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Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c7.s4: Hiatus und Contraction

Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c7.s4

Language
German

Hiatus und Contraction

c7.s4.1

Wir wenden uns zu einigen Untersuchungen, denen wir hier ihre Stelle geben, obgleich in ihnen die Richtung auf das technische Verfahren der Diaskeuasten theilweise hinter der Frage nach den für die ursprüngliche Textgestalt des Veda maassgebenden Gesetzen zurücktritt. Es soll die Praxis der vedischen Dichter resp. der Ueberlieferung in Bezug auf das Zusammentreffen zweier Vocale im Wortauslaut und -anlaut, das Eintreten von Contractionen und die Zulassung des Hiatus resp. die im Fall des Hiatus sich ergebende Verkürzung eines langen ersten Vocals untersucht werden. Specielle Aufmerksamkeit wird der Fall des auslautenden e und o (sowie o = as) vor folgendem Vocal und sodann die Gruppe der sogenannten Pragrihyavocale erfordern.

c7.s4.2

Dass die vedische Dichtung den Hiatus im Allgemeinen zu vermeiden bestrebt ist, darf als anerkannt gelten ¹). Um zu genaueren Feststellungen darüber zu gelangen, wie intensiv diese Abneigung ist und in welchen Grenzen sie herrscht, möge unsre Untersuchung sich die Richtung zunächst durch einige Zählungen anweisen lassen, die ich in Bezug auf die beiden beliebig herausgegriffenen Sûktas VII, 3 und X, 45 angestellt habe. Es war dabei die Absicht, zu constatiren, wie sich das Zusammentreffen von vocalischem Auslaut und vocalischem Anlaut in seiner thatsächlichen Häufigkeit zu derjenigen Häufigkeit verhält, welche, wenn die Abneigung gegen den Hiatus nicht eingriffe, zu erwarten sein müsste. Zu diesem Zweck ermittelte ich, wie oft im Innern der Pâdas am Wortschluss und am Wortanfang Consonanten resp. Vocale auftreten, und wie oft unter diesen Fällen das Zusammentreffen zweier Vocale resp. die Beseitigung dieses Zusammentreffens durch Contraction erscheint. Die auf s ausgehenden Worte sind dabei natürlich stets als consonantisch endend gezählt, auch wenn die traditionelle Schreibung nach den Sandhiregeln Formen wie vo für vas, nṛimanâ für nṛimanâs aufweist. Die Resultate dieser Zählungen sind die folgenden (siehe umstehende Tabelle).

c7.s4.3

¹ Characteristisch dafür ist der Gebrauch des Wortes îm. Wo dasselbe mit vorangehendem Vocal verschmolzen ist, also nicht dazu dienen kann, eine Stelle des Metrums auszufüllen, folgt stets (in ca. 60 Fällen mit nur einer Ausnahme) ein Vocal, so dass der Zweck der Vermeidung des Hiatus klar ist. Dass das îm in dieser Absicht erst von der Diaskeuase eingesetzt sei, ist eine durchaus unmotivirte Annahme Grassmann's.

c7.s4.4

Was lehren diese Zahlen? Das Zusammentreffen zunächst von e mit folgendem Anfangsvocal (jajñe agniḥ, agna ûdhan für agne ûdhan etc.) ist der zu vermuthenden Häufigkeit soweit entsprechend, wie bei diesen kleinen Zahlenreihen erwartet werden kann. Dass dieser Fall sich hierdurch von den sonstigen Fällen zusammentreffender Vocale in überaus

c7.s4.5

| | VII, 3 | X, 45 |
| Consonantischer Wortschluss . . . . . . . . . . . | 77 | 91 |
| Wortschluss auf einen Vocal ausser e . . . . . . . | 65 | 60 |
| Wortschluss auf e¹) . . . . . | 18 | 21 |
| Vocalischer Wortanfang . . . . . | 37 | 56 |
| Zusammentreffen von schliessendem e und Vocal . . . | 6 | 7 |
| Zusammentreffen von anderm Vocal und Vocal, ohne Contraction | 3 | 8 |
| Contraction . . . . . | 3 | 1 |

c7.s4.6

¹ Beziehungsweise auf ein nach der Sandhiregel für e eintretendes a. — Mit e wäre o auf eine Linie zu stellen; Fälle des wortschliessenden o aber, das nicht gleich as ist, sind selten.

