Geschichte der indischen Litteratur v1.c9.s9: Das Alter und die Geschichte des Mahābhārata
Geschichte der indischen Litteratur v1.c9.s9
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- German
Das Alter und die Geschichte des Mahābhārata
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Wir haben nun eine Übersicht über alles das gegeben, was uns in Handschriften und Ausgaben als »Mahābhārata« überliefert ist, und stehen nun vor der Frage: Wie und wann ist dieses Riesenwerk entstanden?
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Schon in der kurzen Inhaltsangabe des eigentlichen Heldengedichtes (S. 275—319) muſs dem Leser ein Widerspruch aufgefallen sein, der beim Lesen des Mahābhārata selbst noch mehr hervortritt. Während das Gedicht in seiner jetzigen Gestalt durchaus die Partei der Pāṇḍavas ergreift und die Pāṇḍavahelden nicht nur als über alle Maſsen tapfer, sondern auch als edel und gut schildert, die Kauravas hingegen als falsch und boshaft hinstellt, — erzählt uns doch das Gedicht in merkwürdigem Widerspruch mit sich selbst, daſs alle Helden der Kauravas durch Verrat oder in unehrlichem Kampfe fallen²). Noch auffälliger ist es, daſs aller Verrat von Kṛṣṇa ausgeht, daſs er immer der Anstifter aller Falschheit ist und das Benehmen der Pāṇḍavas verteidigt. Und dies ist derselbe Kṛṣṇa, der in vielen Teilen des Mahābhārata und insbesondere im Harivaṃśa als eine Inkarnation des höchsten Gottes Viṣṇu und als ein wahres Ideal und Vorbild aller Tugend gepriesen und verherrlicht wird.
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² Oben S. 305 f., 309, 310, 311.
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Wie erklären sich diese merkwürdigen Widersprüche? Darüber lassen sich nur Vermutungen aufstellen. Zunächst ist wohl die Annahme berechtigt, obgleich sie uns nur durch das Mahābhārata selbst verbürgt ist, daſs tatsächlich einmal im nordwestlichen Indien als Ergebnis eines gewaltigen Kampfes ein Dynastiewechsel stattgefunden hat, und daſs diese quasihistorischen Ereignisse die Grundlage des eigentlichen Epos bilden¹). Davon ausgehend, können wir uns nun wohl denken, daſs die ursprünglichen Heldenlieder, die vom Kampfe der feindlichen Vettern handelten, in den Kreisen von Barden gesungen wurden, die dem Duryodhana selbst oder doch dem Hause der Kauravas noch nahe standen; daſs aber im Laufe der Zeit, als die Herrschaft der siegreichen Pāṇḍavas sich mehr und mehr festigte, diese Lieder auf Barden übergingen, welche im Dienste des neuen Herrschergeschlechtes standen. Im Munde dieser Barden wurden dann jene Veränderungen vorgenommen, welche die Pāṇḍavas in einem günstigen und die Kauravas in einem ungünstigen Lichte erscheinen lieſsen, ohne daſs die ursprüngliche Tendenz der Lieder ganz verwischt werden konnte. In unserem Mahābhārata wird der Kern des Epos, die Schilderung des groſsen Kampfes, dem Sañjaya, dem Wagenlenker des Dhṛtarāṣṭra, also einem Barden der Kauravas, in den Mund gelegt. Gerade in diesen Kampfszenen erscheinen aber die Kauravas im günstigsten Licht. Das ganze Mahābhārata selbst wird andererseits nach der im ersten Buch enthaltenen Rahmenerzählung von Vyāsas Schüler Vaiśampāyana bei dem Schlangenopfer des Janamejaya vorgetragen. Dieser Janamejaya gilt aber als ein Urenkel des Pāṇḍava Arjuna, was damit gut übereinstimmt, daſs im Mahābhārata als Ganzem die Pāṇḍavas den Kauravas vorgezogen werden.
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¹ Auch diejenigen, welche einen mythologischen Kern in der dem Epos zugrunde liegenden Sage finden, geben doch zu, daſs auch historische Elemente in ihr stecken. So A. Ludwig, Über das Verhältnis des mythischen Elementes zu der historischen Grundlage des Mahâbhârata (Abhandlungen der k. böhmischen Ges. d. Wissensch. VI, 12), Prag 1884.
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Was Kṛṣṇa anbelangt, so wird das Geschlecht der Yādavas, dem er angehört, an mehreren Stellen des Mahābhārata als ein Hirtenstamm von rohen Sitten geschildert, und er selbst wird von feindlichen Helden wiederholt als »Hirte« und »Sklave« geschmäht. Gewiſs war er im alten Heldengedicht nur ein hervorragender Anführer jenes Hirtenstammes und hatte nichts Göttliches an sich. Selbst den Kṛṣṇa-Legenden des Harivaṃśa scheinen ältere Sagen zugrunde zu liegen, in denen Kṛṣṇa noch nicht ein Gott, sondern der Heros eines rohen Hirtenvolkes war. Möglich, daſs die Sage mehrere Kṛṣṇas kannte, die später in einen zusammengeflossen sind; oder daſs — wie man vermutet hat¹ — der Kṛṣṇa des Heldengedichtes und der Legende auch ein Religionsstifter oder Begründer einer Sekte war, deren Hauptlehren in den ältesten Bestandteilen der Bhagavadgītā vorliegen, und daſs dieser dann zu einer Inkarnation des von seinen Anhängern verehrten Gottes Viṣṇu gemacht wurde. Jedenfalls ist ein langer Weg von Kṛṣṇa, dem Freund der Pāṇḍavas, zu dem Kṛṣṇa des Harivaṃśa und dem erhabenen Gott Viṣṇu.
