Geschichte der indischen Litteratur v3.c21.s8.121
Geschichte der indischen Litteratur v3.c21.s8.121
- Language
- German
v3.c21.s8.121
Zu den berühmtesten Werken der indischen Liebeslyrik gehört die Caurīsuratapañcāśikā, »die fünfzig Strophen vom verstohlenen Liebesgenuß«¹), des kaschmirischen Dichters Bilhaṇa. Es sind dies fünfzig Strophen, die alle mit den Worten »auch heute noch« beginnen, und in denen der Dichter in den üppigsten Bildern und mit glühendster Erotik der Liebesfreuden gedenkt, die er im Umgang mit einer Prinzessin genossen. Auf Grund dieser Verse ist die in verschiedenen Versionen erzählte Sage entstanden, daß der Dichter ein heimliches Liebesverhältnis mit der Tochter des Königs gehabt habe, daß dieses entdeckt und der Dichter zum Tode verurteilt worden sei. Auf der Richtstätte, im Angesicht des Todes, habe er die 50 Strophen gedichtet, die den König so rührten und entzückten, daß er den Dichter begnadigte und ihm seine Tochter zur Frau gab. Daß diese Sage²) keinen historischen Hintergrund hat, geht vor allem daraus hervor, daß Bilhaṇa in seiner Selbstbiographie (siehe oben S. 86) kein Wort davon erwähnt, daß er eine Prinzessin zur Frau gehabt habe, wie auch daraus, daß in manchen Versionen der Sage dieselbe Geschichte nicht von Bilhaṇa, sondern von anderen Persönlichkeiten erzählt wird. Den Versen selbst ist nur zu entnehmen, daß die besungene Geliebte eine Prinzessin ist ¹), aber weder davon, daß es sich um ein heimliches Liebesverhältnis handle, noch von einer Verurteilung des Dichters zum Tode ist in ihnen die Rede ²). Die kaschmirische Rezension hat zwei einleitende Verse, von denen der zweite wie ein Abschied des Dichters fürs Leben aussieht, indem er sagt, er werde nimmer wieder zurückkehren, wenn er einmal in das Netz der koketten Blicke der Götterfrauen gefallen sein werde ³).