Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s8.22
Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s8.22
- Language
- German
v1.c8.s8.22
Die Brahmanen aber waren von jeher viel zu kluge Leute, um nicht von diesen Strömungen Notiz zu nehmen, ja, sie für ihre Zwecke auszunutzen. Sie taten dies, indem sie die Lehre von den vier Āśramas (Lebensstufen) entwickelten, wodurch das Asketen- und Einsiedlerleben zu einem wesentlichen Bestandteil des brahmanischen Religionssystems gemacht wurde. Diese Lehre besteht darin, daſs man erklärte, jeder »Arier«, d. h. jeder zu einer der drei höheren Kasten gehörige Mann, der ein ideales Leben führen wolle, müsse vier Lebensstufen durchlaufen. Er solle zunächst als Schüler (Brahmacārin) bei einem Lehrer wohnen und den Veda lernen; nach vollendeter Lehrzeit solle er einen Hausstand gründen und als Hausherr (Gṛhastha) Kinder erzeugen und den Göttern die vorgeschriebenen Opfer darbringen oder darbringen lassen. Bei herannahendem Greisenalter aber möge er sein Haus verlassen und als Waldeinsiedler (Vānaprastha) nur mehr einen beschränkten Opferdienst verrichten, umsomehr aber über die mystische und symbolische Bedeutung des Opfers nachsinnen. Aber erst wenn er sein Ende herannahen fühlt, soll er auch diese Opfer und Meditationen aufgeben, aller Werkefrömmigkeit entsagen und als weltflüchtiger Asket (Sannyāsin) nur mehr über das Brahman, das höchste Weltprinzip, nachdenken und der Vereinigung mit demselben zustreben.