Geschichte der indischen Litteratur v3.c21.s8.36
Geschichte der indischen Litteratur v3.c21.s8.36
- Language
- German
v3.c21.s8.36
Schon dieser bunte Inhalt der »siebenhundert Strophen« zeigt, daß wir es nicht mit dem Werk eines Dichters, sondern mit dem eines Sammlers zu tun haben. Andererseits zeigen die Lieder doch so sehr einen einheitlichen Charakter, daß wir in Hāla, dem die Sammlung zugeschrieben wird, auf keinen Fall einen bloßen Kompilator einer Anthologie sehen dürfen, sondern vielmehr einen für Volkspoesie begeisterten und auch selbst dichterisch begabten Redaktor, der die Auswahl mit Kunst und Geschmack getroffen und wohl auch den Versen erst die letzte dichterische Form gegeben hat, manches auch selbst hinzugedichtet haben mag. So erklärt sich auch der einleitende Vers 3: »Aus einer Unzahl von Liedstrophen heraus hat der Dichterfreund Hāla die Sammlung von siebenhundert schöner (wörtlich: mit Schmuckmitteln versehener) Strophen gemacht.« Auch Bāṇa hat in Hāla mehr als einen Kompilator gesehen, wenn er in der Einleitung zu seinem Harṣacarita (Vers 14) sagt: »Einen unvergänglichen, feinen¹) Schatz hat Sātavāhana (d. i. Hāla) durch seine schönen in reinen Versmaßen abgefaßten Lieder geschaffen, wie (er sich als König einen unvergänglichen, nicht im Dorf entstandenen Schatz) durch Edelsteine (von lauterer Echtheit geschaffen hat)«¹). Eine Sage erzählt, daß Bhāratī, die Göttin der Dichtkunst, sich einst anderthalb Tage im Heerlager des Sātavāhana aufgehalten und alle Leute bis hinab zu den Elefantentreibern und Rosseknechten zum Dichten von Prākritliedchen begeistert habe, aus denen dann der König seine 700 Strophen auswählte. Es ist wohl nicht zu kühn, wenn wir annehmen, daß diese Sage nichts anderes bedeutet, als daß der König tatsächlich aus dem Munde des Volkes Lieder gesammelt, aus ihnen 700 Strophen ausgewählt und ihnen ein litterarisches Gepräge gegeben hat²).
Cites (1)
- Harṣacarita — Bāṇabhaṭṭa, Sanskrit