Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s3: Die Atharvaveda-Saṃhitā
Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s3
- Language
- German
Die Atharvaveda-Saṃhitā
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¹ Eine vollständige deutsche Übersetzung des Atharvaveda gibt es nicht, wohl aber Übersetzungen einzelner Bücher und ausgewählter Hymnen. Eine groſse Auswahl von Hymnen ist übersetzt von Alfred Ludwig im dritten Band seines »Rigveda« (Prag 1878), S. 428—551. Eine Auswahl metrischer Übersetzungen gibt Julius Grill, »Hundert Lieder des Atharva-Veda« (zweite Aufl., Stuttgart 1888). A. Weber hat übersetzt: die Bücher I bis V und XIV im 4., 13., 17., 18. und 5. Band der »Indischen Studien« resp., ferner Buch XVIII in den Sitzungsberichten der Berliner Akademie der Wissenschaften 1895 und 1896. Das XV. Buch hat Th. Aufrecht im ersten Band der »Indischen Studien« und die ersten 50 Hymnen des VI. Buches C. A. Florenz (Göttingen 1887, Doktordissertation) ins Deutsche übersetzt. Viktor Henry übersetzte die Bücher VII bis XIII ins Französische (Paris 1891–96). Eine vollständige englische Übersetzung gibt es von R. T. H. Griffith (Benares 1895–-6). Die beste Auswahl in vorzüglicher englischer Übersetzung ist die von M. Bloomfield (Sacred Books of the East, vol. 42). Derselbe Gelehrte hat auch im »Grundrifs« (Bd. II, erstes Heft, B) sehr eingehend über den Atharvaveda gehandelt, und diesem vortrefflichen Werke ist der Verfasser für die folgende Darstellung, namentlich auch für die Klassifikation der Hymnen, zu besonderem Danke verpflichtet.
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»Atharva-veda« bedeutet so viel wie »der Veda der Atharvans« oder »das Wissen von den Zaubersprüchen.« Ursprünglich bezeichnet aber das Wort Atharvan einen Feuerpriester, und es ist wohl der älteste indische Name für »Priester« überhaupt, denn das Wort geht in die indo-iranische Zeit zurück. Den indischen Atharvans entsprechen nämlich die Āthravans oder »Feuerleute« des Avesta¹). Der Feuerkult spielte im täglichen Leben der alten Inder keine geringere Rolle als bei den so oft als »Feueranbetern« bezeichneten alten Persern; die Priester dieses uralten Feuerkultes waren aber noch — wie die Schamanen Nordasiens und die Medizinmänner der Indianer — »Zauberpriester«, d. h. Priester und Zauberer in einer Person, wie ja auch in dem Worte »Magier« — wie die Āthravans in Medien genannt wurden — die Begriffe Zauberer und Priester ineinanderfliefsen. So erklärt es sich, dafs mit dem Worte atharvan auch die »Sprüche der Atharvans oder der Zauberpriester«, also die Zaubersprüche und Zauberformeln selbst bezeichnet wurden. Der älteste Name aber, unter dem dieser Veda in der indischen Litteratur bekannt ist, lautet Atharvāṅgirasah, d. h. »die Atharvans und die Aṅgiras«. Die Aṅgiras sind ebenfalls eine Klasse von Feuerpriestern der Vorzeit, und das Wort erlangte ebenso wie atharvan die Bedeutung von »Zauberformeln und Zaubersprüchen«. Die beiden Ausdrücke atharvan und aṅgiras bezeichnen aber zwei verschiedene Gattungen von Zauberformeln: atharvan ist »heiliger, glückbringender Zauber«, während aṅgiras »feindlichen Zauber, schwarze Magie« bedeutet. Zu den Atharvans gehören z. B. die zur Heilung von Krankheiten dienenden Zauberformeln, während zu den Aṅgiras die Verfluchungen von Feinden, Nebenbuhlern, bösen Zauberern u. dgl. gehören. Der alte Name Atharvāṅgirasah bezeichnet also diese beiden Arten von Zauberformeln, welche den Hauptinhalt des Atharvaveda bilden. Der spätere Name Atharvaveda ist blofs eine Abkürzung für »Veda der Atharvans und Aṅgiras«.
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¹ Auch im alten Rom gehören die flamines, welche das Brandopfer zu vollziehen hatten, zu den ältesten Priestern. (Th. Mommsen, Römische Geschichte, 4. Aufl. I, S. 170 f.)
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Die Atharvaveda-Saṃhitā nun — gewöhnlich schlechthin »der Atharvaveda« genannt — ist in der Rezension, welche uns am besten erhalten ist¹), eine Sammlung von 731 Hymnen, welche ungefähr 6000 Verse enthalten. Sie ist in 20 Bücher eingeteilt. Von diesen ist das XX. Buch erst sehr spät hinzugefügt worden, und auch das XIX. Buch gehörte ursprünglich der Saṃhitā nicht an. Das XX. Buch ist fast ganz aus Hymnen zusammengesetzt, welche wörtlich der Rigveda-Saṃhitā entnommen sind. Aufserdem ist noch ungefähr ein Siebentel der Atharvaveda-Saṃhitā dem Rigveda entnommen; und zwar findet sich mehr als die Hälfte der Verse, welche der Atharvaveda mit dem Rigveda gemeinsam hat, im X. Buch, die meisten der übrigen Verse im I. und VIII. Buch des Rigveda. Die Anordnung der Hymnen in den 18 echten Büchern folgt einem gewissen Plan und verrät eine ziemlich sorgfältige redaktionelle Tätigkeit. Die ersten sieben Bücher bestehen aus zahlreichen kurzen Hymnen, und zwar haben die Hymnen in Buch I in der Regel vier, in Buch II fünf, in Buch III sechs, in Buch IV sieben Verse. Die Hymnen des V. Buches haben mindestens acht und höchstens achtzehn Verse. Das VI. Buch besteht aus 142 Hymnen von zumeist nur drei Versen und das VII. Buch aus 118 Hymnen, von denen die meisten nur einen oder zwei Verse enthalten. Die Bücher VIII—XIV, XVII und XVIII bestehen durchwegs aus sehr langen Hymnen, und zwar steht der kürzeste Hymnus (mit 21 Versen) am Anfang dieser Reihe (VIII, 1) und der längste (mit 89 Versen) am Ende derselben (XVIII, 4). Buch XV und der gröfste Teil von Buch XVI, welche die Reihe unterbrechen, sind in Prosa abgefafst und dem Stil und der Sprache nach den Brāhmaṇas ähnlich Trotzdem bei dieser Anordnung in erster Linie etwas rein Äuſserliches — die Verszahl — in Betracht gezogen ist, wird doch auch auf den Inhalt einige Rücksicht genommen. Zwei, drei, vier und auch mehr Hymnen, die denselben Gegenstand behandeln, stehen oft beisammen. Zuweilen ist der erste Hymnus eines Buches mit Rücksicht auf seinen Inhalt an den Anfang gestellt; so beginnen die Bücher II, IV, V und VII mit theosophischen Hymnen, was gewiſs absichtlich ist. Die Bücher XIII—XVIII sind ihrem Inhalte nach fast ganz einheitlich; so enthält Buch XIV nur Hochzeitssprüche und Buch XVIII nur Totenbestattungsverse.
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¹ Es ist die Śaunaka-Rezension oder der zur Śaunaka-Schule gehörige Saṃhitātext. Nur durch eine einzige, ungenaue Handschrift bekannt ist die Paippalāda-Rezension. Der Text der Śaunaka-Rezension ist herausgegeben von R. Roth und W. D. Whitney, Berlin 1856.
