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Geschichte der indischen Litteratur v1.c9.s3: Die Haupterzählung des Mahābhārata

Geschichte der indischen Litteratur v1.c9.s3

Language
German

Contents

Die Haupterzählung des Mahābhārata

v1.c9.s3.1

Vor Jahren hat Adolf Holtzmann (der Ältere) den kühnen Versuch unternommen, »den Grundstoff des Mahābhārata, das alte indische Nationalepos selbst, deutschen Freunden der Poesie zum erstenmal zu erschliefsen« ¹). Er ging von der unzweifelhaft richtigen Ansicht aus, daſs das Mahābhārata nicht »das indische Epos« sei, sondern daſs vielmehr nur »die Überreste, die Trümmer der alten indischen Heldengesänge im Mahābhārata ... in vielfacher Überarbeitung, Erweiterung und Entstellung enthalten seien«. Aber mit beneidenswertem Selbstbewuſstsein traute er sich die Fähigkeit zu, aus diesen überarbeiteten und entstellten »Trümmern« das alte, ursprüngliche Heldengedicht wiederherstellen zu können. Er glaubte, durch Auslassungen, Kürzungen und Veränderungen ein indisches Heldengedicht in deutschen Versen geschaffen zu haben, welches von dem eigentlichen Mahābhārata, wie es die alten indischen Barden gesungen, eine bessere Vorstellung gebe, als es etwa eine wörtliche Übersetzung des uns vorliegenden Urtextes tun würde. Nun hat Holtzmann gewiſs mit genialem Blick und tiefem dichterischem Gefühl oft das Richtige getroffen; er hat sich aber auch mit so grenzenloser Willkür von dem Sanskrittext entfernt, daſs sein Werk doch nur als eine sehr freie Umdichtung des alten Mahābhārata, aber keinesfalls als ein treues Abbild desselben gelten kann. In der Tat ist das, was Holtzmann versucht hat, ein Ding der Unmöglichkeit. Jedem Versuch, »das alte indische Nationalepos selbst« in seiner Ursprünglichkeit wiederherzustellen, wird immer so viel Willkürliches anhaften, daſs er nur einen rein subjektiven Wert haben kann.

v1.c9.s3.2

¹ Indische Sagen. 2. Teil: Die Kuruinge. Karlsruhe 1846.

v1.c9.s3.3

Hingegen ist es verhältnismäſsig leicht, aus der ungeheueren Masse von Gesängen des Mahābhārata einen Kern herauszuschälen, nämlich die Erzählung vom Kampfe der Kauravas und der Pāṇḍavas, welche jedenfalls den Vorwurf des eigentlichen Epos bildete. Das soll in dem nachfolgenden, notwendigerweise kurzen Auszuge geschehen. Wir verfolgen die Geschichte von dem groſsen Kampfe, indem wir auch die wichtigsten auf die Haupthelden bezüglichen Nebenerzählungen nach Möglichkeit berücksichtigen. Dabei wollen wir uns nicht auf zweifelhafte Hypothesen über das »ursprüngliche« Epos einlassen, sondern getreu unserem jetzt vorhandenen Mahābhāratatexte folgen, indem wir nur vorläufig alles beiseite lassen, was nicht auf die Haupterzählung bezug hat.

Die Herkunft der Kauravas und der Pāṇḍavas

v1.c9.s3.t1.1

Im Lande der Bharatas herrschte einmal ein König aus dem Kurugeschlecht, Šāntanu mit Namen. Dieser hatte von der zu einem Menschenweibe gewordenen Gaṅgā¹ einen Sohn, Namens Bhīṣma, welchen er zum Thronnachfolger bestimmt hatte. Eines Tages, als dieser bereits zu einem trefflichen, mit allen Kriegertugenden ausgestatteten Helden herangewachsen war, traf Šāntanu die schöne Fischerstochter Satyavatī, verliebte sich in sie und begehrte sie zum Weibe. Ihr Vater aber, der König der Fischersleute, wollte sie ihm nur unter der Bedingung geben, daſs der von seiner Tochter geborene Sohn den Thron erben solle. Darauf wollte Šāntanu nicht eingehen, so schwer es ihm wurde, auf die Geliebte zu verzichten. Bhīṣma aber merkte bald die Niedergeschlagenheit seines Vaters, und als er den Grund derselben erfahren hatte, begab er sich selbst zu dem Fischerkönig, um für seinen Vater um Satyavatī zu werben. Er erklärt nicht nur, auf den Thron verzichten zu wollen, sondern nimmt auch das Gelübde der Keuschheit auf sich, damit nicht etwa ein Sohn von ihm als Thronnachfolger in Frage käme, worauf ihm der Fischer gern seine Tochter gibt. Šāntanu heiratet also Satyavatī und erzeugt mit ihr zwei Söhne, Citrāṅgada und Vicitravīrya. Nachdem Šāntanu bald darauf gestorben war und den jungen Citrāṅgada ein Gandharva im Kampfe getötet hatte, weihte Bhīṣma, als der Senior der Familie, den Vicitravīrya zum König. Dieser aber starb jung und kinderlos, obgleich er zwei Frauen hatte. Damit nun das Geschlecht nicht aussterbe, bittet Satyavatī den Bhīṣma, nach dem alten Rechtsbrauche des Levirats mit den hinterbliebenen Witwen des Vicitravīrya Nachkommenschaft zu erzeugen. Bhīṣma aber weist auf sein Gelübde der Keuschheit hin und erklärt, daſs wohl die Sonne ihren Glanz, das Feuer seine Hitze, der Mond die Kühle seiner Strahlen, Gott Indra seine Tapferkeit, Gott Dharma² seine Gerechtigkeit aufgeben, er aber nie und nimmer sein gegebenes Wort brechen könne. Da erinnert sich Satyavatī ihres unehelichen Sohnes Vyāsa und fordert mit Zustimmung des Bhīṣma ihn auf, für die Erhaltung des Geschlechtes Sorge zu tragen. Und der heilige Vyāsa erzeugt, wie wir schon gesehen haben³, den Dhṛtarāṣṭra, den Pāṇḍu und den Vidura. Da Dhṛtarāṣṭra blind geboren war, wurde der jüngere Bruder Pāṇḍu zum König eingesetzt. Dhṛtarāṣṭra heiratete Gāndhārī, die Tochter des Gāndhārakönigs, und sie gebar ihm hundert Söhne, von denen der älteste Duryodhana hieſs. Pāṇḍu aber hatte zwei Frauen, Pṛthā oder Kuntī, die Tochter eines Königs der Yādavas, und Mādrī, die Schwester des Šalya, des Königs der Madras. Kuntī gebar ihm drei Söhne: Yudhiṣṭhira, den ältesten, Arjuna und Bhīma, der am selben Tage wie Duryodhana geboren wurde, während Mādrī die Mutter der beiden Zwillinge Nakula und Sahadeva wurde.

v1.c9.s3.t1.2

¹ Göttin des Flusses Ganges.

v1.c9.s3.t1.3

² Der Todesgott und zugleich der Gott der Gerechtigkeit.

v1.c9.s3.t1.4

³ Oben S. 269.

v1.c9.s3.t1.5

Eine sehr phantastische (schwerlich dem alten Gedichte angehörige) Geschichte wird erzählt, wonach diese fünf Haupthelden des Epos nicht von Pāṇḍu, sondern für Pāṇḍu gezeugt worden sein sollen. Pāṇḍu — so wird erzählt — hat auf der Jagd ein Antilopenpärchen bei der Begattung getötet. In Wirklichkeit ist es aber ein Ṛṣi, der Antilopengestalt angenommen hat, um der Liebe zu pflegen. Dieser Ṛṣi spricht nun über Pāṇḍu den Fluch aus, daſs er beim Liebesgenuſs sterben solle. Daraufhin beschlieſst Pāṇḍu, ein Asketenleben zu führen und auf den Geschlechtsgenuſs zu verzichten. Damit er aber doch Nachkommenschaft erhalte, werden von Kuntī die Götter herbeigerufen, damit sie ihr Kinder erzeugen. Dharma, der Gott der Gerechtigkeit, erzeugt mit ihr den Yudhiṣṭhira, der Windgott Vāyu den starken Bhīma und der Götterfürst Indra den Arjuna. Auf Bitten der Kuntī wohnen die beiden Aśvins der Mādrī bei und erzeugen mit ihr die Zwillinge Nakula und Sahadeva.

