Pramāṇa · Search · About · API

Das Ramayana: Geschichte und Inhalt nebst Concordanz der gedruckten Recensionen c5.s6.2

Das Rāmāyaṇa: Geschichte und Inhalt nebst Concordanz der gedruckten Recensionen c5.s6.2

Language
German

c5.s6.2

Jeder, der sich in das Epos und in die Kunstpoesie einigermassen eingelesen hat, kennt den grossen Unterschied im Charakter beider; aber es würde schwer fallen, denselben mit knappen Worten richtig zu bezeichnen. Sagen wir, dass der epische Dichter auf den Stoff, der Kunstdichter mehr auf die Form sieht, dass dem ersteren mehr, was er sagt, dem letzteren mehr, wie er es sagt, am Herzen liege, so ist das doch nur in den allgemeinsten Umrissen wahr ⁴). Der Kunstdichter verfügt allerdings über eine grosse Fülle von Kunstmitteln, die die Schönheit des Gedichts erhöhen (*alaṅkāra*); aber auch der epische Dichter ist nicht karg in der Anwendung des wichtigsten derselben, des Vergleiches in seinen verschiedenen Formen. Legen wir an das Râmâyaṇa den Massstab des deutschen Epos, so erscheint es sogar überreich an poetischem Schmucke. Die Inder haben denn auch nie die innere Verwandtschaft der Dichtkunst Vâlmîki’s mit der der späteren mahâkâvi verkannt, wie er denn von ihnen ja âdikavi genannt wird. Ich glaube in der That, dass die Kunstpoesie sich allmählich entwickelt hat im Anschluss an die Dichtkunst, die von den Vâlmîkiden ausgebildet wurde, wenn ich mit diesem, nach der Analogie von Homeriden gebildeten Namen diejenigen bezeichnen darf, die das Gedicht Vâlmîki’s ergänzt und vermehrt haben, bis es seine jetzige Gestalt erlangt hat. Zur Begründung meiner Ansicht will ich aus dem Râmâyaṇa, ohne Rücksicht auf die „Echtheit“ oder „Unechtheit“ der betreffenden Stücke, Erscheinungen anführen, die eine weiter fortgeschrittene Ausbildung der alankâra, eine unverkennbare Freude an ihnen beweisen, und die die Entwickelung des in den Kunstgedichten herrschenden Geschmackes in seinem Anfangstadium zeigen.