Geschichte der indischen Litteratur v2.c16.s5.80
Geschichte der indischen Litteratur v2.c16.s5.80
- Language
- German
v2.c16.s5.80
In manchen dieser Erzählungen finden wir Märchenmotive, die zum Allgemeinbesitz der Weltlitteratur gehören, sei es, daß sie aus Indien weitergewandert oder von den Indern selbst aus der Fremde übernommen worden sind. So war Uppalavaṇṇā in einem früheren Dasein — die buddhistischen Erzähler begnügen sich ja nie damit, das Leben ihrer Heiligen nur in ihrem letzten Dasein zu verfolgen — die aus einer Lotusblüte geborene Maid Padumavatī, unter deren Tritten Lotusblumen emporsprießen. Als bevorzugte Gemahlin des Königs von Benares erregt sie die Eifersucht der Nebenfrauen, wird von diesen, während der König in den Krieg gezogen ist, ihrer neugeborenen Kinder beraubt, an deren Stelle sie einen blutigen Holzklotz der Wöchnerin an die Seite legen. Dem heimgekehrten König wird erzählt, Padumavatī sei eine Unholdin und habe einen Holzklotz geboren. Sie wird verstoßen, aber bald werden die in Holzkästchen ausgesetzten Kinder aufgefischt, und die Wahrheit kommt ans Licht. Ähnliche Erzählungen sind in der Märchenlitteratur des Ostens und des Westens verbreitet¹). An einer anderen Stelle der Manorathapūraṇī begegnet uns die Geschichte vom Kaufmann Ghosaka, das ist die in Indien mehrfach wiederkehrende und weltweit verbreitete Geschichte von dem in niedrigen Verhältnissen, aber unter einem glücklichen Stern geborenen Knaben, der trotz aller gegen sein Leben gemachten Anschläge doch schließlich zu einer hohen Stellung gelangt, wozu ein junges Mädchen mithilft, das sich in ihn verliebt und einen Brief, der ihm den Tod bringen soll, gegen einen anderen vertauscht, in dem seine Heirat mit ebendiesem Mädchen angeordnet wird. Ein zweiter Anschlag auf das Leben des jungen Mannes wird in ähnlicher Weise wie in Schillers Ballade vom »Gang nach dem Eisenhammer« vereitelt, indem nach dem Sprichwort »Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein« der Anstifter des Mordes selbst oder dessen Sohn ums Leben kommt²). Die Mehrzahl der Geschichten sind aber wohl nur erbauliche Legenden. Eine von diesen erzählt z. B. von einem Kaufmann, den Māra in der Gestalt des Buddha versucht, um ihm eine falsche Lehre beizubringen; aber der Kaufmann erkennt ihn als Māra, da Buddha so etwas nicht gelehrt haben könne¹).