v1.c9.s3.t1.6

Die Pāṇḍavas und Kauravas am Hofe des Dhṛtarāṣṭra.

v1.c9.s3.t1.7

Nachdem Pāṇḍu bald darauf gestorben war, übernahm der blinde Dhṛtarāṣṭra die Regierung. Die fünf Söhne des Pāṇḍu zogen mit ihrer Mutter Kuntī — Pāṇḍus zweite Frau Mādrī hatte sich mit ihm als Witwe verbrennen lassen — an den Hof des Königs Dhṛtarāṣṭra nach Hastināpura und wurden dort zusammen mit den Prinzen, ihren Vettern, erzogen.

v1.c9.s3.t1.8

Schon in den Kinderspielen zeichneten sich die Söhne des Pāṇḍu vor denen des Dhṛtarāṣṭra aus und erregten die Eifersucht der letzteren. Bhīma insbesondere war äuſserst übermütig und gab manche Proben unbändiger Kraft, die den Kindern des Dhṛtarāṣṭra recht unangenehm waren. Wenn die Kinder z. B. auf einen Baum stiegen, schüttelte er ihn so, daſs die Vettern samt den Früchten heruntergepurzelt kamen. Duryodhana war daher dem Bhīma sehr gehässig und machte auch mehrere Anschläge gegen sein Leben, ohne ihm aber etwas anhaben zu können. Die Knaben wuchsen heran und erhielten zwei berühmte, waffenkundige Brahmanen, Kṛpa und Droṇa, zu Lehrern im Waffenhandwerk. Zu ihren Schülern gehörten auſser den Söhnen des Dhṛtarāṣṭra und des Pāṇḍu auch Aśvatthāman, ein Sohn des Droṇa, und Karṇa, der Sohn eines Sūta oder Wagenlenkers. Duryodhana und Bhīma wurden bald die besten Schüler des Droṇa im Keulenkampf, Aśvatthāman in Zauberkünsten, Nakula und Sahadeva im Schwertkampf und Yudhiṣṭhira im Wagenkampf. Arjuna aber war nicht nur der tüchtigste Bogenschütze, sondern übertraf alle andern in jeder Beziehung. Daher waren die Söhne des Dhṛtarāṣṭra überaus eifersüchtig auf ihn.

v1.c9.s3.t1.9

Als die Prinzen ihre Lehrzeit beendet hatten, veranstaltete Droṇa einen Wettkampf, bei dem seine Schüler ihre Künste zeigen sollten.

v1.c9.s3.t1.10

Es ist eine glänzende Festversammlung; der König, die Königinnen und zahlreiche Helden sind anwesend. Bhīma und Duryodhana führen einen Keulenkampf auf, der so ernst zu werden droht, daſs die Kämpfenden getrennt werden müssen. Arjuna erntet allgemeinen Beifall durch seine Kunst im Bogenschieſsen. Aber auch Karṇa tritt in die Arena und vollführt dieselben Künste wie Arjuna, worüber dieser sehr erzürnt ist, während Duryodhana den Karṇa freudig umarmt und ihn seiner ewigen Freundschaft versichert. Karṇa fordert den Arjuna zum Zweikampf heraus, wird aber als Abkömmling eines Wagenlenkers von den Pāṇḍavas verhöhnt.

Yudhiṣṭhira wird Thronfolger. Verschwörung gegen ihn und seine Brüder. (Das Lackhaus.)

v1.c9.s3.t2.1

Ein Jahr darauf setzte Dhṛtarāṣṭra den durch Tapferkeit wie durch alle andern Tugenden gleich ausgezeichneten Yudhiṣṭhira (als den Erstgeborenen der Kurufamilie) zum Thronfolger ein. Die übrigen Pāṇḍavas bildeten sich noch weiter in den Waffen aus und unternahmen auch auf eigene Faust siegreiche Eroberungszüge. Als Dhṛtarāṣṭra von diesen Waffentaten der immer mächtiger werdenden Pāṇḍavas hörte, wurde er um die Zukunft seiner eigenen Linie einigermaſsen besorgt. Als daher Duryodhana, sein jüngerer Bruder Duḥśāsana, sein Freund Karṇa und sein mütterlicher Oheim Śakuni eine Verschwörung gegen die Pāṇḍavas anzettelten, fanden sie bei dem alten König bereitwillige Unterstützung. Sie überredeten Dhṛtarāṣṭra, die Pāṇḍavas unter irgend einem Vorwand nach Vāraṇāvata zu entfernen. Dort lieſs Duryodhana durch einen geschickten Baumeister ein Haus aus Lack und andern leicht entzündlichen Stoffen bauen, in welchem die Pāṇḍavas wohnen sollten. In nachtschlafender Zeit sollte dann das Haus angezündet werden, damit die Pāṇḍavas ihren Untergang fänden. Vidura aber teilt dem Yudhiṣṭhira insgeheim — er bedient sich dabei einer Mlecchasprache, d. h. einer den übrigen nicht verständlichen Sprache eines nichtindischen Volksstammes — den heimtückischen Plan mit. Um aber keinen Verdacht zu erregen, da sie fürchteten, Duryodhana würde sie sonst auf andere Weise durch Meuchelmörder töten lassen, gehen sie scheinbar auf den Plan ein, begeben sich nach Vāraṇāvata und beziehen das Lackhaus. Durch einen unterirdischen Gang aber, den sie heimlich anlegen lieſsen, entfliehen sie in den Wald, nachdem sie das Haus, in welchem nebst dem Baumeister nur noch ein betrunkenes Weib niedriger Kaste mit fünf Söhnen schläft, selbst angezündet haben. Während alle Leute glauben, die Pāṇḍavas mit ihrer Mutter Kuntī seien verbrannt, und am Hofe des Dhṛtarāṣṭra die Totenfeier abgehalten wird, irren die fünf Brüder mit ihrer Mutter im Walde jenseits des Ganges umher. In finsterer Nacht befinden sie sich mitten im dichten Walde — müde, hungrig und durstig. Kuntī klagt über Durst, und Bhīma bringt die Mutter und seine vier Brüder zu einem Bananenbaum, wo sie sich ausruhen sollen, während er Wasser suchen will. Den Wasservögeln folgend, kommt er zu einem Teich, wo er badet und trinkt und die Oberkleider ins Wasser taucht, um den übrigen Wasser zu bringen. Eiligst kehrt er zurück, findet aber die Seinen alle unter dem Baume eingeschlafen. Wie er die Mutter und die Brüder so schlafend liegen sieht, beklagt er in bitteren Worten ihr trauriges Schicksal.

Hiḍimba, der Riese, und seine Schwester

v1.c9.s3.t3.1

In der Nähe dieses Bananenbaumes haust ein gräulicher, menschenfressender Riese, der Rākṣasa Hiḍimba. Er riecht Menschenfleisch, und von einem hohen Baume aus sieht er die Schlafenden. Ihm wässert der Mund nach dem lang entbehrten Genusse und er fordert seine Schwester, die Riesin Hiḍimbā, auf, nachzusehen, was es für Leute seien; dann wollten sie zusammen sich an der Menschen frischem Fleisch und Blut gütlich tun und nachher fröhlich tanzen und singen. Die Riesin geht hin; aber kaum hat sie den Bhīma erblickt, so wird sie von heftiger Liebe zu dem kräftigen Heldenjüngling ergriffen. Sie verwandelt sich daher in ein schönes menschliches Weib und geht lächelnd auf Bhīma zu, erzählt ihm, daſs dieser Wald von dem menschenfressenden Rākṣasa, ihrem Bruder, heimgesucht sei, der sie hergeschickt habe; daſs sie ihn aber liebe und keinen andern Mann zum Gatten haben wolle, als ihn; er möge sich ihrer freuen, sie werde ihn retten. Bhīma antwortet, er denke nicht daran, sich der Lust hinzugeben und Mutter und Brüder im Stiche zu lassen. Hiḍimbā erwidert, er möge nur seine Angehörigen aufwecken, sie werde sie alle retten. Bhīma aber erklärt, es werde ihm nie einfallen, seine Mutter und seine Brüder aus süſsem Schlummer zu wecken; vor Rākṣasas, Yakṣas (Elfen), Gandharvas und dergleichen Gelichter habe er keine Angst, er werde auch mit dem Menschenfresser fertig werden. Da kommt auch schon der Riese Hiḍimba, dem seine Schwester zu lange ausbleibt, selbst daher und will die verliebte Hiḍimbā im Zorne töten. Bhīma aber stellt sich ihm entgegen und fordert ihn zum Kampfe heraus. Nach furchtbarem Ringen, während dessen die Brüder erwachen, erschlägt er den Riesen. Nun will er auch die Hiḍimbā dem Bruder nachsenden, aber Yudhiṣṭhira ermahnt ihn, doch nicht ein Weib zu töten. Auf ihr flehentliches Bitten läſst er sich schlieſslich herbei, sich mit ihr so lange zu vereinigen, bis sie einen Sohn geboren habe. Yudhiṣṭhira ordnet an, daſs Bhīma tagsüber bei der Riesin weilen möge, aber vor Sonnenuntergang stets zurückkehren müsse. So fliegt denn Hiḍimbā mit Bhīma durch die Luft auf liebliche Bergeshöhen, wo sie sich dem Liebesspiel hingeben, bis sie empfängt und einen Sohn gebiert, der auch ein mächtiger Rākṣasa ist. Sie nennen ihn Ghaṭotkaca. Dieser hat später den Pāṇḍavas in der groſsen Schlacht gute Dienste geleistet¹).

