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Geschichte der indischen Litteratur v3.c21.s9: Spruchdichtung, Lehrgedichte

Geschichte der indischen Litteratur v3.c21.s9

Language
German

Spruchdichtung, Lehrgedichte

v3.c21.s9.1

Mit der Lyrik hängt die Spruchdichtung eng zusammen. In vielen Werken sind lyrische Strophen und lehrhafte Sprüche zu einer Sammlung vereinigt, so daß es zweifelhaft sein kann, wo sie einzureihen sind. Vielleicht auf keinem Gebiet haben es die Inder zu so vollendeter Meisterschaft gebracht, wie auf dem der Spruchdichtung. Nichts ist ihnen vortrefflicher gelungen, als die Kunst, einen Gedanken in zwei Zeilen — die meisten Sprüche haben die Form von Ślokas — knapp und scharf auszudrücken und oft auch in ein hübsches Bild aus der Natur oder in einen überraschenden, scharfsinnigen Vergleich einzukleiden. Zahlreiche Erzählungen, Sprüche und Äußerungen in der Litteratur beweisen aber auch, wie hoch die Inder zu allen Zeiten einen »guten Spruch« (subhāṣita) geschätzt haben²). Nirgends tritt dies schöner und großartiger hervor als in dem Sāvitrīgedicht des Mahābhārata. Eine Fülle von Spruchweisheit findet sich, wie wir gesehen haben, auch sonst im Mahābhārata, sowohl im eigentlichen Epos als auch insbesondere in den lehrhaften Abschnitten³). Diese Sprüche sind keineswegs immer »Sittensprüche«, sondern sie beziehen sich zum Teil auf Lebensklugheit (artha, nīti), zum Teil auf Moral (dharma)⁴). Sie sind oft in der Tat das Ergebnis einer reichen Lebenserfahrung, und es gibt kaum ein Gebiet des Menschenlebens, das nicht von ihnen berührt wird. Noch heute gilt es als ein Erfordernis der Bildung, passende Sprüche zu kennen, die man am geeigneten Orte in die Unterhaltung einflechten kann¹). Daß dies schon in alter Zeit so war, zeigt ein in den Anthologien zitierter Spruch:

v3.c21.s9.2

² Vgl. z. B. Böhtlingk, Ind. Sprüche 2595, 3135, 4186, 4776, 7194; Manu 2, 239; Subhāṣitāvali 2349.

v3.c21.s9.3

³ Vgl. oben I, 320 f., 323, 341, 359 ff., 376 f.

v3.c21.s9.4

⁴ Der Ausdruck »Ethical Poetry« bei Macdonell, History of Sansk. Lit. 377, ist daher nicht zutreffend. Auch im Mahābhārata (z. B. V, 33—37) wird meistens Lebensklugheit und Moral durcheinander gelehrt.

v3.c21.s9.5

¹ »Keiner gilt, vielleicht mit Recht, als ein gebildeter Mann, wenn er nicht irgendeinen berühmten Ausspruch eines Dichters anführen kann, der ein Licht auf eine Seite der Frage wirft, die den Gegenstand der Unterhaltung bildet, an der er teilnimmt,« sagt der Inder Krishna Śāstrī Bhatavadekar im Vorwort zu einer von ihm herausgegebenen Spruchsammlung; s. Pantschatantra übers. von L. Fritze, S. XI f.

v3.c21.s9.6

»Mit Unrecht man die Zunge Zunge nennt,
Die keinen schönen Ausspruch kennt;
Ein Fleischstück ist sie, in den Mund gesteckt,
Aus Furcht, daß eine Krähe es entdeckt.«²)

v3.c21.s9.7

² Übersetzt von Fritze, Indische Sprüche 387 (Böhtlingk, Ind. Sprüche 4776).

v3.c21.s9.8

Die indischen Dichter liebten es, überall Spruchverse einzufügen. Wir finden sie in den Epen, im Prosaroman und selbst im Drama. Sie bilden einen wesentlichen Bestandteil der religiösen Litteratur der Buddhisten und der Jainas³), und sowohl der religiösen als auch der weltlichen Erzählungslitteratur. Die Śunaḥśepalegende des Aitareyabrāhmaṇa zeigt uns diese Vorliebe für die Spruchdichtung schon in vedischer Zeit. Und die wissenschaftliche Litteratur des Rechts und der Politik (Dharmaśāstra und Nītiśāstra) ist so durchsetzt mit poetischen Sprüchen, daß die Grenze zwischen Lehrdichtung und Wissenschaft oft schwer zu ziehen ist. Später hat man dann die zahlreichen Sprüche, die in den litterarischen Kreisen im Umlaufe waren, und deren Verfasser in der Regel vergessen wurden, zu Sammlungen — mit Vorliebe in Śatakas oder »Hunderten« — vereinigt, und manche Dichter haben auch selbst ganze Sammlungen von Sprüchen verfaßt. Die Grenzen zwischen Kompilationen und selbstgedichteten Sammlungen wurden oft dadurch verwischt, daß die letzteren, wenn sie beliebt waren, durch die Abschreiber im Laufe der Zeit verändert und vermehrt wurden.

v3.c21.s9.9

³ S. oben II, 26, 49, 60, 64 f., 84, 99, 116, 312 f., 343 f., 349 f.

v3.c21.s9.10

Eine der beliebtesten Spruchsammlungen ist diejenige, welche dem Cāṇakya¹), dem Minister des Mauryakönigs Candragupta, zugeschrieben wird. Cāṇakya galt als der Typus des klugen und gewandten Ministers. Unter dem Namen Kauṭilya, »Krummheit«, wird ihm die Verfasserschaft des berühmten Lehrbuchs der Regierungskunst, des Kauṭilīya-Arthaśāstra, zugeschrieben. Und so wie man alles Recht auf Manu, den mythischen ersten König, zurückgeführt und ihn nicht nur zum Verfasser eines Lehrbuchs der Moral und des Rechts, sondern auch zahlreicher im Umlauf befindlicher Rechts- und Sittensprüche gemacht hat, so führte man alle Lehren der Regierungskunst und der Lebensklugheit auf den sagenberühmten Cāṇakya zurück und machte ihn schließlich auch zum Verfasser einer großen Sammlung von Sprüchen, die wahrscheinlich ursprünglich nur Lehren der Regierungskunst (rājanīti) enthielt, aber im Laufe der Zeit unter den Händen der Abschreiber immer mehr den Charakter einer bunt gemischten Sammlung von Sprüchen annahm. Man zählt nicht weniger als siebzehn verschiedene Rezensionen dieser Sammlung, die in den Handschriften unter verschiedenen Titeln erscheinen²). Daß der Minister Cāṇakya wirklich der Verfasser dieser Sprüche ist, daran ist nicht zu denken. Es ist aber auch nicht richtig, in ihnen »Volkspoesie« zu sehen und sie mit Sprichwörtern gleichzusetzen¹), die von Mund zu Mund gehen, ohne daß an einen einzelnen Autor zu denken ist. Diese Sprüche sind vielmehr in litterarischen Kreisen entstanden, sie stammen teils aus Werken der Litteratur, teils rühren sie von Verfassern her, deren Namen vergessen worden sind. Es versteht sich, daß wir eine derartige Sammlung keiner bestimmten Zeit zuweisen können.

v3.c21.s9.11

¹ Der Name, aber noch mehr die Person des Cāṇakya erinnert an Kaṇika, der im Mahābhārata I, 142 als ein Lehrer des Nītiśāstra und eine Art Macchiavelli erscheint.

v3.c21.s9.12

² Rājanītiśāstra, Cāṇakyarājanīti, Rājanītisamuccaya, Cāṇakyanīti, Cāṇakyanītidarpaṇa, Vṛddhacāṇakya, Laghucāṇakya, Cāṇakyaśataka, Cāṇakyanītisāra. Vgl. O. Kreßler, Stimmen indischer Lebensklugheit. Die unter Cāṇakyas Namen gehende Spruchsammlung, in mehreren Rezensionen untersucht und nach einer Rezension übersetzt. Leipzig 1907 (Indica, herausg. von E. Leumann, Heft 4). Andere Ausgaben: Haeberlin 312 ff.; J. Klatt, De trecentis Cāṇakyae poetae Indici sententiis. Diss. Halis Saxonum, Berol. 1873; Weber, Indische Streifen I, 253 ff. und Monatsberichte der k. Akademie Berlin 1864, 400 ff. Über die zahlreichen indischen Drucke s. Kreßler a. a. O., S. 38 ff. Ein auch bei den Buddhisten von Nepal verbreitetes Werk, Cāṇakyasārasaṃgraha, soll 830 Sprüche enthalten (s. Rājendralāla Mitra, Sanskrit Buddhist Lit. of Nepal, p. 282 f.). Ein Cāṇakyanītiśāstra findet sich im tibetischen Tandschur; s. G. Huth, SBA 1895, S. 275. Aus einem Cāṇakyanītiśāstra stammen wahrscheinlich auch die Weisheitssprüche des Šānāq (i. e. Cāṇakya) in dem arabischen Werk Sirāj al-Mulūk von at-Torṭūšī (12. Jahrh.); s. Th. Zachariae in WZKM 28, 1914, 182 ff. Die Sprüche sind wiederholt übersetzt worden, so von D. Galanos ins Griechische, ins Englische von Muir, Metrical Translations from Sanskrit Writers, ins Deutsche von Böhtlingk in den »Indischen Sprüchen«.