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¹ Siehe Garbe, Die Bhagavadgītā, S. 19 ff. Schon in der Chāndogya-Upaniṣad wird Kṛṣṇa, Sohn der Devakī, in Verbindung mit philosophischen Lehren genannt.
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Es setzt also schon die politische und religiöse Entwicklung, welche sich in den auf den groſsen Kampf bezüglichen Gesängen des Mahābhārata widerspiegelt — der Übergang der Herrschaft von den Kauravas auf die Pāṇḍavas und die Vergöttlichung des Kṛṣṇa — eine längere Zeitperiode voraus; und es ist nicht denkbar, daſs auch nur diese Gesänge, welche den Kern des Werkes bilden, von einem einzigen Dichter herrühren. Noch unmöglicher wird eine solche Annahme, wenn wir die zahllosen Widersprüche in Betracht ziehen, die in den Einzelheiten der Haupterzählung vorkommen. Ich erinnere nur an die Erzählungen von der Heirat der Pāṇḍavas (oben S. 282 f.) und den Abenteuern des Arjuna (S. 285). Im vierten Buch finden wir eine Dublette des ganzen Kampfes im Kurufelde: Bhīṣma und alle die anderen Helden der Kauravas werden von Arjuna im Handumdrehen in die Flucht geschlagen; was schlecht dazu stimmt, daſs es später nur in achtzehn Tagen und nur durch Anwendung von List den Pāṇḍavas möglich ist, die Kauravas zu besiegen. Es kann kaum einem Zweifel unterliegen, daſs das ganze vierte Buch (Virāṭaparvan) ein jüngeres Erzeugnis ist²) als die groſsartigen Kampfesschilderungen in den folgenden Büchern. Aber auch in jenen Büchern, welche unzweifelhaft die ältesten Bestandteile des Epos enthalten, finden sich fortwährend Widersprüche, welche unmöglich durch die »geniale Sorglosigkeit« irgend eines Dichters erklärt werden können¹). Auch finden sich neben den prächtigsten Schilderungen voll urwüchsiger Kraft ganze lange Gesänge, in denen mit geistloser Eintönigkeit und unter fortwährenden Wiederholungen die Schilderung der achtzehntägigen Schlacht nur möglichst ausgesponnen wird.
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² So schon Holtzmann, Mahābhārata II, S. 98 und Hopkins, The Great Epic of India, S. 382 f.
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¹ Vgl. oben Anm. auf S. 305, 306 f., 310, 314.
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So ist denn schon das, was wir als das »eigentliche Epos« bezeichnen können, so wie es auf uns gekommen ist, gewifs nicht das Werk eines Dichters. Auch dieser »Kern« des Mahābhārata ist nicht mehr die alte Heldendichtung; sondern diese ist in ihm — in vielfach verwässertem Zustand — enthalten.
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Nun haben wir aber gesehen, daſs um diesen Kern herum sich eine Unmasse der verschiedenartigsten Dichtungen angehäuft hat: Heldenlieder aus verschiedenen Sagenkreisen, brahmanische Mythen- und Legendendichtung, Asketenpoesie und Lehrgedichte aller Art von den einfachsten Sittensprüchen bis zu umfangreichen philosophischen Gedichten, förmlichen Rechtsbüchern und ganzen Purāṇas. Wer mit den strenggläubigen Indern oder mit Dahlmann²) glauben wollte, daſs unser Mahābhārata das Werk eines einzelnen Mannes sei, der müfste annehmen, daſs dieser Mann zu gleicher Zeit ein groſser Dichter und ein erbärmlicher Stümper, ein Weiser und ein Schwachkopf, ein genialer Künstler und ein lächerlicher Pedant gewesen sei —
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² Joseph Dahlmann, Das Mahābhārata als Epos und Rechtsbuch (Berlin 1895) spricht zwar nur von einer »einheitlichen Diaskeuase«, aber er schreibt doch dem »Diaskeuasten« eine Tätigkeit zu, die ihn unbedingt zu einem Dichter stempeln würde; und zum Schluſs (S. 302) spricht er doch vom Mahābhārata als dem Werk »einer einzelnen dichterisch schaffenden Kraft«. In seinem Buch »Genesis des Mahābhārata« (Berlin 1899) sagt er geradezu: »Der Dichter war Diaskeuast, der Diaskeuast Dichter.« Es ist übrigens bemerkenswert, daſs selbst ein so naiver und ziemlich strenggläubiger Inder, wie C. V. Vaidya (The Mahabharata: A Criticism. Bombay 1905), der mit Ehrfurcht von Vyāsa, dem Zeitgenossen des Kṛṣṇa, als dem »Dichter« des Mahābhārata spricht (er stellt ihn hoch über Homer, Milton und Shakespeare) und allen Ernstes berechnet, daſs Vyāsa und Kṛṣṇa zur Zeit des Mahābhārata-Kampfes um 3101 v. Chr. gelebt hätten, doch unumwunden zugesteht, daſs das Mahābhārata in seiner gegenwärtigen Form die Erweiterung eines ursprünglich viel kleineren Werkes ist und zahlreiche Zusätze und Interpolationen enthält.
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abgesehen davon, daſs dieser Wundermann ein Kenner und Bekenner der entgegengesetztesten religiösen Anschauungen und der widersprechendsten philosophischen Lehren gewesen sein müſste.