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Sprache und Metrik der Hymnen des Atharvaveda sind im wesentlichen dieselben wie die der Rigveda-Saṃhitā. Doch finden sich in der Sprache des Atharvaveda zum Teil entschieden jüngere und zum Teil mehr volkstümliche Bildungen, und auch die Metrik wird bei weitem nicht so streng gehandhabt wie im Rigveda. Abgesehen von Buch XV, das ganz, und Buch XVI, das gröſstenteils in Prosa abgefaſst ist, finden wir auch sonst gelegentlich prosaische Stücke unter den Versen; und es ist oft nicht leicht, zu entscheiden, ob ein Stück in gehobener Prosa oder in schlechtgebauten Versen verfaſst ist. Auch das kommt vor, daſs ein ursprünglich richtiges Metrum durch eine Einschiebung oder Textverderbnis gestört wird. In einzelnen Fällen weisen wohl die sprachlichen und metrischen Tatsachen darauf hin, daſs wir es mit jüngeren Stücken zu tun haben. Im allgemeinen aber lassen sich aus der Sprache und dem Metrum keine Schlüsse auf die Abfassungszeit der Hymnen, noch weniger auf das Alter der Redaktion unserer Saṃhitā ziehen. Denn es bleibt immer eine offene Frage, ob die sprachlichen Eigentümlichkeiten und die metrischen Freiheiten, durch welche sich die Zaubersprüche des Atharvaveda von der Hymnendichtung des Rigveda unterscheiden, auf einem Unterschied in der Entstehungszeit oder auf der Verschiedenheit zwischen volkstümlicher und priesterlicher Dichtung beruhen. (Vgl. oben S. 53 f.)
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Hingegen gibt es andere Tatsachen, welche unwiderleglich beweisen, daſs unsere Redaktion der Atharvaveda-Saṃhitā jünger ist als die der Rigveda-Saṃhitā. Zunächst führen uns die geographischen und kulturellen Verhältnisse, wie sie sich im Atharvaveda widerspiegeln, in eine jüngere Zeit. Die vedischen Arier sind nun bereits weiter nach Südosten vorgedrungen und schon im Gangeslande ansässig. Der in den Sumpfwaldungen Bengalens einheimische und daher im Ṛigveda noch unbekannte Tiger erscheint im Atharvaveda schon als das mächtigste und gefürchtetste aller Raubtiere, und bei der Königsweihe tritt der König auf ein Tigerfell, das Symbol königlicher Macht. Der Atharvaveda kennt nicht nur die vier Kasten — Brāhmaṇas, Kṣatriyas, Vaiśyas und Śūdras —, sondern in einer Reihe von Hymnen werden schon (wie das später mehr und mehr der Fall ist) von der Priesterkaste die höchsten Ansprüche erhoben, und die Brahmanen werden bereits oft als die »Götter«[^1) dieser Erde bezeichnet. Die Zauberlieder des Atharvaveda, die ja gewifs ihren Hauptbestandteilen nach volkstümlich und uralt sind, haben auch in der Saṃhitā nicht mehr ihre ursprüngliche Gestalt, sondern sie sind brahmanisiert. Diese alten Sprüche und Formeln, deren Verfasser ebenso unbekannt sind wie die der Zaubersprüche und Zauberlieder anderer Völker, und die ursprünglich ebensosehr »Volksdichtung« waren, wie die Zauberpoesie es ja überall ist, haben in der Atharvaveda-Saṃhitā ihren volkstümlichen Charakter zum Teil schon eingebüſst. Wir sehen auf Schritt und Tritt, daſs die Sammlung von Priestern zusammengestellt worden ist, und daſs auch viele der Hymnen von Priestern verfaſst sind. Dieser priesterliche Horizont der Redakteure und zum Teil auch der Verfasser der Hymnen des Atharvaveda verrät sich in gelegentlichen Vergleichungen und Beiworten, wie etwa, wenn es in einem Spruch gegen Feldungeziefer heifst, es solle das Getreide unberührt lassen »wie der Brahmane unfertige Opferspeise«. Eine ganze Klasse von Hymnen des Atharvaveda — wir kommen unten auf sie zu sprechen — beschäftigt sich nur mit den Interessen der Brahmanen, der Priesterspeisung, der Opferlöhnung u. dgl., und sie sind selbstverständlich das Werk von Priestern.
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So wie aber diese Brahmanisierung der alten Zauberpoesie auf eine jüngere Zeit der Redaktion hinweist, so zeugt auch die Rolle, welche die vedischen Götter im Atharvaveda spielen, für
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[^1): Einmal kommt der Ausdruck »Götter« für »Priester« auch im Ṛigveda vor (Ṛv. I, 128, 8). Vgl. Zimmer, Altindisches Leben, S. 205 ff.
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die spätere Entstehungszeit der Saṃhitā. Wir begegnen hier denselben Göttern wie im Ṛigveda — Agni, Indra u. s. w. —, aber sie sind ihrem Charakter nach ganz verblaſst, sie unterscheiden sich kaum einer von dem andern, ihre ursprüngliche Bedeutung als Naturwesen ist zum groſsen Teil vergessen; und da es sich ja in den Zauberliedern hauptsächlich um Vertreibung und Vernichtung von Dämonen handelt, werden auch die Götter nur zu diesem Zwecke angerufen, — sie sind alle zu Dämonentötern geworden. Auf eine jüngere Zeit weisen endlich auch diejenigen Hymnen des Atharvaveda hin, welche theosophische und kosmogonische Spekulationen enthalten. Wir finden in diesen Hymnen bereits eine ziemlich ausgebildete philosophische Terminologie und eine mit der Philosophie der Upaniṣads auf gleicher Stufe stehende Entwicklung des Pantheismus. Daſs aber selbst diese philosophischen Hymnen zu Zauberzwecken verwendet werden, daſs z. B. ein philosophischer Begriff wie Asat, »das Nichtseiende«, als ein Mittel zur Vernichtung von Feinden, Dämonen und Zauberern verwendet wird¹), zeigt, daſs wir hier bereits eine künstliche und sehr moderne Entwicklung des alten Zauberwesens vor uns haben.
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¹ Ath. IV. 19, 6.
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Kein Zeichen jüngeren Datums ist es, daſs die Heiligkeit des Atharvaveda von den Indern selbst lange nicht anerkannt wurde und vielfach noch heute bestritten wird. Der Grund hierfür ist in dem Charakter dieses Veda zu suchen. Zweck des Atharvaveda ist es, wie die Inder sagen, »zu besänftigen, zu segnen und zu fluchen«²). Jene zahlreichen Zauberformeln aber, welche Flüche und Beschwörungen enthalten, gehören in das Gebiet des »unheiligen Zaubers«, von dem das Priestertum und die priesterliche Religion sich mehr und mehr loszusagen bemüht waren. Im Grunde ist ja zwischen Kult und Zauber kein wesentlicher Unterschied: durch beide sucht der Mensch auf die übersinnliche Welt einzuwirken. Auch Priester und Zauberer sind ursprünglich ein und dasselbe. Aber in der Geschichte aller Völker beginnt eine Zeit, wo Götterkult und Zauberwerk auseinanderzugehen streben (was niemals ganz gelingt), wo der mit den Göttern befreundete Priester sich von dem mit der unheimlichen Dämonenwelt im Bunde stehenden Zauberer lossagt und auf ihn von oben herabblickt. Dieser Gegensatz zwischen Zauberer und Priester bildete sich auch in Indien heraus. Nicht nur den buddhistischen und jainistischen Mönchen ist es verboten, sich mit den Beschwörungen des Atharvaveda und mit Zauberwerk zu beschäftigen, sondern auch die brahmanischen Gesetzbücher erklären die Zauberei für eine Sünde, stellen die Zauberer mit Betrügern und Spitzbuben in eine Linie und fordern den König auf, mit Strafen gegen sie vorzugehen¹). Freilich wird an anderen Stellen der Gesetzbücher den Brahmanen ausdrücklich gestattet, sich der Beschwörungen des Atharvaveda gegen ihre Feinde zu bedienen²), und die rituellen Texte, welche uns die groſsen Opfer schildern, enthalten zahllose Beschwörungsformeln und Beschreibungen von Zauberriten, durch welche der Priester »den, der uns haſst, und den, den wir hassen«, — so lautet die stehende Formel — vernichten kann. Dennoch entstand in priesterlichen Kreisen eine gewisse Abneigung gegen den Veda, der Zaubersprüche; er galt nicht als orthodox genug und wurde vielfach vom Kanon der heiligen Texte ausgeschlossen. Eine Sonderstellung in der heiligen Litteratur nahm er von Anfang an ein. Wo immer in älteren Werken von heiligem Wissen die Rede ist, da wird immer zuerst die trayī vidyā, »das dreifache Wissen«, d. h. Rigveda, Yajurveda und Sāmaveda, erwähnt; der Atharvaveda folgt immer erst nach der trayī vidyā und wird oft auch ganz übergangen. Es kommt sogar vor, daſs die Vedāṅgas und die epischen Erzählungen (itihāsapurāṇa) als heilige Texte aufgeführt werden, während der Atharvaveda unerwähnt bleibt. So wird in einem Gṛhyasūtra³) eine Zeremonie beschrieben, durch welche in das neugeborene Kind die Vedas »hineingelegt« werden sollen. Dies geschieht mittels eines Spruches, in welchem es heiſst: »Den Rigveda lege ich in dich, den Yajurveda lege ich in dich, den Sāmaveda lege ich in dich, die Wechselreden (vākovākya) lege ich in dich, die Sagen und Legenden (itihāsapurāṇa) lege ich in dich, alle Vedas lege ich in dich.« Hier ist also der Atharvaveda absichtlich übergangen. Selbst in alten buddhistischen Texten wird von gelehrten Brahmanen gesagt, daſs sie in den drei Vedas bewandert sind.¹ Daſs aber diese Nichterwähnung des Atharvaveda kein Beweis für die späte Entstehung der Saṃhitā ist, geht schon daraus hervor, daſs bereits in einer Saṃhitā des schwarzen Yajurveda² und auch sonst gelegentlich in alten Brāhmaṇas und Upaniṣads der Atharvaveda neben den drei anderen Vedas genannt wird.