v1.c9.s3.t3.2

¹ Eine sehr freie Bearbeitung der Hiḍimba-Episode hat Friedrich Rückert gegeben. (Werke, herausg. von C. Beyer, Bd. 6, S. 426 ff.)

Der Riese Baka und die Brahmanenfamilie

v1.c9.s3.t4.1

Die Pāṇḍavas ziehen nun, als Büſser verkleidet, unter mancherlei andern Abenteuern, von Wald zu Wald und kommen ſchlieſslich in eine Stadt Ekacakrā, wo sie unerkannt im Hause eines Brahmanen Aufenthalt nehmen. Bei Tage erbetteln sie sich ihre Speise und bringen sie abends nach Hause, wo Kuntī das ganze Essen in zwei Hälften teilt — die eine für Bhīma, die andere für alle übrigen. Eines Tages ist Kuntī mit Bhīma allein zu Hause. Da dringt aus den Gemächern des Brahmanen, bei dem sie Gastfreundschaft genieſsen, lautes Jammern und Wehklagen. Und sie hören, wie erst der Brahmane unter bitteren Klagen über das Menschenlos überhaupt erklärt, daſs es am besten sei, wenn er samt seiner Familie in den Tod ginge. Denn er könnte es nie über sich gewinnen, die treue Gattin, die geliebte Tochter oder gar das Söhnchen zu opfern, und anderseits müſste er, wenn er allein stürbe, die Seinen sicherem Elend überlassen. Darauf ergreift die Frau des Brahmanen das Wort und sagt: Er müsse am Leben bleiben, um für seine Kinder zu sorgen und das Geschlecht zu erhalten. Sie aber habe, nachdem sie ihm einen Sohn und eine Tochter geboren, den Zweck ihres Daseins erfüllt und könne ruhig sterben. Wenn er stürbe, so könnte ja sie allein nie ihre beiden Kinder ernähren und beschützen; sie könnte weder ihre Tochter vor unwürdigen Männern bewahren, noch ihrem Sohne die eines Brahmanen würdige Erziehung geben. Er könne ja auch wieder eine zweite Frau nehmen, während sie als Witwe doch nur ein bedauernswertes Los hätte. »Wie Vögel sich gierig auf ein weggeworfenes Stück Fleisch stürzen, so die Männer auf eine des Gatten beraubte Frau«. Darum werde sie ihr Leben opfern. Nun beginnt die Tochter, welche die Reden ihrer Eltern gehört hat, zu sprechen und sucht zu beweisen, daſs es ihr allein zukomme, für die Familie zu sterben. »Sagt man doch: das eigene Selbst ist der Sohn, ein Freund die Gattin, ein Elend aber die Tochter. Befreie dich selbst von diesem Elend und laſs mich meine Pflicht erfüllen«. Während diese drei so miteinander reden und schlieſslich alle zusammen in Weinen ausbrechen, tritt das kleine Söhnchen mit weitgeöffneten Augen auf jeden einzelnen zu und spricht lächelnd mit süſser, kindlicher Stimme: »Weine nicht, Vater! Weine nicht, Mutter! Weine nicht, Schwester!« Und frohgemut nimmt der Kleine einen Grashalm vom Boden und spricht: »Mit dem werde ich den menschenfressenden Rākṣasa töten!« Und so tiefbetrübt sie auch alle waren — als sie des Knaben süſse Stimme hörten, ward ihr Herz von Freude erfüllt. Diesen Augenblick benützt Kuntī, die Mutter der Pāṇḍavas, um einzutreten und sich zu erkundigen, was denn eigentlich los sei. Da erfährt sie denn, daſs in der Nähe der Stadt ein menschenfressender Rākṣasa, der Riese Baka, hause, dem die Einwohner der Stadt in gewissen Zeiträumen eine Wagenladung Reis, zwei Büffel und einen Menschen als Tribut bringen müssen. Abwechselnd komme immer eine andere Familie daran, und jetzt sei gerade die Reihe an ihnen.

v1.c9.s3.t4.2

Darauf tröstet Kuntī den Brahmanen und schlägt vor, daſs einer ihrer fünf Söhne dem Rākṣasa seinen Tribut bringe. Der Brahmane aber will nichts davon wissen, daſs ein Brahmane, und noch dazu ein Gast, für ihn das Leben opfere. Da erklärt ihm Kuntī, daſs ihr Sohn ein groſser Held sei — was er aber niemand verraten dürfe —, der den Rākṣasa gewiſs töten werde. Bhīma ist sofort bereit, der Aufforderung der Mutter Folge zu leisten und fährt am nächsten Morgen mit dem Wagen, der die für den Rākṣasa bestimmten Speisen enthält, in den Wald, wo der Unhold haust. Sobald er in den Wald kommt, beginnt er — dies wird mit groſsem Humor geschildert — die Speisen selbst zu essen und läſst sich auch durch den heranstürmenden Riesen nicht irre machen. Selbst als der wutentbrannte Rākṣasa mit beiden Händen auf ihn losschlägt, iſst er ruhig weiter. Erst nachdem er alles aufgegessen hat, rüstet er sich zum Kampfe: Die mächtigsten Bäume des Waldes reiſsen sie aus und schleudern sie aufeinander. Dann aber beginnt ein gewaltiges Ringen, welches damit endet, daſs Bhīma den Riesen über seinem Knie entzwei bricht. Den übrigen Rākṣasas, den Verwandten und Untergebenen des Baka, nimmt Bhīma das Versprechen ab, keinen Menschen mehr zu töten und kehrt zu den Brüdern zurück. In der Stadt herrscht groſse Freude. Aber das Inkognito der Pāṇḍavas wird gewahrt.

