Geschichte der indischen Litteratur v2.c16.s8.t2.60
Geschichte der indischen Litteratur v2.c16.s8.t2.60
- Language
- German
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Hemacandra³) ist einer der vielseitigsten und fruchtbarsten Schriftsteller, der sich ebenso sehr als Gelehrter wie als Dichter vielfach betätigt hat. Ihm ist es zu danken, daß Gujarat ein Hauptsitz der Jainas geworden ist. Er war aber nicht nur der Verfasser jinistischer Werke, sondern er hat seine Glaubensgenossen auch mit wichtigen Textbüchern der weltlichen Wissenschaften (Grammatik, Lexikographie, Poetik und Metrik) versehen, so daß er »der Allwissende des ehernen Zeitalters« (Kalikālasarvajña) genannt wurde. Er ist in Dhundhūka, einer Stadt in der Nähe von Ahmedabad (Gujarat) im Jahre 1089 n. Chr. als Sohn eines Kaufmanns geboren. Seine Eltern waren fromme Jainas, und er wurde schon in früher Kindheit dem geistlichen Stande gewidmet. Als Jainalehrer verbrachte er den größten Teil seines Lebens in der Hauptstadt von Gujarat. Sein Gönner war zuerst der Caulukyakönig Jayasiṃha Siddharāja (1094—1143). Dieser König war ein Freund der Litteratur und Wissenschaft, ein gläubiger Śivaverehrer, aber ein so großer Freund der Philosophie, daß er Lehrer verschiedener Sekten an seinen Hof zog. Unter diesen war auch Hemacandra, der durch seine große Gelehrsamkeit nicht nur die Aufmerksamkeit des Königs auf sich lenkte, sondern auch dessen Sympathien für die Jainareligion zu gewinnen suchte, wobei er es sich angelegen sein ließ, insbesondere die Übereinstimmungen der Jainareligion mit maßgebenden brahmanischen Werken zu betonen.
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Jayasiṃhas Nachfolger war Kumārapāla, der ursprünglich auch ein Śivaverehrer war, aber von Hemacandra zur Jainareligion bekehrt wurde. Nach seiner Bekehrung war er bemüht, Gujarat zu einem jinistischen Musterstaat zu machen. Er verzichtete für seine Person auf die Jagd und verbot in seinem ganzen Reich die Tötung von Tieren, den Genuß von Fleisch und geistigen Getränken, das Würfelspiel, Tierkämpfe und Wetten. Außerdem errichtete er Jainatempel und begünstigte die litterarischen und wissenschaftlichen Bestrebungen der Jainas. In der Regierungszeit dieses Königs schrieb nun Hemacandra (zwischen 1160 und 1172, in welchem Jahre er starb) sein großes Werk Triṣaṣṭiśalākāpuruṣacarita, »das Leben der dreiundsechzig besten Männer«¹), das in zehn Parvans die Legenden über die vierundzwanzig Jinas, die zwölf Cakravartins, die neun Vāsudevas, die neun Baladevas und die neun Viṣṇudviṣas (Feinde der neun Inkarnationen des Viṣṇu) enthält. Die Sprache des Werkes, das Hemacandra selbst als ein Mahākāvya, »ein großes Kunstepos«, bezeichnet, und das wenigstens durch seinen Umfang mit dem Mahābhārata zu wetteifern scheint²), ist einfach und ungekünstelt. Aber der Inhalt des Werkes dürfte kaum außerhalb des Kreises der frommen Jainas großes Interesse erwecken.
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— Wichtig ist jedoch der zehnte Parvan, der auch als selbständiger Text unter dem Titel Mahāvīracaritra in Handschriften erscheint¹), nicht nur, weil er die Lebensbeschreibung des Mahāvīra enthält, sondern auch wegen der darin enthaltenen Angaben des Verfassers über sein eigenes Leben. Aber vom litterargeschichtlichen Standpunkt viel wichtiger als das große Hauptwerk ist für uns der Nachtrag dazu, Pariśiṣṭaparvan oder Sthavirāvalicarita²), d. h. »Nachtrags-Abschnitt« oder »Leben der Reihe der Ältesten« betitelt. Dieses Buch behandelt die Geschichte der Daśapūrvins, d. h. der ältesten Lehrer der Jainareligion, die noch Kenner der zehn Pūrvas waren. Während die Persönlichkeiten des Triṣaṣṭiśalākāpuruṣacarita mit Ausnahme der beiden letzten Tīrthakaras, Pārśvanātha und Mahāvīra, durchweg der Mythologie oder der epischen Dichtung angehören, enthält das Sthavirāvalicarita die Lebensbeschreibungen der Ältesten (Sthaviras, Theras), d. h. der Jünger des Mahāvīra, deren Namen und Reihenfolge nach der einstimmigen Überlieferung der Śvetāmbaras wohl als geschichtlich gelten dürfen. Die Erzählungen selbst haben allerdings nur selten irgendeinen geschichtlichen Kern. Hemacandra hat sie älteren Legendenwerken und Kommentaren, namentlich denen des Haribhadra, entnommen. Die Geschichten, häufig durch Sprichwörter und volkstümliche Redensarten belebt, verraten deutlich ihren volkstümlichen Ursprung. Hemacandra hat sie, ohne viel daran zu ändern, aus dem Prākrit übersetzt.