c7.s4.7

fühlbarer Weise abhebt, vereinigt sich mit andern Erwägungen (s. u.), um zu dem Schlusse zu führen, dass in jajñe agniḥ u. dergl. überhaupt kein wirklicher Hiatus vorliegt, indem das e (= a + i) sei es in ay, sei es in a mit einem aus y entwickelten schwächeren consonantischen Nachklang übergeht. — Man überzeugt sich ferner leicht, dass die Folge: Vocal (ausser e) + Vocal erheblich seltener ist, als sie der durchschnittlichen Wahrscheinlichkeit nach sein sollte. In VII, 3 sind unter den Wortausgängen, welche in der Zählung zu berücksichtigen waren, solche auf einen Consonanten oder e: 95, auf einen Vocal: 65. Dagegen vor vocalischem Anlaut finden sich Wortausgänge auf einen Consonanten oder e: 31, auf einen Vocal (Hiatus oder Contraction): 6; wir haben also statt des ungefähren Verhältnisses von 3 : 2 hier etwa das von 5 : 1.

c7.s4.8

Die genauere Betrachtung der Fälle zusammentreffender Vocale weist nun darauf hin, dass hier nicht gegen alle Möglichkeiten gleichmässig, sondern nur gegen bestimmte unter ihnen jene Abneigung sich richtet, welche in den gegebenen Zahlen ihren Ausdruck findet. Die Fälle des Vocalzusammenstosses z. B. aus X, 45 sind die folgenden: apsu antaḥ, bhâti antaḥ, bhâti agre, rodasî apriṇât, marteshu agniḥ, vi adyaut, sauṣravaseshu agne, astâvi agniḥ; dazu ein Fall der Contraction hîm = hi îm. Es zeigt sich also ein unverkennbares Vorherrschen der Combinationen, deren erstes Glied i oder u ist; dieselben werden schwerlich seltener auftreten, als der natürlichen Wahrscheinlichkeit entspricht. Andrerseits scheint eine entschiedene Abneigung obzuwalten gegen Combinationen wie a + a, â + a, a + i etc.; stavâma agnim würde dem vedischen Dichter keineswegs in derselben Weise als zulässig erschienen sein wie astâvi agniḥ, bei welcher letzteren Lautfolge der Uebergang von einem Vocal zum andern — gewiss unter der Entwicklung eines wenn auch noch so flüchtigen halbvocalischen Uebergangslautes ¹) — offenbar ein leichterer ist, als bei der Bildung zweier aus einander gehaltener a.

c7.s4.9

¹ In den Gânatexten des Sâmaveda sind Schreibungen häufig, bei welchen der betreffende Laut direct bezeichnet wird: niy âtrîṇâ für ny atriṇam des Grundtextes, vâhâtiy âṣâvâḥ für vahanty âṣavaḥ, hiy â . . . sâyi für hy asi, pâhiy uta für pâhy uta (ebenso im Innern des Wortes mau . . . rttiyâḥ für martyaḥ etc.). — In Bezug auf die Schreibung der Partikel u vor folgendem Vocal als u oder uv (soweit nicht einfach v geschrieben wird) schwanken die verschiedenen Veden; vergl. Ṛik Prât. 160, Taitt. Prât. IX, 16. 17 etc.; aus su mit ûti lässt der Ṛv. suûtayaḥ werden (VIII, 47, 1 ff.). Für den Zweck unsrer Textausgabe darf natürlich von der Bezeichnung des halbvocalischen Uebergangslautes abgesehen werden, wie wir es auch praktisch unbedenklich halten, im Wortinnern kurzweg martia tuam etc. zu schreiben, ohne damit die Richtigkeit der von Osthoff Morph. Unt. IV, 398, Brugmann Grundriss § 117 gegebenen Ausführungen über den in den Verbindungen ia, ua auftretenden Uebergangslaut bestreiten zu wollen. — Vergl. auch Ṛik Prât. 974.