v3.c21.s9.13

¹ Wie es Kreßler a. a. O., S. 27, tut.

v3.c21.s9.14

So wie die Sammlung uns jetzt vorliegt, zeigt sie alle chrakteristischen Merkmale der indischen Spruchdichtung überhaupt, auch in bezug auf die Buntheit ihres Inhalts. Trotzdem im Titel der Sammlung meistens das Wort rājanīti (»Königspolitik«) vorkommt, handeln nur verhältnismäßig wenige Sprüche über Regierungskunst. Dagegen finden wir viele allgemeine Lebensregeln, die ebenso »macchiavellistisch« sind wie die Regeln der Königspolitik, ferner zahlreiche Beiträge zur Menschenkenntnis und Regeln für den Umgang mit Menschen, allgemeine Betrachtungen über das menschliche Leben, über Reichtum und Armut, über Schicksal und Menschentat, über die Frauen und endlich auch allerlei pädagogische, religiöse und ethische Lehren. Nur in wenigen Fällen kann man in den ihrem Inhalte nach so bunt zusammengewürfelten Sprüchen Gruppen von zusammenhängenden Strophen finden. So in den Versen VI, 15—22, wo die zwanzig Dinge aufgezählt sind, die der Mensch von den Tieren lernen soll, eines vom Löwen, eines vom Reiher, vier vom Hahn, fünf von der Krähe, sechs vom Hunde und drei vom Esel, — ein im ganzen ziemlich derbes »Lebensbrevier«. Ebenso werden in der Versgruppe XI, 11—17 verschiedene Arten von Brahmanen aufgezählt. Öfters finden wir zusammengehörige Verspaare. Aber im allgemeinen bildet jeder Vers für sich ein einheitliches Ganzes.

v3.c21.s9.15

Beliebt sind Sprüche, in denen — manchmal nicht ohne Humor — verschiedene, wenig zusammenpassende Dinge aufgezählt werden, um jenes Zahlenprinzips willen, das wir im Aṅguttaranikāya und im Thāṇaṃga kennen gelernt haben. Diese Art der Aufzählung ist gewiß volkstümlich gewesen, bevor sie in der Litteratur der Buddhisten und Jainas mit solcher Pedanterie auf ganze Werke ausgedehnt worden ist. Zum Beispiel I, 9f.: »Nicht einen Tag soll man da wohnen, wo die fünf sich nicht finden: ein Reicher, ein Gelehrter, ein König, ein Fluß und ein Arzt. Und man soll seinen Schritt nicht dahin lenken, wo die fünf nicht anzutreffen sind: Lebensunterhalt, Sicherheit, Schamhaftigkeit, Höflichkeit und Freigebigkeit.« Oder IV, 11: »Allein gibt man sich der Buße hin, zu zweien liest man, zu dreien singt man, zu vieren reist man, zu fünfen bebaut man das Feld und zu vielen kämpft man.«

v3.c21.s9.16

VII, 4: »Bei dreierlei soll man sich genügsam zeigen: bei seinem Weibe, beim Essen und beim Gelde; bei dreierlei jedoch soll man sich nicht zufriedengeben: beim Studieren, Büßen und Spenden.« XVII, 19: »Ein König, eine Buhldirne, Yama (der Todesgott), Feuer, ein Räuber, ein Kind, ein Bettler und als achter ein Dorfschulze — alle diese merken nichts von den Leiden des Nächsten.« Oft erscheint die Pointe in Form eines Superlativs am Ende von Aufzählungen, so IV, 13: »Leer ist das Haus des Kinderlosen, leer ist die Gegend, in der kein Verwandter lebt; leer ist das Herz des Toren, und die Leere selbst ist die Armut.« Beliebt sind auch Aufzählungen, die sich an ein Stichwort anschließen oder eine Art Definition enthalten, zum Beispiel IV, 14: »Gift ist ein Buch, das man nicht durchstudiert hat, Gift eine Speise, die man nicht verdaut, Gift ist für den Armen Gesellschaft und Gift ein junges Mädchen für einen Greis.«¹

v3.c21.s9.17

¹ Ganz von derselben Art sind die Sprüche des Bharata, die A. Schiefner (Mahâkâtjâjana and König Tschaṇḍa-Pradjota, Mémoires de l'Académie de St. Pétersbourg, t. XXII, Nr. 7, 1875, S. 54 ff.) aus dem Tibetischen übersetzt hat.

v3.c21.s9.18

Bilder und Gleichnisse sind in der Spruchdichtung immer beliebt, und überaus zahlreich sind die Sprüche, in denen menschliche Verhältnisse durch Beispiele aus der Natur illustriert werden. Z. B. III, 14 f.: »Durch einen einzigen guten Baum, der in Blüte steht und wohl duftet, wird der ganze Wald mit Wohlgeruch erfüllt, gleichwie durch einen guten Sohn ein Geschlecht »in guten Geruch kommt«, d. h. zu Ehren gelangt. Durch einen einzigen dürren Baum, der in Feuersglut verdorrt ist, verdorrt der ganze Wald, gleichwie ein Geschlecht durch einen schlechten Sohn („verdorrt“, d. h. zu Schaden kommt).« V, 18: »Um der Wahrheit willen besteht die Erde, um der Wahrheit willen glüht die Sonne, um der Wahrheit willen weht der Wind: alles beruht auf der Wahrheit.« XII, 7: »Durch den Umgang mit guten Menschen werden Böse gut, nicht aber werden gute Menschen durch den Verkehr mit Bösen böse: den Wohlgeruch, der der Blume anhaftet, nimmt ja das irdene Gefäß (in dem die Blumen sind) an, nicht aber nehmen die Blumen den Geruch des Gefäßes an²).«

v3.c21.s9.19

² Alle Zitate und Übersetzungen nach dem von Kreßler übersetzten Vṛddhacāṇakya.

v3.c21.s9.20

Wenn Cāṇakya nur ein Name ist, der zum Träger der Spruchdichtung gemacht wurde, so ist Bhartṛhari, dessen drei Śatakas oder Zenturien — Śrṅgāraśataka, Nītiśataka und Vairāgyaśataka —³) zu den berühmtesten Werken der indischen Dichtkunst gehören, eine wirkliche Dichterpersönlichkeit. Das zeigt namentlich die erste der drei Sammlungen, das Śr̥ṅgāraśataka, das »Hundert über die Liebe«. Dies ist eine ebenso charakteristische Sammlung erotischer Strophen wie das Amaruśataka. Während aber die Lieder des Amaru uns Bilder aus dem Liebesleben vorführen, enthalten die Strophen des Śr̥ṅgāraśataka allgemeine Betrachtungen über die Liebe und die Frauen. Das Śataka beginnt mit Strophen, in denen von Liebeslust und Frauenschönheit, von der Macht der Liebe und ihren Freuden, insbesondere im Wechsel der Jahreszeiten, gesungen wird. Es folgen dann Verse, in denen die Freuden der Liebe mit dem Glück der durch Buße und Weisheit gewonnenen Seelenruhe verglichen werden; und in dem letzten Viertel des Hunderts kommt der Dichter immer mehr zu der Erkenntnis, daß das Weib doch nur ein süßes Gift, nur eine Schlange am Wege und die Liebe nur ein Köder ist, der zur Weltlust lockt, während das wahre Glück nur in der Weltentsagung und in Gott (Śiva, Brahman) gefunden werden kann. Nun wäre es ja möglich, daß diese Strophen von einem geschickten Kompilator so angeordnet worden sind, daß sie uns das Schwanken des indischen Geistes zwischen Sinnenlust und Weltentsagung vorführen. Und es wäre möglich, daß derselbe Kompilator, indem er das Nītiśataka, »das Hundert von der Lebensklugheit«, und das Vairāgyaśataka, »das Hundert von der Weltentsagung«, zu dem Śr̥ṅgāraśataka hinzufügte, das Ziel verfolgte, in drei »Hunderten« ausgewählter Sprüche den Weg des Weisen von der Sinnenlust zur Tugend und Pflichterfüllung und zum höchsten Ziel, dem Aufgeben dieser Welt, darstellen wollte.