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² D. h. die Dämonen zu besänftigen, die Freunde zu segnen und den Feinden zu fluchen.
v1.c8.s3.14
¹ Sacred Books of the East X, II, S. 176. XLV, S. 105, 133, 363. Manu IX, 258, 290. XI, 64. Viṣṇu-Smṛti 54, 25.
v1.c8.s3.15
² Siehe unten S. 129.
v1.c8.s3.16
³ Śāṅkhāyana-Gṛhyasūtra I, 24, 8.
v1.c8.s3.17
¹ Besonders merkwürdig ist Suttanipāta, Selasutta, wo von dem Brahmanen Sela gesagt wird, daſs er in den drei Vedas, den Vedāṅgas und dem Itihāsa als fünftem bewandert ist (ed. Fausböll, p. 101). Auch in Suttanipāta 1019 heiſst es von Bhāvarī, daſs er die drei Vedas bemeistert hat. (Sacred Books of the East, vol. X, II, pp. 98 und 189.)
v1.c8.s3.18
² Taittirīya-Saṃhitā VII, 5, 11, 2, wo der Plural von Aṅgiras im Sinne von »Atharvaveda« steht. S. oben S. 104 f.
v1.c8.s3.19
Wenn es aber auch feststeht, daſs unsere Redaktion der Atharvaveda-Saṃhitā jünger ist als die der Rigveda-Saṃhitā, so folgt daraus keineswegs, daſs die Hymnen selbst jünger sind als die Rigvedahymnen. Es folgt nur, daſs die jüngsten Hymnen des Atharvaveda jünger sind als die jüngsten Hymnen des Rigveda. Aber so gewiſs es ist, daſs es unter den Hymnen des Atharvaveda viele gibt, welche jünger sind als die groſse Mehrzahl der Rigvedahymnen, so gewiſs ist es, daſs die Zauberpoesie des Atharvaveda an sich mindestens ebenso alt, wenn nicht älter ist als die Opferpoesie des Rigveda, daſs zahlreiche Stücke des Atharvaveda in dieselbe graue Vorzeit zurückreichen wie die ältesten Lieder des Rigveda. Denn es geht durchaus nicht an, etwa von einer »Periode des Atharvaveda« zu sprechen. Wie die Rigveda-Saṃhitā so enthält auch die Sammlung des Atharvaveda Stücke, welche durch Jahrhunderte voneinander getrennt sind. Und nur von den jüngeren Bestandteilen der Atharvaveda-Saṃhitā kann man sagen, daſs manche derselben erst nach dem Vorbild der Rigvedahymnen gedichtet worden sind. Für unrichtig halte ich aber die Ansicht von Oldenberg³), daſs die älteste Gestalt der Zauberformeln in Indien die prosaische gewesen, und daſs die ganze Litteratur von Zauberversen und Zauberliedern erst nach dem »Vorbild ihrer älteren Schwester, der Poesie der Opferhymnen« geschaffen worden sei.
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³ Literatur des alten Indien, S. 41.
v1.c8.s3.21
Aus den Zauberliedern des Atharvaveda spricht doch ein ganz anderer Geist als aus den Hymnen des Rigveda. Es ist eine ganz andere Welt, in der wir uns hier bewegen. Dort die groſsen Götter des Himmels, welche die gewaltigen Naturerscheinungen verkörpern, die der Sänger verherrlicht und lobpreist, denen er opfert, und zu denen er betet, starke, hilfreiche, zum Teil erhabene Wesen, freundliche Lichtgottheiten zumeist, — hier die finsteren, dämonischen Mächte, welche Krankheit und Unglück über die Menschen bringen, gespenstische Wesen, gegen die der Zauberer seine wilden Flüche schleudert, oder die er durch Schmeichelreden besänftigen und bannen will. Viele dieser Zauberlieder gehören ja gerade so wie die dazugehörigen Zauberriten einem Kreise von Vorstellungen an, welche, über die ganze Erde verbreitet, bei den verschiedensten Völkern aller Länder mit überraschender Ähnlichkeit immer wiederkehren. Wir finden genau dieselben Anschauungen, genau dieselben seltsamen Gedankensprünge in den Zauberliedern und Zauberriten, wie sie uns der Atharvaveda von den alten Indern aufbewahrt hat, auch bei den Indianern Nordamerikas, bei den Negervölkern Afrikas, bei Malaien und Mongolen, bei den alten Griechen und Römern und vielfach noch bei dem Landvolk im heutigen Europa wieder. Es finden sich denn auch zahlreiche Verse im Atharvaveda, welche ihrem Charakter und oft auch ihrem Inhalte nach von den Zaubersprüchen der indianischen Medizinmänner und der tatarischen Schamanen ebensowenig verschieden sind wie von den Merseburger Zaubersprüchen, die zu den kärglichen Überresten ältester deutscher Poesie gehören. So lesen wir z. B. in einem der Merseburger Zaubersprüche, daſs »Wodan, der es wohl verstand«, die Beinverrenkung von Balders Fohlen mit der Formel besprach:
v1.c8.s3.22
»Bein zu Beine,
Blut zu Blute,
Glied zu Gliedern,
Als wenn sie geleimet wären.«
v1.c8.s3.23
Und ganz ähnlich heiſst es im Atharvaveda IV, 12 in einem Spruch gegen Beinbruch:
v1.c8.s3.24
»Mark mit Mark füg’ sich zusammen,
Glied mit Glied füg’ sich zusammen.
Was vom Fleisch dir abgefallen,
Und der Knochen wachs’ zusammen.
v1.c8.s3.25
Mark mit Mark soll sich vereinen,
Haut mit Haut zusammenwachsen,
Blut und Knochen soll verwachsen,
Fleisch mit Fleisch zusammenwachsen!
