Geschichte der indischen Litteratur v3.c21.s8: Lyrische Dichtung
Geschichte der indischen Litteratur v3.c21.s8
- Language
- German
Lyrische Dichtung
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⁵ Proben indischer Lyrik in deutschen Übersetzungen finden sich u. a. bei Th. Aufrecht, Blüthen aus Hindustan, Bonn 1873, und Beiträge zur Kenntnis indischer Dichter, ZDMG 36, 1882, 361 ff.; L. von Schroeder, Mangoblüten, Stuttgart 1892; Joh. Hertel, Indische Gedichte, Stuttgart 1900; J. J. Meyer, Kāvyasaṃgraha, Leipzig, Lotos-Verlag.
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Lyrisch ist die älteste indische Dichtung, die wir kennen. Die Hymnen an die Götter, die Opfer- und Zauberlieder des Veda sind das älteste, was wir von indischer Dichtung besitzen. Manch weltlicher Ton klingt auch schon aus dieser religiösen Poesie heraus. Die Lieder an die Uṣas und die Liebeszauberlieder erinnern zuweilen an die spätere erotische Lyrik, und die Schlachtzauberlieder des Atharvaveda klingen fast wie uralte Kriegslyrik. Und Jahrhunderte später begegnen uns in der buddhistischen Litteratur unter den Liedern der Mönche und Nonnen Perlen lyrischer Dichtungen voll tiefer Empfindung, religiöser Inbrunst und jenes innigen Naturgefühls, das zu allen Zeiten ein besonderes Merkmal der indischen Dichtung gewesen ist. Auch ein altes Liebesgedicht ist uns in einem buddhistischen Sutta erhalten, und Spuren eines Trinkliedes konnten wir im Jātaka finden¹). Im Aṇuogadārasutta des Jainakanons werden einige Liebesliedchen als Belege für die Stimmungen in der Poesie angeführt. Wettgesänge zur Laute nach Art der Schnaderhüpfel hat uns der Jainamönch Hemacandra in einer Erzählung des Pariśiṣṭaparvan aufbewahrt²).
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¹ S. oben II, 79 ff.; 32 (Dīghanikāya 21) und 116 (Jātaka 512).
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² Weber, Ind. Stud. 16, 154 ff.; Hertel, Ausgewählte Erzählungen aus Hemacandras Pariśiṣṭaparvan, S. 204 ff.
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Daß die Liebeslyrik in Indien schon sehr früh nicht nur gepflegt, sondern auch zu einem hohen Grad der Kunstfertigkeit und Künstlichkeit entwickelt worden ist, geht auch aus der Geschichte der indischen Metrik hervor³). Dasselbe beweist auch eine Strophe, von der uns der Grammatiker Patañjali ein Bruchstück erhalten hat, und die Th. Aufrecht⁴) so hübsch übersetzt hat:
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³ S. oben S. 28.
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⁴ Ujjvaladattas Commentary on the Uṇādisūtras, ed., London 1859, S. 150. Vgl. Weber, Ind. Stud. 8, 172 f.; Jacobi, ZDMG 48, 415.
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»Löse die Arme, die eng umfassen mich,
Schüchtern Liebchen, ich muß verlassen dich;
Hörst du des wachsamen Hahnes Notgeschrei?
Auf, denn es strahlet das Morgenrot herbei.«
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Die ältesten Liebeslieder wurden aber sicher nicht in Sanskrit, sondern in den Volkssprachen gedichtet, weshalb auch ein großer Teil der indischen Lyrik der Prākritlitteratur angehört. Von eigentlichen Volksliedern sind uns aber in der altindischen Litteratur nur wenige Spuren in der prākritischen Liederdichtung erhalten geblieben. Die große Masse auch der Prākritlyrik gehört durchaus der höfischen Kunstdichtung an, ebenso wie die ganze Sanskritlyrik. Die künstlichen Versmaße sind erst auf dem Boden der letzteren entstanden, während die volkstümliche und die Prākritdichtung vor allem die einfache Āryāstrophe, das eigentliche Versmaß für den Gesang, verwendet hat¹).
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¹ Die Āryā ist aus der Prākritdichtung erst in die Sanskritdichtung eingedrungen; s. Jacobi, ZDMG 40, 1886, 336 ff. Daß es eine Lyrik in Alt-Prākrit gegeben hat, wird durch eine Inschrift erwiesen; s. Lüders, Bruchstücke buddhistischer Dramen, S. 62.
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Glücklicherweise ist uns in der Sattasaī²) oder den »Siebenhundert Strophen« des Hāla Sātavāhana eine Sammlung von Liedern in Prākrit erhalten, die uns eine gute Vorstellung davon gibt, wie das Volk im alten Indien von der Liebe Freud' und Leid gesungen hat. Wie das Prākrit zwar keine Volkssprache, wohl aber eine den gesprochenen Volksdialekten nachgebildete, sich an sie bewußt eng anschließende Litteratursprache ist, so sind diese Prākritlieder zwar keine Volkslieder im eigentlichen Sinne des Wortes, wohl aber den volkstümlichen Mustern nachgedichtete Schöpfungen indischer Kunstdichter, die sich bemühten, nicht nur das Leben und Treiben, vor allem das Liebesleben auf dem Dorfe zu schildern, sondern sich auch in die Gefühle und Stimmungen der Landmädchen und Bauernburschen, der Hirten und Hirtinnen, der Gärtnerin, der Müllerin, des Jägers und des Handwerkers zu versetzen. In dieser Sammlung von Liedern ist (nach den Worten von A. Wilbrandt) »das stille und heimliche Leben des indischen Volkes, zumal im Dorf und in der Natur, liedartig geschildert, gesungen; denn diese Vierzeiler waren für den Gesang bestimmt. Alles Landschaftliche, die Jahreszeiten, Wonnen und Schrecken der Witterung spielen ihre Rolle; immer aber spielen … die Bedürfnisse des Herzens mit. Zartestes und Üppigstes spricht sich offen aus; das Zarte überwiegt. Es spricht auch nicht oft eine männliche, zumeist eine weibliche Stimme; Alte und Junge, die Freundin, die Mutter, die Tochter, die Muhme. Sie reden zum Jüngling, zur Liebenden, zu den anderen Mädchen, zum eigenen Herzen. Sie reden wohl von mancherlei, doch eigentlich nur von der Liebe.«
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² So lautet der Prākrittitel, im Sanskrit Saptaśatī. Andere Titel: Gāthāsaptaśatī, Gāthākośa, Saptaśataka. Ausgabe und Übersetzung von A. Weber, AKM V, 1870; VII, 1881; vgl. ZDMG 26, 1872, 735 ff.; 28, 1874, 345 ff.; Ind. Stud. 16, 1883, und Deutsche Rundschau, Bd. 42, 1885, S. 223 ff. Die Übersetzungen von Weber sind ganz wörtlich und von einer dichterischen Wiedergabe weit entfernt. Übersetzungsproben in Versen haben H. Brunnhofer, Über den Geist der indischen Lyrik, Leipzig 1882, S. 24 ff., und G. Meyer, Essays und Studien, Straßburg 1885, S. 289 ff., gegeben. Brunnhofer hat dabei die kurzen Strophen meist aufs doppelte verlängert und so mehr eigene Gedichte aus den indischen gemacht, während Meyer manchmal mehr Heinesche als indische Gedichte aus den Strophen des Hāla bildete. Am besten ist es Adolph Wilbrandt (in einer kleinen Auswahl von 32 Versen, die in der »Neuen Freien Presse« in Wien 19. April 1899 und einer zweiten Auslese von 62 Versen in »Westermanns Illustrierten Monatsheften«, Bd. 87, 1900) gelungen, die indischen Strophen so wort- und sinngetreu als möglich und doch dichterisch wiederzugeben. Der Text mit dem Kommentar des Gaṅgādharabhaṭṭa ist auch herausgegeben in Km. 21, 1889.