v3.c21.s9.21

³ Ausgaben: Bhartriharis sententiae ... ed., latine vertit et commentariis instruxit P. a Bohlen, Berolini 1833. Haeberlin 143 ff. The Nītiśataka and Vairāgyaśataka of Bh., with Extracts from two Sanskrit Commentaries ed. by K. T. Telang BSS Nr. 11, 1885. Subhāṣita- Triśatī of Bh., with the Com. of Rāmacandra Budhendra, ed. by P. Parab. Bombay 1902 NSP. Ausgabe mit Ṭīkā und Bhāṣāṭīkā von Gaṅgāviṣṇugupta und Khemarājagupta, Bombay 1885.

v3.c21.s9.22

Aber gegen diese verbreitete Annahme, daß die Bhartr̥hariśatakas nur Anthologien seien¹, sprechen zwei gewichtige Gründe. Erstens die einstimmige und ununterbrochene Überlieferung der Inder. Man sage nicht, daß eine ähnliche Überlieferung auch den Vyāsa zum Dichter des Mahābhārata und den Cāṇakya zum Verfasser der nach ihm benannten Spruchsammlung macht. Vyāsa ist ein alter Ṛṣi, den man gerne zum Verfasser von altehrwürdigen Texten machte, denen man eine besondere Heiligkeit zuerkannt wissen wollte. Cāṇakya ist ein wegen seiner Staatsklugheit hochberühmter Kanzler, den man gerne zum Träger aller Aussprüche über Staatsweisheit und dann über Weltklugheit überhaupt machte. Aber der Name Bhartṛhari ist nur als der Dichter der Sprüche und als der eines Grammatikers bekannt; denn die Sagen, die sich auch an seinen Namen knüpfen, sind sehr späten Ursprungs und wahrscheinlich erst auf Grund der unter seinem Namen gehenden Sprüche entstanden. Zweitens zeigen uns nicht nur die drei Śatakas, sondern vielmehr noch das Śṛṅgāraśataka allein eine ganz ausgesprochene Dichterphysiognomie. Die Verse des Śṛṅgāraśataka und auch ein großer Teil der beiden anderen Śatakas tragen ein so bestimmtes individuelles Gepräge, daß J. J. Meyer¹ den Bhartṛhari »einen rechten Charakterkopf aus Altindien« nennen konnte, der in seinem Schwanken zwischen glühender Sinnlichkeit und Askese den »typischen Hindu« darstelle, und daß H. Oldenberg², obgleich er an der Verfasserschaft des Bhartṛhari zweifelt und die Frage, »wie weit ihm eine einzelne, bestimmte Persönlichkeit entspricht«, offen läßt, ihn doch »einen indischen Tannhäuser« genannt hat. Was für Bhartṛhari so besonders charakteristisch ist, das ist nicht einmal so sehr der Übergang von der Weltlust zur Weltentsagung, wie er in dem Vers ausgesprochen ist:

v3.c21.s9.23

¹ So Colebrooke, Misc. Essays II, 174; v. Bohlen, Praefatio, p. VIII, seiner Ausgabe; Aufrecht, Leipzig Nr. 417 (»Sprüche von verschiedenen Dichtern, welche in früher Zeit in drei sogenannten Zenturien zusammengestellt und einem Dichter Bhartr̥hari zugeteilt wurden«) und CC, p. 397; Pathak, JBRAS 18, 348 (»collection of elegant extracts for many of which Bh. was indebted to previous writers«) und besonders Hertel, WZKM 16, 202 ff.; Tantrākhyāyika-Übersetzung I, S. 4, und LZB 1907, 3. August.

v3.c21.s9.24

¹ Daśakumāracarita-Übersetzung S. 1 f.

v3.c21.s9.25

² LAI S. 226.

v3.c21.s9.26

»Als in der Finsternis der Liebe ich
Unwissend wanderte, da sah ich nichts,
Nichts in der weiten Welt als nur die Weiber;
Jetzt aber, da die Blindheit mir geheilt
Durch der Erkenntnis scharfe Augensalbe,
Da überschaut mein Aug' gleichmütig alles
Und sieht in dieser Welt nur eins noch: Brahma!«³

v3.c21.s9.27

³ Śṛṅgāraś. 98, übersetzt von L. v. Schroeder, Mangoblüten, S. 24.

v3.c21.s9.28

als die Anschauung, daß Liebe und Weisheit nicht zwei Pole des Daseins, sondern zwei Wege zum Glück darstellen, so wenn er sagt:

v3.c21.s9.29

»Zwei Wege sind in dieser argen Welt,
Auf denen sich der Sterbliche gefällt:
Er mag aus heil'gen Schriften Weisheit trinken,
Er mag an eines Mädchens Busen sinken.«

v3.c21.s9.30

Oder noch deutlicher:

v3.c21.s9.31

»Warum viele Worte machen?
Zwiefach könnt ihr selig sein:
Setzet euch zu schönen Weibern
Oder in den Büßerhain¹.«

v3.c21.s9.32

¹ Śṛṅgāraś. 19 und 53, übersetzt von P. v. Bohlen.

v3.c21.s9.33

Ich glaube also, daß es ein altes Werk von Śatakas des Bhartṛhari gegeben hat, und daß im Śṛṅgāraśataka der ursprüngliche Strophenbestand noch so ziemlich erhalten geblieben ist, während allerdings das Vairāgyaśataka und noch mehr das Nītiśataka durch die Ungenauigkeit und Willkür von Abschreibern mehr oder weniger zu Anthologien geworden sind, in denen sich vielleicht nur ein kleiner Teil von echten Versen des Bhartṛhari erhalten hat.

v3.c21.s9.34

Ob dieser Dichter mit dem Grammatiker Bhartṛhari, dem Verfasser eines Kommentars zu Patañjalis Mahābhāṣya und des sprachphilosophischen Werkes Vākyapadīya, identisch ist, läßt sich nicht feststellen. Von diesem Gelehrten Bhartṛhari erzählt der chinesische Pilger I-tsing, daß er ein treuer Anhänger des Buddhismus, in ganz Indien berühmt gewesen und vor vierzig Jahren gestorben sei. Da I-tsing seinen Bericht im Jahre 691 geschrieben hat, so müßte also Bhartṛhari um 651 gestorben sein²). Daß nun dieser Grammatiker auch der Verfasser von Sprüchen sei, sagt I-tsing nicht, aber er erzählt von ihm eine merkwürdige Geschichte: Siebenmal nacheinander sei er Mönch geworden und immer wieder zum weltlichen Leben zurückgekehrt. Einst, als er gerade seine weltlichen Begierden bezwungen hatte und sich im Kloster aufhielt, soll er einen Jünger aufgefordert haben, ihm einen Wagen außerhalb des Klosters bereit zu halten, da er fühle, daß er zum Mönch doch nicht geeignet sei. I-tsing führt auch einen Vers an, in welchem Bhartṛhari sich Selbstvorwürfe macht über seine Unfähigkeit, den Lockungen der Welt zu widerstehen. Max Müller¹) hat auf Grund dieses Berichtes vermutet, daß der Grammatiker Bhartṛhari auch der Dichter unserer Śatakas sei. Tatsache ist, daß die von I-tsing erzählten Geschichten auf unseren Dichter und nur auf diesen sehr gut passen. Andererseits ist es doch sehr merkwürdig, daß der chinesische Pilger, der uns so viel von diesem Mann erzählt, gerade das Werk nicht erwähnt hätte, durch das sein Name in ganz Indien bekannt geblieben ist, während die von ihm erwähnten grammatischen und philosophischen Werke fast verschollen sind. Ferner ist Bhartṛhari in den Śatakas sicher kein Buddhist, sondern ein ausgesprochener Verehrer des Śiva im vedāntistischen Sinn²). Nun wäre es möglich, daß Bhartṛhari ein Śaiva-Brahmane war, der zuerst Hofdichter³) und Lebemann, dann Anhänger des Śaiva-Vedānta gewesen ist und schließlich zum Buddhismus bekehrt wurde⁴). In diesem Falle müßte man annehmen, daß I-tsing von den Śatakas nichts erwähnt oder ihm nichts von ihnen erzählt wurde, weil sie in des Dichters vorbuddhistische Zeit fallen. Aber gerade mit Rücksicht auf die von I-tsing erzählten Geschichten ist diese Annahme nicht sehr wahrscheinlich. Wenn man nun nicht etwa annehmen will, daß in den sehr unbestimmten Angaben des I-tsing über die Werke des Bhartṛhari doch auch ein Hinweis auf die Śatakas stecke⁵), so bleibt nichts übrig, als anzunehmen, daß I-tsing bloß von den Werken des Grammatikers Bhartṛhari gehört hatte⁶), daß aber die Geschichten, die man ihm über Bhartṛhari erzählte, sich auf einen älteren Dichter dieses Namens, den Dichter der Śatakas, bezogen. Dann würde dieser Dichter eine beträchtliche Zeit vor 650 gelebt haben¹).

