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Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s10.t2.2

Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s10.t2.2

Language
German

v1.c8.s10.t2.2

Śikṣā heißt eigentlich »Unterricht«, dann im besonderen »Unterricht im Rezitieren«, d. h. in der richtigen Aussprache, Betonung u. s. w. der Saṃhitātexte. Die älteste Erwähnung dieses Vedāṅga findet sich in der Taittirīya-Upaniṣad (I, 2), wo die Lehre von den Buchstaben und der Betonung, dem Silbenmaſs (Quantität) und der Lautstärke, der Melodie und der Wortverbindung bei der fortlaufenden Rezitation als die sechs Kapitel der Śikṣā aufgezählt werden. Ebenso wie die Lehre vom Ritual entsprang auch die Śikṣā einem religiösen Bedürfnis. Denn um eine Opferhandlung richtig zu vollziehen, war es nicht nur notwendig, das Ritual zu kennen, sondern man muſste auch die heiligen Texte genau aussprechen und ohne Fehler rezitieren können, — und zwar so, wie sie in den Saṃhitās überliefert waren. Dies setzt aber voraus, daſs zur Zeit, wo die Lehrbücher der Śikṣā entstanden, die vedischen Saṃhitās bereits als heilige Texte fixiert waren, daſs sie durch phonetisch geschulte Redaktoren eine feste Gestalt bekommen hatten. In der Tat läſst sich nachweisen, daſs z. B. die Rigveda-Saṃhitā die Hymnen nicht in der Gestalt gibt, wie sie von den alten Sängern gedichtet worden sind. Zwar haben die Redaktoren an den Worten selbst nichts geändert; aber sie liefsen sich in bezug auf die Aussprache, den Auslaut und Anlaut der Wörter, die Vermeidung des Hiatus u. dgl. durch phonetische Theorien dazu verleiten, von der ursprünglichen Rezitationsweise abzuweichen. So lesen wir z. B. in unserer Saṃhitā tvam hyagne, können aber (auf Grund des Metrums) beweisen, daſs die alten Sänger tuam hi agne gesprochen hatten. Es sind also die vedischen Saṃhitās selbst bereits das Werk von Phonetikern. Aber neben den Saṃhitā-Pāṭhas, d. h. den Saṃhitātexten, wie sie nach den Lehren der Śikṣā rezitiert werden muſsten, gibt es auch die sogenannten Pada-Pāṭhas oder »Worttexte«, in denen die einzelnen Worte aus der phonetischen Verbindung, in welcher sie der Saṃhitātext bietet, losgetrennt erscheinen. Ein Beispiel wird genügen, um den Unterschied zwischen Saṃhitā-Pāṭha und Pada-Pāṭha klar zu machen. Ein Vers lautet in unserer Rigveda-Saṃhitā:

Cites (1)