Gattenselbstwahl und Heirat der Draupadī

v1.c9.s3.t5.1

Nach einiger Zeit entschlieſsen sich die Pāṇḍavas, die Stadt Ekacakrā zu verlassen und ins Pañcālaland zu wandern. Auf dem Wege dahin erfahren sie, daſs Drupada, der König der Pañcālas, soeben im Begriffe sei, die Gattenselbstwahl¹ seiner Tochter zu veranstalten. Die Brüder beschlieſsen, sich auch an dem Feste zu beteiligen und begeben sich, als Brahmanen verkleidet, in die Residenzstadt des Drupada, wo sie im Hause eines Töpfers unerkannt leben, indem sie sich als Brahmanen ihren Unterhalt erbetteln. Drupada aber hatte einen sehr festen Bogen machen, mittels einer künstlichen Vorrichtung hoch in der Luft ein Ziel aufrichten und verkünden lassen, daſs nur derjenige Held seine Tochter Kṛṣṇā beim Svayaṁvara erringen könne, der den Bogen spannen und das aufgesteckte Ziel treffen würde. Fürsten aller Länder, darunter auch die Kauravas, Duryodhana und seine Brüder, nebst Karṇa folgen der Einladung des Königs Drupada und versammeln sich in der festlich geschmückten Halle, in welcher die Gattenselbstwahl stattfinden soll. Auch zahllose Brahmanen strömen als Zuschauer herbei, unter ihnen die fünf Pāṇḍavas. Mehrere Tage hindurch finden glänzende Festlichkeiten statt, und die fremden Könige und Brahmanen werden als Gäste groſsartig bewirtet. Endlich am sechzehnten Tage tritt unter den üblichen Zeremonien die wunderschöne Kṛṣṇā, herrlich gekleidet und geschmückt, in den Saal, den Blumenkranz in der Hand. Ihr Bruder Dhṛṣṭadyumna verkündet mit lauter Stimme: »Höret, all ihr Fürsten insgesamt! Hier ist der Bogen, hier sind die Pfeile, dort ist das Ziel. Treffet es durch das Loch der Vorrichtung mit den fünf scharfen, luftdurchschwirrenden Pfeilen. Wer, mit edler Geburt, Schönheit und Kraft ausgestattet, diese groſse Tat vollbringt, dessen Gemahlin soll meine Schwester Kṛṣṇā heute sein — nicht eitel ist meine Rede.« Darauf nennt er seiner Schwester die Namen aller anwesenden Könige, mit Duryodhana beginnend. Alle verlieben sich sofort in die reizende Kṛṣṇā, einer ist auf den andern eifersüchtig und jeder einzelne hofft, sie zu gewinnen. Einer nach dem andern versucht nun, den Bogen zu spannen, aber keinem will es gelingen. Da tritt Karṇa vor; schon hat er den Bogen gespannt und ist bereit, das Ziel zu treffen, da ruft Kṛṣṇā mit lauter Stimme: »Einen Wagenlenker wähle ich nicht.« Mit bitterem Lachen und einem Blick zur Sonne wirft Karṇa den Bogen wieder hin. Vergeblich versuchen noch die mächtigen Könige Śiśupāla, Jarāsandha und Śalya den Bogen zu spannen. Da erhebt sich Arjuna aus der Mitte der Brahmanen. Unter lautem Gemurmel des Beifalls derjenigen, die den stattlichen Jüngling bewundern, und des Widerspruchs jener, die sich darüber ärgern, daſs ein Brahmane mit Kriegern in die Schranken zu treten wage, schreitet er auf den Bogen zu, spannt ihn im Nu und schieſst das Ziel herab. Da Kṛṣṇā den göttergleichen Jüngling sieht, reicht sie ihm erfreut den Kranz, und Arjuna verläſst, von der Königstochter gefolgt, die Halle.

v1.c9.s3.t5.2

¹ Svayamvara, d. h. »Selbstwahl«, ist eine Form der Ehegründung oder Verlobung, welche darin besteht, daſs die Königstochter sich unter den versammelten Fürsten und Helden (nachdem der Vater eine feierliche Einladung hat ergehen lassen) den Gatten selber auswählt, indem sie dem Erwählten einen Kranz um den Hals hängt, worauf dann die Hochzeit stattfindet. Während der Svayaṁvara in der epischen Dichtung sehr häufig geschildert wird, erwähnen die brahmanischen Gesetzbücher, die sonst die verschiedenen Arten der Ehegründung sehr ausführlich behandeln, diese Sitte gar nicht.

v1.c9.s3.t5.3

Da aber die versammelten Könige merken, daſs Drupada wirklich seine Tochter dem Brahmanen geben wolle, sehen sie dies für eine Beleidigung an; denn eine Gattenselbstwahl sei nur für Krieger, nicht für Brahmanen bestimmt. Sie wollen den Drupada töten. Aber Bhīma und Arjuna eilen ihm zu Hilfe. Bhīma reiſst einen mächtigen Baum aus und steht furchtbar wie der Todesgott da. Arjuna stellt sich mit gespanntem Bogen neben ihn. Karṇa kämpft mit Arjuna, Śalya mit Bhīma. Nach hartem Kampfe erklären sich Karṇa und Śalya für besiegt. Die Könige geben den Kampf auf und kehren in ihre Heimat zurück. Die Pāṇḍavas aber ziehen mit Kṛṣṇā ab und begeben sich zum Töpferhaus, wo Kuntī bereits besorgt auf sie wartet. Hier nun erklärt Arjuna vor der Mutter und den Brüdern, daſs er die von ihm gewonnene Kṛṣṇā, die Tochter des Drupada, nicht allein heiraten werde, sondern daſs sie nach altem Familienbrauch die gemeinsame Gattin aller fünf Brüder werden müsse.

v1.c9.s3.t5.4

Unter denjenigen, welche bei der Gattenselbstwahl zugegen waren, befand sich auch Kṛṣṇa, der Häuptling eines Clans der Yādavas und der Vetter der Pāṇḍavas (denn Vasudeva, Kṛṣṇas Vater, war der Bruder der Kuntī). Er war der einzige, welcher die Pāṇḍavas trotz ihrer Verkleidung erkannt hatte. Er folgte daher, begleitet von seinem Bruder Baladeva, den Pāṇḍavas, besuchte sie im Töpferhaus und gab sich ihnen als ihr Verwandter zu erkennen. Die Pāṇḍavas waren darüber sehr erfreut. Damit diese aber nicht erkannt würden, entfernten sich Kṛṣṇa und Baladeva bald wieder.

v1.c9.s3.t5.5

Auch Prinz Dhṛṣṭadyumna war den Pāṇḍavas heimlich gefolgt, um zu erfahren, wer denn eigentlich der Held sei, der seine Schwester zur Gemahlin gewonnen. Er verbirgt sich im Töpferhaus und beobachtet, wie die Brüder heimkehren und ihre Mutter ehrfurchtsvoll begrüfsen, wie Kuntī die Draupadī¹ in bezug auf die Zubereitung und Verteilung der Speisen unterweist, wie sie sich dann nach dem Abendessen zur Ruhe begeben, indem der jüngste der Brüder ein Lager von Kuśagras ausbreitet, auf welchem sich die fünf Brüder der Reihe nach jeder auf seinem Antilopenfell hinstrecken, während die Mutter zu ihren Häuptern und Draupadī zu ihren Füfsen ihr Nachtlager aufschlagen; und er hört, wie sich die Brüder vor dem Einschlafen noch mit allerlei Gesprächen über Waffen und Kriegstaten unterhalten. Darauf eilt Dhṛṣṭadyumna zu seinem Vater zurück, um ihm zu berichten, dafs die angeblichen Brahmanen, nach ihren Gesprächen zu schliefsen, Krieger sein müfsten, worüber der König hocherfreut ist. Am nächsten Morgen läfst Drupada die Pāṇḍavas in den Palast einladen, um die Hochzeit seiner Tochter in feierlicher Weise zu begehen. Nun erst teilt ihm Yudhiṣṭhira mit, dafs sie die totgeglaubten Söhne des Pāṇḍu seien, worüber Drupada sehr froh ist; denn es war immer sein Wunsch gewesen, den tapferen Arjuna zum Schwiegersohn zu haben. Da er aber die feierliche Vermählung seiner Tochter mit Arjuna vornehmen will, ist er einigermafsen erstaunt und wenig erfreut, als ihm Yudhiṣṭhira die Mitteilung macht, dafs Kṛṣṇā die gemeinsame Gattin aller fünf Brüder werden müsse. Die Bedenken, die er äufsert, werden aber durch den Hinweis auf den alten Familienbrauch der Pāṇḍavas beschwichtigt, und Draupadī wird zuerst dem Yudhiṣṭhira als dem Ältesten, dann in der Reihenfolge des Alters den vier andern Brüdern vor dem heiligen Feuer als Gattin angetraut².

v1.c9.s3.t5.6

¹ Kṛṣṇā, »die Schwarze«, wird gewöhnlich Draupadī, d. h. »Tochter des Drupada«, genannt.

v1.c9.s3.t5.7

² Das Epos hat in dieser Fünfmännerehe unzweifelhaft einen alten Zug der Sage treu bewahrt. Denn die Polyandrie oder vielmehr die Gruppenehe, von welcher die Ehe der Pāṇḍavas ein Beispiel bietet, kommt zwar in einzelnen Gegenden Indiens auch heute noch vor, ist aber sonst im alten Indien durchaus nicht als rechtmäfsige Eheform bezeugt und widerspricht ganz und gar den brahmanischen Anschauungen. Wenn Drupada sagt (I, 197, 27): »Das Gesetz lehrt, sucht, anstatt sie als ethnologisches Faktum hinzunehmen. (Vgl. meine »Notes on the Mahābhārata« im JRAS, 1897, S. 733 ff.)