v3.c21.s9.35

² I-tsing, A Record of the Buddhist Religion, transl. by J. Takakusu, p. 178 ff.

v3.c21.s9.36

¹ Indien in seiner weltgeschichtlichen Bedeutung, S. 302 ff.

v3.c21.s9.37

² Vgl. Telang, Introduction zur Ausgabe, pp. IX f., XXIII f., und E. La Terza in OC XII, Rome 1899, I, 201 ff.

v3.c21.s9.38

³ Darauf, daß er ein Hofdichter gewesen ist, könnten die zahlreichen Verse im Vairāgyaśataka hindeuten, in denen von dem Ekel und den Demütigungen des Fürstendienstes gesprochen wird.

v3.c21.s9.39

⁴ Daß der Grammatiker Bhartṛhari Buddhist war, ist nach K. B. Pathak, JBRAS 18, 1893, 341 ff. wahrscheinlich.

v3.c21.s9.40

⁵ Wenn er z. B. sagt, daß das Bhartṛhariśāstra nicht nur über Grammatik, sondern auch über die Prinzipien des menschlichen Lebens handle, und daß in dem Buch Peina die Schönheit der menschlichen Prinzipien behandelt werde.

v3.c21.s9.41

⁶ Daß I-tsing diese Werke selbst gekannt habe, ist nicht anzunehmen. Dazu sind seine Angaben über sie viel zu unbestimmt; s. Bühler bei Takakusu, a. a. O. p. 225.

v3.c21.s9.42

¹ Aus den Versen, die Bhartṛhari mit anderen Werken (Tantrākhyāyika, Kālidāsas Śākuntala, Viśākhadattas Mudrārākṣasa) gemein hat, lassen sich keine chronologischen Schlüsse ziehen, weil wir nicht wissen können, ob die betreffenden Verse dem ursprünglichen Werk des Bhartṛhari angehört haben oder nicht.

v3.c21.s9.43

Ganz wertlos für die Biographie des Dichters sind die Sagen und Erzählungen, die den Bhartṛhari zu einem Bruder des sagenberühmten Königs Vikramāditya machen. Eine solche Sage erzählt Merutuṅga in seiner großen Sammlung litterarischer Anekdoten²), eine andere, die Geschichte von der wandernden Frucht, findet sich im Kommentar zum Nītiśataka (Vers 2)³), wo sie zur Erklärung des Verses dient:

v3.c21.s9.44

² Prabandhacintāmaṇi, transl. by C. H. Tawney, p. 198. Eine andere Sage wurde dem Missionar Abraham Roger (Offne Tür zu dem verborgenen Heydenthum, S. 460 ff.) von seinem Brahmanen erzählt. Vgl. auch Gray, JAOS 25, 1904, 226 ff.

v3.c21.s9.45

³ Auch in der Einleitung zu Siṃhāsanadvātriṃśikā und zur Hindi-Bearbeitung der Vetālapañcaviṃśatikā; s. Weber, Ind. Stud. 15, 210, 212 ff., 270 f., und H. Oesterley, Baitál Pachísí, S. 13 ff., 176 ff.

v3.c21.s9.46

»An die ich ewig denke, sie, sie mag mich nicht,
Sie liebt einen andren Mann, der eine andere liebt;
Und wieder eine andre um meine Liebe wirbt:
Weh ihr und ihm, weh mir und ihr und weh der Liebe!«

v3.c21.s9.47

Während diese Sagen offenbar zur Erklärung einzelner Verse des Bhartṛhari erfunden oder zu dem Zweck herangezogen sind, gibt es andere Sagen, die den Bhartṛhari zu einem Schüler des Gorakṣanātha, eines Śaiva-Heiligen des 15. Jahrhunderts, machen⁴). Ob es sich hier um einen kühnen Anachronismus oder um einen anderen Bhartṛhari handelt, muß dahingestellt bleiben.

v3.c21.s9.48

⁴ Eine dieser Sagen ist dramatisiert im Bhartṛharinirveda, s. Gray, JAOS 25, 1904, 197 ff., eine andere hörte A. V. W. Jackson in Ujjein, s. JAOS 23, 1902, 313 f.

v3.c21.s9.49

Bhartṛhari ist wohl der erste indische Dichter, der in Europa bekannt geworden ist. Der holländische kalvinistische Missionär Abraham Roger ließ sich durch einen Brahmanen Padmanābha die Sprüche des Bhartṛhari erklären und fügte sie in Übersetzung seinem 1651 in Leiden veröffentlichten Buch »De open Deure tot het verborgen Heydendom« bei ¹). Aus diesem Buch lernte Herder die Sprüche kennen, von denen er eine Auswahl übersetzte ²). Seither sind die Sprüche des Bhartṛhari oft übersetzt worden ³). Daß der Ruhm Bhartṛharis berechtigt ist, mögen einige wenige Proben zeigen:

v3.c21.s9.50

¹ A. Rogers Offne Tür zu dem verborgenen Heydenthum, aus dem Niederländischen übersetzt, Nürnberg 1663, S. 459—536: »Deß Heydnischen Barthrouherri hundert Sprüche von dem Weg zum Himmel; und hundert Sprüche von dem vernünftigen Wandel unter den Menschen«. Das ist also nur die Übersetzung des Vairāgyaśataka und des Nītiśataka. Die »Liebessprüche« wollte ihm der Brahmane »um einer oder der andern Ursachen willen, wie es das Ansehen hatte, nicht verteutschen«.

v3.c21.s9.51

² Zuerst 1792 in den »Gedanken einiger Brahmanen« (Herders sämtl. Werke 1828, Zur Litteratur und Kunst, Bd. 9, 141 ff.), auch in den »Vermischten Stücken aus verschiedenen morgenländischen Dichtern«, ebd. S. 157 ff., einige auch in J. G. v. Herders »Blumenlese aus morgenländischen Dichtern«, Berlin 1818.

v3.c21.s9.52

³ Eine vollständige metrische Übertragung von P. von Bohlen, Hamburg 1835. Ausgewählte Sprüche, übersetzt von Rückert (Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes II, Göttingen 1837, S. 14 ff.; Rückert-Nachlese I, 341 ff.), Hoefer (Indische Gedichte I, 141 ff.; II, 168 ff.), L. v. Schroeder (Mangoblüten 21 ff.; vgl. Reden und Aufsätze, S. 163 ff.), E. Meier, Klassische Dichtungen der Inder III, 75 ff.; vollständig auch in Böhtlingk, Indische Sprüche, aufgenommen.

v3.c21.s9.53

»Nur jene Dichter sind nicht recht bei Trost,
Die ewig singen von des Weibes Schwäche.
Durch deren Augenwink die Götter selbst
Gefesselt werden, heißen solche schwach?«

v3.c21.s9.54

»So lange brennt der Weisheit Fackel klar und hell,
Bis schöne Augen winken: dann verlöscht sie schnell.«

v3.c21.s9.55

»So wie die Flamme des Lichts auch umgewendet hinaufstrahlt,
So, vom Schicksal gebeugt, strebet der Gute empor.«

v3.c21.s9.56

»In Ungemach und Leiden soll
Der Gute standhaft bleiben:
Der halbe Mond wird wieder voll,
Und auch gefället können wohl
Des Baumes Wurzeln treiben.«

v3.c21.s9.57

»Das Feuer bändigt man mit Wasser,
Mit einem Schirm die Sonnenglut,
Den Ochs und Esel mit der Peitsche,
Mit Stacheln Elefantenwut;

v3.c21.s9.58

Man heilt mit Arzenei das Fieber,
Und Schlangenbisse man bespricht:
So hat hier alles seine Mittel,
Allein die Torheit hat sie nicht.«

v3.c21.s9.59

»Die Erd' ist unser Bett,
Der Arm ist unser Pfühl,
Der Himmel unser Thron,
Der Zephir hält uns kühl;
Entsagung unser Weib,
Der Mond ist unser Licht:
Und darum tauschen wir
Mit einem Fürsten nicht.«

v3.c21.s9.60

»Erde, du meine Mutter, und du mein Vater, der Lufthauch, Und du Feuer, mein Freund, du mein Verwandter, der Strom, Und mein Bruder, der Äther, ich sag' euch allen mit Ehrfurcht Freundlichen Dank. Mit euch hab' ich hienieden gelebt Und geh' jetzt zur anderen Welt, euch gerne verlassend; Lebt wohl, Bruder und Freund, Vater und Mutter, lebt wohl!«¹)

v3.c21.s9.61

¹ Śṛṅgāraś. 10, 55; Nītiś. 75, 84, Zusätze 1; Vairāgyaś. 89, 96, nach der Übersetzung von P. v. Bohlen.