c7.s4.10

Wir geben nun für den Punct, welcher sich auf Grund der bisherigen Zählungen als weiterer Beachtung werth herauszustellen scheint, eine etwas umfassendere Statistik: in Bezug nämlich auf den Unterschied in der Behandlung von i + a, u + a gegenüber a + a, â + a etc. Die folgenden Zahlen beziehen sich selbstverständlich wie die obigen Zählungen immer nur auf das Zusammentreffen von Schluss- und Anfangsvocalen im Innern der Pâdas.

c7.s4.11

| | III, 1-5 | VI, 1-5 | IX, 1-15 | Summe. |
| i + a . . . . | 11 ¹) | 13 | 10 ²) | 34 |
| u + a . . . . | 5 | 3 | 1 ³) | 9 |
| a + a = â . | — | 4 | 6 | 10 |
| a + a bleibt | — | 2 | — | 2 |
| â + a = â . | — | — | 2 | 2 |
| â + a bleibt | — | 1 | — | 1 |

c7.s4.12

¹ Dazu dreimal i + â.

c7.s4.13

² Dazu zweimal i + â.

c7.s4.14

³ Dazu viermal u + â.

c7.s4.15

Bedenkt man, dass an sich â und in noch höherem Grade a ein wesentlich häufigerer Wortausgang ist als i und vollends u, so wird man die erheblich grössere Geneigtheit der vedischen Poeten, dem wortanfangenden a ein wortschliessendes i oder u als ein wortschliessendes a oder â vorangehen zu lassen, durch diese Zahlen für hinreichend constatirt halten ⁴).

c7.s4.16

⁴ Was den Uebergang des auslautenden i, u vor unähnlichen Vocalen in y, v anlangt, so hat schon Benfey (in der Schrift über na, S. 1) bemerkt, dass derselbe sich in grösserer Häufigkeit nur bei zweisylbigen Präfixen vor dem dazu gehörigen Verbum findet (abhy anûshi, praty agrabhîshma etc.). Ob der betreffende Vocal den Accent trägt (abhí) oder nicht (práti, pári, ánu), macht keinen Unterschied. Andre Fälle, in welchen die zweisylbigen Präpositionen als in hinlänglicher Nähe zum folgenden Worte stehend empfunden wurden, dass der Wandel des i, u in y, v eintrat, mögen durch folgende Beispiele veranschaulicht werden: pary anyâ . . . yugâ . . . rajâmsi dîyathaḥ V, 73, 3; anv enân . . . bhânur arta V, 52, 6; anv asya ketam ishitam savitrâ II, 38, 5. — praty u adarşi VII, 81, 1. — praty ud âyan III, 31, 4. — Häufig tritt das y natürlich in Zusammensetzungen ein wie pratyañc, adhyaksha etc. — Von den einsylbigen Präfixen finde ich nur ni als ny erscheinend in der späten Stelle I, 191, 3 ny alipsata [vergl. noch die Zusammensetzung avyushtaḥ II, 28, 9]. — Im Auslaut

c7.s4.17

Es bleibt in Bezug auf den Hiatus im eneren Sinne (-a a- etc.) noch übrig hinzuzufügen, zunächst dass derselbe an der Cäsurstelle der Triṣṭubh- und Jagatīreihe mit wesentlich geringerer Entschiedenheit vermieden wurde als an den übrigen Stellen des Pāda; auch in dieser Hinsicht bewährt sich wieder die nach so vielen Seiten hin erweisbare Mittelnatur der Cäsur, bei welcher die dem Pādaschluss eigentümlichen Erscheinungen stets, nur in verminderter Intensität wiederkehren. Ferner muss bemerkt werden, dass der Hiatus — sowohl der durch die Cäsur gemilderte wie der sonstige — im zehnten Buche noch erheblich entschiedener perhorrescirt worden ist, als in den älteren Partien der Saṃhitā. Es wäre leicht zu zeigen, dass mit diesem Seltenwerden des Hiatus eine zunehmende Vorliebe für die — übrigens schon von Anfang an entschieden vor jenem bevorzugte — Contraction Hand in Hand geht: der Gebrauch der späteren vedischen und der nachvedischen Poesie mit ihren offenbar weit über die Verhältnisse der lebendigen Sprache hinausgehenden Contractionen bereitet sich hier unverkennbar vor.