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Auch in bezug auf Sprache, Stil und Metrik zeigen die Bestandteile des Mahābhārata durchaus keine Einheitlichkeit. Nur ganz im allgemeinen kann man vom »epischen Sanskrit« als der Sprache der volkstümlichen Epen sprechen¹). In Wirklichkeit ist die Sprache des Epos in manchen Teilen altertümlicher, d. h. dem Altindischen der vedischen Prosawerke näher verwandt als in anderen. Und neben sprachlichen Erscheinungen, die an das Pāli anklingen und die man als volkstümlich bezeichnen kann, gibt es andere, die man einfach als Sprachunrichtigkeiten erklären muſs, wie sie sich ungebildete und minderwertige Schriftsteller von der Art der Purāṇaverfasser oft zuschulden kommen lassen. Auch in bezug auf den Stil läſst sich nur im allgemeinen sagen, daſs er von dem sogenannten »Kāvyastil«, d. h. dem durch ein Übermaſs in der Verwendung von Kunstmitteln (Alaṃkāras) gekennzeichneten Stil der späteren Kunstdichtung, noch weit entfernt ist. Es fehlt aber nicht an Stellen im Mahābhārata, die uns bereits an diesen Kāvyastil erinnern²). Daneben finden wir auch Stücke, die ganz in dem naiven Stil der alten Itihāsas gehalten sind, wie sie in den Brāhmaṇas und Upaniṣads erzählt werden, während wieder an zahlreichen anderen Stellen der saloppste Purāṇastil vorwaltet. Was die Metrik anbelangt³), so ist wohl der aus der alten Anuṣṭubh hervorgegangene Śloka das epische Metrum par excellence. Aber von diesem Śloka gibt es altertümlichere und jüngere Formen, die alle im Mahābhārata vertreten sind. Es gibt ferner in unserem Epos auch alte Prosastücke, deren Prosa zuweilen rhythmisch ist, zuweilen mit Strophen abwechselt¹). Auch von dem Triṣṭubhmetrum, welches im Mahābhārata öfters verwendet wird — der Śloka ist allerdings ungefähr zwanzigmal so häufig wie die Triṣṭubh —, findet sich sowohl die altertümliche der vedischen noch ähnliche Form als auch jüngere Formen; und sogar die kunstvollen Versmaſse der klassischen Sanskritdichtung begegnen uns vereinzelt schon im Mahābhārata.
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¹ Über die epische Sprache handelt H. Jacobi, Das Râmâyaṇa, S. 112 ff. Vgl. auch oben S. 40 und Hopkins, The Great Epic of India, S. 262.
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² Vgl. oben S. 308. Zahlreich sind aber diese Stellen nicht, jedenfalls lange nicht so zahlreich wie im Rāmāyaṇa.
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³ Ausführlich handelt über die Metrik des Mahābhārata Hopkins a. a. O. S. 191 ff. Vgl. auch Jacobi, »Über den Śloka im Mahābhārata« (in »Gurupūjākaumudī, Festgabe zum 50jährigen Doktorjubiläum Albrecht Weber dargebr.«. Leipzig 1896, S. 50 ff.) und oben S. 55.
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¹ Vgl. Hopkins a. a. O. S. 266 ff. und oben S. 89.
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So weist alles darauf hin, daſs das Mahābhārata nicht einheitlichen Ursprungs ist, sondern aus älteren und jüngeren Stücken besteht, die verschiedenen Jahrhunderten angehören. Inhalt und Form bestätigen gleichermaſsen, daſs manche Teile des Mahābhārata bis in die Zeiten des Veda zurückreichen, während andere mit den späten Erzeugnissen der Purāṇa-litteratur gleichzeitig sein müssen.
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Nun ist vielfach — so insbesondere von A. Holtzmann — angenommen worden, daſs es ein altes Heldengedicht der Kauravas gegeben habe, welches das »ursprüngliche Mahābhārata« gewesen sei, daſs dieses nachher zugunsten der Pāṇḍavas eine »tendenziöse Umarbeitung« erfahren habe; und daſs es dann noch mehrmals nacheinander — erst von Buddhisten, dann von Brahmanen — »tendenziös umgearbeitet« worden sei. Die »zweite puranenmäſsige Umarbeitung« hätte nach Holtzmann etwa um 900—1100 n. Chr. stattgefunden, »der dann einige Jahrhunderte später die definitive Festsetzung und Abschlieſsung des Textes nachfolgte«²).
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² Holtzmann, Das Mahābhārata I, 194.