v3.c21.s9.62

Bhartṛhari hat bis in die neueste Zeit hinein seine Nachahmer gefunden. Schwächere Epigonen haben seine Kunst in künstlicheren Versmaßen und im Kāvyastil zu überbieten gesucht, aber seinen Gedankenreichtum haben sie nie erreicht, sondern sich nur im Rahmen der Schablone bewegt²).

v3.c21.s9.63

² Ein altes Prākritwerk von der Art der Bhartṛhariśatakas ist das Rasiapaāsaṇa von dem Buddhisten Vairocana in 400 gāthās, die (nach den wenigen Proben, die S. P. V. Raṅganāthasvami Aryavaraguru, JASB N. S. 6, 1910, 167 ff., gegeben hat) originelle Gedanken enthalten.

v3.c21.s9.64

Ähnlich dem Nītiśataka des Bhartṛhari ist das Bhallaṭaśataka³) des kaschmirischen Dichters Bhallaṭa, der unter dem König Śaṅkaravarman (883—902) lebte⁴). Die Strophen sind in sehr verschiedenen Versmaßen abgefaßt. Als Beispiel übersetze ich eine der allegorischen Strophen:

v3.c21.s9.65

³ Herausgegeben in Km., Part. IV, p. 140 ff.

v3.c21.s9.66

⁴ Nach Rājantaraṅgiṇī 5, 204, wo von diesem König gesagt wird, daß er aus Geiz die Gesellschaft hervorragender Männer mied, so daß große Dichter wie Bhallaṭa in Armut lebten. Verse von ihm werden im Aucityālaṃkāra, im Kāvyaprakāśa und in den Anthologien zitiert, s. Peterson, JBRAS 16, 167 ff. und Subh. 75 ff.; Aufrecht, ZDMG 41, 488. Daß eine von Ānandavardhana gedichtete Strophe sich in unserem Bhallaṭaśataka findet, zeigt, daß auch in diese Sammlung fremde Sprüche Eingang gefunden haben; s. Jacobi, ZDMG 56, 1902, 405.

v3.c21.s9.67

»Sieh diese Körnchen Staub, so leicht von Gewicht,
Sie zählen nichts, man tritt sie mit dem Fuß,
Sie liegen Tag für Tag auf schmutziger Erde; —
Auf einmal hebt der falsche Wind sie hoch,
Und sieh! Sie schweben über Bergesgipfeln.«

v3.c21.s9.68

Eine Nachahmung von Bhartṛharis Vairāgyaśataka ist das Šāntiśataka, »das Hundert vom Seelenfrieden«¹), von Šilhaṇa²), der auch aus Kaschmir stammt, vielleicht aber in Bengalen litterarisch tätig war. Einige der Verse kommen auch bei Bhartṛhari und ein Vers im Nāgānanda des Harṣadeva vor. Die große Mehrzahl der Verse sind aber solche, die wir außer im Šāntiśataka nur noch in Anthologien finden. Da Šilhaṇa selbst sagt, er habe das Werk »gemacht« (vidadhe), so glaube ich, daß er als Verfasser und nicht als Kompilator der Sprüche anzusehen ist, wenn er sich auch nichts daraus gemacht haben wird, stark zu »zitieren«. Das Šāntiśataka ist reine Asketenpoesie, in der das Thema von der Nichtigkeit des Daseins und der Herrlichkeit der Weltentsagung und des Büßerlebens in ziemlich eintöniger Weise behandelt wird. Manche Verse des Bhartṛhari sind nicht wörtlich entlehnt, sondern verändert. Einige dieser Veränderungen beruhen darauf, daß Bhartṛhari den Šiva und Šilhaṇa den Viṣṇu als höchste Gottheit verehrte. Wie bei allen derartigen Werken, weichen aber die Handschriften sehr stark voneinander ab, so daß nicht mit Sicherheit festzustellen ist, welche Verse zur ursprünglichen Sammlung gehören, und welche hinzugefügt worden sind³).

v3.c21.s9.69

¹ Mit Einleitung, kritischem Apparat, Übersetzung und Anmerkungen herausgegeben von K. Schönfeld, Leipzig 1910. Vgl. A. B. Keith, JRAS 1911, 257 ff. Auch in Haeberlin 410 ff.

v3.c21.s9.70

² Der Name wird verschieden geschrieben. Pischel vermutet, daß der Verfasser der Dichter Bilhaṇa ist, da dieser Name manchmal Silhaṇa oder Cilhaṇa geschrieben wird und ein Vers des Bilhaṇa in manchen HSS. des Šāntiśataka vorkommt.

v3.c21.s9.71

³ Ein Nachahmer des Bhartṛhari ist auch Dhanadarāja, der im Jahre 1434 drei Šatakas verfaßte. (Herausgegeben in Km., Part XIII, 1903, 33 ff.) Ein Śṛṅgāra- und ein Vairāgyaśataka verfaßte Janārdanabhaṭṭa. (Herausgegeben in Km., Part XI, 1895, 133 ff., und Part XIII, 131 ff.) Appaya Dīkṣita verfaßte ein Vairāgyaśataka. (Herausgegeben in Km., Part I, 91 ff.) Ein Śṛṅgāraśataka in künstlichen Versmaßen gibt es auch von Narahari. Es ist herausgegeben in Km., Part XII, 1897, 37 ff. Der Name Narahari kommt so oft als Autor vor, daß es unmöglich ist, seine Zeit zu bestimmen. Ein Narahari schrieb 1220 einen Kommentar zum Kāvyaprakāśa; s. Peterson, Rep. IV, p. LXIX.

v3.c21.s9.72

Unter dem Namen des Nāgarāja, eines Königs aus dem Ṭākageschlecht, gibt es ein Bhāvaśataka¹), eine Art Rätselsammlung. In jedem Vers wird von irgendeiner Person gesagt, daß sie in einer gewissen Lage dies oder jenes tun würde; warum sie so oder so handelt, soll der Leser erraten, zuweilen wird es auch am Schlusse des Verses ausgesprochen. In dem aus unbekannter Zeit stammenden Upadeśaśataka²) von Gumānī wird unter Anspielung auf bekannte Mythen und Sagen allgemeine Moral gelehrt. Ein Śataka ist auch die Anyoktimuktalatā³), 108 kunstvolle allegorische Strophen, von Śambhu, der am Hofe des Königs Harṣadeva von Kaschmir (1089—1101) lebte⁴).

v3.c21.s9.73

¹ Herausgegeben in Km., Part IV, 37 ff. Vgl. Bhandarkar, Report 1882/83, p. 9 f., 198; Peterson, 3 Reports 21 f., 338 f. Es gibt auch ein Śṛṅgāraśataka von Nāgarāja. Seine Zeit ist unbestimmt. Nach R. Schmidt, Das alte und moderne Indien, Bonn und Leipzig 1919, S. 184, wäre Nāgarāja nur der Gönner des Dichters Bhāva, nicht der Verfasser des Śataka.

v3.c21.s9.74

² Herausgegeben in Km., Part II, 1886, 21 f.

v3.c21.s9.75

³ Herausgegeben in Km., Part II, 61 ff. Śambhus Gedicht Rājendrakarṇapūra (herausgegeben in Km., Part I, 22 ff.) ist eine Verherrlichung des Königs Harṣadeva. Ein Sohn des Śambhu wird von Maṅkha (Śrīkaṇṭhacarita 25, 97) unter seinen Zeitgenossen erwähnt.

v3.c21.s9.76

⁴ Allegorische Strophen enthält auch das Anyoktiśataka von Bhaṭṭa Vīreśvara, herausgegeben in Km., Part V, 89 ff., das Anyāpadeśaśataka von Nīlakaṇṭha Dīkṣita, herausgegeben in Km., Part VI, 1890, 143 ff., und ein Śataka mit demselben Titel von Madhusūdana aus Mithilā, herausgegeben in Km., Part IX, 1893, 64 ff. Eine Spruchsammlung in zwölf Abschnitten zu je zwölf Versen ist die Subhāṣitanīvī von dem Vedāntalehrer Veṅkaṭanātha, herausgegeben in Km., Part VIII, 1891, 151 ff. Der Verfasser wird oft nur Vedāntadeśika genannt und soll 1268—1376 gelebt haben; s. Krishnamacharya, 48 f., 123 f. Eine Sammlung von 94 Strophen ist die Lokoktimuktāvalī von Dakṣiṇāmūrti, herausgegeben in Km., Part XI, 1895, 65 ff.

