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Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s2.59

Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s2.59

Language
German

v1.c8.s2.59

Rudra, der gewöhnlich für einen Sturmgott gehalten wird, weil er der Vater der Sturmgötter (der »Maruts«) ist, wäre nach Oldenberg ein Berg- und Waldgott, nach Hillebrandt »ein Gott der Schrecken des tropischen Klimas«. Aditi ist nach der einen Ansicht der weite Himmelsraum, nach der anderen die endlos sich ausbreitende Erde. Die beiden Aśvins, ein Götterpaar, welches mit den griechischen Dioskuren zweifellos verwandt ist und sich auch in der germanischen und lettischen Mythologie wiederfindet, waren schon vor Yāska den alten indischen Exegeten ein Rätsel; die einen hielten sie für Himmel und Erde, andere für Tag und Nacht, und heute noch sehen manche Forscher in ihnen die beiden Dämmerungen, andere Sonne und Mond, wieder andere den Morgen- und Abendstern und noch andere das Sternbild der Gemini¹). Was aber das wichtigste ist: darin stimmen die meisten Mythologen heute überein, daſs die weitaus gröſste Mehrzahl der vedischen Götter aus Naturerscheinungen oder Naturwesen hervorgegangen ist. Wohl hat es auch einige Gottheiten gegeben, welche aus Abstraktionen zu göttlichen Wesen geworden sind, aber sie treten fast alle erst in den spätesten Hymnen des X. Buches auf; so Viśvakarman, »der Weltbaumeister«, Prajāpati, »der Herr der Geschöpfe«, oder Śraddhā, »Glaube«, Manyu, »Zorn«, und einige ähnliche Personifikationen. Wichtiger sind einzelne Götter der sogenannten »niederen« Mythologie, welche auch im Rigveda vorkommen: die Ṛbhus, welche den Elfen, die Apsaras, welche den Nymphen entsprechen, und die Gandharvas, welche eine Art Wald- und Feldgeister sind. Auch zahlreiche Dämonen und böse Geister erscheinen in den Hymnen als Götterfeinde, welche von den Devas oder Göttern gehaſst und bekämpft werden. Der Name Asura aber, mit welchem in den späteren vedischen Werken diese Götterfeinde bezeichnet werden, kommt im Rigveda noch in der alten Bedeutung »Gott« vor, welche das entsprechende Wort »Ahura« im Avesta hat, und nur an wenigen Stellen auch in der Bedeutung von Dämonen. Im Rigveda ist Dāsa oder Dasyu — so bezeichnete man auch die nicht-arischen Ureinwohner — der gewöhnliche Name für die bösen Dämonen, daneben auch Rakṣas oder Rākṣasas, womit im Rigveda ebenso wie in der ganzen späteren indischen Litteratur alle Arten von unheilbringenden, gespenstischen Wesen bezeichnet werden. Auch die Pitaras, die »Väter« oder Ahnengeister, empfangen schon im Rigveda göttliche Verehrung. Und der König dieser Ahnengeister, der im Reiche der Verstorbenen hoch oben im höchsten Himmel herrscht, ist Yama, ein Gott, der schon der indo-iranischen Vorzeit angehört; denn er ist identisch mit Yima, der im Avesta der erste Mensch, der Urahn des Menschengeschlechts ist. Als der erste Dahingeschiedene — vielleicht ursprünglich die täglich untersinkende Sonne oder der allmonatlich hinsterbende Mond — wurde er zum König im Reiche der Toten. Aber dieses Totenreich ist im Himmel, und den Sterbenden tröstet der Glaube, daſs er nach dem Tode im höchsten Himmel bei König Yama weilen werde. Von dem düsteren Glauben an eine Seelenwanderung und ein ewiges Wiedergeborenwerden — dem Glauben, welcher das ganze philosophische Denken der Inder in späteren Jahrhunderten beherrscht — ist im Rigveda noch keine Spur zu finden. So sehen wir auch hier, wie doch in diesen Hymnen ein ganz anderer Geist weht als in der gesamten späteren indischen Litteratur.