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Es ist wichtig festzustellen, daſs diese letztere Annahme, wonach das Mahābhārata seine jetzige Gestalt erst im 15. oder 16. Jahrhundert erhalten hätte, ganz und gar falsch ist. Denn es ist durch litterarische und inschriftliche Zeugnisse bewiesen³), daſs das Mahābhārata schon um 500 n. Chr. nicht mehr ein eigentliches Epos, sondern ein heiliges Lehr- und Erbauungsbuch und im groſsen und ganzen an Umfang und Inhalt von dem Werk, wie es uns jetzt vorliegt, nicht wesentlich verschieden war. Der Dichter Bāṇa, der um 600 n. Chr. lebte, erzählt in seinem Roman »Kādambarī«, daſs die Königin Vilāsavatī zu Ujjein an einem Feste in einem Tempel einer Rezitation des Mahābhārata beiwohnte. Solche öffentliche Vorlesungen des Mahābhārata finden noch heutigen Tages in Indien bei festlichen Gelegenheiten in Tempeln statt — und selbstverständlich mehr zur Erbauung und religiösen Unterweisung als zur Unterhaltung. Um 600 n. Chr. bezeugt aber auch schon eine Inschrift von Kambodscha ähnliche öffentliche Vorlesungen des Mahābhārata, und zwar mit Benutzung von eben für diesen Zweck gestifteten Handschriften, in dieser fernen indischen Kolonie in Hinterindien. Wir besitzen endlich auch Landschenkungsurkunden aus dem 5. und 6. Jahrhundert, in denen die über die Moral des Schenkens (dānadharma) handelnden Abschnitte des XIII. Buches (oben S. 365) als heilige Texte zitiert werden; und in einer derartigen Inschrift wird das Mahābhārata bereits als die »Sammlung von hunderttausend Versen« bezeichnet. Die Zahl von hunderttausend Versen wird aber nicht einmal annähernd erreicht, wenn nicht die Bücher XII und XIII und selbst ein Teil des Harivaṃśa hinzugerechnet werden¹). Wenn aber das Mahābhārata bereits im 5. Jahrhundert die unzweifelhaft jüngsten Bestandteile wie Buch XIII und Harivaṃśa enthielt, wenn es damals bereits ein religiöses Lehr- und Erbauungsbuch war, und wenn hundert Jahre später Handschriften des Mahābhārata bereits bis nach Hinterindien gelangt waren und dort in Tempeln vorgelesen wurden, so können wir mit gutem Rechte schliefsen, daſs es mindestens schon ein oder zwei Jahrhunderte früher, also im 3. oder 4. Jahrhundert n. Chr. die Gestalt erhalten haben muſs, die es heute noch hat. Andererseits¹) kann es aber diese Gestalt erst nach dem Entstehen und der Ausbreitung des Buddhismus, auf den es viele Anspielungen enthält, und sogar erst nach Alexanders Einfall in Indien erhalten haben, da die Yavanas, d. h. die Griechen (Ionier) oft erwähnt werden und auch von steinernen Bauten die Rede ist, während vor der Griechenzeit in Indien nur Holzbauten bekannt waren. Das Mahābhārata kann demnach seine jetzige Gestalt nicht früher als im 4. Jahrhundert v. Chr. und nicht später als im 4. Jahrhundert n. Chr. erhalten haben.
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³ Diesen Beweis erbracht zu haben, ist das Verdienst G. Bühlers. (Indian Studies. By G. Bühler and J. Kirste, No. II. Contributions to the History of the Mahâbhârata. Sitzungsberichte der k. Akademie der Wiss. in Wien. Phil.-histor. Cl., Bd. CXXVII. Wien 1892.) Auf einiges hatten schon früher die indischen Gelehrten R. G. Bhandarkar und K. T. Telang hingewiesen.
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¹ Von den »hunderttausend« Versen des Mahābhārata ist schon in diesem selbst die Rede (I, 1, 107; XII, 343, 11; vgl. oben S. 271 und Hopkins a. a. O. S. 9). Die 18 Bücher des Mahābhārata haben in der Kalkuttaer Ausgabe 90 092 Verse, von denen 13 935 auf Buch XII und 7759 auf Buch XIII entfallen. Mit dem ganzen Harivaṃśa beträgt die Zahl der Verse 106 466. Läſst man den Bhaviṣyaparvan (siehe oben S. 387) hinweg, so ergibt sich eine Zahl von 101 154 Versen, die am besten zu der runden Zahl »Hunderttausend« stimmt. Allein die verschiedenen Rezensionen des Mahābhārata, die oft in der Weise voneinander abweichen, daſs die eine Rezension eine Anzahl Verse ausläſst, die in der anderen enthalten sind, aber dafür wieder anderswo ebensoviele Verse einfügt, die der letzteren fehlen, beweisen, daſs sich der Inhalt des Mahābhārata auch ändern konnte, ohne daſs der Umfang sich änderte.
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¹ Siehe Hopkins a. a. O. S. 391 ff. Den weitergehenden Folgerungen Hopkins’ aus der Nichterwähnung des römischen Denars (S. 387) und der Kupfertafeln als Schenkungsurkunden (S. 388) möchte ich mich nicht anschlieſsen.