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In der Regel ist jede Strophe ein abgeschlossenes Ganzes, nur hier und da schließen sich zwei oder drei solcher Strophen zu einem Liede zusammen. In der knappsten Form, mit wenigen Worten wird eine Stimmung ausgedrückt, ein Leid geklagt oder die Wonne höchsten Liebesentzückens geschildert. Sehr häufig wird mit wenigen Strichen ein kleines Bildchen aus dem wirklichen Leben hingeworfen. Da hören wir die Worte einer liebenden Frau, die ihrem Liebesschmerz oder ihrer Sehnsucht Ausdruck gibt. Sie bittet den Mond, sie doch mit denselben Strahlenhänden zu berühren, mit denen er auch den in der Ferne weilenden Liebsten berührt hat. Wie in der gesamten indischen Liebeslyrik¹), so kehrt die Klage um den fernen Gatten oder Geliebten auch in diesen Liedern immer wieder; ebenso die Sehnsucht des Verreisten nach der in der Ferne weilenden Geliebten. So ruft ein Wandersmann der Wolke zu, sie möge nur über ihm donnern, so viel sie wolle, aber ja die Geliebte nicht töten. Eine Frau zählt an den Fingern der Hände und Füße, wie lange der Geliebte schon weg ist, und weint, weil kein Finger mehr da ist, weiterzuzählen. Eine junge Frau klagt:
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¹ Dasselbe ist noch in der heutigen Volksdichtung der Inder der Fall; s. F. Rosen, die Indarsabhā des Amānat, Leipzig 1892, S. 28, wo als Beispiel das schöne neuindische Lied angeführt wird: »Gold zu suchen ging mein Geliebter, und verödet ward mein Heim; Er fand kein Gold und kehrte nicht wieder, und Silber ward mein Haar.«
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»Morgen früh, die Leute sagen's,
Geht mein Hartherz fort, mein Liebster.
O du hehre Nacht! o wachse,
Daß es nie ein Morgen gibt!« (Übers. v. A. Wilbrandt.)
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Eine andere wendet sich an die Freundin:
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»Nur noch heut’, o liebe Freundin, nur
Diesen Tag noch wehr’ mir nicht das Weinen.
Morgen, wenn er fort ist, und wenn ich
Dann nicht tot bin, will ich nicht mehr weinen!«
\hfill (Übers. von A. Wilbrandt.)
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Welche Zartheit spricht aus folgendem Bild: Der geliebte Gatte ist heimgekehrt, aber die Frau schmückt sich nicht zu seinem Empfang — um die arme Nachbarin nicht zu kränken, deren Liebster noch auf der Reise ist. Auch von ewiger Trennung singt manch trauriges Liedchen. Ein junger Landmann, dem die Gattin gestorben ist, betrachtet die Stätten einstiger Liebesfreuden wie ihres Schatzes beraubte Verstecke. Das Tiefste ist in den kurzen Zeilen gesagt, die Wilbrandt übersetzt hat:
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»Wenn von zweien, die in Lust und Leide
Lang’ und langsam fest zusammenwuchsen,
Eines stirbt: das lebt; tot ist das andre.«¹
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¹ Weber vergleicht zu dieser Strophe (142) das schöne Wort aus Bhavabhūtis Mālatīmādhava: »Der ist nicht tot, dessen ein geliebter Mensch gedenkt.«
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Nicht immer ist der ferne Gatte ein Gegenstand der Trauer für die Zurückgebliebene, wie das folgende Liedchen zeigt:
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»Unholde Nacht hüllt alles um mich ein,
Fern ist der Gatte, leer mein ganzes Haus:
Ich fürchte mich, sie stehlen mich heraus:
Drum komm, Geliebter, — Schützer mir zu sein.«
\hfill (Übers. von G. Meyer.)
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Von heimlicher Liebe singt auch das folgende Lied:
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»Mädchen, Vorsicht rat’ ich dir
Bei dem Stelldichein im Dunkeln;
Denn verrät’risch wird der Glanz
Deiner schönen Augen funkeln.«
\hfill (Übers. von G. Meyer.)
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Es versteht sich, daß in vielen Liedern auch vom Zanken und Schmollen der Liebenden die Rede ist. Hier zwei Beispiele:
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»Kannst ja morgen weiterzanken,
Hast du’s morgen noch im Sinne;
Diese mondbeglänzte Festnacht
Sei geweiht dem Spiel der Minne.«
\hfill (Übers. von G. Meyer.)
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»Ich wollt’ ihm wohl die Stirne runzeln,
Ihm schmollen, grollen, auch ihn schelten,
Und alles, was ihr wollt, ihr Mädchen —
Wenn ich ihn nur nicht anschau’n müßte!«
\hfill (Übers. von A. Wilbrandt.)
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Ein in seiner Einfachheit entzückendes Bild besingt die folgende Strophe (498), die ich fast wörtlich so übersetze:
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»Er schaut ihr tief ins Angesicht,
In seinen Blick ist sie versunken:
So stehn sie beide tiefbeglückt,
Als wär'n allein sie auf der Welt.«
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In anderen Liedern werden Liebeslust und Frauenschönheit in den glühendsten, für unseren Geschmack oft allzu üppigen Farben geschildert. Der aus dem Leibchen hervorquellende Busen wird mit dem Monde verglichen, der aus den Wolken hervorbricht. Die von Mehl bestaubten Brüste der Müllerin sind wie zwei Schwäne, die sich unter einem Lotos, ihrem Angesicht, versteckt haben. Vom Beißen und Kratzen ist auch in diesen Liedern oft die Rede. Die vom Abendrot bedeckte Mondsichel am Himmel gleicht der unter dem rotseidenen Tuch schimmernden Nagelspur auf dem Busen des jungen Weibes. Aber auch Bilder aus dem Familienleben ziehen an unserem Auge vorüber. Lächeln muß die erzürnte Gattin, da ihr Söhnchen dem ihr zu Füßen gefallenen Gatten auf den Rücken steigt. Eine Schwangere wird nach ihrem Befinden gefragt; sie blickt nur zärtlich auf den geliebten Mann. Entzückt zeigt eine Frau dem Gatten die ersten Zähnchen des Kindes. In manchen Strophen (407, 449, 635) wird auf die Witwenverbrennung Bezug genommen. Wenn aber auch in diesen Bildern die ländliche Szenerie weitaus überwiegt, so fehlt es doch auch nicht an Liedern, die dem städtischen Haremsleben angehören, und manche Strophen (so 887 f.) können geradezu als Hetärenlieder bezeichnet werden.
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Zu diesen Bildern aus dem Leben kommen in anderen Liedchen Naturbilder. In vier kurzen Zeilen werden da Stimmungsbilder aus der Regenzeit oder dem Herbst entworfen, oder ein Sommermittag wird geschildert, oder es ziehen liebliche Frühlingsbilder an unserem Auge vorüber. Wir sehen Bienen um Blumen und Blüten schwärmen. Wir erleben ein Gewitter mit. Auch Bilder aus dem Tierleben sind nicht selten. Wir sehen ein verliebtes Elefantenpaar, Bulle und Kuh als Verliebte, Affe und Äffin in einer komischen Situation. Vom Pfeil des Jägers getroffen, blickt ein Antilopenweibchen lange nach dem Geliebten aus. Hier trinkt ein Pfau die an den Grasspitzen hängenden Regentropfen, dort sitzen Krähen mit eingekrümmtem Hals unbeweglich, indem sie nach dem Regen ihre Flügel hängen lassen. Oft ist das Bild nur ein Vergleich. Die Wolken zerstreuen sich — der Vindhyaberg zieht gleichsam seinen Mantel aus. Oder die mit gelben Blüten geschmückte Erde sieht aus, als wären Mönche (mit gelben Kutten) zur Verehrung des Buddha auf die Erde hingesunken¹).
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¹ Die Kommentatoren bemühen sich, jeder dieser Strophen, auch wenn sie mit Erotik gar nichts zu tun haben, einen erotischen Sinn oder Nebensinn unterzulegen. Wir haben keinen Grund, ihnen hierin immer zu folgen, wenn sie auch manchmal recht haben werden.
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Auch eine Anzahl Sprüche finden sich in der Sattasaī. Treffend heißt es in einem solchen Spruch, daß dem Geizigen sein Reichtum so wenig nützt wie dem Wanderer sein eigener Schatten. Über die Schlechtigkeit der Welt klagen andere Sprüche. So sagt einer, es sei kein Wunder, daß die guten Menschen in der Welt so selten sind: ist doch auch die Erde nicht so voll von Flamingos wie von Krähen. Ein anderer beneidet die Tauben und die Blinden (704):
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›Glücklich sind die Tauben und die Blinden,
Sie nur leben wahrhaft in der Welt:
Denn sie hören harte Reden nicht,
Sehen nicht der Bösen Wohlergehen.‹
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Endlich gibt es noch eine Anzahl Verse in der Sammlung, die offenbar aus irgendeinem Zusammenhang herausgerissen sind, sei es, daß sie zu einer epischen oder dramatischen Dichtung gehören, wie die Verse, in denen von der Liebe zwischen Kṛṣṇa und Rādhā oder zwischen Śiva und Pārvatī die Rede ist, oder wenn von gefangenen Frauen erzählt wird, die Errettung durch einen Helden erwarten; oder daß sie in eine Erzählung (als eine Art Märchenverse) hineingehören, so wenn von Frauen in der Gefangenschaft von Räubern erzählt wird, oder von einer untreuen Frau, die einen Skorpionbiß heuchelt, um in das Haus ihres Buhlen, eines Arztes, geführt zu werden.