Haar mit Haar bring du¹) zusammen,
Haut mit Haut bring du zusammen, —
Blut und Knochen soll verwachsen, —
Kraut, vereinig' das Gespalt'ne.«
v1.c8.s3.26
¹ Das Heilkraut ist angesprochen.
v1.c8.s3.27
Gerade darin liegt die groſse Bedeutung der Atharvaveda-Saṁhitā, daſs sie für uns eine unschätzbare Quelle ist für die Kenntnis des eigentlichen, von der Priesterreligion noch unbeeinfluſsten Volksglaubens, des Glaubens an zahllose Geister, Kobolde, Gespenster und Dämonen aller Art, und des ethnologisch und religionsgeschichtlich so überaus wichtigen Zauberwesens. Wie wichtig gerade für den Ethnologen der Atharvaveda ist, das mag die folgende Übersicht über die verschiedenen Klassen von Hymnen, welche die Sammlung enthält, zeigen.
v1.c8.s3.28
Einen Hauptbestandteil der Atharvaveda-Saṁhitā bilden die Lieder und Sprüche zur Heilung von Krankheiten, welche zu den Heilzauberriten (bhaiṣajyāni) gehören. Sie sind entweder an die als persönliche Wesen, als Dämonen gedachten Krankheiten²) selbst gerichtet oder aber an ganze Klassen von Dämonen, welche als Verursacher von Krankheiten gelten. Und wie bei anderen Völkern herrscht auch in Indien der Glaube, daſs diese Dämonen den Kranken entweder von aufsen bedrängen und quälen, oder daſs der Kranke von ihnen besessen ist. Manche dieser Sprüche sind auch Anrufungen und Lobpreisungen des Heilkrautes, welches zur Heilung der Krankheit dienen soll; andere wieder sind Gebete an das Wasser, dem besondere Heilkraft zugeschrieben wird, oder an das Feuer, welches den Indern als der kräftigste Dämonenverscheucher gilt. Diese Zauberlieder bilden zusammen mit den dazugehörigen Zauberriten, von denen wir aus dem später zu nennenden Kauśikasūtra Kunde haben, das älteste System der indischen medizinischen Wissenschaft. Mit groſser Anschaulichkeit werden in den Liedern oft die Symptome der verschiedenen Krankheiten geschildert, und sie sind daher auch für die Geschichte der Medizin nicht uninteressant. Dies gilt besonders von den Sprüchen gegen das Fieber. Wegen seiner Häufigkeit und Heftigkeit wird das Fieber noch in den späteren Lehrbüchern der Medizin »der König der Krankheiten« genannt. Und an den Takman — dies ist der Name des als Dämon gedachten Fiebers im Atharvaveda — sind zahlreiche Sprüche gerichtet. So z. B. der Hymnus Ath. V, 22, von dem einige Verse hier angeführt seien:
v1.c8.s3.29
² Der Name der Krankheit ist zugleich der Name des Dämons. Genau so ist es z. B. bei den Malaien: So viele Krankheiten sie kennen, so viele Namen von Krankheitsgeistern besitzen sie.
v1.c8.s3.30
»Der du alle Menschen gelb machst,
Sie versengst wie lodernd Feuer,
Jetzt, o Takman, werde kraftlos,
Jetzt geh fort, hinab, hinunter! (2)
Ihn, der fleckig ist, gesprenkelt,
Der wie roter Staub, den Takman —
Jag ihn fort, allkräftig Kraut du,
Weg, hinunter in die Tiefe! (3)
Geh zu Mūjavants, zu Balhiks¹),
Takman, fort, in ferne Lande;
Such ein üppig Śūdraweib dir,
Schüttle sie gehörig, Takman! (7)
Wenn du, kalt und wieder heiſs gleich,
Wenn, vereint mit Husten, Takman,
Du den Kranken schüttelst, schrecklich
Sind dann deine Pfeile; — schon uns! (10)
Mit dem Husten, deinem Bruder,
Und der Schwindsucht, deiner Schwester,
Mit dem Vetter Aussatz, Takman,
Geh hinweg zu fremden Leuten!« (12)
v1.c8.s3.31
¹ Namen von Völkerstämmen.
v1.c8.s3.32
Dieser fromme Wunsch, daſs die Krankheit zu anderen Völkern gehen, andere Länder heimsuchen möge, kehrt in den Liedern des Atharvaveda nicht selten wieder. In ähnlicher Weise schickt man den Husten von dem Kranken fort in weite Ferne mit dem Spruch Ath. VI, 105:
v1.c8.s3.33
»Wie der Geist mit seinen Wünschen rasch in weite Fernen fliegt,
So flieg, Husten, fort von hier mit des Geistes raschem Flug.
Wie der Pfeil, der wohlgeschärfte, rasch in weite Fernen fliegt,
So flieg, Husten, fort von hier längs der Erde weitem Raum!
Wie des Sonnengottes Strahlen rasch in weite Fernen flieg'n,
So flieg, Husten, fort von hier längs des Meeres Wogenschwall!«
v1.c8.s3.34
Um ihrer bilderreichen, schwungvollen Sprache willen verdienen manche dieser Zauberlieder auch als Erzeugnisse lyrischer Dichtung geschätzt zu werden. Zu hohe Anforderungen darf man freilich nicht an diese Poesie stellen; man muſs sich damit begnügen, hie und da durch ein hübsches Bild überrascht zu werden, wie wenn in einem Spruch gegen Blutung der Zauberer die Adern als rotgekleidete Mädchen anspricht (Ath. I, 17):
v1.c8.s3.35
»Die Mädchen, die einher dort ziehn, die Adern, rötlich angetan,
Sie sollen kraftlos stillestehn, wie Schwestern, wenn ein Bruder fehlt.
Steh still, du Untre, Obre auch, und auch du Mittlere, steh still;
Die winzig kleine steht, so komm' das groſse Blutgefäſs zum Stehn!
Von hundert Blutgefäſsen hier, von all den tausend Adern da
Stehn jetzt die in der Mitte hier, und auch die Enden ruhen aus.
Als dämmte euch ein Uferrand, ein hoher Wall von Sand und Kies,
So steht fein still und ruhet nun!«[^1)
v1.c8.s3.36
Aber nicht immer sind diese Sprüche so poetisch. Gar oft sind sie recht eintönig, und viele derselben haben mit den Dichtungen der Naturvölker das gemeinsam, daſs gerade die eintönige Wiederholung derselben Worte und Sätze es hauptsächlich ist, was die dichterische Form bei ihnen ausmacht[^2). Nicht selten ist auch, wie dies ja bei den Zaubersprüchen aller Völker der Fall zu sein pflegt, ihr Sinn absichtlich rätselhaft und dunkel. Ein solcher eintöniger und zugleich dunkler Spruch ist z. B. der gegen skrofulöse Geschwüre (Ath. VI, 25):
v1.c8.s3.37
»Die fünfundfünfzig, die auf dem Genick zusammenkommen,
sollen alle von hier verschwinden, wie die Blasen des Aussatzes.
v1.c8.s3.38
[^1): Übersetzt von Grill, Hundert Lieder des Atharvaveda, S. 16 f. [^2): Über die Wiederholung als die roheste Anfangsform der Dichtung vgl. H. Schurtz, Urgeschichte der Kultur, Leipzig und Wien 1900, S 523 ff.