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Eine gröſsere Umarbeitung des Mahābhārata oder auch nur die Hinzufügung eines der gröſseren Bücher kann also nach dem 4. Jahrhundert n. Chr. nicht mehr stattgefunden haben. Die Hypothese einer oder gar mehrerer Umarbeitungen kann ich aber überhaupt weder für notwendig noch für wahrscheinlich halten²). Sowie in späterer Zeit die Abschreiber mit ihrem Text ziemlich willkürlich verfuhren, so gestatteten sich in älterer Zeit gewiſs auch die Rhapsoden, unter denen die Heldenlieder jahrhundertelang nur mündlich fortgepflanzt worden sein müssen, jede mögliche Freiheit bei dem Vortrag ihrer Gesänge: sie dehnten Szenen, die ihren Zuhörern gefielen, in die Länge und kürzten andere, die weniger Eindruck machten, ab. Die gröſsten Veränderungen aber, durch welche die alte Heldendichtung allmählich zu einem Sammelwerk wurde, das »Vieles« und darum »jedem etwas« brachte, sind wohl damit zu erklären, daſs die Überlieferung und die Pflege des alten Heldensanges von den ursprünglichen Sängern auf andere Kreise überging, daſs die Gesänge selbst in andere Gegenden verpflanzt, anderen Zeiten und einem wechselnden Publikum angepaſst wurden. Schon in sehr alter Zeit müssen, wie wir sahen, die Lieder von Barden, die dem Kurugeschlecht nahestanden, auf solche übergegangen sein, welche zum Pāṇḍavageschlecht Beziehungen hatten. Sie verbreiteten sich aus Gegenden, wo der Viṣṇukult vorherrschte, in solche, wo Śiva als höchste Gottheit verehrt wurde. Auch die Phasen, welche der Kṛṣṇakult durchmachte, lieſsen ihre Spuren in der epischen Dichtung zurück. Wie bei anderen Völkern, so muſs aber auch bei den Indern eine Zeit gekommen sein, wo sich die schaffende Dichterkraft nicht mehr auf dem Gebiete der Heldendichtung betätigte und diese als lebendige Poesie erlosch, und wo nur mehr die alten Lieder von Barden noch immer gesungen wurden¹. Auch die alte Heldenzeit hörte auf, wo die Barden mit den Kriegern als Wagenlenker in die Schlacht zogen, um nach gewonnenem Sieg — etwa bei einem groſsen Opferfeste — die glorreichen Taten der Helden zu besingen. Die Epigonen dieser Barden waren eine minderwertige Klasse von Litteraten — dieselben, welche sich auch mit der Überlieferung der Purāṇas befaſsten. Diese Leute waren wohl weder rechte Krieger noch rechte Brahmanen — nicht umsonst werden die Sūtas in den Rechtsbüchern als Bastarde bezeichnet, die aus der Vermischung von Kriegern mit Brahmanenfrauen oder von Brahmanen mit Kṣatriyafrauen hervorgegangen sein sollen. Und gerade das ist auch das Eigentümliche des Mahābhārata in seiner jetzigen Gestalt, daſs es weder rechte Kriegerpoesie noch rechte geistliche Dichtung ist; es ist kein Epos mehr, aber auch noch kein eigentliches Purāṇa.
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² Es soll aber damit nicht gesagt sein, daſs nicht einzelne Teile, wie z. B. der Virāṭa-Parvan, umgearbeitet worden sind. Vgl. Hopkins im *J. Am. O. S.* Vol. XXIV, 1903, p. 54.
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¹ Vgl. H. Jacobi in den Götting. gel. Anz. 1892, S. 632.
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Eine Art Abschluſs dürfte das Mahābhārata erst bekommen haben, als es — nach jahrhundertelanger mündlicher Überlieferung — niedergeschrieben wurde. An dieser Redaktion und Niederschrift werden sich wohl nur Brahmanen, Paṇḍits, beteiligt haben. Wenn wir aber sagen müssen, daſs das Mahābhārata schon im 4. Jahrhundert n. Chr. oder noch früher von dem Werk, wie es uns jetzt vorliegt, im groſsen und ganzen in bezug auf Umfang und Inhalt nicht wesentlich verschieden war, so müssen die Worte »im groſsen und ganzen« und »nicht wesentlich« sehr stark betont werden. Denn Zusätze und Veränderungen, und zwar Zusätze nicht nur von einzelnen Versen, sondern auch von ganzen Gesängen (wie Hymnen auf Durgā u. dgl.), sind bis in die neueste Zeit hinein gemacht worden, und einen feststehenden Text des Mahābhārata gibt es überhaupt nicht.
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Wenn man vom Mahābhārata spricht, so meint man damit in der Regel eine der beiden groſsen in Indien von einheimischen Gelehrten besorgten Ausgaben, die »Kalkuttaer Ausgabe« (1834 bis 1839) in vier Quartbänden, deren letzter den Harivaṃśa enthält, oder die »Bombayer Ausgabe« mit dem Kommentar des Nīlakaṇṭha. Letztere ist seit 1862 in mehreren Auflagen erschienen. Sie enthält den Harivaṃśa nicht. Keine der beiden Ausgaben kann im Sinne der europäischen Philologie als eine »kritische« bezeichnet werden¹). Von dem Text, welchen unsere Ausgaben bieten, und der im groſsen und ganzen dem der nordindischen Handschriften entspricht, weicht der Text der südindischen Handschriften nicht unwesentlich ab, so daſs man von einer »nordindischen« und einer »südindischen Rezension«²)
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¹ Über diese und die anderen indischen Ausgaben vgl. A. Holtzmann, Das Mahābhārata, III, S. 2 ff. Über das Verhältnis der beiden Ausgaben zueinander ebendas. S. 9 ff. Erwähnung verdient auch die unter der Redaktion von Pratapa Chandra Roy (Kalkutta 1882 ff.) erschienene überaus handliche Ausgabe in Oktavbänden, die nur leider nicht druckfehlerfrei ist. Diese Ausgabe ist ein Werk echt indischer Frömmigkeit und Wohltätigkeit; sie wurde mit Hilfe der von dem Herausgeber veranstalteten Sammlungen zum Zweck der Gratisverteilung gedruckt und in 10 000 Exemplaren verschenkt. Die Veranstaltung einer den Anforderungen der Wissenschaft genügenden kritischen Ausgabe des Mahābhārata ist von der Internationalen Assoziation der Akademien im Jahre 1905 beschlossen worden.