c7.s4.18

Dies ist der Ort, einigen Bemerkungen über die Abgrenzung der Fälle, in welchen Hiatus und in welchen Contraction eintritt, ihre Stelle zu geben. Wir glauben dabei die eben berührte Verschiebung, welche diese Grenze im Lauf der vedischen Zeit unzweifelhaft erlitten hat, für jetzt

c7.s4.19

andrer Worte als der bezeichneten Prätixe entwickelt sich das y, v in den Büchern I—IX nur ganz ausnahmsweise; so ity abravītana I, 161, 8; śīvyatv apaḥ II, 32, 4; tv imâ VIII, 51, 4 (Vālakhilya); haṃsy apratīni VIII, 90, 5 (leicht zu beseitigen); urv iva IX, 96, 15 (häufiger natürlich in Zusammensetzungen wie ṛtvij, purvaṇīka I, 79, 5 etc.). — Im zehnten Buch nimmt die Entwicklung des y, v sowohl in Präfixen wie in andern Worten aller Art wesentlich zu; sogar î wird zu y in janitry ajījanat X, 134, 1 fgg. — Vergl. im Ganzen Edgren's Untersuchungen über das Verhältniss von i, u zu y, v im Journ. American Or. Soc. vol. XI, 67 fgg.

c7.s4.20

ignoriren und die Frage in Bezug auf die Ṛik-Saṃhitâ als ein Ganzes aufwerfen zu dürfen.

c7.s4.21

Von den älteren vedischen Forschern hat über das Verhältniss von Hiatus und Contraction Niemand eingehender nachgedacht, als Benfey. Uns interessiren hier zuvörderst seine Ausführungen über die Behandlung des Auslauts von ca¹). Benfey findet — abgesehen natürlich von dem Fall, dass ca am Ende des Pâda steht —, dass die Contraction in 50 Fällen, der Hiatus in 24 Fällen²) vorliegt. Er ist der Ansicht, dass das Nichteintreten der Zusammenziehung in diesen 24 Fällen durchweg oder doch überwiegend auf Momenten des Sinnes beruht: theils ist mit ca ein Kreis zugehöriger Wörter abgeschlossen; das ca bezeichnet diesen Abschluss, und indem es sich mit dem vorhergehenden Wort besonders innig verbindet, trennt es sich von dem folgenden; theils deutet ca die enge Beziehung des ersten der beiden verbundenen Worte auf das zweite oder umgekehrt an und ist darum (?) nicht verstümmelt; theils folgen auf das ca Götternamen, deren lautlichen Bestand man, wie Benfey meinte, durch Contraction anzutasten nicht liebte.

c7.s4.22

¹ »Behandlung des auslautenden a in na »wie« und na »nicht« im Ṛigveda« (1881), S. 23–28.

c7.s4.23

² Einige dieser 24 Fälle scheinen mir fortzufallen. V, 77, 2 halte ich vi câvaḥ mit Contraction für wahrscheinlicher als vi ca âvaḥ. VII, 4, 1 steht zwischen ca und agnaye die Cäsur, welche die Contraction von vorn herein ausschliesst; für Aufsuchung der Abgrenzung zwischen Contraction und Hiatus kommt die Stelle also nicht in Betracht. VIII, 11, 10 steht nichts im Wege suâm câgne zu lesen. X, 10, 13 ist mit Contraction zu lesen hṛidayaṃ câvi-dâma. Scheiden wir also VII, 4, 1 als nicht hergehörig, VIII, 11, 10 als unsicher die beiden andern Stellen als zur gegenüberstehenden Gruppe gehörig aus, so behalten wir 20 Fälle des Hiatus gegen 52 der Contraction.

