Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s3.56
Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s3.56
- Language
- German
v1.c8.s3.56
Genau so wie in diesem Liede des Atharvaveda wird in deutschen Zaubersprüchen der Mahr aufgefordert, die Häuser der Sterblichen zu verlassen und zu den Flüssen und Bäumen zu gehen. Und wie die Apsaras und Gandharvas so lieben auch die germanischen Nixen und Elfen Musik und Tanz, womit sie sterbliche Männer und Frauen anlocken. Wie im altindischen Zauberliede der Gandharva bald als Hund, bald als Affe und bald als schöngelockter Jüngling erscheint, so pflegt auch in deutschen Sagen der Mahr in allerlei Verwandlungen aufzutreten. Und wie die Apsaras der Inder in den Zweigen der Bananen- und Feigenbäume ihre Schaukeln haben, so schaukeln sich auch nach deutschem Volksglauben die Nixen in den Wipfeln und Ästen der Bäume. Und gerade so wie hier im Atharvaveda eine wohlriechende Pflanze zum Vertreiben der Dämonen dient, so gelten auch nach deutschem Geisterglauben wohlriechende Kräuter (wie Thymian) als vorzügliche Mittel, um Elfen und anderen Geisterspuk zu verscheuchen. Das sind schwerlich zufällige Übereinstimmungen, sondern wir dürfen wohl mit Adalbert Kuhn, der schon vor vierzig Jahren indische und germanische Zaubersprüche verglichen hat¹), annehmen, daſs nicht bloſs gewisse Erscheinungen des Zauberglaubens, sondern auch geradezu bestimmt ausgeprägte Formen von Zauberliedern und Zaubersprüchen in die indogermanische Vorzeit zurückreichen, daſs wir also aus den deutschen und indischen Zauberliedern eine Art vorgeschichtlicher Poesie der Indogermanen erschlieſsen können.
Cites (1)
- Atharvavedasaṃhitā — Atharvan & Aṅgiras, Sanskrit