v3.c21.s9.77

Ein sonst unbekannter Dichter Kusumadeva ist der Verfasser des Dṛṣṭāntaśataka (oder Dṛṣṭāntakalikā⁵), einer Sammlung von hundert Sprüchen, in denen eine in der ersten Zeile ausgesprochene Weisheitslehre durch ein Beispiel (dṛṣṭānta) in der zweiten Zeile erläutert wird, z. B. Vers 10:

v3.c21.s9.78

⁵ Haeberlin 217 ff. In Vallabhadevas Subhāṣitāvali 287—307 werden 21 Verse aus der Sammlung zitiert (aber nicht in der Reihenfolge, wie sie in unserem Text stehen). Kusumadeva muß also älter sein als Vallabhadeva.

v3.c21.s9.79

»Der Edle nur vermag Erschütterung durch Leid zu tragen,
nicht der Gemeine:
Es hält der Edelstein des Schleifsteins Reibung aus,
doch nicht gemeiner Lehm.«

v3.c21.s9.80

Kleinere Sammlungen von Sprüchen — ob Kompilationen oder selbständige Dichtungen, läßt sich nicht feststellen — sind der dem Ghaṭakarpara zugeschriebene Nītisāra, der Nītipradīpa von Vetālabhaṭṭa und das dem Vararuci zugeschriebene Nītiratna¹). Vararuci ist am besten bekannt als Verfasser einer Prākritgrammatik, aber in den Anthologien finden sich auch Verse von ihm, und Rājaśekhara nennt ihn in einer Liste hervorragender Dichter²). Eines guten Dichters würdig sind folgende dem Vararuci im Nītiratna zugeschriebenen Verse:

v3.c21.s9.81

¹ Texte in Haeberlin 502 ff., 526 ff., übersetzt von Böhtlingk, Indische Sprüche.

v3.c21.s9.82

² Er schreibt ihm ein Gedicht Kaṇṭhābharaṇa, »Kehlenschmuck«, zu; s. Peterson, JBRAS 17, 59.

v3.c21.s9.83

»O Brahman! So viel du willst, vergilt
Mir alle meine bösen Taten, —
Doch schreib' nur ja nicht, schreibe nicht,
Ich flehe dich an, die Schicksalslosung,
Daß Dichter sie werden sollen, denen,
Die ohne Geschmack sind, an die Stirn.« (2)

v3.c21.s9.84

»Am Giftbaum des Lebens wachsen
Zwei nektargleiche Früchte:
Genuß des Nektars der Dichtung,
Gespräch mit guten Menschen.« (3)

v3.c21.s9.85

»Wär' auch der Krähe Schnabel mit Gold belegt
Und ihre Füße mit Rubinen geziert,
Und hingen Perlen auch an ihren Flügeln —
Sie bliebe Krähe doch und würde
Zum Goldflamingo nie.« (8)

v3.c21.s9.86

Teils Lyrik, teils Spruchdichtung ist der Bhāminīvilāsa³) des Jagannātha, den wir schon als Theoretiker der Poetik und als Lyriker kennen gelernt haben¹). Mit den Śatakas des Bhartṛhari hat der Bhāminīvilāsa außer dem zwischen Moral, Erotik und Weltentsagung schwankenden Inhalt auch das gemein, daß der Text unsicher und die Zahl der Verse in den Handschriften sehr verschieden ist. Das Werk besteht aus vier Teilen (vilāsa). Der erste Teil — die Zahl der Verse schwankt zwischen 100 und 130 — enthält Sittensprüche, von denen viele allegorisch sind²). Der zweite Teil — die Handschriften schwanken zwischen 101 und 184 Versen — besteht aus erotischen Strophen. Der dritte Teil, aus nur 18 bis 19 Strophen bestehend, ist eine Elegie auf den Tod einer geliebten Frau. Und der vierte Teil (31 bis 46 Verse) enthält Strophen über Seelenruhe, Weltentsagung und Aufgehen in der mit Kṛṣṇa identifizierten Weltseele. Einige Proben mögen von dem Charakter der Dichtung Jagannāthas eine Vorstellung geben:

v3.c21.s9.87

³ Der Titel bedeutet: »Der Schönen Spiel« oder »Das Spiel der Bhāminī«, wenn Bhāminī als Eigenname einer Frau aufgefaßt wird.

v3.c21.s9.88

¹ S. oben S. 26, 126.

v3.c21.s9.89

² Daher auch anyoktivilāsa genannt.

v3.c21.s9.90

»Besser ist es, keine Tugenden zu haben;
Weh dem Manne, der durch Tugenden hervorragt!
Andre Bäume blüh’n und gedeihen glänzend, —-
Sandelbäume fällt man um des Duftes willen.« (I, 86)

v3.c21.s9.91

»Und wär’ ein Haus mit aller Glückesfülle auch gesegnet,
So ist es, fehlt darin die Hausfrau mit Gazellenaugen,
Nichts andres als ein öder Wald.« (II, 154)

v3.c21.s9.92

»Dahin ist alles der Vergessenheit Pfad gewandelt,
Sogar das Wissen, das ich mühvoll erwarb, verschwindet:
Nur sie alleine, mit den Augen der jungen Hindin,
Gleich einer Gottheit wird sie nimmer mein Herz verlassen.«
(III, 3; übers. von P. v. Bohlen.)

v3.c21.s9.93

Der Text mit französischer Übersetzung herausgeg. von A. Bergaigne, Paris 1872 (Bibl. des hautes études I, 9); ed. with a Sanskrit gloss by Lakshma Ramachandra Vaidya, Bombay 1887. (In der Einleitung gibt Vaidya eine Liste der Werke des Jagannātha.) Trente stances du Bhâminî-Vilâsa accompagnées de fragments du commentaire inédit de Maṇirāma, publ. et trad. par V. Henry, Paris 1885. D. Galanos hat 98 Strophen des ersten Buches in seinem Ἰνδικῶν Μεταφράσεων Πρόδρομος (Athen 1845) ins Griechische übersetzt. P. v. Bohlen hat das dritte Buch herausgegeben und ins Deutsche übersetzt im Anhang zu seiner Ausgabe des Ṛtusaṃhāra, Lipsiae 1840. Dasselbe Buch ist auch übersetzt von A. Hoefer, Ind. Gedichte II, 141 ff.

v3.c21.s9.94

»Du gabst die Hand mir, um vor Straucheln den Fuß zu wahren,
Du blühtest glücklich seit dem Tage, der uns verbunden;
Ach, warum gingst du denn so frühe von mir gen Himmel!
So klagt beständig mein verlassenes Herz, o Gattin!«
(III, 5; übers. von P. v. Bohlen.)

v3.c21.s9.95

Der vierte Teil ist ganz der Verehrung des Kṛṣṇa-Viṣṇu gewidmet. In IV, 40 versichert der Dichter mit einem Wortspiel und nicht gerade bescheiden, daß die Einfältigen, denen »Jagannāthas Sang« — Jagannāthabhaṇitiḥ, was auch so viel wie Bhagavadgītā bedeuten kann — »nicht Wonne bereitet, schon tot sind, wenn sie auch leben«.

v3.c21.s9.96

Größere und kleinere Lehrgedichte über bestimmte, sei es religiöse oder weltliche Gegenstände schließen sich an die Spruchdichtung an. Ein berühmtes religiöses Lehrgedicht ist der aus 17 oder 18 gereimten Strophen bestehende Mohamudgara, »Hammer für die Verblendung«¹), der dem Śaṅkara zugeschrieben wird. Die Verse handeln über die Nichtigkeit des Daseins, den Segen der Seelenruhe und die Erkenntnis Viṣṇus. Ich gebe einige Verse in der Übersetzung von P. v. Bohlen:

v3.c21.s9.97

¹ Text in Haeberlin 265 ff. und A. Hoefer, Sanskrit-Lesebuch 74 ff. Den Text mit englischer Übersetzung hat W. Jones in As. Res. I, 34 ff., veröffentlicht. Nach dieser Übersetzung hat Herder einige Strophen frei nachgedichtet in dem Gedicht »Die Entzauberung, Lehre der Braminen« (Herders Werke, herausgegeben von P. Suphan, Bd. 26, 419 f.). Deutsche Übersetzungen von P. v. Bohlen, Das alte Indien, Königsberg 1830, S. 375 ff., von B. Hirzel (Morgenblatt 1834), A. Hoefer, Ind. Gedichte II, 149 ff., und H. Brockhaus (Über den Druck sanskritischer Werke mit lateinischen Buchstaben, Leipzig 1841, 85 ff.). Text mit französischer Übersetzung von F. Nève in JA 1841, s. 3, t. XII, 607 ff.

