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Geschichte der indischen Litteratur v3.c20.1

Geschichte der indischen Litteratur v3.c20.1

Language
German

v3.c20.1

Als ich es vor 23 Jahren unternahm, eine »Geschichte der indischen Litteratur« zu schreiben, und mit den Vorarbeiten zu dem Werke begann, hoffte ich, innerhalb drei bis vier Jahren diese Aufgabe in einem Bande bewältigen zu können. Je mehr ich mich aber in die Arbeit vertiefte, desto mehr häufte sich das Material, und desto größer wurden die Schwierigkeiten der Bearbeitung desselben. Und so sind aus dem beabsichtigten einen Band drei Bände geworden, und die einzelnen Teile des Werkes erschienen in beträchtlichen Zwischenräumen: 1904, 1908, 1913, 1920 und nun endlich der letzte Band. Nun, da das Werk vollendet ist, kann doch niemand mehr als der Verfasser selbst dessen Mängel und Unvollkommenheiten empfinden. Aber hätte ich es ohne diese Mängel in die Welt senden wollen, so würde ich dessen Vollendung auch nach weiteren 20 Jahren nicht erlebt haben. Insbesondere fühle und fühlte ich stets den Mangel, daß ich eine eigentliche Geschichte der indischen Litteratur nur in beschränktem Maße geben konnte. Daran ist allerdings die harte Tatsache schuld, daß wir über die Zeit gerade der ältesten und wichtigsten Werke der indischen Litteratur keine zuverlässigen Nachrichteu besitzen und alles, was wir über Alter und Ursprung der frühesten religiösen und weltlichen Dichtung sowie über die Anfänge der wissenschaftlichen Litteratur sagen können, nichts als Hypothese ist. Manche Leser werden enttäuscht sein, in meiner Litteraturgeschichte so wenig sichere chronologische Angaben zu finden. Es ist mir in der Tat von einem Kritiker vorgeworfen worden, daß ich zu oft Ausdrücke wie »wohl«, »vielleicht«, »wahrscheinlich« usw. gebrauche. Nun wäre es ja ein leichtes gewesen, durch mehr oder weniger bestimmte Jahreszahlen den Eindruck zu erwecken, als ob in der Geschichte der indischen Litteratur alles völlig klar wäre. Ich glaube aber, daß auch dem Laien mehr damit gedient ist, wenn er weiß, wie mangelhaft unser Wissen von den chronologischen Verhältnissen der indischen Litteratur ist, als wenn man ihm Potemkinsche Dörfer vorführt. Und für den Anfänger, der sich der indologischen Forschung widmen will — gerade solche dürften das Buch am meisten gebrauchen —, ist es von größter Wichtigkeit, zwischen sicheren und unsicheren Angaben genau unterscheiden zu können, um zu wissen, an welchen Punkten die weitere Forschung einzusetzen hat. Aus denselben Gründen habe ich auch in der Regel Ansichten, die ich nicht teile, wenigstens in den Anmerkungen erwähnt.