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Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s2.57

Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s2.57

Language
German

v1.c8.s2.57

Um es mit einem Worte zu sagen: Was diesen Hymnen ihren Wert verleiht, ist der Umstand, daſs wir in denselben eine Mythologie im Werden vor uns sehen. Wir sehen Götter gewissermaſsen vor unseren Augen entstehen. Viele der Hymnen gelten nicht einem Sonnengott, nicht einem Mondgott, nicht einem Feuergott, nicht einem Himmelsgott, nicht Sturmgöttern und Wassergottheiten, nicht einer Göttin der Morgenröte und einer Erdgöttin, sondern die leuchtende Sonne selbst, der strahlende Mond am nächtlichen Firmament, das auf dem Herde oder dem Altar lodernde Feuer oder auch der aus der Wolke zuckende Blitz, der helle Tageshimmel oder der gestirnte Nachthimmel, die brausenden Stürme, die strömenden Wasser der Wolken und der Flüsse, die erglühende Morgenröte und die weithin sich ausbreitende, fruchtbare Erde — alle diese Naturerscheinungen werden als solche verherrlicht, angebetet und angerufen. Und erst allmählich vollzieht sich in den Liedern des Rigveda selbst die Umwandlung dieser Naturerscheinungen in mythologische Gestalten, in Götter und Göttinnen, wie Sūrya (Sonne), Soma (Mond), Agni (Feuer), Dyaus (Himmel), Maruts (Stürme), Vāyu (Wind), Āpas (Gewässer), Uṣas (Morgenröte) und Pṛthivī (Erde), deren Namen auch noch unzweifelhaft andeuten, was sie ursprünglich gewesen sind. Und so beweisen die Lieder des Rigveda unwiderleglich, daſs die hervorragendsten Gestalten der Mythologie aus Personifikationen der auffälligsten Naturerscheinungen hervorgegangen sind. Der mythologischen Forschung aber ist es gelungen, auch bei anderen Gottheiten, deren Namen nicht mehr so durchsichtig sind, nachzuweisen, daſs sie ursprünglich nichts anderes waren als ebensolche Naturerscheinungen wie Sonne, Mond u. s. w. Solche mythologische Gestalten, deren ursprüngliche Natur in den Hymnen schon halb und halb vergessen ist, und die nur mehr als mächtige, erhabene und durch allerlei Wundertaten ausgezeichnete Wesen gefeiert werden, sind Indra, Varuṇa, Mitra, Aditi, Viṣṇu, Pūṣan, die beiden Aśvins, Rudra und Parjanya. Auch diese Götternamen bezeichneten ursprünglich Naturerscheinungen und Naturwesen. Beiwörter, welche zunächst eine besonders wichtige Seite eines Naturwesens hervorhoben, wurden zu eigenen Götternamen und zu neuen Göttern. So waren Savitar, der »Erreger«, der »Beleber«, und Vivasvat, »der Leuchtende«, zuerst Beiwörter, dann Namen der Sonne, und schlieſslich wurden sie zu selbständigen Sonnengöttern neben Sūrya. Auch die Götter verschiedener Stämme und verschiedener Zeiten sind vielfach in dem Polytheismus der vedischen Inder vertreten[^1). So kommt es, daſs auch Mitra, Viṣṇu und Pūṣan im Rigveda als Sonnengötter erscheinen. Pūṣan war vermutlich ursprünglich der Sonnengott eines kleinen Hirtenstammes, ehe er als der »Herr der Wege«, der Schützer der Reisenden, der Gott, der alle Pfade kennt und auch das verlaufene Vieh wieder auf den richtigen Weg bringt, in das vedische Pantheon aufgenommen wurde. Mitra, der identisch ist mit dem Mithra des Avesta, gibt sich schon dadurch als ein alter arischer Sonnengott zu erkennen, der noch aus der Zeit stammt, wo Inder und Iranier ein Volk bildeten. Nicht bei allen Göttern ist es so leicht, zu ergründen, welcher Naturerscheinung sie ihren Ursprung verdanken. Noch gehen die Ansichten der Forscher in der Erklärung von Göttern wie Indra, Varuṇa, Rudra, der Aditi und den Aśvins — um nur die wichtigsten zu nennen — weit auseinander. So ist Indra dem einen ein Gewittergott, dem andern ein alter Sonnengott. Varuṇa gilt den einen als ein Himmelsgott, während andere in ihm einen Mondgott sehen.