c7.s4.24

Offenbar sind die Nuancen des Sinnes, um die es sich wenigstens bei den ersten beiden von diesen Gesichtspuncten handelt, subtiler und bestreitbarer, als im Interesse der Ueberzeugungskraft von Benfey’s Erklärungsweise zu wünschen wäre. Ist wirklich z. B in mahe ṣûrâya viṣṇave ca arcata (I, 155, 1) die Function des ca eine andre als etwa in niveṣane prasave câsi bhûmanaḥ (VI, 71, 2)? Und was den dritten Punct anlangt: ist es nicht willkürlich, in der Formulirung von X, 90, 13 (indraṣ ca agniṣ ca) gerade die Tendenz intacter Erhaltung des Götternamens zu erkennen, wenn doch der Dichter von V, 51, 14 oder X, 173, 5 unbedenklich sagte indraṣ câgniṣ ca¹)?

c7.s4.25

¹ Unter den sieben Versanfängen des Ṛv. mit âgniḥ, âgnim, âgne ist nur zweimal â agnim (resp. â agne), fünfmal âg⁰ zu lesen.

c7.s4.26

Vielleicht treffen wir das Richtige sicherer, wenn wir, bevor wir auf den Sinn als auf den über Contraction und Hiatus entscheidenden Factor zurückgehen, zunächst bei den Aeusserlichkeiten der Form verweilen. Ich setze die Worte her, welche beispielsweise in den je 14 ersten Fällen der von Benfey über Hiatus und Contraction bei ca gegebenen Listen auf das ca folgen. Auf der Seite des Hiatus: âsât, iṣṭau, arcata, ât, acchâ, agnaye, acchâ, imâñ (etwas zweifelhafter Fall), âvaḥ, agnaye, ât, advayum, ava, arhanti. Auf der Seite der Contraction dagegen: aṣanim, arvate, arvataḥ, adhi, ahabhiḥ, imâḥ, asi, asi, asmin, aviṣat, abhajat, anu, asaparyan, ati. Von den Worten der ersten Reihe fangen 12²), von denen der zweiten nur 3 mit einer langen Sylbe an. Wir kommen demnach der Wahrheit nah, wenn wir als Regel aufstellen: ca geht Contraction ein, wenn eine kurze Sylbe folgt; bei folgender langer Sylbe entsteht Hiatus. Erklärlich genug: denn die vedischen Metra lassen nur in wenigen Fällen anders als ausnahmsweise die Aufeinanderfolge zweier Kürzen zu; sie begünstigen dagegen die Abwechslung von Kürzen und Längen. Verbindungen wie ca imāḥ oder gar ca ahabhiḥ, ca aviṣat wären metrisch theils unbequem theils unmöglich, während in ca arcata, ca agnaye der beliebte jambische Reihenausgang vorliegt¹). So finden wir hier bei ca ein rein äusserliches Moment, welches unabhängig von allen inhaltlichen Gesichtspuncten, selbstverständlich nicht ausnahmslos aber doch weitaus in den meisten Fällen über Contraction und Hiatus entscheidet²). — Zu ähnlichen Resultaten gelangt man, wenn man statt vom vocalischen Auslaut, wie bei ca, vielmehr vom vocalischen Anlaut der Worte ausgeht. Im Ganzen trifft man bei jedem Wort eben die Behandlung des Anlauts an, welche sich bei Erwägung der metrischen Convenienz a priori erwarten lässt. Bestimmte Worte sind durch ihr prosodisches Aussehen geradezu prädestinirt, mit dem vorangehenden Auslaut a Hiatus zu bilden und dadurch jambischen Ausgang herbeizuführen: so das schon erwähnte agnaye³). Andre Worte können wegen einer oder gar mehrerer Kürzen nur die Contraction mit grösserer oder geringerer Ausschliesslichkeit bevorzugen: so aham, adhi, viele augmentirte Verbalformen. Andre endlich lassen beide Möglichkeiten zu: so aśvam, aśvân¹), agniḥ, agnim etc.