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² Doch nur mit Vorbehalten. Denn es ist möglich, daſs eine genauere Untersuchung der Handschriften mehrere nordindische und mehrere südindische Rezensionen ergeben wird. Auch ist die Überlieferung mancher Bücher einheitlicher als die anderer. Vgl. M. Winternitz, 'On the South-Indian Recension of the Mahabharata' (Indian Antiquary 1898, March, April, May) und H. Lüders, »Über die Grantharecension des Mahābhārata« (Abhandlungen der k. Gesellschaft d. Wissenschaften zu Göttingen, Phil.-hist. Kl., N. F. Bd. IV Nr. 6, Berlin 1901). Eine hauptsächlich auf südindischen Manuskripten beruhende Ausgabe ist gegenwärtig in Bombay (Nirnayasagara Press) im Erscheinen begriffen.
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sprechen kann. Diese beiden Rezensionen weichen oft in der Weise voneinander ab, daſs die eine Verse und auch ganze Gesänge enthält, die in der anderen fehlen, oder daſs Verse in verschiedener Reihenfolge erscheinen u. dgl. mehr.
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Es folgt aus all dem die wichtige Lehre, daſs in Wirklichkeit das Alter eines jeden Stückes des Mahābhārata, ja eines jeden einzelnen Verses für sich bestimmt werden muſs, und daſs Aussprüche wie »Das kommt schon im Mahābhārata vor« keinerlei Berechtigung und in chronologischer Beziehung gar keinen Sinn haben. Um so weniger Berechtigung hat es, mit dem Mahābhārata als Ganzem bestimmte Zeitangaben zu verbinden, als nicht nur in entschieden »alten« Partien jüngere Einschiebungen stattgefunden haben, sondern auch ebenso oft in »jüngeren« Partien sich sehr alte Stücke finden. So ist das ganze erste Buch des Mahābhārata gewiſs nicht »alt«; das hindert aber nicht, daſs viele in demselben vorkommende Sagen, Legenden und genealogische Verse sehr alt sind. Selbst in dem gewiſs erst spät angefügten Harivamśa finden sich sehr alte Verse und Legenden. Doch sind die Ausdrücke »alt« und »jung« auf ganze Bücher und gröſsere Stücke des Mahābhārata immer nur mit Vorsicht und Vorbehalten anzuwenden.
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Und dies führt uns zu der schwierigsten Frage: Was verstehen wir darunter, wenn wir von »alten« und »ältesten« Teilen des Mahābhārata sprechen? Mit anderen Worten: Bis in welche Zeit reichen die Anfänge des Mahābhārata zurück?
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Halten wir uns an die Tatsachen. In der ganzen vedischen Litteratur ist von einem Mahābhārata nicht die Rede, so oft auch in Brāhmaṇas und Upaniṣads von Ākhyāna, Itihāsa, Purāṇa und Gāthā Nārāśaṃsī (oben S. 260 f.) gesprochen wird. Auch von dem groſsen doch wohl historischen Ereignis, das im Mittelpunkte des Epos steht — der blutigen Schlacht im Kurufelde —, weiſs der Veda nichts, trotzdem in den Brāhmaṇas gerade dieses Kurufeld als ein Ort, wo Götter und Menschen groſse Opferfeste feierten, so oft genannt wird, daſs dieses Ereignis, wenn es schon stattgefunden hätte, unbedingt erwähnt worden wäre¹). Wohl kommen Janamejaya, der Sohn des Parikṣit, und Bharata, der Sohn des Duḥṣanta und der Šakuntalā, in den Brāhmaṇas vor; und schon in einem Kuntāpalied des Atharvaveda wird Parikṣit als ein friedliebender König gepriesen, unter dessen Herrschaft das Kuruland gedieh. In den zum Yajurveda gehörigen Werken ist oft von Kurus und Pañcālas oder Kurupañcālas die Rede; und in Verbindung mit einem Opferfeste der Kurupañcālas wird im Kāṭhaka (X, 6) eine Anekdote von Dhṛtarāṣṭra, dem Sohne des Vicitravīrya, erzählt. Hingegen ist nirgends im ganzen Veda der Name des Pāṇḍu oder seiner Söhne, der Pāṇḍavas, nirgends sind Namen wie Duryodhana, Duḥśāsana, Karṇa usw. zu finden. Der Name Arjuna kommt zwar in einem Brāhmaṇa vor, aber als Geheimname des Gottes Indra. Erst in den zur Vedāṅgalitteratur gehörigen Sūtrawerken, im Āśvalāyana-Gṛhyasūtra, im Šāṅkhāyana-Śrautasūtra und in den grammatischen Sūtras des Pāṇini finden wir die ersten Spuren eines Epos Mahābhārata²).
v1.c9.s9.38
¹ Siehe A. Ludwig, Über das Verhältnis des mythischen Elementes zu der historischen Grundlage des Mahâbhârata, S. 6.
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² Aus Āśvalāyana-Gṛhyasūtra (III, 4), wo bloſs die Titel »Bhārata« und »Mahābhārata« vorkommen, läſst sich eigentlich gar nichts schlieſsen. Legt man der Stelle irgendeine Beweiskraft bei, so würde sie nur beweisen, daſs es in der (übrigens unbekannten) Zeit dieses Sūtra ein längeres »Mahābhārata« neben einem kürzeren »Bhārata« gegeben habe. (Vgl. Hopkins a. a. O. S. 389 f. und M. Winternitz in WZKM. XIV, S. 55 f. und oben S. 271.) Im Šāṅkhāyana-Šrautasūtra (XV, 16) finden wir die erste Erwähnung eines für die Kauravas unglücklichen Krieges im Kurufelde (A. Ludwig a. a. O. S. 5). Pāṇini kannte nicht nur den Titel »Mahābhārata«, sondern auch die Namen der Haupthelden des Epos; aber es ist nicht möglich, irgendwelche Schlüsse auf den Umfang und Inhalt des dem Pāṇini bekannten Mahābhārata aus den kärglichen Andeutungen zu ziehen.
