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Geschichte der indischen Litteratur v1.c9.s3.1

Geschichte der indischen Litteratur v1.c9.s3.1

Language
German

v1.c9.s3.1

Vor Jahren hat Adolf Holtzmann (der Ältere) den kühnen Versuch unternommen, »den Grundstoff des Mahābhārata, das alte indische Nationalepos selbst, deutschen Freunden der Poesie zum erstenmal zu erschliefsen« ¹). Er ging von der unzweifelhaft richtigen Ansicht aus, daſs das Mahābhārata nicht »das indische Epos« sei, sondern daſs vielmehr nur »die Überreste, die Trümmer der alten indischen Heldengesänge im Mahābhārata ... in vielfacher Überarbeitung, Erweiterung und Entstellung enthalten seien«. Aber mit beneidenswertem Selbstbewuſstsein traute er sich die Fähigkeit zu, aus diesen überarbeiteten und entstellten »Trümmern« das alte, ursprüngliche Heldengedicht wiederherstellen zu können. Er glaubte, durch Auslassungen, Kürzungen und Veränderungen ein indisches Heldengedicht in deutschen Versen geschaffen zu haben, welches von dem eigentlichen Mahābhārata, wie es die alten indischen Barden gesungen, eine bessere Vorstellung gebe, als es etwa eine wörtliche Übersetzung des uns vorliegenden Urtextes tun würde. Nun hat Holtzmann gewiſs mit genialem Blick und tiefem dichterischem Gefühl oft das Richtige getroffen; er hat sich aber auch mit so grenzenloser Willkür von dem Sanskrittext entfernt, daſs sein Werk doch nur als eine sehr freie Umdichtung des alten Mahābhārata, aber keinesfalls als ein treues Abbild desselben gelten kann. In der Tat ist das, was Holtzmann versucht hat, ein Ding der Unmöglichkeit. Jedem Versuch, »das alte indische Nationalepos selbst« in seiner Ursprünglichkeit wiederherzustellen, wird immer so viel Willkürliches anhaften, daſs er nur einen rein subjektiven Wert haben kann.

Cites (1)