c7.s4.27

² Oder 13, wenn man berücksichtigt, dass die erste Sylbe von VIII, 19, 23 für das Metrum die Stelle einer Länge ausfüllt.

c7.s4.28

¹ Darum auch offenbar neben ca agnaye zweimal indraṣ câgniṣ ca: hier konnte es sich nicht darum handeln Jamben herbeizuführen.

c7.s4.29

² Es sei gestattet hier auf die Wirkung derselben metrischen Verhältnisse in Bezug auf eine verwandte Frage hinzuweisen, die dort mehr als bisher geschehen beachtet zu werden verdient: betreffs des Wechsels von i, u (iy, uv) mit y, v (Sievers'sches Gesetz) im Ṛigveda. Zur Erklärung davon, dass ṣarmaṇi syām, tava syām gesagt wird und nicht ṣarmaṇi siām, tava siām, reichen wir mit dem Metrum aus, welchem eine Reihe von drei Kürzen sich nur gezwungen fügt, während die Trochäen von ṣarmaṇi syām den bequemsten Triṣṭubhschluss bieten. Auf der andern Seite hat das vedische Metrum nicht allein für den Wechsel von Längen und Kürzen, sondern auch für Reihen mehrerer Längen vielfache Verwendung; daher man, wenn man die Fälle von syām (siām), syāma (siāma) u. Aehnl. mit vorhergehender Länge untersucht, ebensowohl patiḥ syām wie gopatiḥ siām, tarantaḥ syāma wie ṇrivantaḥ siāma zu finden erwarten muss und in der That findet. Bringt man diese Seite der Sache in Anschlag, so wird man die Zusammenstellungen von Osthoff Perf. 440 fg. doch in Bezug auf das Sievers'sche Gesetz weniger beweisend finden, als es sonst den Anschein haben würde.

c7.s4.30

³ Die Beispiele giebt Benfey a. a. O. 23.

c7.s4.31

¹ Hiatus: I, 104, 1; VII, 34, 4; IX, 94, 5; X, 101, 7 (nicht ganz sicher); 107, 10. — Contraction: V, 83, 3; X, 39, 10; 107, 7; 149, 4. Man sieht das Zunehmen der Contraction im zehnten Buch.

c7.s4.32

Dass übrigens metrische Rücksichten der beschriebenen Art in jedem Falle das einzig Entscheidende sind, soll keineswegs behauptet werden. Dagegen würde schon der überaus merkwürdige, von Benfey aufgedeckte Unterschied in der Behandlung von na »wie« und na »nicht« eine Instanz bilden. Mit na »nicht« verfahren die vedischen Dichter offenbar je nach der metrischen Bequemlichkeit; meistens liegt die Contraction vor. Dagegen bei na »wie« herrscht, wie Benfey gezeigt hat, der Hiatus in einer Ausschliesslichkeit, welche in der That jede Erklärung aus Zufälligkeiten unmöglich macht. Kein Zweifel, dass diese Erscheinung auf der Eigenthümlichkeit der hier vorliegenden rhetorischen Figur beruht. Ich kann nicht finden — und es lässt sich auch kaum erwarten —, dass in der vedischen Diction ein derartiges Auftreten des Hiatus in ähnlich scharfer Ausprägung bei einem zweiten Wort begegnet²). Wohl aber wird behauptet werden können, dass ganz im Allgemeinen der Anlaut des gewichtigeren, mehr auf sich selbst stehenden Wortes — soweit das Metrum nicht im Wege ist — weniger zur Contraction neigt, als der Anlaut solcher Worte, welche zur Scheidemünze der Sprache zählen. Bei aham oder adhi z. B.

c7.s4.33

² In der Regel freilich verbietet schon die Seltenheit der Fälle ein sicheres Urtheil. Vielleicht aber hängt es mit der begrifflichen Natur des Wortes zusammen, wenn z. B. das meist am Pâdaanfang stehende, einen neuen Absatz des Gedankens einleitende ât nicht contrahirt wird, sondern an allen in Betracht kommenden Stellen den Hiatus aufweist (II, 5, 7; VII, 66, 11; VIII, 82, 3).