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Schon dieser bunte Inhalt der »siebenhundert Strophen« zeigt, daß wir es nicht mit dem Werk eines Dichters, sondern mit dem eines Sammlers zu tun haben. Andererseits zeigen die Lieder doch so sehr einen einheitlichen Charakter, daß wir in Hāla, dem die Sammlung zugeschrieben wird, auf keinen Fall einen bloßen Kompilator einer Anthologie sehen dürfen, sondern vielmehr einen für Volkspoesie begeisterten und auch selbst dichterisch begabten Redaktor, der die Auswahl mit Kunst und Geschmack getroffen und wohl auch den Versen erst die letzte dichterische Form gegeben hat, manches auch selbst hinzugedichtet haben mag. So erklärt sich auch der einleitende Vers 3: »Aus einer Unzahl von Liedstrophen heraus hat der Dichterfreund Hāla die Sammlung von siebenhundert schöner (wörtlich: mit Schmuckmitteln versehener) Strophen gemacht.« Auch Bāṇa hat in Hāla mehr als einen Kompilator gesehen, wenn er in der Einleitung zu seinem Harṣacarita (Vers 14) sagt: »Einen unvergänglichen, feinen¹) Schatz hat Sātavāhana (d. i. Hāla) durch seine schönen in reinen Versmaßen abgefaßten Lieder geschaffen, wie (er sich als König einen unvergänglichen, nicht im Dorf entstandenen Schatz) durch Edelsteine (von lauterer Echtheit geschaffen hat)«¹). Eine Sage erzählt, daß Bhāratī, die Göttin der Dichtkunst, sich einst anderthalb Tage im Heerlager des Sātavāhana aufgehalten und alle Leute bis hinab zu den Elefantentreibern und Rosseknechten zum Dichten von Prākritliedchen begeistert habe, aus denen dann der König seine 700 Strophen auswählte. Es ist wohl nicht zu kühn, wenn wir annehmen, daß diese Sage nichts anderes bedeutet, als daß der König tatsächlich aus dem Munde des Volkes Lieder gesammelt, aus ihnen 700 Strophen ausgewählt und ihnen ein litterarisches Gepräge gegeben hat²).
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¹ Der Ausdruck agrāmya, »nicht dörfisch«, ist absichtlich gebraucht, um zu sagen, daß die Gedichte, trotzdem sie sich auf das Dorfleben beziehen, doch nicht »bäurisch, grob« sind.
v3.c21.s8.38
¹ Der Vers ist doppelsinnig, daher die in der Übersetzung eingeklammerten Worte.
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² Peterson (Kādambarī Ed., Introd. p. 74 ff.) vertritt die Ansicht, daß Hāla die Strophen der Sattasaī überhaupt selbst gedichtet hat. In den in späteren Jahrhunderten geschriebenen Kommentaren wird die Sattasaī ganz als Anthologie behandelt und die Namen der Verfasser der einzelnen Strophen angegeben. Doch weichen die Handschriften in bezug auf diese Namen sehr voneinander ab; die meisten geben nur für den Anfang des Werkes einige Namen und hören dann auf. Die Kommentare der Vulgata geben 112, Bhuvanapāla 384 Namen. In der Km.-Ausgabe sind in der gāthānukramaṇikā auch die Namen der angeblichen Verfasser gegeben, doch fehlt bei vielen der Name, und oft wird Hāla selbst als Verfasser genannt. Meiner Ansicht nach ist auf diese Namen gar nichts zu geben. Andrer Meinung ist Pischel (Grammatik der Prakrit-Sprachen § 13), der aus den gegebenen Namen der Dichter und Dichterinnen schließt, »daß die Sattasaī eine sehr reiche Litteratur in Prākrit voraussetzt, an der auch Frauen beteiligt waren«.
v3.c21.s8.40
Hāla erscheint in den Purāṇas³) als der siebzehnte in der Liste der Āndhra- oder Andhrabhṛtyafürsten, die sich alle auch den Familiennamen Sātavāhana oder Śālivāhana beilegten, und die von der Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr. bis in den Anfang des 3. Jahrhunderts n. Chr. im Dekkan herrschten⁴). Da Hāla⁵)
v3.c21.s8.41
³ Vgl. F. E. Pargiter, The Purāṇa Text of the Dynasties of the Kali Age, Oxford 1913, pp. 36, 71.
v3.c21.s8.42
⁴ Nach R. G. Bhandarkar (Early History of the Dekkan, 2nd Ed., Bombay 1895, 31 ff., 36 ff.) herrschten die Āndhras von 73 v. Chr. bis 218 n. Chr., nach Smith (ZDMG 56, 1902, 649 ff. und Early History 207 ff., 215 ff.) von ca. 240 oder 230 v. Chr. bis 225 n. Chr.
v3.c21.s8.43
⁵ Weber, der als Entstehungszeit der Sattasaī frühestens das 3. und spätestens das 7. Jahrhundert n. Chr. ansetzt, meint, daß Hāla, da das Wort »Pflüger« bedeutet, seinen Namen erst durch die Sammlung dieser ländlichen Gedichte bekommen habe. Smith, ZDMG 56, 660 f., setzt ihn um 60 oder 70 n. Chr. an.
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ungefähr in der Mitte der Liste erscheint, müßte er im 1. oder 2. Jahrhundert n. Chr. regiert haben. Daß die Inschriften der Andhrakönige fast durchwegs in Prākrit sind, spricht für die Richtigkeit der Überlieferung¹). Auch die häufige Erwähnung des Vindhyagebirges und der Godāvarī spricht dafür, daß die Sammlung im nordöstlichen Teil des Dekkan entstanden ist, und ebendort haben die Āndhras geherrscht.
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¹ Später hat man alle Prākritdichtung an den Namen Sātavāhana angeknüpft, so wie man Vikramāditya zum Mittelpunkt der Sanskritlitteratur gemacht hat. Da aber Sātavāhana (oder Śālivāhana) der Familienname aller Andhrakönige ist, haben alle die Sagen, die von dem König Sātavāhana erzählt werden (z. B. in Kathāsaritsāgara und in Prabandhacintāmaṇi) keinen historischen Wert. Die Jainas haben ihn natürlich zu einem frommen Jainaheiligen gemacht. Vgl. Ras S. V. N. Maṇḍlik in JBRAS 10, 1873, 127 ff.
v3.c21.s8.46
Von der außerordentlichen Beliebtheit der Sattasaī zeugt es, daß uns nicht weniger als sechs verschiedene Rezensionen des Werkes erhalten sind, die sich nicht nur durch die Textgestalt und die Reihenfolge der Verse, sondern auch durch den Textbestand selbst unterscheiden. Nur 430 Verse kommen in sämtlichen Rezensionen vor. Allem Anschein nach hat die Sammlung, die ursprünglich einen mehr einheitlichen Charakter und das Gepräge eines in gewissem Sinne selbständigen Werkes hatte, erst unter den Händen der Abschreiber, die von allen Orten und Enden Prākritverse zusammentrugen und unvollständige Handschriften durch ihre eigenen Sammlungen ergänzten, immer mehr den Charakter einer bunten Anthologie von Prākritversen angenommen. Wenn wir daher von der Sattasaī als einem alten, vielleicht im 2. Jahrhundert n. Chr. entstandenen Werk sprechen, so meinen wir damit nur den Grundstock des Textes. Höchstens die Verse, die in sämtlichen Rezensionen vorkommen, können auf dieses hohe Alter Anspruch erheben²).
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² Über das hohe Alter der Prākritlyrik überhaupt s. auch Konow, GGA 1894, 476 f. und Karpūramañjarī p. 192 f.
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Daß die Sattasaī das älteste Werk in dem Māhārāṣṭrīdialekt ist, den schon Daṇḍin als das »beste Prākrit« bezeichnet, spricht auch für ihr hohes Alter³).