v1.c8.s3.39
Die siebenundsiebenzig, die auf dem Hals zusammenkommen, sollen alle von hier verschwinden, wie die Blasen des Aussatzes. Die neunundneunzig, die auf den Schultern zusammenkommen, sollen alle von hier verschwinden, wie die Blasen des Aussatzes.«
v1.c8.s3.40
Eine merkwürdige Übereinstimmung herrscht aber auch hier zwischen indischen und deutschen Zaubersprüchen. Gerade so wie der Atharvaveda von 55, 77, 99 Krankheiten spricht, so ist auch in deutschen Zaubersprüchen gern von 77 oder 99 Krankheiten die Rede. So lautet ein deutscher Spruch gegen das Fieber:
v1.c8.s3.41
»Dies Wasser und Christi Blut
Ist für das siebenundsiebzigerlei Fieber gut.«
v1.c8.s3.42
Eine Vorstellung, welche die alten Inder nicht nur mit den Deutschen, sondern auch mit vielen anderen Völkern gemeinsam haben, ist die, daſs viele Krankheiten durch Würmer verursacht werden. Es gibt daher eine Reihe von Zauberliedern, die zur Beschwörung und Vertreibung von allerlei Würmern dienen sollen. So lesen wir Ath. II, 31:
v1.c8.s3.43
»Den Wurm, der in den Eingeweiden, den, der im Kopfe, und den, der in den Rippen ist, ... die Würmer zermalmen wir mit diesem Spruch. (4)
Die Würmer, die in den Bergen, in den Wäldern, in den Pflanzen, in dem Vieh, in den Gewässern, und die, welche sich in unseren Leibern niedergelassen haben, dieses ganze Würmergezücht zerschmettere ich.« (5)
v1.c8.s3.44
Man denkt sich diese Würmer wie dämonische Wesen, spricht von ihrem König und Statthalter, von männlichen und weiblichen, von verschiedenfarbigen und phantastisch gestalteten Würmern u. dgl., so z. B. in dem Spruch gegen Würmer bei Kindern (Ath. V, 23):
v1.c8.s3.45
»Erschlag die Würmer in diesem Knaben, o Indra, Herr der Schätze! Erschlagen sind alle feindlichen Mächte durch meine wilde Beschwörung. (2)
Den, der um die Augen herumkriecht, den, der um die Nase herumkriecht, den, der mitten unter die Zähne geht, — den Wurm zermalmen wir. (3)
Die zwei gleichfarbigen und die zwei verschiedenfarbigen, die zwei schwarzen und die zwei roten, der braune und der braunohrige, der Geier und der Kuckuck — erschlagen sind sie. (4)
Die Würmer mit weiſsen Schultern, die schwarzen mit weiſsen Armen und die bunten Würmer, die alle zermalmen wir. (5)
v1.c8.s3.46
Erschlagen ist der König der Würmer, erschlagen ist der Statthalter der Würmer, erschlagen ist der Wurm; mit ihm ist seine Mutter erschlagen, sein Bruder erschlagen, seine Schwester erschlagen. (11)
Erschlagen sind seine Mannen, erschlagen sind seine Nachbarn, und auch alle die ganz kleinwinzigen Würmchen sind erschlagen. (12)
Allen männlichen Würmern und allen weiblichen Würmern zerschmettere ich den Kopf mit dem Steine, verbrenne ich das Gesicht mit dem Feuer.« (13)
v1.c8.s3.47
Ganz ähnlich sind auch deutsche Zaubersprüche gegen »Wurm und Würmin« gerichtet, und auch von verschiedenfarbigen Würmern ist in dem deutschen Zauberspruch gegen das Zahnweh die Rede:
v1.c8.s3.48
»Birnbaum, ich klage dir,
Drei Würmer stechen mir,
Der eine ist grau,
Der andre ist blau,
Der dritte ist rot, —
Ich wollt’ wünschen, sie wären alle drei tot.«[^1)
v1.c8.s3.49
Sehr zahlreich sind auch die Zauberlieder, welche gegen ganze Klassen von Dämonen gerichtet sind, die als die Verursacher von Krankheiten gelten, so besonders gegen die Piśācas (Kobolde) und Rākṣasas (Teufel). Der Zweck dieser Sprüche ist die Vertreibung oder Bannung dieser dämonischen Wesen. Ein Beispiel ist das Lied Ath. IV, 36 gegen die Piśācas, dem die folgenden, hier in Prosa wiedergegebenen Verse entnommen sind, die von einem grenzenlosen Selbstbewußtsein des Zauberers zeugen:
v1.c8.s3.50
»Eine Plage bin ich den Piśācas, wie der Tiger den Rinderbesitzern. Wie Hunde, wenn sie den Löwen erblickt haben, finden sie keinen Schlupfwinkel. (6)
Mit den Piśācas sollt’ ich nicht fertig werden, nicht mit Dieben und Wegelagerern? Vom Dorfe, das mein Fuſs betritt, verschwinden die Piśācas. (7)
v1.c8.s3.51
[^1): Der Glaube, daſs das Zahnweh von Würmern herrührt, ist nicht nur in Indien, Deutschland, England und Frankreich verbreitet. Auch in Madagaskar sagt man von einem, der Zahnweh hat: »Er ist krank durch den Wurm.« Und die Tschiroki-Indianer (Cherokees) haben einen Spruch gegen das Zahnweh, in dem es heifst: »Der Eindringling in dem Zahn hat gesprochen, und es ist nur ein Wurm.« (James Mooney im 7th Annual Report of the Bureau of Ethnology 1885—86, Washington 1891, S. 357 f.)
v1.c8.s3.52
Vom Dorfe, das meine ungestüme Kraft betritt, verschwinden die Piśācas; nichts Böses führen sie mehr im Schilde.« (8)
v1.c8.s3.53
Neben diesem Glauben an teuflische Wesen, welche Krankheiten über die Menschen bringen, finden wir in Indien auch den weltweit verbreiteten Glauben an männliche und weibliche Dämonen (Incubi und Succubi), welche sterbliche Frauen und Männer des Nachts heimsuchen. Dies sind die Apsaras und Gandharvas des altindischen Volksglaubens, welche in jeder Beziehung und in geradezu überraschender Weise den Nixen und Elfen oder Mahren des deutschen Volksglaubens entsprechen. Sie sind eigentlich Naturgeister, Fluſs- und Waldgottheiten. Flüsse und Bäume sind ihre Wohnstätten, die sie nur verlassen, um die Sterblichen anzulocken und durch unnatürlichen Beischlaf zu schädigen. Um diese Geister zu vertreiben, bedienten sich die altindischen Zauberer einer wohlriechenden Pflanze, Ajaśṛṅgī (»Bockshorn«, Odina pinnata) genannt, und sprachen dabei das Lied Ath. IV, 37, dem ich folgende Verse entnehme:
v1.c8.s3.54
»Mit dir vertreiben wir die Apsaras und die Gandharvas. O Ajaśṛṅgī, jage (aja) die Rākṣasas fort, verscheuche sie mit deinem Duft! (2)
Die Apsaras Guggulū, Pīlā, Naladī, Aukṣamandhi und Pramandanī sollen zum Flusse gehen, zur Furt der Gewässer, wie weggeblasen. Dorthin machet euch fort, ihr Apsaras, denn ihr seid erkannt.¹) (3)
Wo die Feigenbäume wachsen und die Bananen, die groſsen Bäume mit hohen Wipfeln, — wo eure goldenen und silbernen Schaukeln sind, wo Zimbeln und Lauten zusammenklingen, — dorthin machet euch fort, ihr Apsaras, denn ihr seid erkannt. (4)
Dem haarbuschgeschmückten Gandharva, dem Gemahl der Apsaras, der tanzend daherkommt, dem zermalme ich die Testikeln, dem spalte ich den Penis. (7)
Wie ein Hund ist der eine, wie ein Affe der andere. Wie ein Jüngling mit langem Haupthaar, lieblich anzuschauen, hängt sich der Gandharva an das Weib. Ihn verscheuchen wir von hier mit unserem mächtigen Zauberspruch. (11)
Die Apsaras sind ja eure Weiber; ihr, die Gandharvas, seid deren Gatten. Hinweg mit euch, ihr Unsterblichen; stellet nicht den Sterblichen nach!« (12)
v1.c8.s3.55
¹ Nach dem Zauberglauben der Inder wie anderer Völker werden Geister und Gespenster dadurch machtlos, daſs man sie erkennt und beim Namen ruft. Guggulū u. s. w. sind Namen bestimmter Apsaras.
