Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s3.12
Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s3.12
- Language
- German
v1.c8.s3.12
Kein Zeichen jüngeren Datums ist es, daſs die Heiligkeit des Atharvaveda von den Indern selbst lange nicht anerkannt wurde und vielfach noch heute bestritten wird. Der Grund hierfür ist in dem Charakter dieses Veda zu suchen. Zweck des Atharvaveda ist es, wie die Inder sagen, »zu besänftigen, zu segnen und zu fluchen«²). Jene zahlreichen Zauberformeln aber, welche Flüche und Beschwörungen enthalten, gehören in das Gebiet des »unheiligen Zaubers«, von dem das Priestertum und die priesterliche Religion sich mehr und mehr loszusagen bemüht waren. Im Grunde ist ja zwischen Kult und Zauber kein wesentlicher Unterschied: durch beide sucht der Mensch auf die übersinnliche Welt einzuwirken. Auch Priester und Zauberer sind ursprünglich ein und dasselbe. Aber in der Geschichte aller Völker beginnt eine Zeit, wo Götterkult und Zauberwerk auseinanderzugehen streben (was niemals ganz gelingt), wo der mit den Göttern befreundete Priester sich von dem mit der unheimlichen Dämonenwelt im Bunde stehenden Zauberer lossagt und auf ihn von oben herabblickt. Dieser Gegensatz zwischen Zauberer und Priester bildete sich auch in Indien heraus. Nicht nur den buddhistischen und jainistischen Mönchen ist es verboten, sich mit den Beschwörungen des Atharvaveda und mit Zauberwerk zu beschäftigen, sondern auch die brahmanischen Gesetzbücher erklären die Zauberei für eine Sünde, stellen die Zauberer mit Betrügern und Spitzbuben in eine Linie und fordern den König auf, mit Strafen gegen sie vorzugehen¹). Freilich wird an anderen Stellen der Gesetzbücher den Brahmanen ausdrücklich gestattet, sich der Beschwörungen des Atharvaveda gegen ihre Feinde zu bedienen²), und die rituellen Texte, welche uns die groſsen Opfer schildern, enthalten zahllose Beschwörungsformeln und Beschreibungen von Zauberriten, durch welche der Priester »den, der uns haſst, und den, den wir hassen«, — so lautet die stehende Formel — vernichten kann. Dennoch entstand in priesterlichen Kreisen eine gewisse Abneigung gegen den Veda, der Zaubersprüche; er galt nicht als orthodox genug und wurde vielfach vom Kanon der heiligen Texte ausgeschlossen. Eine Sonderstellung in der heiligen Litteratur nahm er von Anfang an ein. Wo immer in älteren Werken von heiligem Wissen die Rede ist, da wird immer zuerst die trayī vidyā, »das dreifache Wissen«, d. h. Rigveda, Yajurveda und Sāmaveda, erwähnt; der Atharvaveda folgt immer erst nach der trayī vidyā und wird oft auch ganz übergangen. Es kommt sogar vor, daſs die Vedāṅgas und die epischen Erzählungen (itihāsapurāṇa) als heilige Texte aufgeführt werden, während der Atharvaveda unerwähnt bleibt. So wird in einem Gṛhyasūtra³) eine Zeremonie beschrieben, durch welche in das neugeborene Kind die Vedas »hineingelegt« werden sollen. Dies geschieht mittels eines Spruches, in welchem es heiſst: »Den Rigveda lege ich in dich, den Yajurveda lege ich in dich, den Sāmaveda lege ich in dich, die Wechselreden (vākovākya) lege ich in dich, die Sagen und Legenden (itihāsapurāṇa) lege ich in dich, alle Vedas lege ich in dich.« Hier ist also der Atharvaveda absichtlich übergangen. Selbst in alten buddhistischen Texten wird von gelehrten Brahmanen gesagt, daſs sie in den drei Vedas bewandert sind.¹ Daſs aber diese Nichterwähnung des Atharvaveda kein Beweis für die späte Entstehung der Saṃhitā ist, geht schon daraus hervor, daſs bereits in einer Saṃhitā des schwarzen Yajurveda² und auch sonst gelegentlich in alten Brāhmaṇas und Upaniṣads der Atharvaveda neben den drei anderen Vedas genannt wird.