Geschichte der indischen Litteratur v2.c16.s3.t2.1
Geschichte der indischen Litteratur v2.c16.s3.t2.1
- Language
- German
v2.c16.s3.t2.1
Der Khuddakanikāya oder »die Sammlung der kleineren Stücke«, gewöhnlich als fünfter Nikāya zum Suttapiṭaka gerechnet, von manchen aber auch zum Abhidhammapiṭaka gestellt, sollte richtiger »Sammlung der Miszellania« heißen. Denn wir finden in dieser Sammlung neben mehreren kleineren Werken auch einige der umfangreichsten Bücher des Pālikanons. Aber in bezug auf Inhalt und Charakter sind die hier vereinigten Texte sehr verschiedener Art. In einem sehr merkwürdigen Sutta, das mehrmals vorkommt²), lesen wir eine Prophezeiung über die Gefahren, die der Religion des Buddha in der Zukunft drohen. Eine dieser Gefahren sei die, daß die Mönche nicht mehr »die vom Tathāgata verkündeten, tiefen, tiefsinnigen, über diese Welt hinausgehenden, auf das Nichts bezüglichen Suttantas« werden hören und lernen wollen, sondern nur mehr den »von Dichtern gemachten poetischen, mit schönen Worten, schönen Silben ausgestatteten, ketzerischen, von Schülern verkündeten Suttantas« ihr Ohr leihen werden. Man möchte danach glauben, daß die poetischen Stücke zunächst nicht allgemein anerkannt worden sind, daß ihre Berechtigung als heilige Texte strittig war und sie erst nachträglich auch zu einem Nikāya vereinigt wurden, — eben dem Khuddakanikāya. Diese Vermutung gründet sich auf die Tatsache, daß den Hauptinhalt dieser Sammlung Werke der Dichtkunst — Spruchsammlungen, Lieder, Gedichte, Märchen und Fabeln — bilden. Nachträglich mag man auch einige nicht-poetische, aber gleichfalls in ihrer Echtheit nicht allgemein anerkannte Texte in diese wahrscheinlich erst spät abgeschlossene Sammlung aufgenommen haben¹). Unzweifelhaft ist es, daß die hier vereinigten Werke zu sehr verschiedenen Zeiten entstanden sind und ursprünglich nicht als Teile einer Sammlung gedacht waren²). Und wenn auch die Sammlung als solche zu den spätesten Kompilationen des Kanons gehört, so enthält sie doch neben verhältnismäßig jungen Machwerken auch viele der ältesten buddhistischen Dichtungen. Sie enthält in der Tat gerade alle diejenigen Werke der buddhistischen Litteratur, welche zu den bedeutendsten Schöpfungen der indischen Dichtkunst gehören. Wir wollen aber im folgenden die Texte des Khuddakanikāya nicht nach ihrem vermutlichen Alter oder ihrer Wichtigkeit, sondern in der Reihenfolge besprechen, wie sie uns die Buddhisten von Ceylon in ihren Handschriften überliefern.