Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s3.111
Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s3.111
- Language
- German
v1.c8.s3.111
Wegen seines mystischen und halb philosophischen Inhalts kann man aber dieses Buch auch zur letzten Klasse von Hymnen des Atharvaveda, die noch zu erwähnen ist, rechnen, nämlich zu den Hymnen theosophischen und kosmogonischen Inhalts, die wohl ohne Zweifel auch zu den jüngsten Bestandteilen des Atharvaveda gehören. Nichts scheint ja dem Zauberwesen ferner zu stehen als die Philosophie, und man könnte sich darüber wundern, daſs die Atharvaveda-Saṃhitā neben Zauberliedern, Flüchen und Segenssprüchen auch Hymnen philosophischen Inhalts enthält. Wenn wir uns aber diese Hymnen näher ansehen, so werden wir bald finden, daſs sie ebenso wie die Zauberlieder zum groſsen Teil auch nur praktischen Zwecken dienen. Es ist nicht das Sehnen und Suchen nach Wahrheit, nach der Lösung dunkler Welträtsel, das in ihnen zum Ausdruck kommt, sondern auch hier sind es nur Zauberkünstler, die sich als Philosophen gebärden, indem sie die geläufigen philosophischen Ausdrücke zu einem künstlichen, besser gesagt: gekünstelten Gewebe von aberwitzigen und überwitzigen Phantastereien miſsbrauchen, um den Eindruck des Mystischen, des Geheimnisvollen hervorzurufen. Was uns auf den ersten Blick als Tiefsinn erscheint, ist oft in Wirklichkeit nichts als leere Geheimtuerei, hinter der mehr Unsinn als Tiefsinn steckt; und für den Zaubermeister gehört ja die Geheimtuerei, das Verhüllen des Wirklichen unter einem mystischen Schleier, zum Handwerk. Doch setzen diese philosophischen Hymnen eine ziemlich hohe Entwicklung des metaphysischen Denkens voraus. Die Hauptgedanken der Upaniṣads, die Vorstellung von einem höchsten Gott als Schöpfer und Erhalter der Welt (Prajāpati), und selbst die von einem unpersönlichen schöpferischen Prinzip sowie eine Reihe von philosophischen Kunstausdrücken, wie brahman, tapas, asat, prāṇa, manas, müssen zur Zeit, als diese Hymnen entstanden, bereits Gemeingut weiter Kreise gewesen sein. Darum dürfen wir auch in den theosophischen und kosmogonischen Hymnen des Atharvaveda nicht etwa eine Entwicklungsstufe der indischen Philosophie sehen. Die fruchtbaren Gedanken der wahrhaft philosophischen Hymnen des Rigveda haben ihre weitere Ausbildung erst in den Upaniṣads erfahren, und die philosophischen Hymnen des Atharvaveda können durchaus nicht als eine Übergangsstufe von der ältesten Philosophie zu der der Upaniṣads aufgefaſst werden. »Sie stehen«, wie Deussen sagt, »nicht sowohl innerhalb des groſsen Entwicklungsganges als vielmehr ihm zur Seite.«¹