Geschichte der indischen Litteratur v2.c16.s5.99
Geschichte der indischen Litteratur v2.c16.s5.99
- Language
- German
v2.c16.s5.99.1
Die erste umfassende systematische Darstellung und eingehende »philosophische« Behandlung der ganzen Lehre des Buddha ist aber der Visuddhimagga, »der Weg zur Reinheit«, des Buddhaghosa. Nach dem, was bisher von diesem umfangreichen Werk bekannt geworden ist³), scheint es allerdings ein durchaus dogmatisches, mehr theologisches als philosophisches Werk zu sein. Der Verfasser erklärt selbst in der Einleitung, daß er »den Weg zur Reinheit« nach den Lehren des Mahāvihāra, d. h. nach den in dem großen Kloster von Anurādhapura in Ceylon aufbewahrten und geltenden Überlieferungen, darlegen wolle. Das scheint er denn mit großer Gewissenhaftigkeit und frommer Strenggläubigkeit, aber mit wenig selbständigem Denken getan zu haben. Sein eigenes Werk ist wohl nur die übersichtliche Anordnung und Einteilung des Stoffes nach den drei Gesichtspunkten Moral (Sīla), Meditation (Samādhi) und Erkenntnis (Paññā); im übrigen wird er sich begnügt haben, mit emsigem Fleiß alles zusammenzutragen, was sich an Erklärungen der Lehre und an legendarischen Überlieferungen im Laufe der Jahrhunderte angehäuft hatte. Sein Stil ist klar und durchsichtig, und er liebt es, in dem Visuddhimagga ebenso wie in seinen Kommentaren, die trockenen Auseinandersetzungen hier und da durch Gleichnisse und oft auch durch Mitteilung von Legenden zu beleben. Die letzteren hat er gewiß nicht erfunden, sondern aus älteren Quellen geschöpft.
v2.c16.s5.99.2
Manche dieser Legenden sind ihrem Stil und Inhalt nach nicht anders erzählt, als wenn sie im Tipiṭaka stünden¹), und manche kommen tatsächlich auch in kanonischen Texten vor. Die meisten Erzählungen stammen allerdings aus einer jüngeren Zeit, wo die Buddhaverehrung im Hīnayāna ebenso fortgeschritten war wie im Mahāyāna. Dem Geiste des alten Arhat-Ideals, wie es z. B. in der Prosa des Udāna durch manche Legenden erläutert wird, entsprechen Erzählungen wie die von dem Mönch, der sechzig Jahre in seiner Einsiedelei lebt, ohne zu bemerken, daß die Wände mit Gemälden bedeckt sind; oder von dem Mönch, der so weltabgewandt ist, daß er drei Monate lang täglich im Hause seiner Mutter, die sich nach seinem Anblick sehnt, aber ihn im Mönchsgewand nicht mehr erkennt, seine Mahlzeiten erbettelt und einnimmt, ohne auch nur ein einziges Mal zu sagen: »Ich bin dein Sohn, und du bist meine Mutter«²). Hingegen finden wir insbesondere im zweiten Teil manche Legenden, die von einer an die Kṛṣṇa-Bhakti erinnernden Buddhaverehrung zeugen. Da hört z. B. ein Frosch die Stimme des am Ufer des Flusses predigenden Buddha, horcht auf und wird durch den Fußtritt eines Hirten buchstäblich in ein besseres Jenseits befördert; denn er wird sofort im Himmel der dreiunddreißig Götter in einem goldenen Palast als ein Gott wiedergeboren³). Hier finden wir auch zahlreiche Wundergeschichten, die zeigen sollen, wie Heilige durch Meditation Wunder- und Zauberkräfte erlangen.
v2.c16.s5.99.3
Ein Mönch errettet eine vor einem Vogel fliehende Schlange dadurch, daß er rasch einen Berg erschafft, in dem die Schlange verschwindet. Der Mönch Bakkula wird von einem Fisch verschluckt, bleibt aber heil und gesund, da es ihm bestimmt ist, Arhat zu werden. Sañjīva war im Zustande der Versenkung, wurde für tot gehalten und auf den Scheiterhaufen gelegt, aber die Flammen vermochten ihn nicht zu verbrennen. Die in Meditation versunkene Nonne Uttarā wird selbst durch siedendes Öl nicht verletzt. Die Schlange Nandopananda hatte sich um den Berg Meru herumgeschlungen und streckte ihre Köpfe bis zum zweiten Himmel, da kam der Heilige Moggallāna, verwandelte sich in eine noch größere Schlange, ringelte sich um Nandopananda und erdrückte diese samt dem Berg Meru. Einen langen und umständlichen, an die Purāṇas erinnernden Bericht über die Weltzeitalter und die Zerstörung und Wiedererneuerung der Welten enthält das 13. Kapitel¹) — Phantastereien, die gewiß auch nicht dem Gehirn Buddhaghosas entsprungen sind, sondern nur ältere Überlieferungen gläubig wiedergeben. Und wenn sich herausstellen sollte, daß uns Buddhaghosa in seinem großen Werke über die Lehre des Buddha wenig Neues und Wertvolles zu sagen habe, so müßten wir ihm doch für die Überlieferung alter Sagen- und Legendenstoffe dankbar sein.