern, die zweite Hälfte der Götternacht und des Dämonentages beginnt, bis sie wieder das Ende des Sternbildes Pisces erreicht und über dem Äquator steht, Tag und Nacht also wieder gleiche Länge haben.

c7.s2.t50.24

Die Orte, die auf dem gleichen Meridian liegen, haben zu gleicher Zeit Mittag und Mitternacht, da ja die Sonne für alle diese zu gleicher Zeit kulminiert.

c7.s2.t50.25

Der Mond ist beständig unter der Sonne. Die eine Hälfte desselben wird stets erleuchtet, während die andere Hälfte durch seinen eigenen Schatten verdunkelt wird, genau wie ein Krug, der im Sonnenlicht steht. Da er aus Wasser besteht, werden die Strahlen zurückgeworfen und die Nacht erhellt, genau wie ein Edelstein die Sonnenstrahlen reflektiert und einen dunklen Raum erleuchtet. Täglich wechselt er seine Stellung zur Sonne, und infolgedessen wächst sein (der Erde zugekehrter) erleuchteter Teil. Während der dunklen Monats-hälfte nimmt der erleuchtete Teil des Mondes ständig zu und während der hellen ist es umgekehrt.

c7.s2.t50.26

Die Väter, die auf dem Monde leben, sehen die Sonne nur während der einen Hälfte eines jeden Halbmonates, also im ganzen vierzehn Tage, während er sich auf jeder Seite durch drei Sternbilder bewegt. Für sie dauert also ein Tag einen halben Monat und eine Nacht ebensolange.

c7.s2.t50.27

Der Mond und seine Bewegung um die Erde.

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