Geschichte der indischen Litteratur v3.c21.s2.34
Geschichte der indischen Litteratur v3.c21.s2.34
- Language
- German
v3.c21.s2.34
Jedes Gedicht besteht nach Daṇḍin aus einem Körper und aus den Schmuckmitteln. Unter dem Körper des Gedichtes versteht man die nach dem verlangten Sinn in Sätze eingeteilte Wortreihe. Diese Wortreihe kann in gebundener (padya) oder ungebundener (gadya) oder in einer aus beiden gemischten (miśra) Rede abgefaßt sein. Für die gebundene Rede gibt es eine große Anzahl von Versmaßen, die entweder nach Silben oder nach Moren gemessen werden. Diese muß man aus der Metrik lernen, einer Wissenschaft, die »ein Schiff ist für diejenigen, welche das tiefe Meer der Kunstdichtung zu überfahren wünschen«. Das Versmaß ist aber durchaus nicht das wichtigste für eine Dichtung. Ein Kāvya kann nach allgemein indischer Auffassung geradeso gut in Versen wie in Prosa oder in einer Mischung von beiden abgefaßt sein. Das ist für das Wesen einer Dichtung durchaus nicht entscheidend. Kein Inder würde je daran denken, daß Versemachen auch schon Dichten sei. Wenn z. B. ein wissenschaftliches Werk, wie das in Indien so häufig vorkommt, in Versen abgefaßt ist, so ist damit noch keineswegs gesagt, daß es auch nur zur Gattung der Lehrgedichte gehöre. Grammatiken, Wörterbücher, astronomische oder medizinische Werke in Versen sind nicht Gedichte, sondern Lehrbücher, die sich in Versen dem Gedächtnis bequemer einprägten als in Prosa. Doch gibt es auch rein wissenschaftliche Werke, die zum Teile wenigstens Kunstdichtungen sind, z. B. die Bṛhatsaṃhitā des Varāhamihira. Umgekehrt, wenn ein Prosaroman nach allen Regeln der Kunstdichtung mit allen möglichen Alaṃkāras ausgestattet ist, so gehört er geradeso gut zur Gattung Kāvya wie ein Epos in Versen.
Cites (1)
- Bṛhatsaṃhitā — Varāhamihira, Sanskrit