c7.s4.34

finde ich die Contractionen nicht nur absolut, sondern auch relativ häufiger als etwa bei dem prosodisch ganz oder annähernd gleichwerthigen ahim, ahiḥ, apaḥ; Worte der letzteren, gewichtigeren Art lassen entweder, wo das Metrum es erlaubt, eine mit jenen verglichen grössere Bevorzugung des Hiatus oder aber ein weitergehendes Vermeiden des Zusammentreffens mit auslautendem a erkennen. Auf der andern Seite kann z. B. die fast stehende Contraction von id mit einem vorangehenden Vocal ihren Grund kaum allein in metrischen Rücksichten haben, sondern sie muss mit der Bedeutung dieser unselbständigen, an das vorangehende Wort eng geknüpften Partikel zusammenhängen. Hier sehen wir ohne Zweifel den vedischen Sandhi von der Seite, wo durch die vom Metrum eingeengte Praxis der Ṛiṣis das lebendige Sprachmaterial hindurchscheint, aus welchem Jene schöpften. Diese Grundlage des vedischen Sandhi unter der darüberliegenden, weitaus grössten Theil der Oberfläche zudeckenden Schicht derjenigen Erscheinungen blosszulegen, welche rein ein Product des metrischen Bedürfnisses sind, wird die Aufgabe weiterdringender Untersuchungen sein, als sie für jetzt zu geben im Bereich der Möglichkeit liegt¹.

c7.s4.35

¹ Für diese Untersuchungen wird wichtige Förderung von der Vergleichung der Pâliprosa zu erwarten sein, welche ohne Zweifel in wesentlichen Puncten eine Fortsetzung der im klassischen Sanskrit gänzlich verdunkelten Erscheinungen bewahrt hat, die dem Sandhi des vedischen Zeitalters — sofern nicht in der vedischen Poesie metrische Rücksichten ihn beeinflussten — eigen gewesen sein müssen. Dem Leser jedes alten Pâlitextes drängt sich der auf begrifflichen Momenten beruhende Gegensatz der Fälle, in welchen der Sandhi eintritt und in welchen er nicht eintritt, von selbst auf. Man vergleiche unter den stehenden Wendungen der ecclesiastischen Pâliprosa etwa mam’ accayena, yass’ atthâya, ten’ upasaṃkami, yaṃ pan’ aññaṃ khâdaniyaṃ, und andrerseits tena . . . samayena âyasmâ Ânando . . ., maggâ okkamma avidûre . . . nisîdi.