v1.c9.s9.40
Wie steht es mit der buddhistischen Litteratur? Im Tipiṭaka, dem Pālikanon der Buddhisten, wird das Mahābhārata nicht erwähnt. Hingegen finden wir in den ältesten Texten des Tipiṭaka Dichtungen von der Art der Ākhyānas, die wir als eine Vorstufe der Epik in den Brāhmaṇas kennen lernten³).
v1.c9.s9.41
³ Siehe oben S. 259. E. Windisch, Māra und Buddha (XV. Bd. der Abhandlungen der phil.-hist. Cl. d. k. sächs. Ges. d. Wiss., Leipzig 1895) S. 222 ff. und T. W. Rhys Davids, Buddhist India, London 1903, S. 180 ff. Rezitationen von Ākhyānas werden im Brahmajālasutta (Dialogues of the Buddha, translated from the Pâli by T. W. Rhys Davids, London 1899, S. 8) neben Unterhaltungen und Schaustellungen, die der Mönch vermeiden soll, aufgeführt. Wären, wie der Kommentator sagt, darunter Rezitationen des Mahābhārata und des Rāmāyaṇa zu verstehen, so hätte der Verfasser diese gewiſs mit Namen genannt.
v1.c9.s9.42
Die Jātakas, deren metrische Bestandteile (die Gāthās) zum Tipiṭaka gehören, verraten eine Bekanntschaft mit der Kṛṣṇa-Sage, aber nicht mit dem Harivaṃśa und dem Mausalaparvan des Mahābhārata¹). Die im Jātakabuch vorkommenden Namen Pāṇḍava, Dhanañjaya (im Mahābhārata ein gewöhnlicher Beiname des Arjuna), Yudhiṭṭhila (Pāliform für Yudhiṣṭhira), Dhataraṭṭha (Pāliform für Dhṛtarāṣṭra), Vidhura oder Vidhūra (der Vidura des Mahābhārata), ja selbst die in demselben vorkommende Erzählung von der Gattenselbstwahl und Fünfmännerehe der Draupadī bezeugen nicht nur keine Bekanntschaft mit dem Mahābhārata, sondern eher das Gegenteil. Denn Pāṇḍava erscheint im Jātaka als Name eines Pferdes, Dhṛtarāṣṭra als Name eines Flamingos, Dhanañjaya und Yudhiṣṭhira werden nur als Kurukönige genannt, die in Indraprastha residierten, und Vidura ist ein weiser Mann, der bald als Hauspriester, bald als Minister am Hofe des Dhanañjaya oder des Yudhiṣṭhira auftritt. Draupadī aber, eine der herrlichsten Frauengestalten des Epos, erscheint im Jātaka als Beispiel weiblicher Verworfenheit, da sie sich mit ihren fünf Männern nicht begnügt, sondern noch mit einem buckligen Diener Ehebruch treibt.
v1.c9.s9.43
¹ Das hat H. Lüders in ZDMG, Bd. 58, S. 687 ff. nachgewiesen. Vgl. auch E. Hardy in ZDMG, Bd. 53, S. 25 ff. Die Kṛṣṇa-Sage wird im Ghaṭajātaka (Nr. 454) erzählt; eine Anspielung auf sie enthält auch das Jātaka Nr. 512. Die Jainas haben — nach Jacobi (Berichte des VII. internat. Orientalistenkongresses in Wien 1886, S. 75 ff. und ZDMG, Bd. 42, 1888, S. 493 ff.) — die Kṛṣṇa-Sage nicht nur gekannt, sondern bereits im 3. oder 2. Jahrhundert v. Chr. den Kṛṣṇa-Kult in ihre Religion aufgenommen, indem sie den Kṛṣṇa in die Zahl ihrer Heiligen einreihten. Das beweist aber nichts für das Alter des Mahābhārata.
v1.c9.s9.44
Aus diesen Tatsachen muſs man wohl schlieſsen, daſs es ein Epos Mahābhārata, d. h. ein episches Gedicht, welches von dem Kampf der Kauravas und Pāṇḍavas und von der Schlacht im Kurufelde handelte und den Titel »Bhārata« oder »Mahābhārata« führte, vor dem Abschluſs des Veda nicht gegeben haben könne; daſs hingegen ein solches Gedicht im 4. Jahrhundert v. Chr. schon existiert haben muſs, da die Sūtrawerke von Šāṅkhāyana, Āšvalāyana und Pāṇini vor diese Zeit gesetzt werden müssen. Da aber der im 3. und 4. Jahrhundert v. Chr. entstandene Pālikanon der Buddhisten nur eine ganz oberflächliche, wenn irgendeine Kenntnis des Mahābhārata verrät, dürfte es damals im östlichen Indien, wo die buddhistische Litteratur entstand, noch wenig bekannt gewesen sein.
v1.c9.s9.45
Wir haben aber gesehen, daſs manche Elemente unseres jetzigen Mahābhārata bis in die vedische Zeit zurückreichen, und daſs vieles, namentlich in den lehrhaften Abschnitten, aus einem litterarischen Gemeinbesitz geschöpft ist, aus welchem auch Buddhisten und Jainas (wohl schon im 5. Jahrhundert v. Chr.) geschöpft haben¹).
