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Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c4.s2.4

Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c4.s2.4

Language
German

c4.s2.4

Die zwölfsylbige Verszeile unterscheidet sich von der elfsylbigen nur dadurch, dass sie eine Sylbe am Schluss mehr hat; statt der syllaba anceps, auf welche die letztere Zeile ausgeht, zeigt die erstere die Sylben ◡⁔. Im Uebrigen stimmen die vergleichsweise complicirten Verhältnisse der beiden Metra so durchaus überein, dass sie eine gemeinsame Darstellung zulassen und erfordern. Jedes der beiden zeigt zwei Hauptformen, je nachdem hinter der vierten oder der fünften Sylbe²) eine Cäsur eintritt. Der Bau des Verses ist hinsichtlich der Wahl langer oder kurzer Sylben nicht von der Stellung der Cäsur in der Weise unabhängig wie etwa der homerische Hexameter, wo eine in allen Fällen wesentlich gleiche Sylbenreihe bald durch die πενθημιμερής, bald durch die τομὴ κατὰ τρίτον τροχαῖον zerschnitten wird. In den vedischen Versformen, die uns hier beschäftigen, werden die characteristisch ausgeprägten metrischen Gebilde, welche hinter der nach der vierten Sylbe stehenden Cäsur zu erscheinen pflegen, von der auf die fünfte folgenden Cäsur nicht etwa geschnitten, sondern sie stehen, im Fall die letztere Cäsur erscheint, wieder hinter derselben, sind also in ihrer Stellung zum Anfang oder zum Ende der ganzen Verszeile um eine Sylbe verschoben. Dass vom Ursprung her zwei nur durch diese eigenthümliche Verschiebung unterschiedene Formen unabhängig neben einander gestanden haben sollten, wird man nicht für wahrscheinlich halten, und ebenso wird man, wenn man das Verhältniss der elfsylbigen und zwölfsylbigen Reihe erwägt, die eine aus der andern abzuleiten geneigt sein. Nach dem, was wir oben über die Beziehungen der vedischen Metrik zur avestischen bemerkt haben, wird es gerechtfertigt sein, wenn wir dem Zeugniss der letzteren darüber, welche der beiden Reihen und welche Stellung der Cäsur innerhalb der Reihe die ältere ist, entscheidendes Gewicht beimessen. Der Typus der durch die Cäsur an einer bestimmten Stelle geschnittenen Verszeile gehört der indoiranischen Zeit an; innerhalb des Avesta beherrscht er bekanntlich die Metrik der Gâthàs, während die den übrigen Avestatexten eigne achtsylbige Reihe ebenso wenig eine feste Cäsur besitzt wie die achtsylbige Reihe des Veda. Nun erwähnten wir bereits oben, dass unter den Gâthâ-Versmaassen die viermal gesetzte elfsylbige Reihe mit der Cäsur nach der vierten erscheint ¹), in schlagender Uebereinstimmung, die den Avestaforschern nicht entgangen ist, mit der Trishtubh des Veda. Danach werden wir uns mit grosser Wahrscheinlichkeit für das höhere Alter dieser Cäsur ²) und ebenso für das höhere Alter der elfsylbigen Zeile verglichen mit der zwölfsylbigen ¹) erklären dürfen; wir werden vermuthen, dass die zwölfsylbige aus der Erweiterung der elfsylbigen um eine Sylbe entstanden ist ²). Die Beobachtung, dass achtsylbige Reihen nicht mit elfsylbigen, wohl aber in mehreren fest entwickelten, häufig verwandten Dichtungsformen mit zwölfsylbigen Reihen, mit denen sie den jambischen Ausgang gemein haben, zur Einheit eines Verses verbunden werden, führt auf die Vermuthung, dass eben die Einwirkung der achtsylbigen Verszeile auf die elfsylbige, das Bestreben, den Ausgang der letzteren dem jambischen Tonfall der ersteren anzupassen, es gewesen sein mag, was zur Entwicklung der zwölfsylbigen Reihe geführt hat.