v1.c8.s3.56
Genau so wie in diesem Liede des Atharvaveda wird in deutschen Zaubersprüchen der Mahr aufgefordert, die Häuser der Sterblichen zu verlassen und zu den Flüssen und Bäumen zu gehen. Und wie die Apsaras und Gandharvas so lieben auch die germanischen Nixen und Elfen Musik und Tanz, womit sie sterbliche Männer und Frauen anlocken. Wie im altindischen Zauberliede der Gandharva bald als Hund, bald als Affe und bald als schöngelockter Jüngling erscheint, so pflegt auch in deutschen Sagen der Mahr in allerlei Verwandlungen aufzutreten. Und wie die Apsaras der Inder in den Zweigen der Bananen- und Feigenbäume ihre Schaukeln haben, so schaukeln sich auch nach deutschem Volksglauben die Nixen in den Wipfeln und Ästen der Bäume. Und gerade so wie hier im Atharvaveda eine wohlriechende Pflanze zum Vertreiben der Dämonen dient, so gelten auch nach deutschem Geisterglauben wohlriechende Kräuter (wie Thymian) als vorzügliche Mittel, um Elfen und anderen Geisterspuk zu verscheuchen. Das sind schwerlich zufällige Übereinstimmungen, sondern wir dürfen wohl mit Adalbert Kuhn, der schon vor vierzig Jahren indische und germanische Zaubersprüche verglichen hat¹), annehmen, daſs nicht bloſs gewisse Erscheinungen des Zauberglaubens, sondern auch geradezu bestimmt ausgeprägte Formen von Zauberliedern und Zaubersprüchen in die indogermanische Vorzeit zurückreichen, daſs wir also aus den deutschen und indischen Zauberliedern eine Art vorgeschichtlicher Poesie der Indogermanen erschlieſsen können.
v1.c8.s3.57
¹ Im XIII. Band der Zeitschrift für vergleichende Sprachwissenschaft (1864), S. 49 ff., 113 ff.
v1.c8.s3.58
Wenig verschieden von den Heilzaubersprüchen sind die Gebete um Gesundheit und langes Leben, von den Indern āyuṣyāṇi sūktāni, d. h. »langes Leben bewirkende Hymnen« genannt, welche die zweite Klasse von Hymnen des Atharvaveda bilden. Es sind dies Gebete, wie sie hauptsächlich bei Familienfesten, wie dem ersten Haarscheren des Knaben, dem Bartscheren des Jünglings und der Schülerweihe, in Verwendung kamen. In ziemlich eintöniger Weise kehrt hier die Bitte um hohes Alter, um ein Leben von »hundert Herbsten« oder »hundert Wintern«, um Befreiung von den 100 oder 101 Todesarten und um Schutz gegen allerlei Krankheiten immer wieder. Das auseinem einzigen Hymnus von 30 Strophen bestehende Buch XVII gehört auch hierher. So wie in den Heilzaubersprüchen oft das Heilkraut angerufen wird, welches der Zauberdoktor verwendet, so sind manche dieser Gebete um langes Leben an Amulette gerichtet, die dem, der sie trägt, Gesundheit und langes Leben sichern sollen.
v1.c8.s3.59
Und mit diesen Gebeten berühren sich wieder aufs engste die ungemein zahlreichen Segenssprüche (pauṣṭikāni), durch die der Landmann, der Hirte, der Kaufmann Glück und Gedeihen in ihren Unternehmungen zu gewinnen hoffen. Da finden wir ein Gebet, welches beim Hausbau verwendet wird, Segenssprüche beim Pflügen, beim Säen, für das Wachstum des Getreides und Beschwörungen gegen Feldungeziefer, Sprüche gegen Feuersgefahr, beim Regenzauber verwendete Gebete um Regen, zahlreiche Segenssprüche für das Gedeihen der Viehherden, Beschwörungen eines Hirten gegen wilde Tiere und Räuber, Gebete eines Kaufmanns um gute Geschäfte und Glück auf der Reise, eines Spielers um Glück mit den Würfeln, Bannsprüche und Beschwörungsformeln gegen die Schlangen u. dgl. mehr. Nur wenige von diesen Liedern und Sprüchen sind als Dichtungen bedeutend. Öfters aber kommt es vor, daſs wir in einem sehr mittelmalsigen längeren Gedicht einzelne Verse von groſser Schönheit finden. Am schönsten ist vielleicht das Regenlied Ath. IV, 15. Vom Winde getrieben — heiſst es da — mögen die Wolken dahinziehen, und »während der groſse, wolkenumhüllte Stier¹) brüllt, mögen die rauschenden Wasser die Erde erquicken«. Parjanya selbst wird mit den Worten angerufen:
v1.c8.s3.60
¹ Der Regengott Parjanya.
v1.c8.s3.61
»Schrei nur zu, Parjanya, donnre, peitsch den Ozean!
Salbe du mit deinem Naſs die Erde! Und von dir gesandt
Soll der Regen reichlich flieſsen! Obdach suchend
Soll der Hirt mit seinen magern Kühen heimkehr'n.«²)
v1.c8.s3.62
² In der Zeit der Dürre sind die Kühe wegen des kärglichen Futters mager geworden. Nun muſs der Hirt vor dem Regen flüchten, und für das Vieh werden bessere Zeiten kommen. (Weber, Indische Studien, Bd. 18, S. 62.)
v1.c8.s3.63
Am wenigsten poetischen Gehalt besitzen diejenigen Segenssprüche, welche nur ganz allgemeine Bitten um Glück und Segen oder um Schutz vor Gefahr und Unheil enthalten. Zu den letzteren gehören die sogenannten »mṛgārasūktāni« (Ath. IV, 23—29), eine aus sieben Hymnen zu je sieben Versen bestehende Litanei. Sie sind der Reihe nach an Agni (1), Indra (2), Vāyu und Savitar (3), Himmel und Erde (4), die Maruts (5), Bhava und Šarva¹) (6), Mitra und Varuṇa (7) gerichtet, und jeder Vers schliefst mit der refrainartigen Bitte um Befreiung von Drangsal.
v1.c8.s3.64
¹ Namen oder Formen des Rudra, eines Gottes, der im Zauberwesen und in den Zauberliedern des Atharvaveda eine Hauptrolle spielt, während er in den Hymnen des Rigveda mehr zurücktritt.
v1.c8.s3.65
Das Wort amhas aber, welches wir hier durch »Drangsal« übersetzen, vereinigt in sich die Bedeutungen »Not, Bedrängnis« einerseits und »Schuld, Sünde« anderseits. Daher kann die eben erwähnte Litanei auch zu jener Klasse von Hymnen des Atharvaveda gerechnet werden, die mit Sühnzeremonien (prāyašcittāni) in Verbindung stehen. Diese Entsühnungsformeln und Sprüche zur Reinigung von Schuld und Sünde sind von den Heilzaubersprüchen weniger verschieden, als man glauben möchte. Denn nach indischen Begriffen ist eine Entsühnung, ein prāyašcitta, nicht nur für »Sünden« in unserem Sinne, d. h. Vergehen gegen das Sittengebot oder Verstöſse gegen die Religion, erforderlich, sondern neben Entsühnungsformeln für mangelhaft vollzogene Opfer und Zeremonien, für wissentlich und unwissentlich begangene Verbrechen, für Gedankensünden, für Nichtbezahlung von Schulden, insbesondere Spielschulden, für die im Gesetz verbotene Verheiratung eines jüngeren Bruders vor dem älteren und neben allgemein gehaltenen Gebeten um Befreiung von Schuld und Sünde und deren Folgen finden wir auch Sühnformeln und mit Sühnzeremonien verbundene Lieder und Sprüche, durch welche geistige und körperliche Gebrechen, unglückbedeutende Vorzeichen (z. B. durch Vogelflug oder die Geburt von Zwillingen oder die Geburt eines Kindes unter einem unglücklichen Stern), böse Träume und plötzliche Unglücksfälle »entsühnt«, d. h. abgewehrt oder in ihrer Wirkung abgeschwächt werden sollen. Die. Begriffe »Schuld«, »Sünde«, »Unheil«, »Unglück« gehen fortwährend ineinander über. Es gilt eben alles Böse — Krankheit und Unglück ebenso wie Schuld und Sünde — als von übelwollenden Dämonen, von bösen Geistern veranlaſst.