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³ Māhārāṣṭrī ist der Dialekt von Mahārāṣṭra, dem Land der Marāṭhen, in dessen Hauptstadt Pratiṣṭhāna die Andhrakönige residierten.
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Die Beliebtheit des Werkes sowohl als auch die Unsicherheit des Textes wird nicht nur durch die vielen verschiedenen Handschriften und Rezensionen, sondern auch durch die zahlreichen Zitate aus Hāla in den Werken über Poetik bestätigt. Denn von den vielen Zitaten, die in diesen Werken vorkommen, läßt sich die größere Hälfte in keiner der bekannten Rezensionen unseres Textes nachweisen¹). In der Art und Weise aber, wie die Poetiker den Hāla zitieren, trotzdem er kein Sanskritdichter ist, liegt ein Beweis für die hohe Wertschätzung, deren sich die Sattasaī bei den Kunstkennern erfreute²).
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¹ Vgl. Webers Ausgabe, Einleitung, S. XLIII ff. Ein Verzeichnis der in der Sattasaī verwendeten Alaṃkāras gibt Weber, Ind. Stud. 16, 202 ff.
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² Besonders gern wählt Ānandavardhana seine Beispiele für versteckte Andeutungen, Ironie usw. aus der Sattasaī; s. Dhvanyāloka I, 4; II, 35; III, 1; 16; 39.
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Daß es eine Prākritlyrik auch noch in späterer Zeit gegeben hat, beweisen die Dramen und die Anthologien. Einige hübsche Liedchen im Apabhraṃśadialekt hat uns Hemacandra in seiner Prākritgrammatik aufbewahrt³). Aus welcher Zeit sie stammen, wissen wir nicht. Aber sie unterscheiden sich in ihrem Charakter so wenig von den Liedern der Sattasaī, daß ich einige Proben hier in Übersetzung einfüge:
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³ R. Pischel, Materialien zur Kenntnis des Apabhraṃśa, AGGW, N. F., Bd. V Nr. 4, Berlin 1902.
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»Ich bitte dich, mein Kind, wirf keinen Seitenblick auf mich!
Dem Pfeil mit Widerhaken gleich dringt er ins Herz und tötet.«
»Und wenn auch der Geliebte mir viel Böses tut,
Bring' mir ihn doch herbei. Wird auch das Haus verbrannt
Vom Feuer, — entbehren kann man doch das Feuer nicht.«
»Daß mein Geliebter mir getötet ward
Im Kampf als Held, das mußte wohl so sein.
Geschämt ja hätt' ich vor den Mädchen mich,
O Schwester, wär' besiegt er heimgekehrt.«
»Vyāsa sagt's, der große Weise, und es sagen's
Alle heil'gen Bücher: In des Ganges heil'gen
Fluten baden täglich die, die zu den Füßen
Ihrer Mütter sich in tiefster Demut neigen.«
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Die Lautgestalt dieses Dialekts ist wesentlich dadurch bedingt worden, daß er vor allem in Sangstrophen (gāhā = gāthā) verwendet wurde. Auch in den Dramen sind die eingefügten Liedstrophen stets in Māhārāṣṭrī. Vgl. G. Garrez in JA s. 6, t. XX, 1872, 197 ff. und Pischel, Grammatik der Prakrit-Sprachen, §§ 2 und 12 f.
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Nicht aus der Prākritlyrik, sondern parallel mit ihr entwickelte sich die Sanskritlyrik. Da wir aber die berühmten buddhistischen Preislieder des Ašvaghoṣa nur vom Hörensagen, die des Mātṛceta nur in Bruchstücken kennen¹ und uns von Bhāsas Liedern nur wenige Strophen in den Anthologien erhalten sind, ist für uns der erste große Sanskritlyriker Kālidāsa. In seinen epischen und dramatischen Dichtungen ist ja Kālidāsa mehr oder weniger Lyriker, und wohl das Beste, was er in der Liederdichtung geschaffen hat, ist in manchen Stücken seiner Epen und vor allem in den Dramen enthalten. Stets ist ja Kālidāsa auf der Höhe seiner Kunst, wo er Stimmungsbilder bringt, in denen Naturschilderungen und menschliche Gefühle ineinanderfließen. Seine berühmteste lyrische Dichtung ist aber das Meghadūta, »das Gedicht von der Wolke als Boten«[^2), das die Inder unter ihren großen Epen (mahākāvya) aufzählen. Es kann als »Epos« insofern bezeichnet werden, als die lyrischen Strophen episch eingerahmt sind. Der Inhalt ist folgender:
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¹ S. oben II, 203, 211 f. [^2): Das ist der genaue Titel (meghadūtaṃ kāvyam). Gewöhnlich wird der Titel als der Meghadūta, der »Wolkenbote«, gegeben. Ausgaben: von J. Gildemeister (mit latein. Glossar), Bonn 1841; mit krit. Anmerkungen und Wörterbuch von A. F. Stenzler, Breslau 1874; mit dem Kommentar des Mallinātha von N. B. Godabole und K. P. Paraba, 2nd Ed., Bombay 1886, NSP. Die beste Ausgabe ist die von E. Hultzsch mit dem vorzüglichen und ältesten Kommentar des Vallabhadeva und einem Sanskrit-English Vocabulary, London 1911. Übersetzungen: In englischen Versen von H. H. Wilson, Calcutta 1813, mit zahlreichen interessanten Parallelen aus klassischen und englischen Dichtungen, die der Übersetzer in den Anmerkungen gibt. Die 2. Ausgabe (1843) ist wieder abgedruckt als Beigabe zu der sehr wertvollen deutschen Prosaübersetzung mit Anmerkungen von C. Schütz, Bielefeld 1859. Metrische deutsche Übersetzungen von Max Müller (Königsberg 1847); von E. Meier, Die klassischen Dichtungen der Inder, III, 90 ff.; von L. Fritze (Chemnitz 1879, mit Benutzung einer handschriftlichen Prosaübersetzung von Stenzler); sehr frei und gekürzt von Marx Möller in »Bühne und Welt«, V, 1, 1903, S. 17 ff. Französisch von A. Guérinot, Paris 1902. Eine anonyme englische Übersetzung im Pandit, Vol. II. Englische Prosaübersetzungen von Jacob, Pathak und Nandargikar erwähnt Hultzsch a. a. O., p. XIV.
v3.c21.s8.59
Ein Yakṣa, d. i. eines von den göttlichen Wesen, die im Dienste des Gottes Kubera stehen, hatte sich ein Vergehen gegen seinen Herrn zuschulden kommen lassen und wurde daher von dem Gott auf ein Jahr verbannt. Er muß seine Heimat und seine Gemahlin verlassen und nach dem Rāmaberg im Süden wandern. Im achten Monat seiner Verbannung, gerade zu Beginn der Regenzeit erblickt der Verbannte eine Wolke, die vom Süden nach seiner nördlichen Heimat zieht; da bittet er sie, seiner trauernden Gattin eine Botschaft von ihm zu überbringen. Er schildert der Wolke genau den Weg, den sie einzuschlagen habe, um zu seiner Heimat auf dem Kailāsaberg zu gelangen, wo in der Stadt Alakā sein Schloß steht, in dem die Gattin einsam trauert. Dies gibt dem Dichter reichliche Gelegenheit zu prächtigen Naturschilderungen. Mit besonderer Liebe verweilt er bei der Schilderung seiner eigenen Heimatstadt Ujjayinī und der Yakṣastadt Alakā. Immer wieder überrascht uns der Dichter bei diesen Schilderungen durch die kühnsten Bilder und Vergleiche. Die schwarze Wolke lagert über dem Strom, der so einem Perlenband der Erde gleicht, in dessen Mitte ein dunkler Sapphirstein glänzt. Der Kailāsa mit seinen schneebedeckten, Wasserlilien gleichenden Gipfeln ragt in die Lüfte hinauf wie ein gewaltiges, durch die Nacht schallendes, lautes Lachen des Śiva¹. Die Stadt Alakā, die am Berge Kailāsa liegt, während unter ihr die Gaṅgā dahinfließt, gleicht einer Schönen, die der Geliebte (der Berg) im Schoße hält, während ihr das Kleid (die Gaṅgā) herabgleitet. Die zur Regenzeit von Wolkenmassen umgebenen Burgen sind gleichsam das von einem Perlennetz durchflochtene dunkle Haar der schönen Frau. Nachdem der Yakṣa der Wolke die Stadt und sein Schloß genau beschrieben hat, beginnt er die Schönheit seiner geliebten Frau zu schildern, wie er sie sich nach der langen Trennung vorstellt. Und endlich teilt er ihr den Wortlaut der Botschaft mit, die sie der Geliebten mit ihrer Donnerstimme überbringen soll. Er läßt ihr sagen, wie er stets sehnsuchtsvoll ihrer gedenke:
v3.c21.s8.60
¹ Die indischen Dichter sprechen immer von der Weiße des Lachens. Wir würden etwa sagen: »Wie die weißblitzenden Zähne des laut lachenden Śiva«, obgleich die Weiße sich nicht nur auf die weißen Zähne, sondern vielleicht noch mehr auf das beim Lachen strahlende Angesicht bezieht.
v3.c21.s8.61
»Ich sehe wohl in krauser Flut das muntre Spielen deiner Brauen,
Im Aug’ des Rehes deinen Blick, dein Haar im vollen Schweif des Pfauen,
Ich seh’ im Monde dein Gesicht und im Priyangu deine Glieder,
Doch ach! An einem Ort vereint find’ ich dein Bildnis nirgends wieder.
