Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s3.69
Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s3.69
- Language
- German
v1.c8.s3.69
Es ist begreiflich, daſs manche von diesen Versöhnungssprüchen auch zur Herstellung von Eintracht zwischen Ehegatten verwendet werden konnten. Doch bilden die auf Ehe und Liebe bezüglichen Zauberlieder eine eigene groſse Klasse von Hymnen des Atharvaveda; und aus dem Kauśikasūtra lernen wir die mannigfachen Arten des Liebeszaubers und aller der Zauberriten kennen, welche die Inder als strīkarmāṇi oder »Frauenriten« bezeichnen, und für welche diese Lieder und Sprüche verwendet wurden. Es gibt aber zwei Gattungen von hierhergehörigen Sprüchen. Die einen haben einen gemütlichen und friedlichen Charakter und beziehen sich auf Ehe und Kindererzeugung. Es sind fromme, mit harmlosen Zauberriten verbundene Sprüche, durch welche ein junges Mädchen zu einem Bräutigam oder ein junger Mann zu einer Braut zu kommen sucht, Segenssprüche über das Brautpaar und die Neuvermählten, Zauberlieder und Sprüche, durch welche die Empfängnis befördert und die Geburt eines männlichen Kindes erzielt werden soll, Gebete um Schutz für die Schwangere sowohl wie für das ungeborene und das neugeborene Kind u. dgl. Hierher gehört das ganze XIV. Buch, welches eine Sammlung von Hochzeitssprüchen enthält und im wesentlichen eine zweite, stark vermehrte Auflage der Hochzeitssprüche des Rigveda¹ ist. Zahlreicher ist die zweite Gattung der hierhergehörigen Sprüche, aus wilden Beschwörungen und Flüchen bestehend, die sich auf Buhlschaft und Störungen des Ehelebens beziehen. Ziemlich harmlos sind ja noch die Zaubersprüche, durch welche eine Frau die Eifersucht ihres Mannes beruhigen will, oder die Verse, welche einem Mann die ungetreue Gattin wieder zurückbringen sollen, oder der Einschläferungszauber (Ath. IV, 5), in welchem der Vers: »Es schlafe die Mutter, es schlafe der Vater, es schlafe der Hund, es schlafe der Hausälteste, ihre Verwandten mögen schlafen, es schlafe ringsum alles Volk,« beweist, daſs das Lied von einem Buhlen verwendet wird, der sich zum Liebchen schleicht. Minder harmlos und zum Teil von urwüchsiger Wildheit sind die Zaubersprüche, durch welche eine Person gegen ihren Willen zur Liebe gezwungen werden soll. Der in der ganzen Welt verbreitete Glaube, daſs man vermittelst eines Bildes einer Person schaden oder Gewalt über sie erlangen könne, findet sich auch im alten Indien. Wenn ein Mann sich die Liebe einer Frau verschaffen wollte, so machte er ein Bild aus Ton, nahm einen Bogen mit einer Sehne von Hanf, einen Pfeil, dessen Widerhaken ein Dorn war, dessen Feder von einer Eule stammte, dessen Schaft aus schwarzem Holz gemacht war, und begann mit dem Pfeile das Herz des Bildes zu durchbohren — eine symbolische Durchbohrung des Herzens der Geliebten mit dem Pfeile des Liebesgottes Kāma —, wobei er die Verse des Zauberliedes Ath. III, 25 rezitierte:
Linked texts (3)
- Atharvavedasaṃhitā — Atharvan & Aṅgiras, Sanskrit
- Kauśikasūtra — Kauśika, Sanskrit
- Ṛgvedasaṃhitā — Sanskrit