v3.c21.s9.98

»Setze den Stolz nicht auf Güter und Jugend,
Nicht auf die Menschen: der Augenblick raubt sie,
Und wie die Täuschung der Māyā vergehen sie;
Erkenne den Höchsten und baue auf ihn.« (3)

v3.c21.s9.99

»Hier die Erzeugten und dort die Erbleichten,
Und ebenso viele im Mutterschoß!
Wechselnde Leiden im irdischen Dasein:
Sterblicher, kannst du des Lebens dich freu'n?« (6)

v3.c21.s9.100

»Wohn' unter Bäumen in ärmlichem Kittel,
Schlaf auf der Erde, den Himmel zum Zelt,
Meid es, den Sinnengenuß zu erjagen:
Dann ist dir Ruhe und Frieden gewiß.« (10)

v3.c21.s9.101

Dem Śaṅkara wird auch die Śataślokī zugeschrieben, ein Lehrgedicht in 101 Sragdharāstrophen, in denen die Lehren des Vedānta zum Teil in bilderreicher Sprache dargelegt werden¹).

v3.c21.s9.102

¹ Select Works of Srī Sankaracharya p. 85 ff.

v3.c21.s9.103

Ein sehr bekanntes, teils lyrisches, teils lehrhaftes Kunstgedicht ist das Cātakāṣṭaka²), »Die acht Strophen vom Cātaka«, von einem unbekannten Verfasser und aus unbekannter Zeit. Der Vogel Cātaka hat nach indischem Glauben die seltsame Eigenschaft, daß er kein anderes Wasser trinkt, als das reine Naß der Wolke, und lieber verdurstet, als das irdische Wasser von Flüssen, Teichen und Sümpfen zu trinken. Darum fliegt er stets hoch in die Lüfte, um sich aus der Wolke seinen Trank zu holen. Indische Dichter lieben es, in lyrischen Strophen von der Sehnsucht des Cātaka nach der Wolke zu singen, während er in lehrhaften Sprüchen als der Typus des Edlen gilt, der alles Gemeine stolz von sich weist und nur auf Ehre hält.

v3.c21.s9.104

² Es gibt ein älteres und ein jüngeres Gedicht dieses Namens (Pūrva- und Uttara-Cātakāṣṭaka), beide in Haeberlin 237 ff. Herausgegeben und übersetzt von H. Ewald in Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes IV, Bonn 1842, S. 366 ff. Deutsch von Hoefer, Ind. Gedichte II, 161 ff.; englisch von Cowell, JRAS 1891, 599 ff.

v3.c21.s9.105

Ein religionsphilosophisches Gedicht aus unbestimmter Zeit ist die Viṣṇubhaktikalpalatā³) von Puruṣottama, Sohn des Viṣṇu. Meditationen und Andachtsergüsse über die Namen und Eigenschaften des Gottes Viṣṇu bilden den Inhalt des Gedichtes. Im 17. Jahrhundert schrieb Nīlakaṇṭha Dīkṣita den Śāntivilāsa⁴), ein Gedicht von 51 Strophen, über den »Reiz der Seelenruhe« in einfacher, ungekünstelter Sprache. Derselbe Nīlakaṇṭha ist auch der Verfasser eines ziemlich trockenen Lehrgedichtes Kaliviḍambana⁵).

v3.c21.s9.106

³ Herausgegeben mit Komm. in Km. 31, 1892. Vgl. Ind. Off. Cat. p. 1475 f.

v3.c21.s9.107

⁴ Herausgegeben in Km., Part VI, 1890, 12 ff.

v3.c21.s9.108

⁵ Herausgegeben in Km., Part V, 1888.

v3.c21.s9.109

Wie in der Lyrik, so finden wir auch in der Lehrdichtung zuweilen eine Vereinigung von Religion und Erotik. So ist das im Jahre 1524 in Ayodhyā geschriebene Rasikarañjana⁶)

v3.c21.s9.110

⁶ Herausgegeben in Km., Part IV, 80 ff., mit einem Kommentar, ohne den das Werk nicht zu verstehen wäre. Als Privatdruck herausgegeben und übersetzt von R. Schmidt, Stuttgart 1896; vgl. desselben Liebe und Ehe im alten und modernen Indien, Berlin 1904, 31 ff.

v3.c21.s9.111

von Rāmacandra, Sohn des Lakṣmaṇabhaṭṭa, ein doppelsinniges Gedicht, in dem jede Strophe sowohl in erotischem als auch in asketischem Sinn aufzufassen ist. Teils erotisch, teils theosophisch ist auch der in einem Dialog zwischen Śuka und Rambhā (Śukarambhāsaṃvāde) enthaltene Śṛṅgārajñānanirṇaya, »Entscheidung zwischen Liebe und Erkenntnis« ¹), von einem unbekannten Verfasser aus unbekannter Zeit. Es sind Verse mit dem Refrain: »Vergeblich ist das Leben des Mannes«. Rambhā sagt immer eine in der glühenden Sprache der indischen Erotik gehaltene Strophe mit dem Gedanken: »Vergeblich ist das Leben des Mannes, der die Liebe nicht gekostet«, worauf Śuka mit einer Strophe erwidert, in der gesagt ist: »Vergeblich ist das Leben des Mannes, der nicht nach der höchsten Weisheit strebt, der nicht Nārāyaṇa verehrt« usw.

v3.c21.s9.112

¹ J.-M. Grandjean, Dialogue de Çuka et de Rambhā sur l’amour et la science suprème; Text (32 Verse) mit französischer Übersetzung in Annales du Musée Guimet t. X, 1887, 477 ff.

v3.c21.s9.113

Ausschließlich Erotik bildet den Gegenstand einer Lehrdichtung des kaschmirischen Dichters Dāmodaragupta, der der erste Minister des Königs Jayāpīḍa (Ende des 8. Jahrhunderts) war. Sein Kuṭṭanīmata²), »Lehren einer Kupplerin«, ist eine lehrhafte Dichtung im Kāvyastil, in der eine Hetäre von einer Kupplerin belehrt wird, wie sie dem reichen jungen Mann wahre Liebe vorheucheln und alle Künste der Erotik aufwenden soll, ohne ihn merken zu lassen, daß es ihr in Wirklichkeit nur um sein Geld zu tun ist. Der Dichter bemüht sich ebensosehr, seine Kenntnis des Alaṃkāraśāstra und des Sanskritwörterbuches wie des Kāmaśāstra zu zeigen. Da ihn Kalhaṇa einen Dichter (Kavi) nennt und Verse aus dem Kuṭṭanīmata in Lehrbüchern der Poetik zitiert werden³), müssen wir das Werk als ein Kunstgedicht nach indischer Auffassung gelten lassen, obgleich wir es eher zur Pornographie rechnen würden. In den Versen 778 ff. wird geschildert, wie die Hetäre ihre Künste als Schauspielerin bei einer Aufführung des Dramas Ratnāvalī zeigt, wobei auf interessante Einzelheiten der Darstellung hingewiesen wird.

v3.c21.s9.114

² Herausgegeben in Km., Part III, 1887, 32 ff. Ins Deutsche übertragen von J. J. Meyer, Altindische Schelmenbücher II, Lotos-Verlag Leipzig o. J. (1903).

v3.c21.s9.115

³ Rājataṟaṅgiṇī 4, 496. Mammaṭa und Ruyyaka zitieren Verse aus dem Kuṭṭanīmata. Bühler (Ind. Ant. 14, 1885, 354) bezeichnet das Werk als »an early specimen of Indian pornography«. J. J. Meyer hat den Dichter und sein Werk ungeheuer überschätzt.

v3.c21.s9.116

Ein Werk ähnlicher Art, vielleicht eine Nachahmung des Kuṭṭanīmata ist die im Jahre 1050 vollendete Samayamātṛkā¹) des Kṣemendra. Dieser Vielschreiber, dem wir schon so oft begegnet sind und noch begegnen werden, hat sich auf allen Gebieten betätigt. Wenn er sich aber auch als Dichter redlich bemüht hat, ist er doch im Grunde immer mehr Schulmeister geblieben, und seine Dichtungen sind alle mehr oder weniger Lehrdichtungen, ob sie sich nun auf dem Gebiet der Religion und Moral oder auf dem der Erotik bewegen. Die Samayamātṛkā ist kulturgeschichtlich interessanter und zum Teil auch witziger als Dāmodaraguptas Werk.

v3.c21.s9.117

¹ Herausgegeben in Km. 10, 1888. Ins Deutsche übertragen von J. J. Meyer a. a. O. I. Meyer übersetzt den Titel durch »Zauberbuch der Hetären«, was schwerlich durch I, 3 zu rechtfertigen ist. Aber nach VIII, 127 und 129 bedeutet Samayamātṛkā einfach »die Kupplerin«, wörtlich: »Lehrmütterchen«, d. h. »die durch ihre Lehren zur Mutter (der Hure) wird« (nicht eine leibliche Mutter).

