Geschichte der indischen Litteratur v1.c3: Vorwort
Geschichte der indischen Litteratur v1.c3
- Language
- German
Vorwort
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»Nicht an gelehrte Kreise, sondern an die Gebildeten der Nation« wendet sich, wie es in einer Ankündigung des Verlags heifst, die Sammlung, in welcher der vorliegende, dem ältesten Zeitraum der indischen Litteratur gewidmete Band erscheint. Diesem Plane gemäfs hat mir im Verlaufe meiner Arbeit stets der Leser vorgeschwebt, der von der indischen Litteratur noch gar nichts weifs und keinerlei indologische Fachkenntnisse besitzt; — allerdings nicht derjenige, der nur in einer flüchtigen Stunde auch einmal etwas über indische Litteratur erfahren möchte, sondern derjenige, der sich mit ihr so gründlich vertraut machen will, als es ohne Kenntnis der indischen Sprachen überhaupt möglich ist. Eine Geschichte der indischen Litteratur kann aber nicht wie eine deutsche, englische oder französische Litteraturgeschichte eine blofse Darstellung des Entwicklungsganges eines als bekannt vorauszusetzenden Schrifttums sein, sondern sie mufs den deutschen Leser in allen Fällen, wo es keine deutschen Übersetzungen gibt — und leider ist dies die Mehrzahl der Fälle —, auch über den Inhalt der Litteraturerscheinungen durch Auszüge und Inhaltsangaben so weit als möglich unterrichten. Mit anderen Worten: Die Litteraturgeschichte mufs auch zugleich Litteraturbeschreibung sein. Gerade von den volkstümlichen Epen und den Purāṇas, mit denen sich die zweite Hälfte des vorliegenden Bandes beschäftigt, sind bisher nur sehr wenige Stücke in deutschen Übersetzungen bekannt geworden. Hier mufsten umfängliche Inhaltsangaben und Auszüge gegeben werden, wenn der Leser irgendeine Vorstellung von den behandelten Werken gewinnen sollte.
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Dadurch schwoll nun freilich der Band zu einem gröfseren Umfange an, als ursprünglich vorgesehen war. Und noch ein zweiter Umstand trug hierzu bei. Gerade die in diesem Bande behandelte älteste indische Litteratur schwebt in chronologischer Beziehung gewissermaſsen in der Luft. Kein einziges von den vielen und umfangreichen Werken, welche zum Veda, zur volkstümlichen Epik oder zu den Purāṇas gehören, kann mit Sicherheit auch nur diesem oder jenem Jahrhundert zugeschrieben werden. Es ist aber einfach unmöglich, in einem Satz oder in wenigen Zeilen über das Alter des Veda, des Mahābhārata, des Rāmāyaṇa und selbst der Purāṇas Aufschluſs zu geben. Auch für den Laien genügt es da nicht, wenn man ihm sagt, daſs wir über die Zeit dieser Werke nichts Sicheres wissen. Es ist notwendig, die Grenzen abzustecken, innerhalb deren sich unser — Nichtwissen bewegt, und die Gründe anzugeben, auf welche sich eine annähernde, wenn auch nur vermutungsweise gegebene Zeitbestimmung dieser Werke stützt. Darum muſsten den Fragen nach dem Alter des Veda, der Epen und der Purāṇas gröſsere Abschnitte gewidmet werden. Ich betone ausdrücklich, daſs auch diese Kapitel nicht etwa nur für den Fachmann, sondern in erster Linie für den oben gekennzeichneten Laien, den ich als Leser im Auge hatte, geschrieben sind. Wenn sie trotzdem auch für den Fachmann manches Neue — und wohl auch manches, was zum Widerspruch herausfordern dürfte — enthalten sollten, so liegt dies daran, daſs es sich hier um Fragen handelt, die gerade erst in den letzten Jahren Gegenstand von neuen Untersuchungen, neuen Entdeckungen und vielfachen Kontroversen gewesen sind.
