Geschichte der indischen Litteratur v1.c7.s3.8
Geschichte der indischen Litteratur v1.c7.s3.8
- Language
- German
v1.c7.s3.8
Dennoch darf man nicht glauben, daſs den Indern, wie so oft behauptet worden ist, der historische Sinn ganz und gar mangelt. Es hat auch in Indien, wie wir sehen werden, eine Geschichtschreibung gegeben; und jedenfalls finden wir in Indien zahlreiche genau datierte Inschriften, — was doch kaum der Fall wäre, wenn die Inder gar keinen Sinn für Geschichte gehabt hätten. Richtig ist nur, daſs die Inder bei ihrer Geschichtschreibung Dichtung und Wahrheit nie streng auseinanderzuhalten wuſsten, daſs ihnen die Dinge selbst stets wichtiger waren als die chronologische Folge derselben, und daſs sie namentlich in litterarischen Dingen auf das Früher oder Später gar kein Gewicht legten. Was immer dem Inder gut, wahr und richtig scheint, das rückt er in ein möglichst hohes Alter hinauf; und wenn er irgendeiner Lehre eine besondere Weihe geben will, oder wenn er wünscht, daſs sein Werk möglichst verbreitet werde und zu Ansehen gelange, so hüllt er seinen Namen in ein bescheidenes Inkognito und gibt irgendeinen uralten Weisen als Verfasser des Werkes an. Das geschieht noch heutigen Tages, und das war schon in verflossenen Jahrhunderten nicht anders. Daher kommt es auch, daſs so viele ganz moderne Werke unter den altehrwürdigen Namen von »Upaniṣads« oder »Purāṇas« gehen, — neuer, saurer Wein in alte Schläuche gegossen. Die Absicht eines Betruges ist aber dabei in der Regel ausgeschlossen.
Cites (2)
- Purāṇa — Sanskrit
- Upanishads — Sanskrit