»Als Zürnende mal’ ich dich oft mit roter Farb’ auf glatten Steinen
Und möchte dann mein eignes Bild zu deinen Füßen dir vereinen,
Doch langsam steigt die Trän’ empor und hüllt in Dunkel deine Blicke,
Ach! Hier auch werden wir getrennt von unsrem feindlichen Geschicke.«²
v3.c21.s8.62
² Übersetzung von Max Müller.
v3.c21.s8.63
Er tröstet sie aber, daß die Trennungszeit nun bald vorüber sein werde:
v3.c21.s8.64
»Bald wirst du wieder auf dem Lager liegen
Und, etwas eingeschlafen, wie zuvor
An meinen Hals, du Liebliche, dich schmiegen;
Dann fährst du weinend aus dem Traum empor.
Ich frage dich und muß es wiederholen,
Was dir geschah; du sprichst und lachst verstohlen:
Ich hab' im Traum, du loser Mann, geschaut,
Wie du mit einer andern tatst vertraut.«[^1)
v3.c21.s8.65
Goethe, der den »Wolkenboten« durch Wilsons Übersetzung kennen gelernt hatte, gab seiner Bewunderung für das Gedicht in den »Zahmen Xenien« in den Versen Ausdruck:
v3.c21.s8.66
»Was will man denn Vergnüglicheres wissen!
Sakontala, Nala, die muß man küssen;
Und Megha-Duta, den Wolkengesandten,
Wer schickt ihn nicht gern zu Seelenverwandten!«[^2)
v3.c21.s8.67
Alexander von Humboldt[^3) rühmt »die bewunderungswürdige Naturwahrheit«, mit der im Meghadūta das erste Erscheinen der Wolken zu Beginn der Regenzeit geschildert wird. L. v. Schroeder[^4) würdigt das Gedicht als »ein Kleinod von unschätzbarem Werte«, und G. Meyer[^5) preist es als »die schönste Klage eines sehnsüchtigen Liebenden, welche man lesen kann«.
v3.c21.s8.68
Die Inder selbst haben das Gedicht zu allen Zeiten ungemein hochgeschätzt. Das zeigt schon der Umstand, daß der Text nicht in unversehrtem Zustande auf uns gekommen ist, sondern schon frühzeitig Verse interpoliert worden sind[^6).
v3.c21.s8.69
[^1): Übersetzung von L. Fritze. [^2): In den Noten und Abhandlungen zum Divan (Jubiläumsausgabe, Bd. 5, S. 360) sagt Goethe mit Bezug auf Meghadūta: »Die erste Bekanntschaft mit einem solchen Werk macht immer Epoche in unserem Leben.« Und in dem Aufsatz »Indische und chinesische Dichtung« (Bd. 37, S. 210 ff.) rühmt er an dem Gedicht, daß es »rein menschliche Verhältnisse« schildere. Vgl. auch P. Th. Hoffmann, Der indische und der deutsche Geist, S. 28 ff., 46. [^3): Kosmos II, 40. Er vergleicht seine eigene lebendige Schilderung des Eintritts der Regenzeit in den Tropen Amerikas in seinen »Ansichten der Natur« (2. Aufl. 1826, I, 33 ff.), die er entworfen, bevor er noch Kālidāsas Meghadūta gelesen hatte. [^4): ILC 548 ff. [^5): Essays und Studien II, 99. [^6): Die Geschichte des Textes ist in der Ausgabe von Hultzsch übersichtlich dargestellt. Zur Textkritik s. auch Macdonell, JRAS 1913, 176 ff. und Hari Chand, Kālidāsa, p. 238 ff.
v3.c21.s8.70
Für die Berühmtheit des Meghadūta in Indien zeugen auch die überaus zahlreichen Nachahmungen des Gedichtes in der späteren indischen Litteratur. So ist der Dichter Dhoī der Verfasser eines Pavanadūta¹ oder »Windboten«, in welchem ein Gandharvamädchen dem König Lakṣmaṇasena, in den sie verliebt ist, eine Botschaft durch den Wind sendet. Eine sklavische Nachahmung des Meghadūta ist das Gedicht Śuka-saṃdeśa² von einem Dichter Lakṣmīdāsa, wo ein Papagei die Stelle der Wolke vertritt. Auf die Liebe zwischen Rādhā und Kṛṣṇa beziehen sich die Gedichte Haṃsadūta von Rūpa Gosvāmin (16. Jahrhundert), Padāṅkadūta von Kṛṣṇa-śarman Sārvabhauma (1723 verfaßt), zwei verschiedene Gedichte mit dem Titel Uddhavadūta, eines von einem unbekannten Verfasser, das andere von einem Dichter Mādhava, der im 17. Jahrhundert gelebt haben soll³). Wichtiger als diese und ähnliche späte Nachahmungen sind wegen ihres Alters die schon erwähnten Jainadichtungen Pārśvābhyudaya und Nemidūta¹). Auch von den Buddhisten in Ceylon ist Kālidāsas Meghadūta nicht nur ins Singhalesische übersetzt, sondern auch nachgeahmt worden²). Selbst nach Tibet ist der Ruhm des Kālidāsa gelangt, und eine tibetische Übersetzung des Meghadūta — wahrscheinlich aus dem 13. Jahrhundert n. Chr. — ist dem Tandschur einverleibt worden³).
v3.c21.s8.71
¹ Herausgegeben von M. Chakravarti in JASB, N. S. 1, 1905, 41—71. S. oben S. 54; Pischel, HL 33 ff. und Aufrecht, ZDMG 54, 1900, 616 ff., wo noch neun andere Nachahmungen des Meghadūta aufgezählt sind. Ein zweites Gedicht mit dem Titel Pavanadūta von einem Dichter Vādicandra Sūri ist herausgegeben in Km., Part XIII, 9—24.
v3.c21.s8.72
² Herausgegeben von dem Mahārāja Rāmavarma von Travaṇcore im JRAS 1884, 401 ff., wo auch eine ganze Anzahl anderer derartiger Nachahmungen (Saṃdeśas, d. h. »Botschaften«) erwähnt ist. Das Werk ist in Malabar wohlbekannt; s. Rāmavarma, JRAS 1910, 638.
v3.c21.s8.73
³ Vgl. Eggeling, Ind. Off. Cat. p. 1467 ff.; Haeberlin 374—400, 401—409, 323—347, 348—373. In dem Padāṅka- oder Kṛṣṇapadāṅkadūta wird der Schmerz einer Hirtin geschildert, die im Haine die Fußspur des Kṛṣṇa entdeckt und dadurch an den abwesenden Geliebten erinnert wird. In dem Manodūta macht der Dichter Viṣṇudāsa seinen eigenen Geist zum Boten, um dem Gott Viṣṇu seine Gefühle der Ergebenheit auszudrücken; s. Ind. Off. Cat. p. 1470. Ein anderes Gedicht mit demselben Titel, 1758 von Vrajanātha verfaßt, ist keine eigentliche Nachahmung des Meghadūta, es schildert die Gedanken, welche Draupadī, während ihr die Kleider vom Leibe gerissen werden, an den Gott Kṛṣṇa sendet; s. Km., Part XIII, pp. 84—130; Krishnamacharya 128 f. Weder eine Nachahmung noch ein Vorbild, aber immerhin eine interessante Parallele zu diesen »Botschaften« sind die Verse von Jātaka Nr. 297 (vgl. Pischel, HL 28 Anm.), in denen ein Gepfählter einer vorüberfliegenden Krähe eine Liebesklage an seine geliebte Frau aufgibt.