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Die in den Anmerkungen gegebenen Litteraturnachweise sind zum Teil für den Fachmann berechnet, dem gegenüber sie den Standpunkt des Verfassers in den wichtigsten Streitfragen rechtfertigen sollen. Es ist ja selbstverständlich, daſs ein Buch, das sich an die »Gebildeten der Nation« wendet, auch vor dem Urteil des Fachmannes bestehen und sich diesem vollständig unterwerfen muſs. Andrerseits habe ich aber auch Gewicht darauf gelegt, in den für den Nichtfachmann bestimmten Anmerkungen auf alle nur irgendwie zugänglichen deutschen — und wo diese fehlen, auch auf die englischen und französischen — Übersetzungen hinzuweisen. Benutzt habe ich diese Übersetzungen nur in wenigen Fällen, wo sie mir das Original in besonders vortrefflicher Weise wiederzugeben schienen. Wo kein anderer Übersetzer genannt ist, rühren die Übersetzungen von mir selbst her.
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Daſs der ursprünglich bestimmte Rahmen eines Bandes sich für diese indische Litteraturgeschichte als zu eng erwies, wird nach dem Gesagten nicht überraschen. Und ich bin dem Herrn Verleger aufrichtig dankbar, daſs er sich den für die Erweiterung des ursprünglich geplanten Rahmens geltend gemachten Gründen nicht verschloſs und zu einem zweiten Band seine Zustimmung gab. Diese Erweiterung entspricht auch durchaus dem Umfang und der Bedeutung der indischen Litteratur — wofür ich wohl auf die Einleitung (S. 1 ff.) verweisen darf. Behandelt der vorliegende Band in gewissem Sinne die »vorgeschichtliche« Zeit der indischen Litteratur — wenigstens in ihren Anfängen reichen ja sowohl der Veda als auch die Volksepen in nebelhafte, durch keine Jahreszahlen festzuhaltende Fernen zurück —, so soll der zweite Band mit der buddhistischen Litteratur beginnen und den Leser in die Litteratur der eigentlich geschichtlichen Zeit Indiens einführen.
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Über die Werke, aus denen ich geschöpft habe, und denen ich zu Danke verpflichtet bin, geben die Anmerkungen zu den einzelnen Abschnitten Aufschluſs. Was ich den grundlegenden ›Akademischen Vorlesungen über indische Literaturgeschichte‹ von Albrecht Weber (2. Aufl., Berlin 1876) und den so überaus anregenden und wertvollen Vorlesungen über ›Indiens Literatur und Kultur in historischer Entwicklung‹ von Leopold v. Schroeder (Leipzig 1887) verdanke, konnte natürlich nicht in jedem einzelnen Falle verzeichnet werden. Manches verdanke ich auch, ohne daſs es immer besonders erwähnt wäre, den wertvollen ›Bulletins des Religions de l'Inde‹ von A. Barth (in der Revue de l'Histoire des Religions, t. I, III, V, XI, XIV, XXVIII f., XLI f., und XLV (1880—1902). Die geistvollen Essays von H. Oldenberg, ›Die Literatur des alten Indien‹ (Stuttgart und Berlin 1903), haben es mehr mit einer ästhetischen Betrachtung und Würdigung der indischen Litteratur zu tun, die meinen Absichten ferner lag. Die für ihre Zwecke ganz nützlichen Werke von A. Baumgartner (Geschichte der Weltliteratur II. Die Literaturen Indiens und Ostasiens, 3. und 4. Aufl., Freiburg i. B. 1902), A. A. Macdonell (A History of Sanskrit Literature, London 1900) und V. Henry (Les Littératures de l'Inde, Paris 1904) boten mir kaum etwas Neues. Die überaus kurze, in ihrer Kürze aber ganz vortreffliche Übersicht über die indische Litteratur von Richard Pischel in Teil I, Abteilung VII (»Die orientalischen Literaturen«) des Sammelwerkes »Die Kultur der Gegenwart« (Berlin und Leipzig 1906), erschien erst, als mein Manuskript bereits fertig und zum Teil gedruckt war. Nicht unerwähnt möchte ich die Dienste lassen, welche mir die für jeden Orientalisten so unentbehrliche »Orientalische Bibliographie« von Lucian Scherman geleistet. Schließlich sei noch allen jenen, welche den ersten, vor zwei Jahren erschienenen Halbband einer wohlwollenden Besprechung oder einer sachlichen Kritik unterzogen, mein inniger Dank ausgesprochen.
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Prag-Kgl. Weinberge, den 15. Oktober 1907.
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M. Winternitz.