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Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s2.38

Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s2.38

Language
German

v1.c8.s2.38

Während wir aber von Viehzucht und Ackerbau, von Handel und Gewerbe ebenso wie von Kriegstaten und von Opfern im Rigveda hören, lässt sich in den Hymnen noch nicht jene Kasteneinteilung nachweisen, welche dem ganzen gesellschaftlichen Leben der Inder der späteren Zeit ein eigenartiges Gepräge verleiht, und welche bis zum heutigen Tage der Fluch Indiens geblieben ist. Nur in einem einzigen, nachweislich späten Hymnus werden die vier Kasten — Brāhmaṇa, Kṣatriya, Vaiśya und Śūdra — erwähnt. Wohl gab es Krieger und Priester, aber von einer geschlossenen Kriegerkaste ist im Rigveda so wenig die Rede wie von einer oder mehreren tieferstehenden Kasten von Ackerbauern, Viehzüchtern, Kaufleuten, Handwerkern und Arbeitern. Wie in späterer Zeit so war es allerdings schon im Rigveda Sitte, dass dem König ein Hauspriester (Purohita) zur Seite stand, der die Opfer für ihn darbrachte. Aber wir hören noch oft genug — auch noch in späterer vedischer Zeit — von Opfern und Zeremonien, die der Hausvater allein ohne priesterlichen Beistand vollzieht. Die Hausfrau nimmt an diesen Opfern teil; ja, es gilt geradezu als wesentlich, dass Mann und Frau vereint die heiligen Zeremonien vollziehen. Diese Teilnahme der Frau an den Opfern beweist immerhin, dass die Stellung der Frau in der ältesten Zeit des Rigveda noch nicht so niedrig war wie später, wo die Gesetzbücher es den Frauen geradezu verbieten, zu opfern und heilige Sprüche zu sagen. Im Rigveda (VIII, 31) lesen wir von dem Ehepaar (dampatī, »Hausherr und Hausfrau«), das »einträchtigen Sinnes den Soma presst, abspült und mit Milch mischt« und den Göttern Verehrung darbringt. Manu aber erklärt in seinem Gesetzbuch, dass es den Göttern unangenehm ist, wenn Frauen opfern (IV, 206), und dass Frauen, die das Feueropfer (Agnihotra) darbringen, in die Hölle sinken (XI, 37). Und wenn wir noch in den Upaniṣads hören, dass sich Frauen auch an den Disputationen der Philosophen lebhaft beteiligten, so darf es uns nicht wundernehmen, dass in den Hymnen des Rigveda die Frauen uneingeschränkt — bei Festen, Tänzen u. dgl. — sich öffentlich zeigen konnten. Und es ist keineswegs notwendig, wie es einige Gelehrte tun, an Hetären zu denken, wenn es heifst, dafs schöne Frauen zu den Festversammlungen strömen. Damit soll nicht geleugnet werden, dafs auch schon zur Zeit des Rigveda manche alleinstehende, schutzlose Frauen — »bruderlose Mädchen« nennt sie ein Dichter — sich der Prostitution ergaben; dafs es aber schon damals »ein grofsartiges Hetärenwesen« gegeben habe, wie zur Zeit des Buddha in Vesāli oder zur Zeit des Perikles in Athen, haben Pischel und Geldner¹) trotz aller Mühe, die sie sich diesbezüglich gegeben haben, nicht bewiesen.

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