Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s2.109
Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s2.109
- Language
- German
v1.c8.s2.109
Wenn uns die Hymnen an Varuṇa und Indra zeigen, daſs es den vedischen Dichtern nicht an Pathos, Kraft und Urwüchsigkeit fehlt, so zeigen uns die Lieder an Agni, das Feuer oder den Feuergott, daſs diese Dichter auch oft den schlichten, warmen Herzenston zu finden wissen. Agni — als das Opferfeuer und als das Feuer, das auf dem Herde flammt — gilt als der Freund der Menschen; er ist der Vermittler zwischen ihnen und den Göttern, und zu ihm spricht der Dichter wie zu einem lieben Freund. Er betet zu ihm, daſs er ihn segne, »wie der Vater den Sohn«, und er setzt voraus, daſs der Gott an seinem Liede sich freut und dem Sänger seinen Wunsch erfüllt. Wenn Indra der Gott des Kriegers ist, so ist Agni der Gott des Familienvaters, der ihm Weib und Kinder beschützt und ihm Haus und Hof gedeihen läſst. Er heiſst selbst oft »Hausherr« (gṛhapati). Er ist der »Gast« jedes Hauses, »der erste aller Gäste«. Als Unsterblicher hat er unter den Sterblichen seine Wohnung aufgeschlagen; und unter seinem Schutze steht das Gedeihen der Familie. Seit uralter Zeit wurde die Braut, wenn sie ins neue Heim einzog, um das heilige Feuer herumgeführt, — und darum heifst Agni auch »der Buhle der Mädchen, der Gatte der Weiber« (Rv. I, 66, 8), und in einem Hochzeitsspruch wird gesagt, daſs Agni der Gatte der Mädchen ist, und daſs der Bräutigam die Braut von Agni empfängt. Schlichte Gebete richtete man an ihn bei der Hochzeit, bei der Geburt von Kindern und ähnlichen Familienereignissen. Während des Hochzeitsopfers betete man für die Braut: »Möge Agni, der Hausherr, sie schützen! Möge er ihre Nachkommen zu hohem Alter führen; gesegneten Schofses sei sie, Mutter lebender Kinder. Möge sie Freude ihrer Söhne schauen!« Als das Opferfeuer ist Agni »der Bote« zwischen Göttern und Menschen; und bald heifst es, daſs er als solcher die Opferspeisen zu den Göttern emporträgt, bald auch, daſs er die Götter zum Opfer herabbringt. Darum heifst er der Priester, der Weise, der Brahmane, der Purohita (Hauspriester), und mit Vorliebe wird ihm der Titel Hotar — so heifst der vornehmste der Priester — beigelegt. Werdende Mythologie und Dichtung sind gerade in den Liedern an Agni kaum zu trennen. Durch reichliche Güsse von zerlassener Butter wurde das Opferfeuer in heller Glut strahlend erhalten, und der Dichter sagt: Agnis Antlitz glänzt, oder sein Rücken, seine Haare triefen von Butterschmalz. Und wenn er als flammenhaarig oder rothaarig, rotbärtig, als mit scharfen Kinnbacken und goldenglänzenden Zähnen versehen geschildert wird; wenn von den Flammen des Feuers als von Agnis Zungen die Rede ist; wenn der Dichter, an das helle, nach allen Seiten strahlende Feuer denkend, den Agni vieräugig oder tausendäugig nennt; so kann man das alles ebenso-gut Poesie als Mythologie nennen. So wird auch das Prasseln und Knistern des Feuers mit dem Brüllen des Stieres ¹) verglichen, — und Agni wird als Stier bezeichnet. Die spitz aufsteigenden Flammen werden als Hörner gedacht, und ein Sänger nennt den Agni »mit tausend Hörnern versehen«, während ein anderer sagt, daſs er seine Hörner wetzt und im Zorne schüttelt. Ebenso häufig wird aber Agni auch mit einem lustig wiehernden Pferde, einem »feurigen Renner«, verglichen, — und in der Mythologie wie im Kult steht Agni zum Pferd in enger Beziehung. Wenn aber Agni auch als der Vogel, der Himmelsadler, bezeichnet wird, der mit raschem Fluge zwischen Himmel und Erde dahineilt, so haben wir an die vom Himmel herabfahrende Blitzesflamme zu denken. Wieder an eine andere Erscheinung des Feuers denkt der Dichter, wenn er sagt (Rv. I, 143, 5): »Agni frifst mit seinen scharfen Kinnbacken die Wälder; er zerkaut sie, er streckt sie nieder wie der Krieger seine Feinde.« Und ähnlich ein anderer Dichter (Rv. I, 65, 8): »Wenn Agni, vom Winde entfacht, sich durch die Wälder ausbreitet, schert er ab das Haar der Erde« (d. h. Gras und Kräuter).
Cites (1)
- Ṛgvedasaṃhitā — Sanskrit