Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s2.225
Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s2.225
- Language
- German
v1.c8.s2.225
Eine Art Mittelstellung zwischen religiöser und weltlicher Dichtung nehmen schlieſslich noch diejenigen Hymnen ein, welche mit sogenannten Dānastutis, »Preisliedern auf die Freigebigkeit« (nämlich der Fürsten und Opferherren, für welche die Lieder gedichtet wurden) verbunden sind. Es gibt ungefähr vierzig solcher Hymnen¹). Einige derselben sind Siegeslieder, in denen Gott Indra gepriesen wird, weil er irgendeinem König zum Sieg über seine Feinde verholfen hat. Mit dem Lob des Gottes verbindet sich die Verherrlichung des siegreichen Königs. Zum Schluſs aber preist der Sänger seinen Herrn, der ihm Rinder, Rosse und schöne Sklavinnen aus der Kriegsbeute geschenkt hat, wobei gelegentlich auch mit einigen derben Zoten des Vergnügens gedacht wird, das die Sklavinnen dem Sänger bereiten. Andere sind sehr umfangreiche Opferlieder²), auch meist an Indra gerichtet, welche offenbar für ganz bestimmte Gelegenheiten auf Bestellung eines Fürsten oder eines reichen Herrn verfaſst und beim Opfer rezitiert wurden; zum Schlusse aber folgen wieder einige Verse, in denen der Opferherr dafür belobt wird, daſs er dem Sänger reichlichen Priesterlohn gegeben. Immer aber wird in den Dānastutis der volle Name des frommen Spenders genannt, und sie beziehen sich unzweifelhaft auf historische Ereignisse oder doch auf tatsächliche Vorfälle. Darum sind sie auch nicht unwichtig. Als Dichtungen freilich sind sie ganz wertlos; sie sind von handwerksmäſsig schaffenden Versemachern auf Bestellung oder im Hinblick auf den zu erwartenden Lohn verfertigt. Gewiſs sind gar manche Hymnen des Rigveda, auch wenn sie mit keiner Dānastuti verbunden sind, ebenso handwerksmäſsig für gute Belohnung »zusammengezimmert« worden. Vergleichen doch vedische Sänger zuweilen selbst ihre Arbeit mit der des Zimmermanns.³) Immerhin ist es bemerkenswert, daſs es unter denjenigen Hymnen, die als Werke der Dichtkunst irgendwie hervorragen, keinen einzigen gibt, der in eine Dānastuti ausläuft. Wenn daher H. Oldenberg¹ über die Rigveda-Poesie im allgemeinen sagt: »Diese Poesie steht nicht im Dienst der Schönheit, wie diese Religion nicht im Dienst der Aufgabe steht, die Seelen zu läutern und zu erheben; sondern beides steht im Dienst des Standesinteresses, des persönlichen Interesses, des Honorars,« — so vergiſst er doch wohl, daſs es unter den 1028 Hymnen des Rigveda nur etwa 40 gibt, die in Dānastutis auslaufen. Ich meine, es hat unter den Verfassern vedischer Hymnen gewiſs Handwerker, aber ebenso gewiſs auch Dichter gegeben.