v1.c9.s9.46
¹ Siehe oben S. 261, 352 f., 358, 360. Über die Ṛṣyašṛṅga-Legende im Jātaka vgl. oben S. 342 ff. und H. Lüders in der dort angeführten Abhandlung. Eine andere Legende, welche das Mahābhārata (I, 107 f.) mit dem Jātaka (Nr. 444) gemein hat, ist die von Māṇḍavya, der zur Strafe dafür, daſs er einmal als Kind eine Fliege mit einem Dorn aufgespieſst hat, für einen Räuber gehalten und gepfählt wird. (Vgl. L. Scherman, Materialien zur Geschichte der indischen Visionslitteratur, Leipzig 1892, S. 53 f.) Im Jātaka ist dieser Māṇḍavya ein Freund des Kaṇhadīpāyana (d. h. des Kṛṣṇa Dvaipāyana Vyāsa).
v1.c9.s9.47
Endlich muſs noch erwähnt werden, daſs nicht nur die in dem Epos geschilderten Ereignisse, sondern auch die zahllosen Namen von Königen und Königsgeschlechtern — so sehr auch manche der Ereignisse und viele der Namen den Anschein des Geschichtlichen erwecken — doch im wahren Sinne des Wortes der indischen Geschichte nicht angehören. Die politische Geschichte Indiens beginnt mit den Königen Bimbisāra und Ajātasattu, die uns als Zeitgenossen des Buddha verbürgt sind. Allenfalls kann man noch den in den Purāṇas erwähnten Königen der Šaišunāga- und Nandadynastien geschichtlichen Charakter zuschreiben²). Mit dem groſsen König Candragupta (321 v. Chr.), dem Begründer der Mauryadynastie, betreten wir dann festen geschichtlichen Boden in Indien. Von allen diesen geschichtlichen Persönlichkeiten ist im Mahābhārata keine Spur zu finden¹. Dieser »vorgeschichtliche« Charakter der Erzählung und der Helden weist doch auf ein hohes Alter des Epos hin.
v1.c9.s9.48
² Nach V. A. Smith, The Early History of India (Oxford 1904) S. 41 wäre die Begründung der Šaišunāgadynastie um 600 v. Chr., der Regierungsantritt Bimbisāras um 519 v. Chr. und die Begründung der Nandadynastie um 361 v. Chr. anzusetzen.
v1.c9.s9.49
¹ E. W. Hopkins (im »Album Kern«, S. 249 ff.) glaubt allerdings Anspielungen auf die Mauryas, Aśoka und Candragupta im Mahābhārata zu finden. Aber warum sollten diese so versteckt sein?
v1.c9.s9.50
Zusammenfassend können wir also über das Alter des Mahābhārata folgendes sagen:
v1.c9.s9.51
1. Einzelne Sagen, Legenden und Dichtungen, welche in das Mahābhārata aufgenommen wurden, gehen bis in die Zeit des Veda zurück.
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2. Ein Epos »Bhārata« oder »Mahābhārata« hat es aber in vedischer Zeit nicht gegeben.
v1.c9.s9.53
3. Viele moralische Erzählungen und Sprüche, welche unser Mahābhārata enthält, gehören der Asketendichtung an, aus welcher vom 6. Jahrhundert v. Chr. an auch Buddhisten und Jainas geschöpft haben.
v1.c9.s9.54
4. Wenn zwischen dem 6. und 4. Jahrhundert v. Chr. ein Epos Mahābhārata schon bestanden hat, so war es im Heimatland des Buddhismus noch nicht bekannt.
v1.c9.s9.55
5. Sicher bezeugt ist ein Epos Mahābhārata vor dem 4. Jahrhundert v. Chr. nicht.
v1.c9.s9.56
6. Zwischen dem 4. Jahrhundert v. Chr. und dem 4. Jahrhundert n. Chr. hat sich — wahrscheinlich allmählich — die Umwandlung des Epos Mahābhārata in unser jetziges Sammelwerk vollzogen.
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7. Im 4. Jahrhundert n. Chr. hatte das Werk im groſsen und ganzen schon seinen gegenwärtigen Umfang, Inhalt und Charakter.
v1.c9.s9.58
8. Aber kleinere Änderungen und Zusätze sind auch in den späteren Jahrhunderten immer noch gemacht worden.
v1.c9.s9.59
9. Ein Zeitalter des Mahābhārata gibt es nicht, sondern das Alter eines jeden Stückes muſs für sich bestimmt werden.
Cites (18)
- Mahābhārata — Sanskrit
- Jātaka — Pāli
- Śāṅkhāyanaśrautasūtra — Śāṅkhāyana, Sanskrit
- Aṣṭādhyāyī — Pāṇini, Sanskrit
- Āśvalāyanagṛhyasūtra — Āśvalāyana, Sanskrit
- Brahmajālasutta — Pāli
- Chāndogyopaniṣad — Sanskrit
- Kādambarī — Bāṇabhaṭṭa, Sanskrit
- Kāṭhakabrāhmaṇa — Sanskrit
- Mahābhārata — Vyāsa, Sanskrit
- Veda — Sanskrit
- Harivaṃśa — Vyāsa, Sanskrit
- Brāhmaṇa — Sanskrit
- Ākhyāna — Gujarati
- Purāṇa — Sanskrit
- Bhagavadgītā — Vyāsa, Sanskrit
- Vālmīkirāmāyaṇa — Vālmīki, Sanskrit
- Upanishads — Sanskrit