Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s2.258
Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s2.258
- Language
- German
v1.c8.s2.258
Überblicken wir nun den bunten Inhalt der Rigveda-Saṃhitā, von dem ich hier eine Vorstellung zu geben versuchte, so drängt sich uns die Überzeugung auf, daſs wir in dieser Sammlung die Bruchstücke ältester indischer Dichtung überhaupt zu sehen haben, daſs die uns erhaltenen Lieder, Hymnen und Gedichte des Rigveda nur ein Bruchteil einer viel umfangreicheren — religiösen und weltlichen — Poesie sind, von der wohl das meiste unwiederbringlich verloren ist. Da aber diese Hymnen ihrer groſsen Mehrzahl nach entweder Opfergesänge sind oder als Gebete und Opferlieder verwendet wurden oder doch verwendet werden konnten, so dürfen wir annehmen, daſs eben diese Hymnen den eigentlichen Anlaſs zur Sammlung und Vereinigung derselben in einem »Buch« gegeben haben. Doch haben die Sammler, die neben dem religiösen auch ein rein litterarisches Interesse an der Sammlung gehabt haben werden, sich nicht gescheut, in dieselbe auch unheilige Dichtungen aufzunehmen, welche sich durch Sprache und Metrum als ebenso alt und altehrwürdig erwiesen wie jene Opfergesänge. Nur dadurch, daſs sie in ein »Buch« — d. h. einen zum Auswendiglernen bestimmten Schultext — Aufnahme fanden, konnten sie vor dem Vergessenwerden bewahrt bleiben. Gewiſs hat es aber auch Vieles gegeben, was für sie als zu unheilig galt, um in die Rigveda-Saṃhitā aufgenommen zu werden. Von diesem ist wieder manches dadurch für uns gerettet worden, daſs es später in eine andere Sammlung — die Atharvaveda-Saṃhitā — Aufnahme fand.