Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s9.73
Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s9.73
- Language
- German
v1.c8.s9.73
Was aber diesen philosophischen Dichtungen — man kann sie kaum besser bezeichnen — eine so ungeheure Macht über die Gemüter verliehen hat, das war nicht der Glaube an ihre göttliche Offenbarung — galten doch auch die einfältigsten Hymnen und die blödsinnigsten Brāhmaṇastellen als von der Gottheit verkündet —, sondern vielmehr der Umstand, daſs sie in die Sprache der Poesie gekleidet, sich ebensosehr an die Herzen, als an die Geister wandten. Und nicht darum haben die Upaniṣads über den Zeitraum von Jahrtausenden hinweg auch uns noch vieles zu sagen, weil sie, wie Schopenhauer behauptet, die »Frucht der höchsten menschlichen Erkenntnis und Weisheit« darstellen und »fast übermenschliche Konzeptionen« enthalten, »deren Urheber kaum als bloſse Menschen denkbar sind«¹); nicht darum, weil, wie Deussen meint, diesen Denkern »wenn nicht der wissenschaftlichste, so doch der innigste und unmittelbarste Aufschluſs über das letzte Geheimnis des Seins geworden«, und weil — womit Deussen den Offenbarungsglauben der Inder zu rechtfertigen sucht — in den Upaniṣads »philosophische Konzeptionen vorliegen, wie sie weder in Indien noch vielleicht sonst irgendwo in der Welt ihresgleichen haben«²); sondern darum, weil diese alten Denker so ernstlich um die Wahrheit ringen, weil in ihren philosophischen Dichtungen das ewig unbefriedigte menschliche Sehnen nach Wissen so innigen Ausdruck gefunden hat. Nicht »übermenschliche Konzeptionen« enthalten die Upaniṣads, sondern — das ist es gerade, was sie uns so wertvoll macht — menschliche, ganz und gar menschliche Versuche, der Wahrheit näherzukommen.