v1.c9.s3.t5.8

Kuntī segnet ihre Schwiegertochter. Den Neuvermählten aber sendet Kṛṣṇa reiche und überaus kostbare Hochzeitsgeschenke.

v1.c9.s3.t5.9

dafs ein Mann viele Frauen hat; aber man hat nie gehört, dafs eine Frau viele Männer zu Gatten habe«, so gibt er damit nur der allgemein indischen Anschauung Ausdruck. Wenn trotzdem im Epos die fünf Haupthelden nur eine Gattin haben, so ist dies ein Beweis dafür, dafs dieser Zug so enge mit der ganzen Sage und dem alten Epos verwoben war, dafs selbst in späterer Zeit, als das Mahābhārata mehr und mehr einen brahmanischen Charakter erhielt und zu einem religiösen Lehrbuch wurde, nicht daran gedacht werden konnte, diesen Zug zu beseitigen. Man bemühte sich nur, durch mehrere ziemlich ungeschickt eingefügte Erzählungen die Fünfmännerehe zu rechtfertigen. Einmal erzählt Vyāsa die alberne Geschichte von einer Jungfrau, die keinen Mann bekommen konnte und den Gott Śiva anflehte, daſs er ihr einen Gatten besorge. Weil sie nun fünfmal gerufen hatte: »Gib mir einen Gatten«, verspricht ihr Śiva fünf Gatten — in einer späteren Geburt. Diese Jungfrau ist als Kṛṣṇā, Drupadas Tochter, wiedergeboren und erhält daher die fünf Pāṇḍavas zu Gatten. Nicht viel geistreicher ist eine zweite Geschichte. Die Pāṇḍavas, die im Töpferhaus als bettelnde Brahmanen leben, kommen mit Draupadī nach Hause und melden ihrer Mutter, dafs sie »die Almosen«, die sie auf ihrem Bettelgang gesammelt, gebracht haben. Ohne aufzusehen, sagt Kuntī gewohnheitsmäſsig: »Geniefset es alle miteinander«. Dann erst bemerkt sie, daſs »das Almosen« eine Frau ist, und ist sehr bestürzt; aber das Wort einer Mutter darf nicht unwahr gemacht werden, und es muſs dabei sein Bewenden haben, dafs die fünf Brüder die Draupadī gemeinsam geniefsen. Eine dritte Geschichte, welche wieder Vyāsa dem Drupada erzählt, ist die śivaitische »Fünf-Indra-Erzählung« (pañcendropākhyānam), ein höchst phantastischer und verworrener Bericht, nach welchem Indra zur Strafe dafür, weil er den Śiva beleidigt hat, fünffach geteilt auf der Erde wiedergeboren und eine Inkarnation der Lakṣmī oder Śrī (Göttin des Glückes und der Schönheit) zu seiner Frau bestimmt wird. Die fünf Pāṇḍavas sind Inkarnationen des einen Indra, Draupadī ist eine Inkarnation der Lakṣmī; so hat Draupadī eigentlich nur einen Gemahl! Es wird nicht einmal der Versuch gemacht, diese drei Rechtfertigungsgeschichten miteinander oder mit der Haupterzählung in Einklang zu bringen. Hingegen wird wiederholt deutlich ausgesprochen, dafs wir es mit einer alten Familiensitte — nicht etwa mit einem allgemein indischen, sondern mit einem speziellen Familienbrauch der Pāṇḍavas — zu tun haben. In Erzählungen der Buddhisten und Jainas wird die Gattenselbstwahl der Draupadī in der Weise geschildert, daſs sie nicht den Arjuna, sondern gleich alle fünf Pāṇḍavas auf einmal wählt. Sonderbarerweise haben auch einige europäische Forscher die Fünfmännerehe mythologisch, allegorisch und symbolisch zu deuten und zu rechtfertigen ge-

Die Pāṇḍavas erhalten ihr Reich zurück

v1.c9.s3.t6.1

Bald verbreitet sich die Nachricht, daſs die Pāṇḍavas noch am Leben sind und daſs Arjuna es war, der die Draupadī bei der Gattenselbstwahl gewonnen. Duryodhana und seine Genossen kehren betrübt nach Hastināpura zurück, und es macht ihnen groſse Sorge, daſs die Pāṇḍavas jetzt durch ihre Heirat zwei mächtige Bundesgenossen — Drupada und die Pañcālas, Kṛṣṇa und die Yādavas — gewonnen haben. Duryodhana meint, man müsse nun vor den Pāṇḍavas auf der Hut sein; und schlägt vor, sie durch Verräterei zu beseitigen. Hingegen rät Karṇa zum offenen Kampfe. Bhīṣma aber, dem auch Vidura und Droṇa zustimmen, rät dem Dhṛtarāṣṭra, den Pāṇḍavas das halbe Königreich abzutreten und mit ihnen in Frieden zu leben. Dhṛtarāṣṭra geht auf diesen Vorschlag ein und tritt den Pāṇḍavas die Hälfte seines Reiches ab, und zwar sollen sie sich in der Wüste Khāṇḍavaprastha niederlassen. Yudhiṣṭhira nimmt das Anerbieten bereitwillig an, und die Pāṇḍavas begeben sich, von Kṛṣṇa begleitet, nach Khāṇḍavaprastha. Dort gründen sie sich als Residenz die groſse Stadt und Festung Indraprastha (in der Nähe des heutigen Delhi).

Arjunas Verbannung und Abenteuer

v1.c9.s3.t7.1

Glücklich und zufrieden lebten die Pāṇḍavas mit ihrer gemeinsamen Gattin in Indraprastha. Damit keine Eifersucht zwischen ihnen entstehe, hatten sie (auf den Rat des himmlischen Weisen Nārada) vereinbart, daſs derjenige von den Brüdern, welcher einen der andern bei einem traulichen Zusammensein mit Draupadī überrasche, auf zwölf Jahre in die Verbannung gehen und ein Leben der Keuschheit führen müsse. Infolge dieser Vereinbarung leben sie stets in Frieden miteinander.

v1.c9.s3.t7.2

Eines Tages stehlen Räuber einem Brahmanen sein Vieh, und dieser kommt mit heftigen Vorwürfen, daſs der König seine Untertanen nicht genügend schütze, in den Palast gelaufen. Arjuna will ihm sofort zu Hilfe eilen. Zufälligerweise aber hängen die Waffen in einem Zimmer, in welchem Yudhiṣṭhira gerade mit Draupadī beisammen ist. Arjuna ist in einem Dilemma: Soll er die Kriegerpflicht gegenüber dem Brahmanen üben und die Regel in bezug auf die gemeinsame Gattin durchbrechen, oder soll er die erstere verletzen, um die letztere einzuhalten? Er entschlieſst sich dafür, in die Kammer zu gehen, um die Waffen zu holen, verfolgt die Räuber und gibt dem Brahmanen sein Vieh zurück. Darauf kehrt er heim und erklärt dem Yudhiṣṭhira, daſs er nun der Vereinbarung gemäſs auf zwölf Jahre in die Verbannung gehen werde. Obwohl Yudhiṣṭhira ihn zurückzuhalten sucht, da er sich gar nicht beleidigt fühle, zieht sich doch Arjuna nach dem Grundsatz, daſs Recht Recht bleiben müsse, in den Wald zurück.

v1.c9.s3.t7.3

Hier erlebt er nun mancherlei Abenteuer. So badet er einmal im Ganges und will eben, nachdem er den Manen geopfert, heraussteigen, als ihn Ulūpī, die Tochter eines Nāgakönigs, in das Reich der Nāgas (Schlangendämonen) hinabzieht. Sie erklärt ihm, daſs sie sich in ihn verliebt habe, und bittet ihn, sich ihrer zu erfreuen. Arjuna antwortet, daſs er dies nicht tun könne, weil er das Gelübde der Keuschheit auf sich genommen. Aber die Schlangenjungfrau wendet ihm ein, daſs sich dieses Gelübde doch nur auf Draupadī beziehen könne; übrigens sei es seine Kriegerpflicht, Unglücklichen zu helfen; wenn er ihr ihren Wunsch nicht erfülle, werde sie sich umbringen — er müsse ihr also das Leben retten. Diesen Argumenten kann Arjuna nichts mehr entgegensetzen, und »seine Pflicht im Auge habend« erfüllt er den Wunsch der schönen Ulūpī und verbringt eine Nacht mit ihr.