v3.c21.s8.74
¹ S. oben II, 338.
v3.c21.s8.75
² Es gibt im Singhalesischen eine »Pfauenbotschaft« (14. Jahrhundert) und eine Anzahl anderer »Botschaften«; s. Geiger, Literatur und Sprache der Singhalesen (Grundriß I, 10), S. 9; Hultzsch a. a. O. p. VIII f.
v3.c21.s8.76
³ Die tibetische Übersetzung von Kālidāsas Meghadūta nach dem roten und schwarzen Tanjur herausgegeben und ins Deutsche übertragen von H. Beckh (Anhang zu ABA 1906). Vgl. G. Huth, SBA 1895, 268 f., 281 ff. und Beckh, Ein Beitrag zur Textkritik von Kālidāsas Meghadūta, Diss., Berlin 1907.
v3.c21.s8.77
Von den zahlreichen anderen lyrischen Dichtungen, die dem Kālidāsa zugeschrieben werden, ist es zweifelhaft, ob sie den Namen des großen Dichters mit Recht tragen. Sowohl durch sein Alter als auch durch seine Sprache und dichterische Vollkommenheit verdient der Ṛtusaṃhāra⁴), »kurze Schilderung der Jahreszeiten«, den Werken des großen Dichters noch am ehesten zugerechnet zu werden⁵). In diesem Gedicht werden die sechs Jahreszeiten — Sommer, Regenzeit, Herbst, Winter, Tauzeit und Frühling — der Reihe nach in farbenprächtigen Bildern geschildert. Diese Schilderungen mit ihrer feinen Naturbeobachtung, dem liebevollen Eingehen auf das Tier- und Pflanzenleben und der glutvollen, oft üppigen Darstellung der Liebesfreuden in jeder der Jahreszeiten sind wohl des Kālidāsa würdig. Einige Proben nach der schönen Übersetzung von P. v. Bohlen mögen dieses Urteil erhärten:
v3.c21.s8.78
⁴ W. Jones hat den Text schon 1792 in Calcutta veröffentlicht; P. von Bohlen hat ihn mit einer lateinischen und einer deutschen metrischen Übersetzung Lipsiae 1840 herausgegeben. Minderwertiger ist die Übersetzung von A. Hoefer, Indische Gedichte, I, 65 ff. Mit dem Kommentar von Maṇirāma ist der Text herausgegeben Bombay, 1906 NSP.
v3.c21.s8.79
⁵ Die Echtheit des Ṛtusaṃhāra ist ebensooft angezweifelt als behauptet worden. Zuletzt ist J. Nobel (ZDMG 66, 1912, 275 ff.; 73, 1919, 194 f.; JRAS 1913, 401 ff.) gegen die Echtheit des Gedichts aufgetreten, während A. B. Keith (JRAS 1912, 1066 ff.) sie verteidigt. Auch A. Gawroński (The digvijaya of Raghu and some connected problems, p. 29, note 3) spricht die Dichtung dem Kālidāsa ab. Doch wird allgemein zugegeben, daß der Ṛtusaṃhāra schon in der Mandasor-Inschrift (472 n. Chr.) nachgeahmt worden ist (s. Kielhorn, NGGW 1890, 251 ff.), daher ungefähr derselben Zeit angehören dürfte wie die Werke des Kālidāsa. Daß der Ṛtusaṃhāra in manchen Beziehungen von den anderen Dichtungen Kālidāsas verschieden ist, kann sich leicht daraus erklären, daß er einer anderen Gattung angehört. Gegen die Echtheit spricht allerdings sehr der Umstand, daß der Ṛtusaṃhāra niemals in den Werken über Poetik zitiert wird; s. Hari Chand, Kālidāsa, p. 240 ff. Noch im Anfang des 18. Jahrhunderts hat Viśveśvara das Gedicht in seinem Ṣaḍṛtuvarṇana nachgeahmt (s. Krishnamacharya 128).
v3.c21.s8.80
Aus der Schilderung des Sommers:
11. »Nach Wasser eilt die durstende Gazelle,
Vor Hitze glühend und mit trocknem Gaum,
Wenn, ähnlich einem trunknen Elefanten,
Gewölk erscheint am fernen Waldessaum.«
12. »Die Schlange, von der Sonne Strahl durchglühet,
Im brennendheißen Staube hingestreckt,
Hat endlich seufzend sich herangewunden,
Wo schattig sie der Schweif des Pfauen deckt.«
13. »Der Löwe keucht mit durstigwundem Rachen,
Verfolget nicht den Elefanten mehr;
Der kühne Mut ist ihm dahingeschmachtet,
Die Mähne starrt, die Zunge zittert schwer.
14. Der Elefant, von heißem Durst getrieben
Und aufgezehret von der Sonne Glut,
Er schlürft mit trocknem Rüssel Tauestropfen,
Ist unbekümmert um des Leuen Wut.«
Aus der Schilderung der Regenzeit:
3. »Die Wolken zieh'n mit ihrer Last hernieder,
Begleitet von der durst'gen Vögelschar;
Mit ohrentzückendem Getöne spenden
Allmählich sie den reichen Segen dar.«
6. »Den Strahlenschweif in Fülle ausgebreitet,
Beginnt den muntern Tanz die Pfauenschar,
Und zärtlich bringet sie zum Liebesfeste
Genuß und Kuß dem treuen Buhlen dar.«
7. »Die wilden Ströme, gleich den losen Mädchen,
Ergreifen liebeslüstern wie im Nu
Die Uferbäume, welche ringsum taumeln,
Und eilen rasch dem Ozeane zu.«
v3.c21.s8.81
11. »Wie laut der Donner in den Lüften rollet,
Vergißt die Liebende mit wirrem Sinn
Des frühern Haders ganz und schmieget ängstlich
Sich inniger dem Auserwählten hin.«
v3.c21.s8.82
Noch zweifelhafter ist es, ob das Śṛṅgāratilaka¹), »die Liebeszierde«, eine kleine Sammlung von Strophen erotischen Inhalts, dem Kālidāsa zuzuschreiben ist. Daß hübsche Verse auch in dieser Sammlung zu finden sind, möge das folgende Liedchen in der Übersetzung L. von Schroeders²) zeigen:
v3.c21.s8.83
¹ Herausgegeben in Haeberlin 14—17 (21 Strophen), in Kalidasae Meghaduta et Çringaratilaka ex rec. J. Gildemeisteri, Bonnae 1841 (23 Strophen) und als Anhang zur Ausgabe des Ṛtusaṃhāra, Bombay NSP 1906 (31 Strophen). Das ebenfalls dem Kālidāsa zugeschriebene Śṛṅgārarasāṣṭaka (in Haeberlin 510 f.) ist nur eine Kompilation von erotischen Versen, von denen v. 4 von Kālidāsa sein könnte, und v. 7 aus dem Kumārasambhava stammt.
v3.c21.s8.84
² Mangoblüten, S. 11.
v3.c21.s8.85
»Deine Augen — blaue Lotus,
Deine Zähne aus Jasmin,
Wie die herrlichste Nymphäe
Seh' ich dein Gesichtchen glühn.