v1.c8.s3.66
Wie der Kranke, der Wahnsinnige so ist auch der Übeltäter, der Sündige von einem bösen Dämon besessen. Und dieselben menschenfeindlichen Wesen, welche Krankheiten bringen, senden auch die unglücklichen Vorzeichen und die Unglücksfälle selbst. So wird z. B. Ath. X, 3 ein Amulett, das man sich umbindet, in 25 Versen überschwenglich gepriesen und verherrlicht als ein mächtiger Schutz gegen Feinde und Nebenbuhler, gegen Gefahren und Übel aller Art, gegen bösen Zauber, gegen böse Träume und unglückliche Vorzeichen, gegen »die Sünde, die meine Mutter, die mein Vater, die meine Brüder und meine Schwester und die wir selbst begangen haben«, und zugleich auch als ein Universalmittel gegen alle Krankheiten.
v1.c8.s3.67
Durch den Einfluſs böser Dämonen oder böswilliger Zauberer entsteht auch Familienzwist. Daher finden wir im Atharvaveda auch eine Anzahl von Zaubersprüchen zur Herstellung von Eintracht, die zwischen den Entsühnungsformeln und den Segenssprüchen in der Mitte stehen. Denn hierher gehören nicht nur die Sprüche, durch welche Friede und Eintracht in der Familie hergestellt werden sollen, sondern auch Formeln, durch welche man den Zorn eines groſsen Herrn besänftigen oder durch die man Einfluſs in einer Versammlung, Überredungskunst im Gerichtshof u. dgl. erlangen will. Eines der ansprechendsten unter den hierhergehörigen Liedern ist Ath. III, 30, das mit den Worten beginnt:
v1.c8.s3.68
»Eines Herzens, eines Sinnes,
Frei von Hasse mache ich euch.
Freut euch einer an dem andern,
Wie am neugebornen Kalb die Kuh.
Folgsam sei der Sohn dem Vater,
Mit der Mutter eines Sinnes;
Süſs und friedvoll sei die Rede,
Die zum Gatten spricht die Gattin!
Bruder hasse nicht den Bruder,
Und die Schwester nicht die Schwester:
Gleichgesinnt und gleichgestimmet,
Redet Worte voller Liebe!«
v1.c8.s3.69
Es ist begreiflich, daſs manche von diesen Versöhnungssprüchen auch zur Herstellung von Eintracht zwischen Ehegatten verwendet werden konnten. Doch bilden die auf Ehe und Liebe bezüglichen Zauberlieder eine eigene groſse Klasse von Hymnen des Atharvaveda; und aus dem Kauśikasūtra lernen wir die mannigfachen Arten des Liebeszaubers und aller der Zauberriten kennen, welche die Inder als strīkarmāṇi oder »Frauenriten« bezeichnen, und für welche diese Lieder und Sprüche verwendet wurden. Es gibt aber zwei Gattungen von hierhergehörigen Sprüchen. Die einen haben einen gemütlichen und friedlichen Charakter und beziehen sich auf Ehe und Kindererzeugung. Es sind fromme, mit harmlosen Zauberriten verbundene Sprüche, durch welche ein junges Mädchen zu einem Bräutigam oder ein junger Mann zu einer Braut zu kommen sucht, Segenssprüche über das Brautpaar und die Neuvermählten, Zauberlieder und Sprüche, durch welche die Empfängnis befördert und die Geburt eines männlichen Kindes erzielt werden soll, Gebete um Schutz für die Schwangere sowohl wie für das ungeborene und das neugeborene Kind u. dgl. Hierher gehört das ganze XIV. Buch, welches eine Sammlung von Hochzeitssprüchen enthält und im wesentlichen eine zweite, stark vermehrte Auflage der Hochzeitssprüche des Rigveda¹ ist. Zahlreicher ist die zweite Gattung der hierhergehörigen Sprüche, aus wilden Beschwörungen und Flüchen bestehend, die sich auf Buhlschaft und Störungen des Ehelebens beziehen. Ziemlich harmlos sind ja noch die Zaubersprüche, durch welche eine Frau die Eifersucht ihres Mannes beruhigen will, oder die Verse, welche einem Mann die ungetreue Gattin wieder zurückbringen sollen, oder der Einschläferungszauber (Ath. IV, 5), in welchem der Vers: »Es schlafe die Mutter, es schlafe der Vater, es schlafe der Hund, es schlafe der Hausälteste, ihre Verwandten mögen schlafen, es schlafe ringsum alles Volk,« beweist, daſs das Lied von einem Buhlen verwendet wird, der sich zum Liebchen schleicht. Minder harmlos und zum Teil von urwüchsiger Wildheit sind die Zaubersprüche, durch welche eine Person gegen ihren Willen zur Liebe gezwungen werden soll. Der in der ganzen Welt verbreitete Glaube, daſs man vermittelst eines Bildes einer Person schaden oder Gewalt über sie erlangen könne, findet sich auch im alten Indien. Wenn ein Mann sich die Liebe einer Frau verschaffen wollte, so machte er ein Bild aus Ton, nahm einen Bogen mit einer Sehne von Hanf, einen Pfeil, dessen Widerhaken ein Dorn war, dessen Feder von einer Eule stammte, dessen Schaft aus schwarzem Holz gemacht war, und begann mit dem Pfeile das Herz des Bildes zu durchbohren — eine symbolische Durchbohrung des Herzens der Geliebten mit dem Pfeile des Liebesgottes Kāma —, wobei er die Verse des Zauberliedes Ath. III, 25 rezitierte:
v1.c8.s3.70
¹ Siehe oben S. 93 f. Sowohl die Hochzeitssprüche des Rigveda als auch des Atharvaveda ebenso wie die Liebeszauberlieder des Atharvaveda sind von A. Weber im V. Band der »Indischen Studien« übersetzt und erklärt worden.
v1.c8.s3.71
»Kāma, der Aufstachler, stachle dich auf! Nicht aushalten sollst du es auf deiner Lagerstätte! Mit des Kāma schrecklichem Pfeile durchbohre ich dir das Herz.
Mit dem Pfeil, dessen Feder die Sehnsucht, dessen Dorn die Liebe, dessen Schaft das Verlangen, — mit diesem Pfeile, wohlgezielt, durchbohre Kāma dir das Herz.
Mit dem wohlgezielten Pfeil des Kāma, dem versengenden, der die Milz verdorren macht, dessen Feder vorwärtsfliegt, — mit dem durchbohre ich dir das Herz.
Von heifser Glut verzehrt, lechzenden Mundes komm zu mir geschlichen! Sanft, des Stolzes bar, freundlich redend, treu ergeben, sei ganz mein eigen!
Mit der Peitsche peitsch' ich fort dich von der Mutter, von dem Vater, auf dafs du in meiner Gewalt seiest, meinem Wunsch willfahrest.
Vertreibet, o Mitra und Varuṇa, ihre eigenen Gedanken aus ihrem Herzen! Und wenn ihr sie willenlos gemacht, gebet sie in meine Gewalt!«
v1.c8.s3.72
In ähnlicher Weise verfährt eine Frau, wenn sie die Liebe eines Mannes erringen will. Sie macht sich ein Bild von dem Manne, stellt es vor sich hin und schleudert heifsgemachte Pfeilspitzen gegen das Bild, indem sie die Lieder Ath. VI, 130 und 131 mit dem Refrain: »Sendet, Götter, Liebessehnsucht! Jener soll nach mir entbrennen!« dazu sagt, wo es z. B. heifst:
v1.c8.s3.73
»Macht ihn liebestrunken, Stürme!
Macht ihn liebestrunken, Lüfte!
Feuer, mach ihn liebestrunken!
Jener soll nach mir entbrennen! (130, 4)
v1.c8.s3.74
Liebesqual bring' ich hernieder
Dir vom Kopf bis auf die Füfse;
Sendet, Götter, Liebessehnsucht!