v1.c9.s3.t7.4

Ein andermal kommt er auf seinen Wanderungen zu Citravāhana, dem König von Maṇipūra, und verliebt sich in dessen schöne Tochter Citrāṅgadā. Sie ist aber eine Sohnestochter ¹), und der König gibt sie ihm nur unter der Bedingung, daſs ein von ihr geborener Sohn als sein (Citravāhanas) Sohn zu gelten habe. Arjuna ist damit einverstanden und lebt mit ihr drei Jahre in Maṇipūra ²). Nachdem sie einen Sohn geboren hat, verabschiedet er sich und setzt seine Wanderung fort.

v1.c9.s3.t7.5

¹ Eine putrikā oder »Sohnestochter« ist eine Tochter, deren Sohn nicht dem Gatten, sondern dem Vater des Mädchens gehört. Wenn nämlich ein Mann keinen Sohn hat, so kann er seine Tochter als putrikā einsetzen, wodurch ein von ihr geborener Sohn zum Fortsetzer des Geschlechts ihres Vaters wird, d. h. er ist zum Totenopfer verpflichtet und zum Erbe berechtigt.

v1.c9.s3.t7.6

² Von dem Keuschheitsgelübde ist jetzt nicht mehr die Rede.

v1.c9.s3.t7.7

Nachdem er verschiedene heilige Orte besucht und noch mancherlei Abenteuer erlebt hat, kommt er mit Kṛṣṇa zusammen und besucht diesen in seiner Stadt Dvārakā, wo er ungemein festlich empfangen wird. Einige Tage nachher fand auf dem Berge Raivataka ein groſses Fest der Vṛṣṇis und Andhakas — Clans der Yādavas — statt. Mit Musik, Gesang und Tanz ziehen Edle und Bürger hinaus, und es geht recht lustig zu. Baladeva, Kṛṣṇas Bruder, betrinkt sich mit seiner Frau Revatī; Ugrasena, König der Vṛṣṇis, kommt mit seinen tausend Weibern, und zahlreiche andere Fürsten mit ihren Frauen. Bei dieser Gelegenheit sieht Arjuna die schöne Schwester des Kṛṣṇa, Subhadrā, und verliebt sich in sie. Er fragt den Kṛṣṇa, wie er sie bekommen könne, und dieser rät ihm, sie nach Kriegerart gewaltsam zu entführen, denn eine Gattenselbstwahl sei immer eine unsichere Sache ³). Da schickt Arjuna einen Boten zu Yudhiṣṭhira, um dessen Erlaubnis zur Entführung der Subhadrā einzuholen. Yudhiṣṭhira gibt seine Zustimmung, und Arjuna zieht in voller Kriegsrüstung auf seinem Streitwagen aus, wie wenn er auf die Jagd ginge. Subhadrā ergeht sich auf dem Raivataka, und wie sie eben nach Dvārakā zurückkehren will, ergreift sie Arjuna, nimmt sie auf seinen Wagen und fährt mit ihr in der Richtung nach Indraprastha. In Dvārakā herrscht groſse Aufregung; der betrunkene Baladeva ist wütend, daſs Arjuna das Gastrecht verletzt habe. Aber Kṛṣṇa beruhigt seine Verwandten: Arjuna habe sie gar nicht beleidigt. Im Gegenteil, er habe die Yādavas nicht für so geldgierig gehalten, daſs sie ein Mädchen wie ein Stück Vieh verkaufen würden, und auf eine unsichere Gattenselbstwahl habe er sich nicht einlassen wollen, so sei ihm nichts übrig geblieben, als die Subhadrā zu rauben. Gegen die Ehe sei ja nichts einzuwenden. Man solle nur den Arjuna zurückbringen und sich mit ihm versöhnen. Das geschieht denn auch, und Subhadrā wird mit Arjuna vermählt. Er verweilt dann noch ein Jahr in Dvārakā, sich mit Subhadrā vergnügend. Den Rest der zwölf Jahre verbringt er in dem heiligen Orte Puṣkara, worauf er nach Indraprastha zurückkehrt. Draupadī macht ihm wegen seiner Heirat mit Subhadrā Vorwürfe, beruhigt sich aber, da sich Subhadrā ihr als Magd unterwirft. Und Draupadī, Subhadrā und Kuntī leben von da an glücklich miteinander. Subhadrā gebar dem Arjuna einen Sohn, Abhimanyu, der ein Liebling seines Vaters und seiner Onkel wurde. Draupadī aber gebar jedem der fünf Pāṇḍavas je einen Sohn.

v1.c9.s3.t7.8

³ Offenbar waren die Yādavas ein wilder Hirtenstamm, bei dem die Raubehe noch zu Recht bestand.

Yudhiṣṭhira wird Weltherrscher

v1.c9.s3.t8.1

Gerecht und fromm regierte König Yudhiṣṭhira in seinem Reiche, und seine Untertanen, die ihm in Liebe zugetan waren, lebten glücklich und zufrieden. Ein glückliches Dasein führten auch die Brüder des Königs. Den Arjuna aber verband nun noch innigere Freundschaft mit Kṛṣṇa. Als sich die beiden Freunde einst in den Hainen an der Jamnā (wo sie mit vielen schönen Frauen wahre Orgien feierten, an denen sich selbst Draupadī und Subhadrā beteiligten) miteinander unterhielten, kam der Gott Agni in Brahmanengestalt auf sie zu und ersuchte sie, ihm beim Verbrennen des Khāṇḍavawaldes behilflich zu sein. Der Gott hatte sich nämlich bei einem groſsen Opfer durch das Verzehren der vielen Opferspeisen den Magen verdorben, und Brahman hatte ihm gesagt, er müsse den Khāṇḍavawald verbrennen, um wieder zu genesen. So oft er aber versucht, den Wald in Brand zu stecken, löschen die Waldtiere das Feuer immer wieder aus. Das sollen Arjuna und Kṛṣṇa verhindern, und zu dem Zweck verschafft ihnen Agni himmlische Waffen: dem Arjuna den gewaltigen Bogen Gāṇḍīva mit zwei unerschöpflichen Köchern und einen prächtigen, mit silberweiſsen Pferden bespannten und durch ein Affenbanner weithin kenntlichen Streitwagen; dem Kṛṣṇa aber eine sichertreffende Wurfscheibe und eine unwiderstehliche Keule. Mit diesen Waffen stehen sie dem Agni zur Seite und töten alle Wesen, welche aus dem brennenden Walde zu entfliehen suchen. Nur den Dämon Maya, der ein groſser Künstler unter den Himmlischen ist, verschonen sie¹).

v1.c9.s3.t8.2

¹ Hier endet das Ādiparvan oder das erste Buch des Mahābhārata.

v1.c9.s3.t8.3

Zum Dank dafür, daſs ihm das Leben geschenkt ward, baut der Dämon Maya dem Yudhiṣṭhira einen wunderbaren Palast mit höchst kunstvollen Einrichtungen. Nach einiger Zeit beschlieſst Yudhiṣṭhira im Einvernehmen mit Kṛṣṇa, das groſse Königsweiheopfer (rājasūya) darzubringen. Zur Darbringung dieses Opfers ist aber nur ein Weltherrscher, ein groſser Eroberer, berechtigt. Da aber zurzeit Jarāsandha, König von Magadha, der mächtigste Herrscher ist, muſs erst dieser beseitigt werden. In einem Zweikampf mit Bhīma wird er getötet. Dann erst unternehmen Arjuna im Norden, Bhīma im Osten, Sahadeva im Süden und Nakula im Westen siegreiche Eroberungszüge, durch welche Yudhiṣṭhira zum Besitzer eines Weltreiches wird. Nun kann das Königsweiheopfer vollzogen werden, das mit groſsem Prunk gefeiert wird. Zahlreiche Könige, auch die Kauravas, sind dazu eingeladen. Zum Schluſs des Opfers werden Ehrengaben verteilt. Auf Vorschlag des Bhīṣma soll Kṛṣṇa die erste Ehrengabe erhalten. Dagegen lehnt sich Śiśupāla, König von Cedi, auf. Infolgedessen kommt es zu einem Streite, der damit endet, daſs Śiśupāla von Kṛṣṇa getötet wird.

v1.c9.s3.t8.4

Nach beendetem Opfer verabschieden sich die fremden Könige. Auch Kṛṣṇa kehrt wieder in seine Heimat zurück. Nur Duryodhana und sein Oheim Śakuni verweilen noch einige Zeit im Palaste der Pāṇḍavas. Bei der Besichtigung des wunderbaren Gebäudes widerfährt dem Duryodhana allerlei Miſsgeschick. So hält er eine Kristallfläche für einen Teich und zieht sich aus, um zu baden, während er einen künstlichen Teich für festes Land hält und zu einem unfreiwilligen Bad kommt, worüber Bhīma und Arjuna in lautes Lachen ausbrechen. Dieser Spott kränkte den ohnehin von Neid erfüllten Duryodhana aufs tiefste. Mit den bittersten Gefühlen des Neides und des Hasses verabschiedet er sich von seinen Vettern und kehrt nach Hastināpura zurück.

