Geschichte der indischen Litteratur v3.c22.s5.23
Geschichte der indischen Litteratur v3.c22.s5.23
- Language
- German
v3.c22.s5.23
Diese Fachschulen des Dharma waren es, in denen die metrischen Dharmaśāstras oder Smṛtis entstanden sind. Diese sind nicht mehr Lehrbücher für den engbegrenzten Kreis der Anhänger irgendeiner vedischen Schule, sondern Werke, in denen die religiösen und weltlichen Rechte und Pflichten für alle Āryas, für Brahmanen, Kṣatriyas und Vaiśyas, gelehrt wurden. Diese Lehrbücher wurden nun auch viel umfangreicher; die Darstellung wurde viel umständlicher und ausführlicher. Namentlich wurde das eigentliche Recht, das in den Dharmasūtras nur flüchtig berührt worden war, in diesen Werken mit viel größerer Ausführlichkeit behandelt. Für solche Werke eignete sich nicht mehr der aphoristische Sūtrastil, sondern die metrische Form, insbesondere der Śloka, der sich längst als das Versmaß der schlichten epischen Erzählung und der mit dem Epos eng verbundenen didaktischen Poesie eingebürgert hatte. Gerade diese didaktische Poesie, die Spruchdichtung, war es, die eine Hauptquelle für die Dharmaśāstras geworden ist. Die indischen Śāstrins, die Lehrer des Dharma, nennen als Quellen des Dharma neben Śruti und Smṛti noch zwei andere: den śiṣṭācāra (»Brauch der Gebildeten«, d. h. »die gute Sitte«) und den deśajātikuladharma (»Sitten und Gebräuche der Länder, Kasten und Familien«, d. h. »das Gewohnheitsrecht«). Die Regeln der guten Sitte und des Gewohnheitsrechtes wurden aber schon frühzeitig in der Form von Sprüchen in Ślokas niedergelegt. Manche von diesen finden wir auch schon in den Dharmasūtras. Und insoferne viele alte Rechtssatzungen in Spruchform in die Zeit der Dharmasūtras oder in eine noch ältere Zeit zurückreichen, kann es vorkommen, daß in den jüngeren Dharmaśāstras altes Spruchgut und damit auch sehr alte Lehren sich erhalten haben¹). Zahlreiche dieser Šlokas, welche Sittenlehren und Rechtssätze in der Form von Weisheitssprüchen enthalten, finden wir in der epischen Dichtung, insbesondere im Mahābhārata²), daher denn das Epos (itihāsa) oft auch als eine fünfte Quelle des Dharma angegeben wird.
Cites (1)
- Mahābhārata — Vyāsa, Sanskrit