Aus den Blättern zarter Pflanzen
Muß dein Leib gebildet sein, —
Ach, wie kam es, daß der Schöpfer
Nur dein Herz geformt aus Stein?«
v3.c21.s8.86
Von religiösen Hymnen, die dem Kālidāsa zugeschrieben werden, seien erwähnt ein Śyāmalādaṇḍaka³) genannter Hymnus an die Göttin Durgā, größtenteils in Prosa, und die im tibetischen Tandschur übersetzten Hymnen Sarasvatīstotra und Maṅgalāṣṭaka⁴).
v3.c21.s8.87
³ Herausgegeben in Km., Part I, 8 ff.
v3.c21.s8.88
⁴ F. W. Thomas in JRAS 1903, 785 ff. Das Maṅgalāṣṭaka ist auch in Sanskrithandschriften erhalten; s. Aufrecht, Leipzig Nr. 450 f.
v3.c21.s8.89
In manchen Handschriften wird auch das Ghaṭakarpara⁵), »der zerbrochene Topf«, dem Kālidāsa zugeschrieben. Es ist dies ein Gedicht von 22 kunstvoll gereimten Versen, in denen eine junge Frau beim Eintritt der Regenzeit ihrer Sehnsucht nach dem fernen Gatten Ausdruck gibt und ihm durch die Wolken Grüße sendet — also eine Art Seitenstück zum Meghadūta. Das Gedicht hat seinen Titel davon, daß der Dichter in dem letzten Vers sagt, er wolle jedem Dichter, der ihn in Reimen übertreffe, in einem zerbrochenen Topf Wasser reichen. Rückert¹ hat schon mit Recht gesagt, daß dieses »zerbrochene Gefäß«, wenn es ein deutsches wäre, »gar nicht des Aufhebens wert wäre«, und daß es in bezug auf Reime dem Nalodaya nicht das Wasser reiche. Sicher ist es nicht das Werk des Kālidāsa. Häufig wird es einem Dichter Ghaṭakarpara zugeschrieben, der dann (nach der Weise persischer Dichter) im Schlußvers seinen Namen verewigt hätte²).
v3.c21.s8.90
⁵ Herausgegeben, übersetzt, nachgeahmt und erläutert von G. M. Dursch, Berlin 1828; Haeberlin 120 ff.; französisch von Chézy in JA 1823, II, 39 ff.; deutsch von Hoefer, Indische Gedichte II, 129 ff., und P. v. Bohlen, Das alte Indien, Königsberg 1830, 380 ff.; vgl. Eggeling, Ind. Off. Cat. VII, p. 1427 f.
v3.c21.s8.91
¹ Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik 1829, I, 521 ff. Ebendaselbst einige Verse übersetzt; s. auch Rückert-Nachlese I, 217.
v3.c21.s8.92
² Ghaṭakarpara erscheint auch unter den »neun Edelsteinen« des Vikramāditya (s. oben S. 42), was jedenfalls beweist, daß das Gedicht in Indien ein gewisses Ansehen genoß, was auch die zahlreichen Kommentare (s. Aufrecht CC s. v.) beweisen. Dem Ghaṭakarpara wird auch eine Sammlung von 21 Sprüchen unter dem Titel Nītisāra (Haeberlin 504 ff.) zugeschrieben.
v3.c21.s8.93
Von dem Zeitalter des Kālidāsa dürften »die hundert Strophen« des Dichters Amaru³), das berühmte Amaruśataka⁴), nicht allzu weit entfernt sein. Nächst Kālidāsa wird kaum ein lyrischer Dichter von den Indern so geschätzt und auch von den Poetikern so oft als Muster angeführt, als Amaru. Ānandavardhana führt in seiner Poetik⁵) die Liedstrophen des Amaru als Beweis dafür an, daß ein Dichter auch in Einzelstrophen so viel Stimmung hineinlegen kann, daß jede Strophe wie ein größeres selbständiges Werk erscheine. Und ein anderer Lehrer der Poetik sagte: »Eine einzelne Strophe des Dichters Amaru kommt hundert größeren Dichtungen gleich.« Ein Beweis für die Beliebtheit von Amarus »Hundert«⁶) ist auch die Unsicherheit des Textes. Die vier Rezensionen weichen in bezug auf den Versbestand und die Reihenfolge der Verse voneinander ab. Außerdem finden wir in Anthologien Verse des Amaru, die in unserem Śataka nicht vorkommen, während umgekehrt Verse unseres Amaruśataka in Anthologien anderen Dichtern zugeschrieben werden¹).
v3.c21.s8.94
³ Auch die Namensformen Amaruka, Amarū und Amarūka kommen vor.
v3.c21.s8.95
⁴ Das Amaruçataka in seinen Rezensionen dargestellt, mit einer Einleitung und Auszügen aus den Kommentaren versehen von R. Simon, Kiel 1893. Nachträge dazu ZDMG 49, 1895, 577 ff. Mit dem Kommentar des Arjunavarmadeva herausgegeben in Km. 18.
v3.c21.s8.96
⁵ Dhvanyāloka III, 7 (Jacobis Übersetzung, S. 81 f.).
v3.c21.s8.97
⁶ Die wirkliche Zahl der Verse schwankt in den HSS und Kommentaren zwischen 90 und 115. Die Km.-Ausgabe hat 102 Strophen und außerdem 7 Pariśiṣṭas, die noch zusammen 61 Verse ausmachen, die teils aus Kommentaren und HSS, teils aus Alaṃkāraśāstras und Anthologien genommen sind.
v3.c21.s8.98
¹ Nur 51 Verse sind allen vier Rezensionen gemeinsam. Keine von ihnen kann den Anspruch erheben, den ursprünglichen Text zu enthalten. Nur aus praktischen Gründen hat Simon seiner Ausgabe den Text der südindischen Rezension zugrunde gelegt. Nach Aufrecht (ZDMG 27, 7 f.) hätten nur die im Metrum Śārdūlavikrīḍita abgefaßten Verse zur ursprünglichen Sammlung gehört; aber nur 61 der (in Rez. I und III) überlieferten Verse haben dieses Metrum. H. Weller glaubt (nach einer brieflichen Mitteilung) beweisen zu können, daß die III. Rez. die älteste sei. Das war auch die Ansicht Bühlers (ZDMG 47, 1893, S. 94), da diese Rez. durch den ältesten Kommentator Arjunavarman (zwischen 1215 und 1218) beglaubigt sei.
v3.c21.s8.99
Von der Zeit des Amaru wissen wir nichts, als daß Ānandavardhana (um 850) ihn zuerst mit Namen nennt, während Vāmana (um 800), ohne den Namen Amaru zu nennen, Verse aus dem Amaruśataka anführt²). Von dem Leben des Amaru ist gar nichts bekannt. Ja, eine von Kommentatoren und dem Verfasser einer sogenannten Biographie des Śaṅkara (Śaṅkaradigvijaya) erzählte Sage will wissen, daß der eigentliche Verfasser des Amaruśataka niemand anderer als der berühmte Vedāntaphilosoph Śaṅkara sei. Durch Zauberkraft sei er in den Leib des kaschmirischen Königs Amaru eingedrungen und habe mit dessen hundert Frauen Umgang gepflogen, um die erotische Stimmung gründlich kennen zu lernen. Als Beweis der erworbenen Wissenschaft habe er das Śataka verfaßt³). Ich glaube, daß an dieser Sage nicht einmal so viel geschichtlich ist, daß
v3.c21.s8.100
² Amaru 16, 30 (II. Rez.) und 89 bei Vāmana III, 2, 4; IV, 3, 12; V, 2, 8.
v3.c21.s8.101
³ Ravicandra, der Verfasser des Kommentars Kāmadā, will der Verfasserschaft des großen Philosophen auch dadurch gerecht werden, daß er die Verse doppelsinnig erklärt und ihnen außer dem erotischen auch einen theosophischen Sinn unterlegt. Dieser Kommentar ist Calcutta 1808 gedruckt. Vgl. Kathavate, Report p. 14; Eggeling, Ind. Off. Cat., p. 1520 ff.
v3.c21.s8.102
Amaru ein Kaschmirer war (wie Simon meint), da ja auch ein König Amaru sonst ganz unbekannt ist.
v3.c21.s8.103
Sowie Hālas Sattasaī das Hauptwerk der Prākritliebeslyrik ist, so können wir das Amaruśataka als das Hauptwerk der erotischen Sanskritlyrik bezeichnen. Mit der Sattasaī hat das Amaruśataka auch das gemein, daß jede Einzelstrophe ein vollkommenes Werk für sich ist. Das gilt ja eigentlich für die ganze indische Lieder- und Spruchdichtung, selbst für Werke wie Meghadūta oder Ṛtusaṃhāra, wo ein Gedanke sich durch eine größere Reihe von Strophen hindurchzieht. Ganz besonders aber ist das in den Śatakas oder »Zenturien« der Fall, d. h. in den nach Hunderten gezählten Strophensammlungen, die in Indien so sehr beliebt waren¹). Wie die Liedstrophen der Sattasaī, sind auch die des Amaruśataka zum großen Teil Miniaturbildchen aus dem Liebesleben, freilich aus einer ganz anderen Umgebung, als die war, die wir in der Sattasaī kennen gelernt haben. Aber wie dort, so ist auch hier oft von Scheiden und Meiden, von Schmollen und Grollen die Rede, häufiger jedoch von zärtlicher Hingebung und glühenden Umarmungen. Amarus Lieder sind ja durch Übersetzungen ziemlich bekannt. Schon Friedrich Rückert hat »38 Liedchen von Amaru« übersetzt²), und sie haben auch später oft die Kunst der Übersetzer aus dem Sanskrit herausgefordert³). Hier muß eine kleine Auswahl genügen, um eine Vorstellung von dem Charakter dieser Dichtungen zu geben.
