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Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s2.40

Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s2.40

Language
German

v1.c8.s2.40

Immerhin dürfen wir uns von den sittlichen Zuständen im alten Indien keine allzu hohe Vorstellung machen und uns dieselben nicht so idyllisch ausmalen, wie es wohl Max Müller zuweilen getan hat. Wir hören in den Hymnen des Rigveda von Blutschande, Verführung, ehelicher Untreue, Abtreibung der Leibesfrucht ebenso wie von Betrug, Diebstahl und Raub. Aber alles dies beweist nichts gegen die Altertümlichkeit des Rigveda. Die heutige Völkerkunde weifs nichts von »unverdorbenen Naturmenschen«, ebensowenig, wie ihr alle Naturvölker rohe Wilde, menschenfressende Ungeheuer sind. Der Ethnologe weifs, dafs eine Stufenleiter von unendlichen Abstufungen der verschiedenartigsten Kulturverhältnisse von den Naturvölkern zu den Halbkulturvölkern bis hinauf zu den Kulturvölkern führt. Wir brauchen uns daher das Volk des Rigveda weder als ein unschuldiges Hirtenvolk noch als eine Horde roher Wilder, aber auch nicht als ein Volk von verfeinerter Kultur zu denken. Das Kulturbild, welches sich uns in diesen Liedern entrollt, und welches uns Heinrich Zimmer in seinem schönen und noch immer wertvollen Buch: »Altindisches Leben«²) so meisterhaft geschildert hat, zeigt uns die arischen Inder als ein tätiges, lebensfrohes und kampflustiges Volk von einfachen, zum Teil noch rohen Sitten. Die vedischen Sänger flehen zu den Göttern um Hilfe gegen den Feind, um Sieg in der Schlacht, um Ruhm und reiche Beute; sie beten um Reichtum, Haufen Goldes und ungezählte Viehherden, um Regen für ihre Felder, um Kindersegen und langes Leben. Noch finden wir in den Liedern des Rigveda nicht jenen weichlichen, weltfremden und weltschmerzlichen Zug des indischen Wesens, der uns in der späteren indischen Litteratur immer wieder begegnen wird.

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