v3.c21.s9.118

So ist die Lebensbeschreibung der Kupplerin im 2. Kapitel nicht ohne Interesse. Schon als siebenjähriges Mädchen ist sie als Hure und Diebin gleich geschickt, heiratet dann nacheinander verschiedene Männer, lebt als reiche Witwe und ist abwechselnd Diebin, Nonne, Kupplerin, Hochstaplerin, reiche Wirtschaftsbesitzerin, Kuchenverkäuferin, Bettlerin, Blumenhändlerin, Zauberin, Schenkwirtin, Brahmanenheilige und schließlich wieder Kupplerin. Von dem sehr realistisch geschilderten Barbier wird sie zur Hetäre Kalāvatī gebracht, um diese zu belehren. Sie ist nun alt und häßlich geworden — IV, 7:

v3.c21.s9.119

»Eulengesichtig, krähenhalsig, katzenäugig war sie,
Gleichsam geschaffen aus den Gliedern ewig feindlicher Tiere.«

v3.c21.s9.120

Manche witzige, wenn auch nicht immer geschmackvolle Anekdote wird in die Lehren der Kupplerin eingeschoben, und schließlich wird erzählt, wie ein junger Kaufmannssohn von der Hetäre und ihrer »Mutter« ausgesaugt und sein Vater, ein alter Geizhals, geprellt wird.

v3.c21.s9.121

Auch dieses Werk grenzt hart an die Pornographie, trotzdem es vom Dichter selbst ohne Zweifel als ein moralisches Lehrbuch gedacht ist²). Von größerem kulturgeschichtlichen und litterarischen Wert ist Kṣemendras Kalāvilāsa¹), ein Lehrgedicht in zehn Abschnitten von den Künsten und Kniffen der Menschen. Wie in allen seinen Werken, ist Kṣemendra auch hier meist ein langweiliger und trockener Pedant. Doch hat er viel Lebenserfahrung und Menschenkenntnis und spricht von Dingen und Menschen, von denen andere Schriftsteller nur selten etwas berichten.

v3.c21.s9.122

² Mit Recht bemerkt Pischel (DLZ 1903, S. 3002), daß Samayamātṛkā und Kuṭṭanīmata keine »Schelmenbücher« sind, sondern trotz ihres stark unsittlichen Inhalts doch sittliche Zwecke verfolgen.

v3.c21.s9.123

¹ Herausgegeben in Km., Part I, 34 ff. Ein von Eggeling, Ind. Off. Cat. VII, p. 1491 f., beschriebenes Manuskript hat nur 9 Sargas. Ins Deutsche übersetzt von R. Schmidt in der »Festgabe ehemaliger Schüler zum 70. Geburtstag des Professors Ernst Mehliß in Eisleben« 1914 und in WZKM 28, 1914, 406 ff. Vgl. J. J. Meyer, Altindische Schelmenbücher 1, S. XL ff.

v3.c21.s9.124

Der Kaufmann Hiraṇyagupta bringt seinen Sohn Candragupta zu dem berühmten Meister aller Schelme Mūladeva und bittet ihn, den Unterricht seines Sohnes gnädigst zu übernehmen. Mūladeva sagt zu, nimmt den jungen Mann in sein Haus auf und unterrichtet ihn in allen Künsten, Kniffen und Listen. Die Lehren des Mūladeva bilden den Inhalt des Buches. Im Mittelpunkt aller Listen und Ränke steht die Heuchelei. Insbesondere die religiösen Heuchler werden mit scharfer Satire — offenbar nach dem Leben — geschildert, und schließlich wird (I, 65 ff.) ein Mythos von der Erschaffung des Dambha (»Heuchelgeist«) erzählt. Dieser Dambha wird geschildert als ein großer Asket (Muni) mit heiligem Gras, Buch und Kranz, »mit einem Stab, dessen Horngriff ebenso krumm war wie sein eigenes Herz«, Gebete murmelnd, den Rosenkranz in der Hand usw. So sehr erscheint er wie ein Heiliger, daß die sieben Ṛṣis ihm ihre tiefste Verehrung darbringen. Der Schöpfer Brahman selbst belobt ihn wegen seiner übergroßen Kasteiungen; aber sogar in Brahmans Schoß bittet er den Gott, leise zu reden und seinen Mund mit der Hand zu bedecken, damit er nicht durch seinen Atem verunreinigt werde. Dieser Dambha ist auf die Erde gekommen und hat sich hier tausendfach auf alle Wesen verteilt. Für immer hat er seine Wohnung im Mund und Angesicht der hohen Beamten aufgeschlagen, ist aber auch in die Herzen der Asketen, Astrologen, Ärzte, Bedienten, Kaufleute, Goldschmiede, Schauspieler, Soldaten, Sänger, Rezitatoren und Zauberer eingedrungen, ja sogar in die Vögel — die Reiher, die wie Büßer am Ufer stehen — und die Bäume, die in Bast gekleidet wie Büßer aussehen.

v3.c21.s9.125

Im VII. Abschnitt wendet sich der Dichter scharf gegen das fahrende Volk der Sänger und Barden, die als echte Zigeuner geschildert werden. Sie ziehen herum, sich mit Töpfen, Zeug und Karren schleppend, mit vielen Kindern, mit aufgelöstem Haar und nehmen den Reichen das Geld ab, haben aber doch nichts, denn was sie sich am Morgen ersingen, verspielen sie schon am Mittag. Die Goldschmiede werden im VIII. Abschnitte hergenommen und als Erzdiebe und Betrüger hingestellt. Eine Musterkarte von Betrügern aller Art wird uns im IX. Abschnitt vorgeführt. Da ist der Arzt, der durch seine Kuren, bei denen er nacheinander, um seine Wissenschaft zu erlernen, alle möglichen Kräuter verwendet, Tausende von Menschen getötet hat und dann als berühmter Mann gilt; der Astrolog, der mit allerlei Gesichtsverzerrungen über die Planeten nachzusinnen vorgibt und schließlich dem Fragesteller etwas Beliebiges antwortet, der am Himmel die Konjunktionen berechnet und nicht weiß, daß seine Frau daheim sich mit Liebhabern abgibt; der altersschwache Elixierkünstler, dessen Schädel kahl ist wie ein Kupferkessel, der aber den Kahlköpfigen das Geld abnimmt, indem er ihnen von einem Haarwuchsmittel vorschwatzt usw.

v3.c21.s9.126

Ein ähnliches Lehrgedicht wie der Kalāvilāsa ist das Darpadalana¹), »die Zerschmetterung des Stolzes«, von Kṣemendra. Hier werden in sieben Abschnitten die sieben Arten des Stolzes behandelt. Abwechselnd durch Sprüche und je eine Erzählung wird dargetan, wie unsinnig und nutzlos der Stolz auf edle Geburt, Reichtum, Wissen, Schönheit, Heldenmut, Freigebigkeit und Askese ist. Jeder Abschnitt beginnt mit einer Reihe von Sprüchen, dann folgt die Erzählung, in welcher eine der Personen eine lange Rede hält, die nichts anderes ist als eine Fortsetzung der Spruchreihe. Die Geschichte im II. Abschnitt ist buddhistisch. Buddha selbst tritt auf als »der Freund der Unglücklichen, der Strom des Mitleids«. Hingegen erscheint im VII. Abschnitt Śiva, »der das Weh der Welt hinwegnimmt«, und setzt seiner Gemahlin auseinander, daß gewisse Büßer noch nicht der Erlösung wert sind, da sie trotz aller Askese noch nicht von Leidenschaft frei geworden. In dem sonst ziemlich langweiligen Lehrgedicht zeigen sich doch hier und da Spuren von Humor, so, wenn der Dichter sich über Gelehrte und Heilige lustig macht, die ihre Leidenschaften nicht bemeistern können. Eine Art praktisches Handbuch der Moral ist der Caturvargasamgraha²), »Zusammenfassung der (Lehren über die) vier Lebensziele«. Originelle Gedanken wird man in diesem Büchlein vergeblich suchen. Die Verse sind auch durchaus nüchtern, nur in den erotischen Strophen im Abschnitt über die Sinnenlust (kāma) sind die Versmaße und der Stil kunstmäßiger. Der Sevyasevakopadeśa¹), »Belehrung über die Diener und die zu Bedienenden«, handelt in 61 Strophen über Herrendienst. Das Cārucaryāśataka²), »die hundert Verse vom schönen Leben«, ist ein ziemlich langweiliges Lehrgedicht, in dem ausgeführt wird, wie der Fromme und Gute leben, was er tun und lassen soll, wobei immer Beispiele aus Mythos und Sage gegeben werden.

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