Geschichte der indischen Litteratur v2.c16.s5.1
Geschichte der indischen Litteratur v2.c16.s5.1
- Language
- German
v2.c16.s5.1
Die im Kanon eingeschlossenen Pālitexte sind — von späteren Zusätzen abgesehen — im großen und ganzen in Indien entstanden und erst später nach Ceylon übertragen worden. Die große Masse der nichtkanonischen Pālilitteratur jedoch ist das Werk der Mönche von Ceylon. Nur ein Werk, und zwar das bedeutendste von allen, bildet eine Ausnahme: das Milindapañha³), »die Fragen des Milinda«. Dieses Werk⁴) muß im nordwestlichen Indien entstanden sein, wo allein die Erinnerung an den großen und weisen Herrscher Milinda so lebendig gewesen sein kann, daß er zum Helden einer Dichtung gemacht wurde. Denn dieser Milinda ist niemand anderer als der Griechenkönig Menandros, der hervorragendste unter den Herrschern des griechisch-indischen Reiches, das sich im 2. Jahrhundert v. Chr. von dem griechisch-baktrischen Reiche losgelöst hatte. Er regierte ungefähr zwischen 125 und 95 v. Chr. und beherrschte ein großes Reich, das nicht nur das ganze Indusland nebst Gudscherat, sondern auch das Gangesgebiet einschloß. Sei es, daß ein geschichtliches Ereignis — die Begegnung und Unterhaltung des Griechenkönigs mit einem berühmten buddhistischen Lehrer — zur Entstehung des Milindapañha den Anlaß gab, oder daß der Verfasser des Dialogs nur dem Vorbilde so mancher Upaniṣad-dialoge und Itihāsadialoge folgte, wenn er den großen König im Gespräch mit einem Weisen vorführte: jedenfalls muß Milinda-Menandros, wenn er nicht etwa selbst Buddhist war¹), enge Beziehungen zur buddhistischen Gemeinde unterhalten haben. Als sicher können wir auch annehmen, daß der Verfasser des Milindapañha, dessen Namen wir allerdings nicht kennen, zu einer Zeit gelebt hat, wo die Erinnerung an den Griechenkönig noch frisch war. Da es aber bald nach dem Tode des Menandros mit der Griechenherrschaft in Indien zu Ende ging, ist kaum anzunehmen, daß die Erinnerung an ihn sich mehr als höchstens ein Jahrhundert lang erhalten habe. Die Abfassungszeit des Werkes dürfte demnach ungefähr mit dem Beginn unserer Zeitrechnung zusammenfallen²). Für ein so hohes Alter spricht auch die Tatsache, daß sich der Milindapañha-Dialog von den kanonischen Dialogen so wenig unterscheidet, daß es durchaus nicht auffallen würde, wenn er als ein Sutta im Suttapiṭaka stünde. Auch Buddhaghosa, der berühmte Kommentator des 5. Jahrhunderts, beruft sich auf das Milindapañha als eine hohe Autorität, wie er sie sonst nur den kanonischen Texten zugesteht. In litterarischer Beziehung aber kann man unseren Text nur mit den allerbesten Dialogen des Suttapiṭaka vergleichen. Ja, nur wenige der kanonischen Dialoge sind so frisch und lebendig geführt wie das Milindapañha, das den Vergleich mit den Platonischen Dialogen sehr wohl aushält¹).
Cites (1)
- Milindapañha — Pāli