Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s2.33
Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s2.33
- Language
- German
v1.c8.s2.33
das uns Gestalten und Bilder aus Kālidāsas Zeiten vors Auge zaubert, pafst durchaus nicht zu den Zeiten des Rigveda. Selbst die Lotosblume, die gewissermaſsen zum Grundbestand der späteren indischen Poesie gehört, gibt den vedischen Sängern noch nicht Anlafs zu Vergleichen. Überhaupt sind Tier- und Pflanzenwelt im Rigveda wesentlich verschieden von denen der späteren Zeit. Der indische Feigenbaum (Nyagrodha, Ficus indica) fehlt im Rigveda. Das gefürchtetste Raubtier des heutigen Indiens, der Tiger, wird in den Hymnen noch nicht erwähnt, — seine Heimat ist Bengalen, wohin die arischen Inder damals noch nicht vorgedrungen waren. Der Reis — später die Hauptfrucht des Landbaues und das Hauptnahrungsmittel der Inder — ist dem Rigveda noch ganz unbekannt. Gepflanzt wird nur die Gerste, und der Ackerbau spielte zur Zeit der Hymnen nur erst eine geringe Rolle. Die Haupterwerbsquelle war die Viehzucht, und Hauptzuchttier war das Rind. Hochgeschätzt war auch das Rofs, das, vor den Streitwagen gespannt, den Krieger ins Feld trug und bei dem beliebten Wagenrennen dem Sieger Preis und Ruhm einbrachte. Immer kehrt in den Liedern und Anrufungen an die Götter die Bitte um Rinder und Rosse wieder. Um Rinderbesitz dreht sich auch der Kampf mit den feindlichen Ureinwohnern. Darum heifst auch das alte Wort für »Krieg« oder »Kampf« ursprünglich »Verlangen nach Rindern« (gaviṣṭi). In den überschwenglichsten Ausdrücken werden die Rinder als der köstlichste Besitz gepriesen¹). Das Brüllen der Kühe, die dem Kalbe zueilen, gilt dem alten Inder als die lieblichste Musik. »Die Sänger jauchzten dem Gott Indra zu,« sagt ein Dichter, »wie Mutterkühe dem Kalbe zubrüllen.« Götter werden gerne mit Stieren, Göttinnen mit Kühen verglichen. Die Milch der Kuh war nicht nur ein Hauptnahrungsmittel, sondern Milch und Butter bildeten auch einen wesentlichen Bestandteil der Opfer an die Götter. Die Milch wurde gern warm genossen, wie sie von der Kuh kam, und vedische Dichter staunen über das Wunder, daſs die rohe Kuh gekochte Milch spende. Und wie es im deutschen Kinderliede heiſst:
Cites (1)
- Ṛgvedasaṃhitā — Sanskrit