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Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s9.2

Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s9.2

Language
German

v1.c8.s9.2

Um die beiden Begriffe Brahman und Ātman dreht sich das ganze Denken der Upaniṣad-Philosophen; und es ist notwendig, sich über diese Begriffe klar zu sein, um die Philosophie der Upaniṣads verstehen zu können. Die Etymologie des Wortes Brahman ist zweifelhaft. Schlagen wir das Petersburger Sanskrit-Wörterbuch auf, so finden wir Brahman erklärt als »die als Drang und Fülle des Gemüts auftretende und den Göttern zustrebende Andacht«, während nach Deussen¹ das Brahman »der zum Heiligen, Göttlichen emporstrebende Wille des Menschen« sein soll. Diese Erklärungen mögen jüdisch-christlichen Vorstellungen von der Gottheit entsprechen, der indischen Auffassung von dem Verhältnis zwischen Göttern und Menschen, wie wir sie in den Saṃhitās und Brāhmaṇas kennen gelernt haben², laufen sie schnurstracks zuwider. Was das Wort etymologisch bedeutet, wissen wir einfach nicht. Aber im Veda selbst kommt Brahman unzählige Male in der Bedeutung von »Gebet« oder »Zauberformel« vor, wobei aber nirgends von einer Andacht oder einer Erhebung zum Göttlichen die Rede ist, sondern es sind damit immer nur Formeln und Verse gemeint, durch welche der Mensch auf göttliche Wesen einwirken, von ihnen etwas erreichen, ja erzwingen will. Als eine spätere Zeit diese Zauberformeln und Gebete in den drei Vedas zu »Büchern« oder Schultexten vereinigte, nannte man diese trayī vidyā oder »dreifache Wissenschaft« auch kurzweg das Brahman. Da man aber diesem Veda oder Brahman — die beiden Worte wurden ganz gleichbedeutend gebraucht — göttlichen Ursprung zuschrieb, und da das Opfer, welches, wie wir gesehen haben, selbst als eine göttliche Macht aufgefaßt wurde, nach indischer Auffassung vom Veda stammte oder im Veda enthalten war³, so gelangte man schliesslich dazu, dieses Brahman — das »Wort Gottes«, das heilige Wissen — als das zuerst Geschaffene (brahma prathamajam) zu bezeichnen und es am Ende gar zum schöpferischen Prinzip, zum Urgrund alles Seins (brahma svayambhu)