v3.c21.s8.104
¹ Von einer »Śatakalyrik« oder »Zenturienpoesie« zu sprechen (s. Simon a. a. O., S. 1 f., Pischel KG, S. 204), ist aber nicht berechtigt. Denn nicht die Zusammenfassung von je hundert Strophen zu einem Werk ist das Charakteristische — es gibt ja auch kürzere und längere lyrische Dichtwerke —, sondern das Dichten in Einzelstrophen.
v3.c21.s8.105
² Im Wendtschen Musenalmanach für das Jahr 1831, S. 127 ff.; Rückert-Nachlese I, 242 ff., 270.
v3.c21.s8.106
³ Ausgewählte Lieder sind übersetzt von L. v. Schroeder, Mangoblüten, S. 77 ff., von Hertel, Indische Gedichte, und von Hans Lindach (Pseud. Hermann Weller), Im Lande der Nymphäen, Bilder aus Indiens Liebesleben nach Amaru, Straßburg und Leipzig 1908. Die ganze Sammlung auch in Böhtlingks »Indischen Sprüchen«. Eine schöne Würdigung der Lyrik Amarus gibt L. v. Schroeder, Reden und Aufsätze, Leipzig 1913, S. 158 ff.
v3.c21.s8.107
Nach Rückert:
v3.c21.s8.108
*›*Seinem Antlitz gegenüber senk' ich scheu den Blick zu Fuß
v3.c21.s8.109
Ohren schließ' ich, welche schmachten nach der Lust von seinem Gruß; Decke mit der Hand den Schweiß, der schauernd aus der Wange dringt; — Freundinnen, was tu' ich, wenn am Mieder jede Naht mir springt?«
v3.c21.s8.110
Nach Leopold von Schroeder:
v3.c21.s8.111
»Sie ist allein mit ihm im Schlafgemach,
v3.c21.s8.112
Das junge Weib; sie sieht den Gatten schlummern, Hebt leis' vom Lager sich empor, betrachtet Sein Antlitz lang, indessen er sich stellt, Als ob er schlafe; — und nun küßt sie leise Ihn einmal übers andre; — da gewahrt sie, Wie sich die Härchen auf der Wange ihm Vor Wonne sträuben, und von Scham erfüllt Senkt sich das Antlitz, da erhebt er sich Und lacht und küßt sie viele, viele Male.« »Zum ersten Male spricht ein kränkend Wort Der Gatte; da erfaßt ein heftig Zittern Des jungen Weibes Glieder, doch sie weiß Kein stechend Wort zu sagen — noch belehrte Sie keine Freundin über solchen Fall; Es irren angstvoll nur die Lotusaugen Umher, und auf die reinen Wangen stürzen Die hellen Tränen, und die Locken zittern.« »Sie furcht die Brauen, aber ach, das Auge Schweift doch voll Sehnsucht zum Geliebten hin; Sie schweigt und spricht kein Wort, doch ihr Gesicht, Obwohl betrübt, zeigt ein holdselig Lächeln; Sie sucht ihr Herz zu stählen, doch die Haut Am ganzen Körper fängt zu rieseln an; Sie sucht zu schmollen, doch, wenn den Geliebten Sie vor sich stehen sieht, — wie soll das enden?«
v3.c21.s8.113
Nach J. J. Meyer (Kāvyasaṃgraha, S. 20 f.):
v3.c21.s8.114
„Ach, du unschuldvolles Kind,
v3.c21.s8.115
Laß die Unschuld fahren! Weißt nicht, wie die Männer sind, Traue meinen Jahren! Schmollen mit dem Liebsten auch Mußt du, hart dich zeigen. So ist’s in der Liebe Brauch, So bleibt er dein eigen.“ „Rede leis, o Freundin mein!“ — Furchtsam drein sie schaute — „Sonst in meines Herzens Schrein Höret es der Traute.“«
v3.c21.s8.116
Nach Hans Lindach:
v3.c21.s8.117
»Ich schickte den Geliebten fort
Nach einem Liebesstreit;
Da kommt der Schelm zurück zu mir —
In meiner Freundin Kleid.
Ich schloß im Wahn, daß sie es sei,
Ihn in die Arme mein
Und sprach ein süß Geheimnis aus,
Den Wunsch, bei ihm zu sein.
Er spricht: „Mein Kind, das ist gar schwer!“
Und küßt und herzt mich lang.
Das hat mir heut der Schelm getan
Nach Sonnenuntergang.«
v3.c21.s8.118
Daß es einen Dichter Amaru wirklich gegeben hat, scheint mir durch das Zeugnis des Ānandavardhana und auch dadurch gesichert, daß wir durch die Lieder des Amaruśataka den Eindruck einer ausgesprochenen Dichterphysiognomie gewinnen. Das wäre nicht der Fall, wenn wir im Amaruśataka, wie manche Forscher glauben, nur eine Anthologie von Liedern verschiedener Dichter zu sehen hätten.
v3.c21.s8.119
Einen großen Teil der indischen Liebeslyrik kennen wir nur aus den Anthologien, in denen auch zahlreiche Strophen sonst unbekannter Dichter (und gelegentlich auch Dichterinnen) vorkommen. Einer der bekannteren Lyriker ist Mayūra, der Zeitgenosse des Bāṇa, der in seinem Mayūrāṣṭaka (»acht Strophen des Mayūra«)¹ eine genaue Kenntnis des Kāmaśāstra verrät. Die Sage erzählt, daß Mayūra in diesen Strophen eine anzügliche Beschreibung der Reize seiner Tochter, der Gemahlin des Bāṇa, gegeben, und daß diese in ihrem Zorn den Vater verflucht habe, worauf er den Aussatz bekam, von dem er sich durch seinen berühmten Hymnus an die Sonne, Sūryaśataka, befreite. Die Verse enthalten die Beschreibung einer schönen jungen Frau, die zum Geliebten geht und dann aus dem Schlafgemach zurückkehrt. Die Anspielungen auf die Kratz- und Beißwunden sowie die Worte: »selbst ein alter Mann wird zum Liebesgott« mochten wohl zu dieser Sage Anlaß gegeben haben.
v3.c21.s8.120
¹ Herausgegeben und ins Englische übersetzt von G. P. Quackenbos in JAOS 31, 1911, 343 ff. und The Sanskrit Poems of Mayūra. p. 67 ff.
v3.c21.s8.121
Zu den berühmtesten Werken der indischen Liebeslyrik gehört die Caurīsuratapañcāśikā, »die fünfzig Strophen vom verstohlenen Liebesgenuß«¹), des kaschmirischen Dichters Bilhaṇa. Es sind dies fünfzig Strophen, die alle mit den Worten »auch heute noch« beginnen, und in denen der Dichter in den üppigsten Bildern und mit glühendster Erotik der Liebesfreuden gedenkt, die er im Umgang mit einer Prinzessin genossen. Auf Grund dieser Verse ist die in verschiedenen Versionen erzählte Sage entstanden, daß der Dichter ein heimliches Liebesverhältnis mit der Tochter des Königs gehabt habe, daß dieses entdeckt und der Dichter zum Tode verurteilt worden sei. Auf der Richtstätte, im Angesicht des Todes, habe er die 50 Strophen gedichtet, die den König so rührten und entzückten, daß er den Dichter begnadigte und ihm seine Tochter zur Frau gab. Daß diese Sage²) keinen historischen Hintergrund hat, geht vor allem daraus hervor, daß Bilhaṇa in seiner Selbstbiographie (siehe oben S. 86) kein Wort davon erwähnt, daß er eine Prinzessin zur Frau gehabt habe, wie auch daraus, daß in manchen Versionen der Sage dieselbe Geschichte nicht von Bilhaṇa, sondern von anderen Persönlichkeiten erzählt wird. Den Versen selbst ist nur zu entnehmen, daß die besungene Geliebte eine Prinzessin ist ¹), aber weder davon, daß es sich um ein heimliches Liebesverhältnis handle, noch von einer Verurteilung des Dichters zum Tode ist in ihnen die Rede ²). Die kaschmirische Rezension hat zwei einleitende Verse, von denen der zweite wie ein Abschied des Dichters fürs Leben aussieht, indem er sagt, er werde nimmer wieder zurückkehren, wenn er einmal in das Netz der koketten Blicke der Götterfrauen gefallen sein werde ³).
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