Das Würfelspiel

v1.c9.s3.t9.1

In bitteren Worten klagt Duryodhana dem Oheim Śakuni sein Leid. Nicht ertragen könne er die Schmach, seine Feinde solche Triumphe feiern zu sehen; und da er keine Mittel und Wege sehe, den Pāṇḍavas beizukommen, werde er durch Feuer, Gift oder Wasser seinem Leben ein Ende machen. Da macht Śakuni den Vorschlag, es solle ein Würfelspiel veranstaltet und Yudhiṣṭhira dazu eingeladen werden; er, Śakuni, der ein gewandter Spieler sei, werde dem Yudhiṣṭhira leicht sein ganzes Reich abgewinnen. Sogleich begeben sie sich zu dem alten König Dhṛtarāṣṭra, um dessen Zustimmung zu dem Plane zu erlangen. Dieser will zwar anfangs nichts davon wissen und will sich jedenfalls erst mit seinem weisen Bruder Vidura beraten; aber da Duryodhana ihm vorhält, daſs Vidura immer nur die Partei der Pāṇḍavas ergreife, läſst sich schlieſslich der alte, schwache König überreden und ordnet das Würfelspiel an. Den Vidura selbst schickt er als Boten zu Yudhiṣṭhira, um diesen zum Spiele einzuladen. Vidura warnt den König und verhehlt ihm nicht, daſs er befürchte, es werde groſses Unheil aus diesem Würfelspiel entstehen. Diese Besorgnis hat auch Dhṛtarāṣṭra selbst, aber er glaubt, dem Schicksal seinen Lauf lassen zu müssen. So begibt sich denn Vidura an den Hof des Königs Yudhiṣṭhira, um die Einladung zum Würfelspiel zu überbringen. Auch dieser beruft sich auf die unwiderstehliche Macht des Schicksals, indem er der Einladung, wenn auch widerwillig, Folge leistet. Und begleitet von seinen Brüdern und Draupadī mit den übrigen Frauen des Haushaltes, macht er sich auf den Weg nach Hastināpura. Im Palaste des Dhṛtarāṣṭra werden die Gäste von den Verwandten freundlich begrüſst und mit groſsen Ehren aufgenommen.

v1.c9.s3.t9.2

Am nächsten Morgen begeben sich Yudhiṣṭhira und seine Brüder in die Spielhalle, wo bereits die Kauravas versammelt sind. Śakuni fordert den Yudhiṣṭhira zum Spiel heraus, dieser macht einen Einsatz — und verliert. Und nacheinander setzt er alle seine Schätze und Reichtümer an Gold und Edelsteinen ein, seinen Prachtwagen, seine Sklavinnen und Sklaven, Elefanten, Wagen und Rosse — und jedesmal verliert er. Da wendet sich Vidura an Dhṛtarāṣṭra und rät ihm, sich von seinem Sohn Duryodhana, der den Untergang der ganzen Familie herbeiführen werde, loszusagen und die Fortsetzung des Spieles zu verbieten. Nun fällt Duryodhana mit den heftigsten Schmähungen über Vidura her, den er einen Verräter schilt — eine Schlange, welche die Kauravas an ihrem Busen genährt —, denn stets spreche er nur zugunsten ihrer Feinde. Vidura wendet sich vergebens an Dhṛtarāṣṭra. Śakuni aber frägt den Yudhiṣṭhira mit Hohn, ob er noch etwas einzusetzen habe. Yudhiṣṭhira ist nun von wilder Spielleidenschaft ergriffen und setzt seine ganze Habe, seine Rinder und all sein Vieh ein, seine Stadt, sein Land und sein ganzes Reich — und verspielt alles. Auch die Prinzen, dann die Brüder Nakula und Sahadeva setzt er ein und verliert sie. Von Śakuni gereizt, läſst er sich auch verleiten, Arjuna und Bhīma einzusetzen und auch diese verliert er. Endlich macht er sich selbst zum Einsatz, und wieder gewinnt Śakuni. Höhnend bemerkt Śakuni, Yudhiṣṭhira habe schlecht daran getan, sich selbst zum Einsatz zu machen, er habe ja noch einen Schatz, um den er spielen könne — Draupadī, die Pañcālakönigstochter. Und zum Entsetzen aller anwesenden Alten¹ — des Bhīṣma, des Droṇa, des Kṛpa und des Vidura — erklärt Yudhiṣṭhira, um die schöne Draupadī als Einsatz spielen zu wollen. Unter allgemeiner Aufregung fallen die Würfel — und abermals hat Śakuni gewonnen.

v1.c9.s3.t9.3

¹ Es ist sehr beachtenswert, daſs diese Unparteiischen und Wohlgesinnten es ruhig hinnehmen, daſs Yudhiṣṭhira seine Brüder und sich selbst verspielt, während es ihnen als etwas Ungeheuerliches erscheint, daſs er die gemeinsame Gattin einsetzt.

v1.c9.s3.t9.4

Lachend fordert Duryodhana den Vidura auf, die Draupadī herbeizubringen, damit sie die Zimmer fege und sich zu den Mägden geselle. Vidura weist ihn zurecht und warnt ihn, daſs er durch sein Benehmen nur den Untergang der Kauravas heraufbeschwöre; Draupadī sei auch gar nicht zur. Sklavin geworden, denn Yudhiṣṭhira habe sie erst eingesetzt, als er schon nicht mehr Herr über sich selbst gewesen. Da sendet Duryodhana einen Sūta als Boten zu Draupadī, um sie zu holen. Diese läſst fragen, ob Yudhiṣṭhira zuerst sich selbst oder sie verspielt habe. Duryodhana sendet die Antwort: sie möge in die Spielhalle kommen und selbst diese Frage stellen. Da sie sich weigert und den Boten immer wieder unverrichteter Sache zurückschickt, fordert Duryodhana seinen Bruder Duḥśāsana auf, sie mit Gewalt herbeizubringen. Dieser begibt sich in das Frauengemach, und bald bringt er die sich sträubende Draupadī — die unwohl und daher nur mit dürftigem Gewande begleitet ist — bei den Haaren in die Versammlung geschleppt. Bitter klagt sie, daſs keiner, nicht einmal Bhīṣma und Droṇa, sich ihrer annehme, und einen verzweifelten Blick wirft sie auf die Pāṇḍavas. Diesen aber bereitete der Verlust ihrer Habe und ihrer Herrschaft nicht solchen Schmerz, wie dieser von Scham und Zorn erfüllte Blick der Draupadī. Da kann Bhīma nicht länger an sich halten, er macht dem Yudhiṣṭhira heftige Vorwürfe, daſs er die Draupadī eingesetzt, und will sich schon an ihm vergreifen. Arjuna aber weist ihn zurecht: Yudhiṣṭhira müsse immer als der Älteste anerkannt und geachtet werden. Nun fordert Vikarṇa, einer der jüngsten Brüder des Duryodhana, die Versammelten auf, die Frage der Draupadī, ob sie rechtens verspielt sei, zu beantworten. Und da alle schweigen, verneint er selbst die Frage. Karṇa aber erklärt dagegen, die Kauravas hätten alles gewonnen, und deshalb gehöre ihnen auch die Gattin der Pāṇḍavas. Sogar die Kleider müsse man den Pāṇḍavas sowohl als auch der Draupadī abnehmen, denn auch diese seien ihnen abgewonnen. Und die Pāṇḍavas legen ihre Oberkleider ab, während Duḥśāsana, dem Winke des Karṇa folgend, sich daran macht, der Draupadī ihr Gewand vom Leibe zu reiſsen. Sie aber betet zu Gott Viṣṇu, der bewirkt, daſs sie immer bekleidet bleibt, so oft ihr auch Duḥśāsana die Hülle entreiſst. Bhīma aber spricht den fürchterlichen Eid aus:

