Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s3.21
Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s3.21
- Language
- German
v1.c8.s3.21
Aus den Zauberliedern des Atharvaveda spricht doch ein ganz anderer Geist als aus den Hymnen des Rigveda. Es ist eine ganz andere Welt, in der wir uns hier bewegen. Dort die groſsen Götter des Himmels, welche die gewaltigen Naturerscheinungen verkörpern, die der Sänger verherrlicht und lobpreist, denen er opfert, und zu denen er betet, starke, hilfreiche, zum Teil erhabene Wesen, freundliche Lichtgottheiten zumeist, — hier die finsteren, dämonischen Mächte, welche Krankheit und Unglück über die Menschen bringen, gespenstische Wesen, gegen die der Zauberer seine wilden Flüche schleudert, oder die er durch Schmeichelreden besänftigen und bannen will. Viele dieser Zauberlieder gehören ja gerade so wie die dazugehörigen Zauberriten einem Kreise von Vorstellungen an, welche, über die ganze Erde verbreitet, bei den verschiedensten Völkern aller Länder mit überraschender Ähnlichkeit immer wiederkehren. Wir finden genau dieselben Anschauungen, genau dieselben seltsamen Gedankensprünge in den Zauberliedern und Zauberriten, wie sie uns der Atharvaveda von den alten Indern aufbewahrt hat, auch bei den Indianern Nordamerikas, bei den Negervölkern Afrikas, bei Malaien und Mongolen, bei den alten Griechen und Römern und vielfach noch bei dem Landvolk im heutigen Europa wieder. Es finden sich denn auch zahlreiche Verse im Atharvaveda, welche ihrem Charakter und oft auch ihrem Inhalte nach von den Zaubersprüchen der indianischen Medizinmänner und der tatarischen Schamanen ebensowenig verschieden sind wie von den Merseburger Zaubersprüchen, die zu den kärglichen Überresten ältester deutscher Poesie gehören. So lesen wir z. B. in einem der Merseburger Zaubersprüche, daſs »Wodan, der es wohl verstand«, die Beinverrenkung von Balders Fohlen mit der Formel besprach: