Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s9.76
Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s9.76
- Language
- German
v1.c8.s9.76
Für den Geschichtsforscher aber, der die Geschichte des menschlichen Denkens verfolgt, haben die Upaniṣads noch eine weit gröſsere Bedeutung. Von den mystischen Lehren der Upaniṣads zieht sich ein Gedankenstrom zur Mystik des persischen Sufiismus, zur mystisch-theosophischen Logoslehre der Neuplatoniker und der alexandrinischen Christen bis zu den Lehren der christlichen Mystiker Eckhart und Tauler und endlich zur Philosophie des groſsen deutschen Mystikers des neunzehnten Jahrhunderts — Schopenhauers¹). Was Schopenhauer den Indern verdankte, hat er uns selbst oft genug gesagt. Plato, Kant und »die Veden« (worunter bei Schopenhauer immer die Upaniṣads zu verstehen sind) nennt er selbst seine Lehrer. In seinem für die akademische Vorlesung bestimmten Manuskript schrieb er: »Die Resultate dessen, was ich Ihnen vorzutragen gedenke, stimmen überein mit der ältesten aller Weltansichten, nämlich den Vedas.« Die Erschliessung der Sanskritlitteratur bezeichnet er als »das gröfste Geschenk unseres Jahrhunderts«, und er prophezeit, dafs der indische Pantheismus zum Volksglauben auch im Okzident werden dürfte. Geradezu wundervoll erscheint ihm die Übereinstimmung seines eigenen Systems mit dem der Upaniṣads, und er sagt uns, »dafs jeder von den einzelnen und abgerissenen Aussprüchen, welche die Upanischaden ausmachen, sich als Folgesatz aus dem von ihm mitgeteilten Gedanken ableiten liefse, obgleich keineswegs auch umgekehrt diese schon dort zu finden sei«. Es ist ja bekannt, dafs auf seinem Tisch das Oupnek'hat aufgeschlagen lag und er darin vor dem Schlafengehen seine »Andacht« verrichtete. Und er sagt von diesem Buche: »Es ist die belohnendste und erhebendste Lektüre, die (den Urtext ausgenommen) auf der Welt möglich ist; sie ist der Trost meines Lebens gewesen und wird der meines Sterbens sein.«²) Die Grundlehre der Upaniṣads aber ist dieselbe, welche nach Schopenhauer »zu allen Zeiten der Spott der Toren und die endlose Meditation der Weisen war«, nämlich die Einheitslehre, d. h. die Lehre, »dafs alle Vielheit nur scheinbar sei, dafs in allen Individuen dieser Welt, in so unendlicher Zahl sie auch, nach- und nebeneinander, sich darstellen, doch nur eines und dasselbe, in ihnen allen gegenwärtige und identische, wahrhaft seiende Wesen sich manifestiert«³). Und wenn Ludwig Stein recht hat, der unlängst sagte: »Die Philosophie der Gegenwart ist der Monismus, das heifst die Einheitsdeutung alles Weltgeschehens,«⁴) — dann ist diese »Philosophie der Gegenwart« vor drei Jahrtausenden schon die Philosophie der alten Inder gewesen.