v1.c9.s3.t9.5

›Höret dieses mein Wort, ihr Krieger aller Welt, ein Wort, wie es nie vorher von Männern gesprochen worden, wie es nie wieder ein Mann sprechen wird. Nie möge ich zur Stätte meiner Ahnen gelangen, wenn ich nicht erfülle, was ich gesprochen, — wenn ich nicht im Kampfe aufreiſse die Brust und trinke das Blut dieses bösen, törichten Auswürflings der Bhāratas.‹

v1.c9.s3.t9.6

Entsetzen ergreift alle Krieger und Helden bei diesen fürchterlichen Worten. Doch vergebens mahnt Vidura die Anwesenden an ihre Pflicht, die Rechtsfrage zu entscheiden, ob Draupadī von den Kauravas gewonnen sei oder nicht. Vergebens jammert und weint Draupadī und fordert ihre Verwandten auf, ihre Frage zu beantworten. Selbst der fromme und rechtskundige Bhīṣma weiſs nichts weiter zu sagen, als daſs das Recht eine heikle Sache sei, und daſs in dieser Welt Macht vor Recht gehe. Yudhiṣṭhira sei ja ein Muster von Gerechtigkeit, er möge selbst entscheiden. Höhnisch fordert auch Duryodhana den Yudhiṣṭhira auf, seine Meinung zu sagen, ob er Draupadī für gewonnen erachte oder nicht. Und da Yudhiṣṭhira wie geistesabwesend dasitzt und nichts antwortet, läſst sich Duryodhana zu der unerhörtesten Schmähung der Pāṇḍavas hinreiſsen: er entblöſst seinen linken Schenkel vor den Augen der Draupadī. Da spricht Bhīma die schrecklichen Worte: »Nie soll Bhīma mit seinen Vätern vereinigt werden, wenn ich dir nicht in der Schlacht diesen Schenkel mit der Keule zerschmettere.«

v1.c9.s3.t9.7

Während noch weitere Reden gewechselt werden, hört man im Hause des Dhṛtarāṣṭra das laute Schreien eines Schakals und andere unheilverkündende Vorzeichen. Durch diese erschreckt, fühlt sich endlich der alte König Dhṛtarāṣṭra veranlaſst, einzugreifen. In heftigen Worten tadelt er den Duryodhana. Dann besänftigt er die Draupadī und stellt ihr einen Wunsch frei. Sie wählt sich die Freiheit ihres Gatten Yudhiṣṭhira. Er gewährt ihr einen zweiten Wunsch, und sie wählt die Freilassung der übrigen vier Pāṇḍavas. Als er ihr aber noch einen dritten Wunsch freistellt, sagt sie, daſs sie nun nichts mehr zu wünschen habe, denn die Pāṇḍavas würden, sobald sie nur frei geworden, selbst gewinnen, was sie brauchten. Karṇa aber spottet nun: Draupadī sei das Boot geworden, auf welchem die Pāṇḍavas sich aus der Gefahr gerettet hätten. Bhīma entbrennt in Wut und zweifelt, ob er nicht die Kauravas auf der Stelle niederschlagen soll. Arjuna aber besänftigt ihn, und Yudhiṣṭhira verbietet jeden Streit. Der König Dhṛtarāṣṭra aber gibt dem Yudhiṣṭhira sein Königreich zurück und ermahnt ihn, alles Vergangene vergessen sein zu lassen. So kehren sie denn beruhigt wieder nach Indraprastha zurück.

Das zweite Würfelspiel und die Verbannung der Pāṇḍavas

v1.c9.s3.t10.1

Kaum aber haben sich die Pāṇḍavas entfernt, so bestürmen Duryodhana, Duḥśāsana und Śakuni wieder den alten König, halten ihm vor, welche Gefahr den Kauravas von seiten der nun so schwer beleidigten Pāṇḍavas drohe, und überreden ihn, zu einem neuen Würfelspiel seine Zustimmung zu geben. Diesmal soll derjenige, welcher verliert, auf zwölf Jahre in die Verbannung in den Wald gehen, sich im dreizehnten Jahre irgendwo unter Menschen unerkannt aufhalten und erst im vierzehnten Jahre wieder zurückkehren dürfen. Sollte er aber im dreizehnten Jahre erkannt werden, so müſste er abermals auf zwölf Jahre in die Verbannung gehen. Vergebens bemüht sich Gāndhārī, des Königs Gattin, diesen zu überreden, daſs er sich von seinem bösen Sohne Duryodhana lossage, um nicht an dem Untergange aller Kauravas schuldig zu werden. Verblendet gibt er seine Zustimmung; und ein Bote wird abgeschickt, der die Pāṇḍavas noch auf ihrem Heimwege trifft. Vom Schicksal verwirrt, leistet Yudhiṣṭhira der Aufforderung zum abermaligen Würfelspiel Folge. Alle kehren sie wieder zurück, das Spiel beginnt von neuem, und er verliert wieder. Nun müssen sie auf dreizehn Jahre in die Verbannung ziehen.

v1.c9.s3.t10.2

In Antilopenfelle gekleidet, schicken sich die Pāṇḍavas an, in den Wald zu gehen. Duryodhana und Duḥśāsana triumphieren und machen sich über sie lustig. Bhīma aber schleudert ihnen beiden furchtbare Drohworte zu. Wie Duryodhana ihre Herzen mit spitzen Worten durchbohre, so werde er dessen Herz in der Schlacht durchbohren. Und noch einmal schwört er, das Blut des Duḥśāsana zu trinken. Arjuna verspricht den Karṇa, Sahadeva, den Śakuni, und Nakula, die übrigen Söhne des Dhṛtarāṣṭra zu töten. Yudhiṣṭhira aber nimmt von Dhṛtarāṣṭra, Bhīṣma und den übrigen Kauravas, am herzlichsten aber von dem weisen und guten Vidura Abschied. Die Mutter der Pāṇḍavas, Kuntī, bleibt im Hause des Vidura zurück. Draupadī aber folgt den Gatten in die Verbannung, und rührend ist der Abschied, den sie von ihrer Schwiegermutter nimmt. Mit tränenvollen Klagen sieht Kuntī ihre Kinder in die Verbannung ziehen. Diese aber, mit Ausnahme des sanften Yudhiṣṭhira, geloben alle, im vierzehnten Jahre blutige Rache an den Kauravas zu nehmen. Unglück bedeutende Vorzeichen und die prophetischen Worte des Himmelsboten Nārada künden dem König Dhṛtarāṣṭra den Untergang seines Geschlechtes an, und er empfindet bittere Reue darüber, daſs er seine Zustimmung zum Würfelspiel und zur Verbannung gegeben¹).

v1.c9.s3.t10.3

¹ Hier endet das Sabhāparvan, das zweite Buch.

v1.c9.s3.t10.4

Das zwölfjährige Waldleben der Pāṇḍavas²).

v1.c9.s3.t10.5

² Dieses bildet den Inhalt des umfangreichen dritten Buches, Vanaparvan (»Waldabschnitt«) genannt.

v1.c9.s3.t10.6

Zahlreiche Bürger von Hastināpura gaben den Pāṇḍavas das Geleite in den Wald, und es kostete dem Yudhiṣṭhira einige Mühe, sie zur Rückkehr zu bewegen. Mehrere Brahmanen aber blieben längere Zeit bei ihm. Um sie ernähren zu können, übte er Askese und betete zu dem Sonnengott, worauf er von diesem einen kupfernen Kochtopf erhielt, der sich auf Wunsch von selbst füllte. Damit speiste er die Brahmanen und zog dann weiter nach Norden zu in den Kāmyakawald. Dem menschenfressenden Rākṣasa Kirmīra, einem Bruder Bakas und Freund Hiḍimbas, der diesen Wald unsicher machte, wurde von Bhīma bald der Garaus gemacht.

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