c7.s4.36

Anhangsweise prüfen wir auf Grund unsrer Resultate über Contraction und Hiatus die von Grassmann (Wörterbuch, S. VII) vorgeschlagene Herstellung der Formen *mâtâr, *hotâr, *vibhvân an solchen Stellen, an welchen das â am Ende dieser Worte (nach ihrer überlieferten Form mâtâ etc.) mit folgendem ṛi- nicht zusammengezogen wird. Die sprachgeschichtliche Betrachtung stellt Bedenken gegen Formen wie *mâtâr heraus; sie führt auf die Annahme, dass in μήτηρ das ρ vielmehr nachträglich aus den übrigen Casus hergestellt ist. Wir unsrerseits untersuchen rein empirisch, wie sich der Vedatext zu den von Grassmann angenommenen Formen verhält. Lanman, welcher die Berechtigung der betreffenden Herstellungen unentschieden lässt, liefert doch die Materialien, die deren Unzulässigkeit erweisen, in aller Vollständigkeit. In Bezug auf die Nominative auf -tâ der r-Stämme (p. 424) zeigt er, dass das â mit folgendem Vocal — abgesehen zunächst von folgendem ṛi — fast stehend zusammengezogen wird. Er führt nur 16 Stellen an, welche den Hiatus haben. Dass sich solche Stellen finden, ist auch ohne die Annahme von Formen wie *mâtâr nach der im Veda in Bezug auf Hiatus und Contraction herrschenden Praxis vollkommen in der Ordnung. Uebrigens sind diese 16 oder vielmehr 15¹) Stellen der Art, dass sie, auch abgesehen von ihrer geringen Zahl, der Annahme einer den vedischen Dichtern noch gegenwärtigen Form auf -târ vielmehr widerstreben als sie unterstützen. An 6 Stellen steht das -tâ vor der Cäsur, welche den Hiatus mildert, und unter den übrigen sind 5, an denen das Metrum Verkürzung des auslautenden â, also dessen durch keinen Consonanten geschützte Stellung als vocalis ante vocalem mehr oder minder wahrscheinlich macht ¹). Die Stellen, an welchen die betreffenden Nominative vor anderm Vocal als ṛi erscheinen, sind mithin der Annahme von Formen auf -târ so ungünstig wie möglich. Wenn es aber überhaupt solche Formen gegeben hat, würden sie nicht vor andern Vocalen ihre Existenz ebenso gut verrathen, wie gerade nur vor ṛi? Dieser Sachlage gegenüber müssten die Stellen mit folgendem ṛi starke Beweiskraft besitzen, wenn sie für das -târ ein hinreichendes Fundament liefern sollen. Von solchen Stellen nun sind vier vorhanden (Lanman 424): zweimal (IV, 33, 5; V, 46, 1) verschmelzen â und ṛi zu einer Sylbe; einmal sind sie durch die Cäsur und wenigstens im überlieferten Text auch durch den Anunâsika getrennt (V, 45, 6); endlich bleibt eine Stelle mit ungemildertem Hiatus übrig (I, 127, 10). Warum dieser, in derselben Beschränktheit wie vor andern Vocalen, nicht auch vor ṛi zulässig sein soll, ist nicht abzusehen. So entsprechen diese Fälle durchaus den Verhältnissen, welche unter Annahme der überlieferten Gestalt des Nominativausgangs zu erwarten sind.

c7.s4.37

¹ I, 61, 4 liegt wohl Contraction vor; man beachte das eigenthümliche Metrum des Liedes.

c7.s4.38

¹ Das â füllt auf die zweite Stelle nach der Cäsur I, 60, 4; 186, 6; X, 49, 10; auf die drittletzte Stelle der Triṣṭubh VI, 24, 5; VII, 40, 3. — Die Regel von der vocalis ante vocalem wird unten eingehender behandelt werden.

c7.s4.39

Betreffs der auf -â ausgehenden Nominative der Stämme auf -an, -man, -van widerstreben die von Lanman (528 fg.) beigebrachten Materialien der Annahme von Formen auf -ân in ähnlicher Weise. Grassmann begründet jene Annahme mit den drei Stellen, an welchen der Nominativ vibhvâ oder genauer vibhvâñ vor folgendem ṛi ohne Verschmelzung der Sylben erscheint (IV, 33, 3; 36, 6; VII, 48, 3). Alle drei mal steht zwischen vibhvâñ und dem ṛi- die Cäsur: es kann also von Contraction überhaupt keine Rede sein ¹). Wie man auch über die nasalirte Schreibung von vibhvâñ denken mag — ob man dieselbe auf eine Diaskeuastenregel über die Behandlung von -â ṛi- zurückführt, oder ob man eine Uebertragung von den vâṃs-Stämmen annimmt ²): so viel ist klar, dass die betreffenden Stellen keinerlei Veranlassung zu der Annahme geben, dass ein Nom. auf -ân von -an (-man, -van) -Stämmen im Sprachmaterial der vedischen Dichter der überlieferten Form auf -â vorangegangen sei.

c7.s4.40

¹ An den beiden Stellen, an welchen vibhvâ sonst noch vor Vocalen steht, wird contrahirt (I, 190, 2; V, 46, 4).

c7.s4.41

² Siehe unsre Besprechung der Nasalirungen weiter unten und vergl. Prâti-çâkhya 168, Benfey, Vedica und Linguistica 10, Joh. Schmidt KZ. XXVI, 358.

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