Geschichte der indischen Litteratur v2.c16.s5.17
Geschichte der indischen Litteratur v2.c16.s5.17
- Language
- German
v2.c16.s5.17
Der König sprach: »Herr Nāgasena, ist derjenige, welcher wiedergeboren wird, derselbe oder ist es ein anderer?« Der Thera sprach: »Weder derselbe noch ein anderer.« »Gib ein Gleichnis.« »Was meinst du, Großkönig, bist du jetzt als Erwachsener derselbe wie damals, als du ein zartes Knäblein, ein kleines Kind mit strampelnden Beinen warst?« »Nein, Herr, ein anderer war jenes zarte Knäblein, das kleine Kind mit strampelnden Beinen, und ein anderer bin ich jetzt als Erwachsener.« »Wenn dem so ist, Großkönig, dann hast du wohl keine Mutter, keinen Vater, keinen Lehrer, dann bist du nie unterrichtet worden, hast nie die Gebote gelernt, hast nie Weisheit erworben. Wie denn, Großkönig, ist die Mutter des Embryos in seinen vier Stadien jedesmal eine andere, ist die Mutter des kleinen Kindes eine andere und die Mutter des Erwachsenen eine andere? Ist es ein anderer, der Unterricht genießt, und ein anderer, der etwas erlernt hat? Ist es ein anderer, der ein Verbrechen begeht, und ein anderer, dem Hände und Füße abgeschnitten werden?« »Nein, Herr, aber was würdest du darauf erwidern?« Der Thera sprach: »Ich selbst, Großkönig, war das zarte Knäblein, das kleine Kind mit strampelnden Beinen, und ich selbst bin jetzt der Erwachsene. Durch einen und denselben Körper werden alle diese zu einer Einheit zusammengefaßt.« »Gib mir ein Gleichnis.« »Wenn da, Großkönig, ein Mensch eine Lampe anzündete, würde sie die ganze Nacht brennen?« »Jawohl, Herr, das würde sie.« »Wie nun, Großkönig, ist die Flamme in der ersten Nachtwache dieselbe wie die Flamme in der zweiten Nachtwache?« »Nein, Herr.« »Und ist die Flamme in der zweiten Nachtwache dieselbe wie die Flamme in der letzten Nachtwache?« »Nein, Herr.« »Wie, Großkönig, war denn die Lampe in der ersten Nachtwache eine andere, in der zweiten Nachtwache eine andere und wieder eine andere in der letzten Nachtwache?« »Nein, Herr, durch einen und denselben (Brennstoff) leuchtete die Lampe die ganze Nacht.« »Genau so, Großkönig, kommt die Kontinuität der Erscheinungen¹ zustande: es ist ein anderer, der entsteht, und ein anderer, der vergeht, aber gleichzeitig ist doch etwas da, was sie vereinigt, und darum tritt ein Mensch weder als derselbe noch als ein anderer in seine letzte Vereinigung mit dem Bewußtsein² ein.«