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Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c7.s2.110

Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c7.s2.110

Language
German

c7.s2.110

Im Anschluss an die gegebenen Erörterungen darf die Thatsache nicht unerwähnt bleiben, dass die übrigen vedischen Saṃhitâs, wo sie Ṛigverse aufführen, in Bezug auf die besprochenen Verlängerungen mit dem Ṛigveda zwar nicht in allen aber doch weitaus in den meisten Fällen übereinstimmen. Bei der Freiheit, mit welcher im Uebrigen der Ṛiktext in jenen Saṃhitâs grösstentheils behandelt ist, fällt diese Uebereinstimmung in einem Nebenpunct, wo doch die Texte in besonders hohem Grade Verderbnissen ausgesetzt sein mussten, um so mehr auf. Darf in der That an eine so getreue Erhaltung der Verlängerungserscheinungen in den verschiedenen Zweigen der vedischen Tradition gedacht werden, dass die Uebereinstimmung von Ṛv. und Sv. sich als Beweis für das Feststehen der betreffenden Verlängerungen zur Zeit der Abzweigung des Sv. ansehen liesse? Damit würde sich nicht nur für jene Erscheinungen im Allgemeinen, sondern auch für diejenigen Seiten derselben, in welchen man nach den obigen Ausführungen Fehler des Textes erkennen müsste, ein so hohes Alter ergeben, dass man gegen eine Kritik wie die von uns versuchte wohl bedenklich zu werden Ursache hätte¹). Aber der innere Widerspruch, welcher darin liegt, dass zwei Texte in den wesentlichsten Dingen auf Schritt und Tritt von einander abweichen und doch in einer derartigen Aeusserlichkeit mit höchster Genauigkeit von uralter Zeit her sich in Uebereinstimmung erhalten haben sollten, drängt zu einer andern Lösung des Problems. Jene Uebereinstimmung wird eine nachträglich durch die diaskeuastische Durcharbeitung der betreffenden orthoepischen Fragen hervorgebrachte sein. Auch hier wieder liefern die Erscheinungen des Abhinihita Sandhi unsrer Beurtheilung einen sichern Maassstab. Wie in den Verlängerungen kurzer Vocale, so stimmen auch in der Behandlung jenes Sandhi die verschiedenen Saṃhitâs im Wesentlichen überein, auch in den Lesungen, welche für nichts andres als für zufällige, regellose Verletzungen des Richtigen angesehen werden können. Das Misstrauen, das man vielleicht gegen eine von der Ueberlieferung sich emancipirende Kritik der Vocalverlängerungen hegen möchte, ist hier ausgeschlossen: hier steht es zweifellos fest, wo Fehler sind, und kaum minder fest steht es, dass diese Fehler nicht in die alte Zeit, in welcher das Verständniss des Metrums noch vollkommen lebendig war, zurückgehen. Hier also liegt es auf der Hand, dass die Uebereinstimmung der Saṃhitâs eine nachträglich zu Stande gebrachte ist: und so begegnen wir hier — wie auch mannichfach auf andern Gebieten — den Spuren einer ausgleichenden Thätigkeit der Diaskeuasten, welche zwar die ernsteren Differenzen der verschiedenen Saṃhitâs als feststehend und geoffenbart respectirten, in denjenigen Minutien aber, die als der grammatischen Rectificirung unterliegend betrachtet wurden, eine weitgehende, wenn auch allerdings nicht ausnahmslose Uebereinstimmung der verschiedenen Texte zu Stande gebracht haben.