Jener soll nach mir entbrennen! (131, 1)
v1.c8.s3.75
Rennst du gleich drei Meilen oder fünf,
Rennst du auch, soweit ein Roſs läuft,
Sollst zurück doch wieder kommen,
Meiner Söhne Vater werden.« (131, 3)
v1.c8.s3.76
Die wildesten und förmlich von Haſs sprühenden Zauberlieder sind diejenigen, mit welchen Frauen ihre Nebenbuhlerinnen zu verdrängen suchen. Ein Beispiel ist Ath. I, 14:
v1.c8.s3.77
»Ihr Liebesglück und ihren Glanz hab’ ich an mich gerissen, wie einen Kranz vom Baume. Wie ein Berg auf festem Grunde soll lange sie im Elternhause sitzen!
Dies Mädchen, König Yama¹), soll dir als deine Braut hingeworfen werden; jetzt aber soll sie an der Mutter, an des Bruders, an des Vaters Haus gefesselt sein!
Dies Weib soll deine Hausfrau sein, König Yama; dir übergeben wir sie. Lang soll sie im Elternhause sitzen, bis ihr das Haar vom Haupte fällt.
Mit dem Zauberspruch des Asita, des Kaśyapa und des Gaya²) verschlieſse ich dein Liebesglück, wie Frauen (ihre Kleinodien) im Kasten.«³)
v1.c8.s3.78
¹ Der Todesgott!
v1.c8.s3.79
² Wohl Namen berühmter Zauberer.
v1.c8.s3.80
³ Dieses schwierige Lied ist zuerst von M. Bloomfield (Sacred Books of the East XLII, S. 107, 252 ff.) richtig erklärt worden.
v1.c8.s3.81
Eine unzweideutige Sprache von ungezügelter Wildheit führen auch die Lieder, durch welche eine Frau unfruchtbar gemacht (Ath. VII, 35) oder ein Mann der Zeugungskraft beraubt werden soll (Ath. VI, 138. VII, 90).
v1.c8.s3.82
Diese Liebeszauberlieder gehören eigentlich schon zu jener Klasse von Hymnen, die mit dem alten Namen »Aṅgiras«⁴) bezeichnet werden, zur Klasse der Flüche und Beschwörungen gegen Dämonen, Zauberer und Feinde (ābhicārikāṇi). Auch manche von den Heilzaubersprüchen können ebensogut zu dieser Klasse gerechnet werden, insofern sie Beschwörungen gegen die Krankheitsdämonen enthalten. Hierher gehört unter anderen auch die zweite Hälfte des XVI. Buches, welche eine Beschwörung gegen den Mahr oder Alp (das Alpdrücken) enthält, indem dieser Dämon aufgefordert wird, die Feinde heimzusuchen. Zwischen Dämonen und übelwollenden Zauberern und Hexen wird in diesen Beschwörungen kein Unterschied gemacht, und gegen sie wird namentlich Agni — das Feuer als Dämonenvernichter — zu Hilfe gerufen. Zahlreiche volkstümliche Namen von Dämonen, sonst ganz unbekannt, finden sich in diesen Hymnen, in denen uns überhaupt mehr als sonst echt volkstümliche Vorstellungen auf Schritt und Tritt begegnen. So stoſsen wir hier auf die tief im Volksglauben — und zwar aller Völker — wurzelnde Anschauung, daſs Krankheit und Unglück nicht nur von Dämonen, sondern auch von bösen, mit Zaubermacht ausgestatteten Menschen verursacht werden können. Der Zauber, durch den diese bösen Menschen Übel stiften, wird in den Liedern oft personifiziert und ihm ein Gegenzauber — ein Heilkraut, ein Amulett, ein Talisman — gegenübergestellt. Die mit diesem feindlichen Zauber und Gegenzauber verbundenen Sprüche und Lieder zeichnen sich oft durch eine urwüchsige Kraft und Wildheit aus, die eines gewissen Reizes nicht entbehrt. Und jedenfalls steckt in manchen dieser Flüche und Beschwörungen des Atharvaveda mehr gute volkstümliche Poesie als in den meisten Opferliedern und Gebeten des Rigveda. Ein Beispiel ist das zur Abwehr eines bösen Zaubers dienende Lied Ath. V, 14, von dem einige Verse hier angeführt seien:
v1.c8.s3.83
⁴ Siehe oben S. 104 f.
v1.c8.s3.84
»Aufgefunden hat der Adler, ausgegraben dich der Eber,
Pflanze, schädig du den Schädling, nieder schlag den Zauberstifter! (1)
Nieder schlag die Hexenmeister, nieder schlag die Zauberstifter!
Wer uns schaden will, den töte, töt ihn, Kraut, und schon ihn nimmer! (2)
Schneidet, wie ein Stück aus einem Antilopenfelle, Götter,
Weg den Zauber, hängt ihn um dem Zauberstifter, wie ein Kleinod! (3)
Nimm den Zauber bei der Hand und führ ihn hin zum Zauberstifter,
Stell ihn vor sein Angesichte, daſs er töt' den Zauberstifter! (4)
Fluch treff' den, der flucht, zum Zauberstifter soll der Zauber gehen.
Wie ein Wagen leicht dahinrollt, roll' zum Zaubrer hin der Zauber. (5)
Ob ein Weib, ein Mann den bösen Unglückszauber hat bereitet, —
Wie ein Pferd am Halfter führen wir zu ihm zurück den Zauber. (6)
Geh wie der Sohn zum Vater, Zauber! Beiſs wie die Viper, die getreten!
Kehre zurück zum Zauberstifter, wie der befreite Flüchtling heimeilt!« (10)
v1.c8.s3.85
In ähnlicher Weise wird in dem Lied Ath. VI, 37 der Fluch personifiziert und dem Fluchenden zurückgeschickt mit den kräftigen Versen:
v1.c8.s3.86
»Hergekommen ist der tausendäugige Fluch auf seinem Wagen,
Den zu suchen, der uns fluchet, wie der Wolf das Haus des Schäfers.
Geh, o Fluch, an uns vorüber, wie an dem Teich ein lodernd Feuer!
Schlage den, der uns gefluchet, wie des Himmels Blitz den Baum
schlägt!
Wer uns flucht, wenn wir ihm fluchen, wer uns flucht, dem wir nicht
fluchen, —
Beide werf' ich sie dem Tod zu, wie dem Hunde einen Knochen.«
v1.c8.s3.87
Hierher gehört auch der groſsartige Hymnus an Varuṇa (Ath. IV, 16), dessen erste Hälfte die Allmacht und Allwissenheit Gottes in einer Sprache feiert, die uns aus den Psalmen geläufig ist, die aber in Indien nur äuſserst selten gehört wird, während die zweite nichts anderes ist als eine kräftige Beschwörungsformel gegen Lügner und Verleumder, wie sie im Atharvaveda nicht selten sind. Ich gebe das merkwürdige Gedicht in der Übersetzung von R. Roth¹):
v1.c8.s3.88
¹ Abhandlung über den Atharva Veda, Tübingen 1856, S. 29 f.
v1.c8.s3.89
»Aus der Höhe schaut ein Wächter, wie einer, der daneben steht;
Verstohlen meint man es zu tun: und alles ist den Göttern kund.
Wenn einer steht und geht, wenn einer schleichet,
Zu Versteck und Schlupfwinkel sich zurückzieht,
Wo zwei zusammensitzend sich bereden:
Das weiſs der König Varuṇa als Dritter.
Diese Erde gehört dem König Varuṇa,
Sein ist der hohe, unendliche Himmel;
Seine Lenden sind Luftmeer und Ozean;
Auch dieses Wässerchen ist seine Wohnstatt.
Wer über den Himmel eilte zur Ferne,
Nicht käm' er los von Varuṇa, dem König.
Vom Himmel steigen seine Späher nieder;
Tausendäugig überschauen sie die Erde.
Alles sieht der königliche Varuṇa,
Was zwischen Himmel und Erd' ist, was jenseits;
Das Blinzen des menschlichen Auges zählt er:
Es liegt vor ihm wie Würfel vor dem Spieler.
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