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Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s8.23

Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s8.23

Language
German

v1.c8.s8.23

Mit dieser Lehre vom brahmanischen Lebensideal hängt es zusammen, daſs wir in den Brāhmaṇas bereits auch Abschnitte finden, welche als Āraṇyakas oder »Waldbücher«, d. h. im Walde von den Einsiedlern (Vānaprasthas) zu studierende Texte¹), von dem übrigen Lehrstoffe der Brahmanenschulen abgesondert, zum Teil auch demselben hinzugefügt wurden. Den Hauptinhalt dieser Āraṇyakas bilden nicht mehr Regeln über die Vollziehung der Opfer und die Erklärung der Zeremonien, sondern Opfermystik, Opfersymbolik und die priesterliche Philosophie. Mit dieser Priesterphilosophie, welche wir in den Brāhmaṇas und den zu ihnen gehörigen Āraṇyakas verfolgen können, und welche teils das Opfer, teils das von demselben unzertrennliche heilige Wort (das Brahman) zum höchsten Prinzip erhob und zum Urquell alles Seins machte, wurde die aufserhalb der Priesterkreise entstandene und der priesterlichen Religion eigentlich zuwiderlaufende Lehre von dem inneren Selbst (dem Ātman) als dem Alleinseienden verquickt. Das Resultat dieser unnatürlichen und gewaltsamen Verquickung sind die Upaniṣads. Die Lehre von den vier Lebensstufen aber war es wieder, welche es ermöglichte, diese Upaniṣads zu einem Bestandteil des Veda zu machen. Wir finden nämlich die ältesten Upaniṣads teils in den Āraṇyakas eingebettet, teils denselben angehängt, als diejenigen Texte, welche von den im letzten Āśrama befindlichen Asketen (Sannyāsins) studiert werden sollen. Sie bildeten in mehr als einem Sinne den Vedānta, d. h. »das Ende des Veda«¹). Zunächst sind ja die meisten dieser Texte späteren Ursprungs und fallen chronologisch in das Ende der vedischen Periode. Ferner dürfen wir nie vergessen, daſs diese ganze vedische Litteratur nicht aus geschriebenen Büchern bestand, sondern nur mündlich überliefert wurde. Was wir also in den einzelnen Brāhmaṇas finden und als »Werke« oder »Bücher« zu bezeichnen pflegen, ist nichts anderes, als der Lehrstoff verschiedener Priesterschulen. Dieser Lehrstoff wurde innerhalb einer gewissen Lehrzeit — sie umfaſste eine Reihe von Jahren, während welcher der Schüler beim Lehrer wohnen und ihm dienen muſste — den Schülern beigebracht. In das Ende dieser Lehrzeit muſsten natürlich die Unterweisungen über das fallen, was am schwierigsten zu verstehen war, — die Mysterien, die mystischen und philosophischen Lehren, wie sie in den Āraṇyakas und Upaniṣads enthalten sind. Auch bei der Vedarezitation als einer heiligen Handlung und religiösen Pflicht bildeten diese Texte das Ende. Die späteren Philosophen endlich sahen in den Lehren der Upaniṣads nicht das Ende, sondern das Endziel des Veda¹).